Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Öffentlich-rechtliche Abteilung 1P.330/2002
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1P.330/2002 /mks

Urteil vom 30. Oktober 2002

I. Öffentlichrechtliche Abteilung

Bundesgerichtsvizepräsident Aemisegger, Präsident,
Bundesrichter Nay, Ersatzrichterin Pont Veuthey,
Gerichtsschreiber Härri.

X. ________,
Beschwerdeführer, vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur et oec. Pius Fryberg,
Postfach 731, 7002 Chur,

gegen

Y.________,
Beschwerdegegnerin, vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Patrizia
Parolini, Poststrasse 3, 7000 Chur,
Staatsanwaltschaft des Kantons Graubünden, Sennhofstrasse 17, 7001 Chur,
Kantonsgericht von Graubünden, Strafkammer, Poststrasse 14, 7002 Chur.

Art. 9, Art. 29 Abs. 2 und Art. 32 Abs. 1 BV, Art. 6 Ziff. 2 EMRK
(Strafverfahren),

Staatsrechtliche Beschwerde gegen das Urteil des Kantonsgerichts von
Graubünden, Strafkammer, vom 28./29. Januar 2002.

Sachverhalt:

A.
X. ________ wurde 1971 geboren und stammt aus Bosnien-Herzegowina. Mit
Anklageschrift vom 10. Dezember 2001 warf ihm die Staatsanwaltschaft
Graubünden vor, zwischen Frühjahr 1993 und Ende 1994 in Ilanz und Chur
mehrfach seiner Nichte Y.________ (geb. 1979) an die Brust gegriffen und sie
wiederholt unter Anwendung von Gewalt zum Beischlaf gezwungen bzw. dies
versucht zu haben.

B.
Am 28./29. Januar 2002 erkannte das Kantonsgericht von Graubünden X.________
schuldig der mehrfachen sexuellen Handlungen mit einem Kind, der mehrfachen
Vergewaltigung sowie der mehrfachen versuchten Vergewaltigung und bestrafte
ihn - als Zusatz zu zwei Strafmandaten des Kreispräsidenten Disentis - mit 3
Jahren Zuchthaus. Es stellte die vollumfängliche Schadenersatzpflicht von
X.________ fest und verpflichtete ihn, Y.________ eine Genugtuung von Fr.
20'000.-- zu bezahlen.

Das Kantonsgericht kam zum Schluss, der in der Anklageschrift geschilderte
Sachverhalt sei erwiesen. Die belastenden Aussagen von Y.________, auf die
sich die Anklage stützte, seien glaubhaft. Demgegenüber seien die Aussagen
des Angeklagten, der stets vollumfänglich bestritt, sich je an seiner Nichte
vergangen zu haben, als Schutzbehauptungen zu beurteilen.

C.
X.________ führt staatsrechtliche Beschwerde mit dem Antrag, das Urteil des
Kantonsgerichtes aufzuheben. Er rügt, das Kantonsgericht habe die Beweise
willkürlich gewürdigt und den Grundsatz "in dubio pro reo" verletzt.
Ausserdem habe es sein Urteil ungenügend begründet und damit den Anspruch des
Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör verletzt.

D.
Das Kantonsgericht beantragt unter Verzicht auf Gegenbemerkungen die
Abweisung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei.

Die Staatsanwaltschaft hat auf eine Vernehmlassung verzichtet.

Y. ________ beantragt unter Verweis auf das Urteil des Kantonsgerichtes die
Abweisung der Beschwerde.

Das Bundesgericht zieht in Erwägung:

1.
1.1  Nach dem in Art. 32 Abs. 1 BV und Art. 6 Ziff. 2 EMRK verankerten
Grundsatz "in dubio pro reo" ist bis zum gesetzlichen Nachweis der Schuld zu
vermuten, dass der wegen einer strafbaren Handlung Angeklagte unschuldig ist.
Als Beweislastregel bedeutet die Maxime, dass es Sache der Anklagebehörde
ist, die Schuld des Angeklagten zu beweisen, und nicht dieser seine Unschuld
nachweisen muss. Der Grundsatz "in dubio pro reo" ist verletzt, wenn der
Strafrichter einen Angeklagten (einzig) mit der Begründung verurteilt, er
habe seine Unschuld nicht nachgewiesen. Ebenso ist die Maxime verletzt, wenn
sich aus den Urteilsgründen ergibt, dass der Strafrichter von der falschen
Meinung ausging, der Angeklagte habe seine Unschuld zu beweisen, und dass er
ihn verurteilte, weil ihm dieser Beweis misslang. Ob der Grundsatz "in dubio
pro reo" als Beweislastregel verletzt ist, prüft das Bundesgericht mit freier
Kognition. Als Beweiswürdigungsregel bedeutet die Maxime, dass sich der
Strafrichter nicht von einem für den Angeklagten ungünstigen Sachverhalt
überzeugt erklären darf, wenn bei objektiver Betrachtung Zweifel bestehen, ob
sich der Sachverhalt so verwirklicht hat. Die Beweiswürdigungsregel ist
verletzt, wenn der Strafrichter an der Schuld des Angeklagten hätte zweifeln
müssen. Dabei sind bloss abstrakte und theoretische Zweifel nicht massgebend,
weil solche immer möglich sind und absolute Gewissheit nicht verlangt werden
kann. Es muss sich um erhebliche und nicht zu unterdrückende Zweifel handeln,
d.h. um solche, die sich nach der objektiven Sachlage aufdrängen. Bei der
Beurteilung von Fragen der Beweiswürdigung obliegt dem Bundesgericht eine
Sachverhaltsprüfung unter dem Gesichtspunkt der Willkür. Es greift nur ein,
wenn der Sachrichter den Angeklagten verurteilte, obgleich bei objektiver
Würdigung des Beweisergebnisses offensichtlich erhebliche und schlechterdings
nicht zu unterdrückende Zweifel an dessen Schuld fortbestanden. Willkür liegt
vor, wenn der angefochtene Entscheid offensichtlich unhaltbar ist, mit der
tatsächlichen Situation in klarem Widerspruch steht, eine Norm oder einen
unumstrittenen Rechtsgrundsatz krass verletzt oder in stossender Weise dem
Gerechtigkeitsgedanken zuwiderläuft. Willkür ist nicht schon dann gegeben,
wenn eine andere Lösung ebenfalls vertretbar oder gar zutreffender erschiene,
sondern nur dann, wenn das Ergebnis schlechterdings mit vernünftigen Gründen
nicht zu vertreten ist. Es genügt nicht, wenn der angefochtene Entscheid sich
nur in der Begründung als unhaltbar erweist; eine Aufhebung rechtfertigt sich
erst, wenn er auch im Ergebnis verfassungswidrig ist (BGE 128 I 81 E. 2 S.
86, 127 I 38 E. 2a, 124 IV 86 E. 2a mit Hinweisen).

Das Inkrafttreten der neuen Bundesverfassung am 1. Januar 2000 hat nichts
daran geändert, dass das Bundesgericht die Beweiswürdigung durch die letzte
kantonale Instanz unter dem Gesichtswinkel der Willkür prüft. Die
Geltendmachung einer Verletzung der Unschuldsvermutung führt nicht zu einer
freien Überprüfung des Sachverhaltes durch das Bundesgericht (BGE 127 I 38).
Nach Art. 90 Abs. 1 lit. b OG muss die Beschwerdeschrift die wesentlichen
Tatsachen und eine kurz gefasste Darlegung darüber enthalten, welche
verfassungsmässigen Rechte bzw. welche Rechtssätze und inwiefern sie durch
den angefochtenen Erlass oder Entscheid verletzt worden sind. Im
staatsrechtlichen Beschwerdeverfahren prüft das Bundesgericht nur klar und
detailliert erhobene und, soweit möglich, belegte Rügen. Auf appellatorische
Kritik tritt es nicht ein (BGE 125 I 492 E. 1b mit Hinweisen).

1.2 Das Kantonsgericht (S. 26-37) hat die Beweise einlässlich gewürdigt. Es
stützt den Schuldspruch im Wesentlichen auf folgende Gesichtspunkte:

Die Aussagen der Beschwerdegegnerin, die dreimal untersuchungsrichterlich
befragt wurde, stimmen im Kern überein. Sie schilderte die Vorfälle
anschaulich und detailliert so, wie das nur jemand tut, der sie tatsächlich
erlebt hat. Unerklärbare Widersprüche in den Aussagen der Beschwerdegegnerin
bestehen nicht.

Für die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen sprechen auch die Umstände der
untersuchungsrichterlichen Befragungen. Dabei weinte die Beschwerdegegnerin
mehrfach und heftig. Zudem mussten die Befragungen teilweise unterbrochen
werden, da die Beschwerdegegnerin über Kopfschmerzen und
Konzentrationsschwierigkeiten klagte.

Ein weiteres Indiz für die Glaubhaftigkeit der Aussagen der
Beschwerdegegnerin stellen die Umstände der Anzeigeerstattung dar. Die
Beschwerdegegnerin wohnte zusammen mit ihrem Vater - dem Bruder des
Beschwerdeführers -, ihrer Stiefmutter und einem Bruder. Sie wurde sehr
streng erzogen und in der Familie herrschten Spannungen. Nachdem sich die
Lage zu Hause zugespitzt hatte, wandte sich die Beschwerdegegnerin an die
Jugendberatungsstelle, was angesichts der Erziehungsverhältnisse für sie
einen mutigen Schritt darstellte. Bei der Jugendberatungsstelle fand die
Beschwerdegegnerin eine Mitarbeiterin, zu der sie Vertrauen fasste und der
sie von den sexuellen Übergriffen zu erzählen begann, nachdem die
Mitarbeiterin die Beschwerdegegnerin nach der Ursache ihrer Zerstreutheit
gefragt und den bei ihr dadurch ausgelösten Gefühlsausbruch aufgefangen
hatte. Den Namen des Beschwerdeführers gab die Beschwerdegegnerin anfänglich
noch nicht preis. Das tat sie erst in einem Gespräch mit der Stiefmutter. Zur
Anzeige konnte sie sich erst ein Jahr später durchringen.

Nach den Aussagen der Beschwerdegegnerin hatte sich der Beschwerdeführer
bereits in der Zeit, als sie beide noch in Bosnien zusammen bei den
Grosseltern der Beschwerdegegnerin wohnten, an ihr vergangen. Diese
Übergriffe waren nicht Gegenstand der Anklage, da es insoweit an der
schweizerischen Zuständigkeit nach Art. 3 ff. StGB fehlte. Für die
Beweiswürdigung in Bezug auf die angeklagten Taten waren die Übergriffe in
Bosnien gleichwohl von Bedeutung. Entgegen den Einwänden der Verteidigung
litten die Aussagen der Beschwerdegegnerin zu den Vorfällen in Bosnien an
keinen wesentlichen Widersprüchen.
Ein Motiv, weshalb die Beschwerdegegnerin den Beschwerdeführer zu Unrecht
belasten sollte, fehlt. Die vom Beschwerdeführer dazu vorgebrachten
Mutmassungen überzeugen nicht.

Die Beschwerdegegnerin hatte als Kind unstreitig Süssigkeiten und Geld
gestohlen. Überdies hatte sie ein Schulzeugnis gefälscht und dabei ihre Noten
nach oben korrigiert. Dabei handelte es sich jedoch um Vorfälle
vergleichsweise geringfügiger Natur. Die Fälschung des Schulzeugnisses ist
wesentlich darauf zurückzuführen, dass der Vater die Beschwerdegegnerin unter
starken Druck gesetzt hatte, in der Schule gute Noten zu machen. Die
genannten Vorfälle im Kindesalter lassen nicht ohne weiteres darauf
schliessen, dass die Beschwerdegegnerin ebenso fähig wäre, im
Erwachsenenalter gegen ihren Onkel zu Unrecht schwerste Vorwürfe sexueller
Verfehlungen zu erheben.

Die Verteidigung hatte vor Kantonsgericht verschiedene Schreiben von
Verwandten und Bekannten des Beschwerdeführers und der Beschwerdegegnerin ins
Recht gelegt. Die Schreiben zeichnen durchwegs ein schlechtes Bild von der
Beschwerdegegnerin, hingegen ein gutes vom Beschwerdeführer. Das
Kantonsgericht würdigte die Schreiben mit besonderer Vorsicht. Denn sie waren
im Auftrag des Beschwerdeführers eingeholt worden. Zudem enthielten sie
teilweise Passagen, die praktisch wörtlich übereinstimmten. Das
Kantonsgericht befand, die Schreiben seien nicht geeignet, die
Glaubhaftigkeit der Aussagen der Beschwerdegegnerin in Zweifel zu ziehen.
Über direkte Wahrnehmungen zu den angeklagten Vorfällen stand in den
Schreiben ohnehin nichts.

Im Elternhaus der Beschwerdegegnerin herrschten - wie dargelegt - strenge
Verhältnisse. Sie wurde oft geschlagen. Der Vater und der Beschwerdeführer
waren für sie Autoritätspersonen. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass die
Beschwerdegegnerin den Beschwerdeführer, als er vor der Wohnungstüre stand,
hereinliess und dass sie, nachdem sie zu Bett gegangen war, die Türe zu ihrem
Zimmer nicht abschloss. Der Bruder der Beschwerdegegnerin sagte zudem aus,
dass diese sich nie getraut hätte, die Zimmertüre mit dem Schlüssel zu
schliessen, weil sich sonst der Vater allenfalls mit Gewalt Zugang zum Zimmer
verschafft hätte.

Dass die Familienmitglieder, die bei den nächtlichen Übergriffen teilweise in
der Wohnung waren, davon nichts merkten, spricht nicht gegen die
Glaubhaftigkeit der Beschwerdegegnerin. Denn nach ihren Angaben begab sich
der Beschwerdeführer jeweils unbemerkt in ihr Zimmer und drückte ihr den Mund
zu, sobald sie einen Laut von sich gab oder weinte. Die übrigen
Familienmitglieder mussten von den Übergriffen also nicht zwingend etwas
merken.

Der Hinweis der Verteidigung auf die widerspruchsfreien Aussagen des
Beschwerdeführers besagt wenig, da dieser die Anschuldigungen einfach
vollumfänglich bestritt. Widersprüche konnten sich damit kaum ergeben.
Gleichwohl decken sich seine Aussagen nicht in allen Punkten.

Die Gesprächstherapeutin der Beschwerdegegnerin schenkt ihr vollen Glauben.
Nach dem Bericht der Therapeutin zeigt die Beschwerdegegnerin typische
psychosomatische Beschwerden und Symptome, die auf sexuelle Übergriffe
hindeuten. So leidet sie an Unterleibschmerzen, Schlafstörungen und
Angstzuständen. Zudem zieht sie sich sozial zurück. Das Kantonsgericht
erachtet es als praktisch unmöglich, gegenüber einer Therapeutin, mit der man
über sein Leben und seine Probleme spricht und regelmässige Sitzungen abhält,
eine derartige Lügengeschichte zu erfinden und diese während der gesamten
Therapiedauer aufrecht zu erhalten.

Die persönlichen Folgen der Anzeige waren für die Beschwerdegegnerin in
Anbetracht ihres familiären Hintergrundes beträchtlich. Das Kantonsgericht
schliesst es aus, dass die junge Frau dem auf ihr lastenden Druck auf Dauer
standgehalten hätte, wenn ihre Anschuldigungen unzutreffend gewesen wären.

1.3 In Anbetracht dieser Umstände ist der Schuldspruch nicht willkürlich. Wie
dargelegt, genügt es für die Annahme von Willkür nicht, wenn eine andere
Lösung ebenfalls vertretbar oder gar zutreffender erschiene. Willkür ist nur
dann gegeben, wenn das Ergebnis schlechterdings mit vernünftigen Gründen
nicht zu vertreten ist. Das ist hier nicht der Fall.

1.4 Was der Beschwerdeführer vorbringt, ist nicht geeignet, eine Verletzung
seiner verfassungsmässigen Rechte darzutun. Er erhebt im Wesentlichen die
gleichen Einwände wie bereits vor Kantonsgericht (vgl. angefochtenes Urteil
S. 7) und beschränkt sich weitgehend auf appellatorische Kritik.

Zu den wesentlichen Vorbringen ist Folgendes zu bemerken:
1.4.1Das Kantonsgericht (S. 26 ff.) hat einlässlich begründet, weshalb es die
Schuld des Beschwerdeführers als erwiesen erachtet. Eine unzureichende
Begründung und damit eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör nach
Art. 29 Abs. 2 BV liegen nicht vor.

1.4.2 Das Kantonsgericht hat den Beschwerdeführer nicht deshalb verurteilt,
weil er seine Unschuld nicht bewiesen hätte, sondern weil es aufgrund der
belastenden Umstände keinen Zweifel an seiner Schuld hatte. Eine Verletzung
des Grundsatzes "in dubio pro reo" als Beweislastregel ist nicht gegeben.

Soweit der Beschwerdeführer in diesem Zusammenhang vorbringt, das
Kantonsgericht (S. 36 oben) habe sein Verhalten während der Urteilseröffnung
berücksichtigt, welches es bei der Urteilsberatung gar nicht habe voraussehen
können, trifft dies zwar zu. Dabei handelt es sich jedoch um einen
untergeordneten Punkt. Der Einwand ist nicht geeignet, die Beweiswürdigung
des Kantonsgerichts im Ergebnis als willkürlich erscheinen zu lassen.

1.4.3 Der Beschwerdeführer bringt vor, er habe von der Beschwerdegegnerin
eine schriftliche Entschuldigung für ihre Anschuldigungen verlangt. Das
spreche für seine Unschuld. Diesen aktenkundigen Umstand habe das
Kantonsgericht nicht berücksichtigt, was eine Verletzung des rechtlichen
Gehörs darstelle.

Die Rüge ist unbegründet. Der Umstand, dass der Beschwerdeführer eine
schriftliche Entschuldigung verlangte, entlastet ihn nicht. Entsprechend kann
dem Kantonsgericht insoweit auch kein Begründungsmangel vorgeworfen werden.
Ein Gericht muss sich unter dem Gesichtswinkel des rechtlichen Gehörs nicht
mit jedem Einwand auseinander setzen. Vielmehr kann es sich auf die für den
Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränken (BGE 126 I 97 E. 2b mit
Hinweisen).

1.4.4 Die Beschwerdegegnerin sagte bei der Befragung vom 15. April 1998 aus,
bei den Übergriffen in Bosnien in die zweite oder dritte Klasse gegangen zu
sein. Bei der Befragung vom 20. April 1998 gab sie an, die erste Klasse
besucht zu haben. Das Kantonsgericht (S. 28 E. 4d) wertet dies nicht als
grobe Unstimmigkeit, da die Vorfälle im Zeitpunkt der Befragungen bereits 12
Jahre zurücklagen. Zudem berücksichtigte es, dass die Beschwerdegegnerin nach
Vorhalt der unterschiedlichen Angaben diese nicht einfach zurücknahm, sondern
unter Bezugnahme auf eine schulische Massnahme, welche damals in Bosnien
getroffen worden war, überdachte und berichtigte. Das angefochtene Urteil ist
auch insoweit nicht willkürlich. Was der Beschwerdeführer dazu vorbringt,
erschöpft sich in appellatorischer Kritik.

1.4.5 Auch die Ausführungen des Kantonsgericht (S. 28 f. E. 4d) zu den
näheren Umständen der Übergriffe in Bosnien sind haltbar. Der
Beschwerdeführer setzt sich insoweit mit der Begründung im angefochtenen
Urteil nicht im Einzelnen auseinander und legt nicht in einer den
Anforderungen von Art. 90 Abs. 1 lit. b OG genügenden Weise dar, inwiefern
diese schlechthin unhaltbar sei. Auf die Beschwerde kann deshalb in diesem
Punkt nicht eingetreten werden. Die Vorfälle in Bosnien waren, wie dargelegt,
im Übrigen nicht Gegenstand der Anklage.

1.4.6 Die Einwände des Beschwerdeführers gegen die Beweiswürdigung des
Kantonsgerichts in Bezug auf die angeklagten Vorfälle in Ilanz und Chur sind
ebenfalls nicht geeignet, Willkür darzutun.

Das Kantonsgericht (S. 27 E. 4b am Schluss) hat berücksichtigt, dass die
Schilderungen der Beschwerdegegnerin bei der Konfrontationseinvernahme nicht
mehr so detailliert waren wie bei den vorangegangenen Aussagen und sich die
Beschwerdegegnerin nicht mehr so genau erinnern konnte oder wollte. Inwiefern
ausgehend davon die Beweiswürdigung des Kantonsgerichts schlechthin unhaltbar
sein soll, legt der Beschwerdeführer nicht substantiiert dar.

1.4.7 Der Beschwerdeführer macht geltend, es sei nicht nachvollziehbar, dass
er die Tochter seines Bruders vergewaltigt habe, während dieser sich zusammen
mit seiner Ehefrau im Zimmer nebenan aufgehalten habe.

Nach den Aussagen der Beschwerdegegnerin drückte der ihr körperlich stark
überlegene Beschwerdeführer bei den nächtlichen Übergriffen jeweils den Mund
zu, sobald sie einen Laut von sich gab oder zu weinen begann. Damit ist es
nicht schlechthin unhaltbar, wenn das Kantonsgericht (S. 35 E. 4j) davon
ausgeht, dass die in der Wohnung anwesenden Familienmitglieder von den
Vorfällen nicht zwingend etwas merken mussten.

1.4.8 Nicht in Willkür verfallen ist das Kantonsgericht auch, wenn es (S. 34)
angenommen hat, es sei nachvollziehbar, dass die Beschwerdegegnerin, als sie
alleine zu Hause war, dem Beschwerdeführer Einlass gewährte und die Türe
ihres Zimmers nicht abschloss. Der Beschwerdeführer beschränkt sich auch in
diesem Punkt auf appellatorische Kritik.

1.4.9 Der Beschwerdeführer erachtet die Aussagen der Beschwerdegegnerin bei
der Ärztin anlässlich der gynäkologischen Untersuchung als widersprüchlich.
Er macht geltend, die Beschwerdegegnerin habe gegenüber der Ärztin nur von
zwei Übergriffen gesprochen und angegeben, der letzte habe sich im Jahre 1996
ereignet.

Das Kantonsgericht (S. 29/30 E. 4e) führt dazu aus, die Beschwerdegegnerin
habe sich zur körperlichen Untersuchung ins Spital begeben. Anlässlich der
ärztlichen Befundaufnahme sei kaum Zeit und Raum für eine umfassende
Wiedergabe der Ursache der Untersuchung geblieben. In erster Linie habe es
sich um eine körperliche Untersuchung gehandelt und nicht um ein umfassendes
Gespräch über Zahl, Hergang und weitere Umstände der sexuellen Übergriffe.

Das angefochtene Urteil ist auch in diesem Punkt nicht willkürlich.

1.4.10 Der Beschwerdeführer verweist auf die Aussagen der Auskunftsperson
A.________ (act. B6/5), welche Chefin der Beschwerdegegnerin im Warenhaus
"B.________" war. A.________ sagte aus, die Beschwerdegegnerin habe ihr
erzählt, sie sei von ihrem Onkel missbraucht worden. A.________ schilderte
einen Vorfall, der sich 1997 zugetragen haben soll. Dabei sei der Onkel nach
den Angaben der Beschwerdegegnerin zu Hause über diese "hergefallen". Was
dabei genau passiert sei, konnte A.________ jedoch nicht sagen
(Einvernahmeprotokoll S. 2). Die Aussagen von A.________ lassen allenfalls
vermuten, dass sich im Jahre 1997 möglicherweise ein weiterer sexueller
Übergriff oder ein Versuch dazu ereignet hat, der nicht zur Anklage kam. Sie
lassen jedoch den Schuldspruch des Kantonsgerichts in Bezug auf die
angeklagten Vorfälle in den Jahren 1993 bis 1994 nicht als willkürlich
erscheinen. Immerhin bestätige ja A.________, dass die Beschwerdegegnerin von
sexuellem Missbrauch durch ihren Onkel sprach. Ausserdem verneinte A.________
die Frage, ob die Beschwerdegegnerin gesagt habe, dass dies der erste
Übergriff ihres Onkels gewesen sei.

1.4.11 Die von der Verteidigung ins Recht gelegten Schreiben, die ein
schlechtes Bild von der Beschwerdegegnerin zeichnen, hat das Kantonsgericht
(S. 32 f. E. 4h) zu Recht mit besonderer Vorsicht gewürdigt. Auch insoweit
ist ihm keine Willkür anzulasten.

1.4.12 Die sich aus dem Bericht der Gesprächstherapeutin der
Beschwerdegegnerin ergebenden belastenden Umstände hat das Kantonsgericht (S.
36 E. 4l) ebenfalls willkürfrei gewürdigt.

1.4.13 Nicht zu beanstanden ist auch die Annahme des Kantonsgericht (S. 35 E.
4k), dass der Hinweis der Verteidigung auf die widerspruchsfreien Aussagen
des Beschwerdeführers wenig besagt, da er einfach alles abstritt.

1.4.14 Das Kantonsgericht führt aus, der Beschwerdeführer habe in den ersten
beiden Befragungen ausgesagt, er sei nie mit der Beschwerdegegnerin alleine
in der Wohnung ihrer Eltern gewesen. In der Konfrontationseinvernahme habe er
dagegen angegeben, es sei vorgekommen, dass er alleine mit ihr in der Wohnung
gewesen sei; dies sowohl in Ilanz als auch in Chur. Auch der Beschwerdeführer
habe somit nicht völlig widerspruchsfrei ausgesagt.

Der Beschwerdeführer macht geltend, es handle sich nur um einen
vermeintlichen Widerspruch. Was er dazu vorbringt, genügt den
Begründungsanforderungen von Art. 90 Abs. 1 lit. b OG jedoch nicht. Er legt
nicht detailliert dar, aus welchen seiner Aussagen sich ergeben soll, dass
nur ein vermeintlicher Widerspruch bestehe. Es ist nicht Aufgabe des
Bundesgerichts, sämtliche Einvernahmeprotokolle danach durchzusehen, wo sich
darin Anhaltspunkte finden lassen, welche die Auffassung des
Beschwerdeführers gegebenenfalls stützen. Es wäre seine Sache gewesen, die
genaue Belegstelle anzugeben.

1.4.15 Dass kein Motiv ersichtlich ist, weshalb die Beschwerdegegnerin den
Beschwerdeführer zu Unrecht belasten sollte, räumt er (Beschwerde S. 14 Ziff.
9) selber ein. Das fehlende Motiv hat das Kantonsgericht willkürfrei als
belastendes Indiz berücksichtigt.

1.4.16 Inwiefern das Kantonsgericht gegen den Grundsatz von Treu und Glauben
und damit Art. 9 BV verstossen haben soll (Beschwerde S. 3 II./A./1), legt
der Beschwerdeführer mit keinem Wort dar. Die Beschwerde genügt insoweit den
Begründungsanforderungen nicht. Darauf ist nicht einzutreten.

2.
Die Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen, soweit darauf eingetreten
werden kann. Bei diesem Ausgang des Verfahrens trägt der Beschwerdeführer die
Kosten (Art. 156 Abs. 1 OG). Er hat der Beschwerdegegnerin für das
bundesgerichtliche Verfahren eine Entschädigung zu bezahlen (Art. 159 Abs. 1
und 2 OG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die staatsrechtliche Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf einzutreten
ist.

2.
Die Gerichtsgebühr von Fr. 3'000.-- wird dem Beschwerdeführer auferlegt.

3.
Der Beschwerdeführer hat Y.________ eine Entschädigung von Fr. 200.-- zu
bezahlen.

4.
Dieses Urteil wird den Parteien, der Staatsanwaltschaft des Kantons
Graubünden und dem Kantonsgericht von Graubünden, Strafkammer, schriftlich
mitgeteilt.

Lausanne, 30. Oktober 2002

Im Namen der I. öffentlichrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident:  Der Gerichtsschreiber: