Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Öffentlich-rechtliche Abteilung 1P.627/2002
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1P.627/2002 /bmt

Urteil vom 4. März 2003

I. Öffentlichrechtliche Abteilung

Bundesgerichtspräsident Aemisegger, Präsident,
Bundesgerichtsvizepräsident Nay, Bundesrichter Aeschlimann,
Gerichtsschreiber Steiner.

M.________,
Beschwerdeführerin, vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Markus Bachmann,
Ruflisbergstrasse 46, Postfach 6261, 6000 Luzern 6,

gegen

Untersuchungsrichteramt des Kantons Zug, An der Aa 4, Postfach 1356, 6301
Zug,
Justizkommission des Obergerichts des Kantons Zug, Aabachstrasse 3, Postfach
800, 6301 Zug.

Amtliche Verteidigung,

Staatsrechtliche Beschwerde gegen das Urteil der Justizkommission des
Obergerichts des Kantons Zug vom 25. Oktober 2002.

Sachverhalt:

A.
Das Untersuchungsrichteramt des Kantons Zug führt gegen M.________ eine
Strafuntersuchung wegen einfacher Körperverletzung, Nötigung, Drohung und
Missbrauch des Telefons. Gemäss Rapport der Kantonspolizei Zug vom 13.
Oktober 2001 hat sich L.________ am 12. Oktober 2001 bei der Einsatzzentrale
gemeldet und angegeben, sie sei soeben von M.________, der Ehefrau ihres
Freundes, überfallen worden. Diese habe sie unter anderem geohrfeigt, in eine
Nische des Kellereingangs gedrängt, dort mehrfach ihren Kopf gegen die
Hauswand geschlagen und ihr mit einer mitgebrachten Schere das hüftlange Haar
abgeschnitten; vermutlich mit dem Griff der Schere habe sie sie mehrfach auf
den Kopf geschlagen. Danach habe sie weiter mit ihr diskutieren wollen.
M.________ habe ihr dabei immer den Fluchtweg versperrt. Sie habe ausserdem
mehrfach gesagt, sie sei nicht alleine in der Schweiz. Sie habe verlangt,
dass L.________ die Beziehung mit ihrem Mann beende, da sie genügend Probleme
habe. Ansonsten bekomme sie "dies schon zu merken". M.________ bestreitet,
zur fraglichen Zeit am Tatort gewesen zu sein.

B.
Mit Strafbefehl des Einzelrichteramts des Kantons Zug vom 26. April 2002
wurde M.________ wegen einfacher Körperverletzung, Nötigung und Missbrauchs
des Telefons zu 40 Tagen Gefängnis, bedingt vollziehbar bei einer Probezeit
von drei Jahren, verurteilt.
Gegen den Strafbefehl vom 26. April 2002 erhob M.________ mit Eingabe vom 21.
Mai 2002 Einsprache beim Einzelrichteramt; sie sei sich keiner Schuld
bewusst. Sie erwähnte ausserdem, sie verstehe schriftlich nicht alles in
deutscher Sprache und wisse gar nicht genau, welche Rechte sie habe; sie
benötige Unterstützung.
Am 22. Mai 2002 verfügte das Einzelrichteramt des Kantons Zug die Überweisung
der Akten an das Untersuchungsrichteramt des Kantons Zug zur Eröffnung einer
Strafuntersuchung. Im Rahmen dieser Untersuchung wurde am 10. Juli 2002 eine
Konfrontationseinvernahme durchgeführt. Nachdem M.________ Dr. Markus
Bachmann als Verteidiger beigezogen hatte, fand am 27. August 2002 in seiner
Anwesenheit die Schlusseinvernahme statt.

C.
Mit Eingabe vom 2. September 2002 liess M.________ um die Bestellung eines
amtlichen Verteidigers ersuchen. Dr. Markus Bachmann führte zudem aus, er
habe das Mandat auf den Zeitpunkt der Ernennung eines amtlichen Verteidigers
niedergelegt.
Der zuständige Untersuchungsrichter wies das Gesuch um amtliche
Verbeiständung am 10. September 2002 ab mit der Begründung, es bestehe
bereits mangels Notwendigkeit kein Anspruch auf amtliche Verteidigung.
Demnach könne offen bleiben, ob die Angeschuldigte nicht in der Lage sei, für
die Kosten der Verteidigung aufzukommen.

D.
Mit Eingabe vom 30. September 2002 erhob die Angeschuldigte Beschwerde und
beantragte dem Obergericht des Kantons Zug, die Verfügung des
Untersuchungsrichteramts vom 10. September 2002 aufzuheben. Die Sache sei mit
der Auflage an die Vorinstanz zurückzuweisen, die Bedürftigkeit der
Beschwerdeführerin zu prüfen und ihr einen amtlichen Verteidiger zu
bestellen. Am 25. Oktober 2002 wurde die Beschwerde abgewiesen. Die
Justizkommission des Obergerichts verneinte die Notwendigkeit der amtlichen
Verbeiständung; blossen sprachlichen Schwierigkeiten könne mit einem
Dolmetscher begegnet werden. Die Notwendigkeit der Verteidigung könne sich in
erster Linie aufgrund einer psychischen Krankheit der Angeschuldigten
ergeben; eine solche werde vorliegend nicht geltend gemacht.

E.
Gegen den die Notwendigkeit der amtlichen Verbeiständung verneinenden
Entscheid der Justizkommission führt M.________ mit Eingabe vom 3. Dezember
2002 staatsrechtliche Beschwerde unter anderem wegen Verletzung von Art. 29
Abs. 2 und 3 BV sowie Art. 6 Ziff. 3 lit. c EMRK. Sie verlangt die Aufhebung
des angefochtenen Entscheids; die Sache sei zur Neubeurteilung an die
Justizkommission zurückzuweisen. Zum Verfahren wird beantragt, der Beschwerde
sei die aufschiebende Wirkung zu gewähren. Zudem ersucht M.________ um
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und Verbeiständung.
Mit Vernehmlassung vom 10. Dezember 2002 schliesst die Justizkommission des
Obergerichts auf Abweisung der Beschwerde, wendet sich aber nicht gegen die
Erteilung der aufschiebenden Wirkung. Demgegenüber beantragt das
Untersuchungsrichteramt des Kantons Zug, das Gesuch um aufschiebende Wirkung
sei ebenfalls abzuweisen (Stellungnahme vom 19. Dezember 2002).
Mit Präsidialverfügung vom 14. Januar 2003 ist das Gesuch um Gewährung der
aufschiebenden Wirkung abgewiesen worden.

Das Bundesgericht zieht in Erwägung:

1.
Gegen Zwischenentscheide ist die staatsrechtliche Beschwerde gemäss Art. 87
Abs. 2 OG (in der Fassung vom 8. Oktober 1999, in Kraft seit dem 1. März
2000; AS 2000 417) nur zulässig, wenn diese einen nicht wiedergutzumachenden
Nachteil bewirken können. Eine Ausnahme gilt lediglich für Zwischenentscheide
über die Zuständigkeit und über Ausstandsbegehren, die ihrer Natur nach
endgültig zu beurteilen sind, bevor das Verfahren weitergeführt werden kann
(Art. 87 Abs. 1 OG). Nach der Praxis des Bundesgerichts liegt in aller Regel
ein nicht wiedergutzumachender Nachteil unter anderem vor, wenn - wie hier -
kantonal letztinstanzlich (Art. 86 Abs. 1 OG) entschieden wird, dem
Beschwerdeführer könne die amtliche Verteidigung nicht gewährt werden (BGE
126 I 207 E. 2a S. 210 f.; 120 Ia 48, nicht publizierte E. 1; 111 Ia 276 E.
2b S. 278 f.).

2.
Die Beschwerdeführerin macht geltend, die Justizkommission hätte dem Antrag,
ihr einen amtlichen Verteidiger beizugeben, gestützt auf die
Verfahrensgarantien von Art. 29 Abs. 3 BV und Art. 6 Ziff. 3 lit. c EMRK
entsprechen müssen.
Als besondere Garantie für den Angeschuldigten im Strafprozess gewährleistet
Art. 6 Ziff. 3 lit. c EMRK die unentgeltliche Bestellung eines amtlichen
Verteidigers, falls dies im Interesse der Rechtspflege erforderlich erscheint
("si les intérêts de la justice le commandent") und der Angeschuldigte
mittellos ist. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtes hat die bedürftige
Partei aber auch gestützt auf Art. 29 Abs. 3 BV einen allgemeinen
grundrechtlichen Anspruch auf unentgeltliche Rechtsverbeiständung, wenn ihre
Interessen in schwerwiegender Weise betroffen sind und der Fall in
tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht Schwierigkeiten bietet, die den Beizug
eines Rechtsvertreters erforderlich machen. Falls das in Frage stehende
Verfahren besonders stark in die Rechtspositionen des Betroffenen eingreift,
ist die Bestellung eines amtlichen Rechtsvertreters nach der Praxis des
Bundesgerichtes grundsätzlich geboten. Dies trifft insbesondere im
Strafprozess zu, wenn dem Angeschuldigten eine schwerwiegende
freiheitsentziehende Massnahme oder eine Strafe droht, deren Dauer die
Gewährung des bedingten Strafvollzuges ausschliesst (BGE 126 I 194 E. 3a S.
196 mit Hinweis). Droht konkret von vornherein ein tatsächlicher
Freiheitsentzug, muss die Grenze jedenfalls wesentlich tiefer liegen. Es
genügt, wenn mehr als einige Wochen oder Monate Haft zu erwarten sind (BGE
122 I 49 E. 2c/bb S. 52, 275 E. 3a S. 276; 120 Ia 43 E. 2b S. 46). Falls kein
besonders schwerer Eingriff in die Rechte des Gesuchstellers zu erwarten ist,
müssen zur relativen Schwere des Falles besondere tatsächliche oder
rechtliche Schwierigkeiten hinzukommen, denen der Gesuchsteller - auf sich
allein gestellt - nicht gewachsen wäre. Dass im betreffenden Verfahren die
Offizialmaxime gilt, vermag dabei die Notwendigkeit der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung nicht a priori auszuschliessen. Bei offensichtlichen
Bagatelldelikten, bei denen nur eine Busse oder eine geringfügige
Freiheitsstrafe in Frage kommt, verneint die Bundesgerichtspraxis jeglichen
verfassungsmässigen Anspruch auf unentgeltliche Rechtsverbeiständung (BGE 122
Ia 49 E. 2c/bb S. 51; 120 Ia 43 E. 2).

3.
Zunächst stellt sich die Frage, ob der im Strafbefehlsverfahren
ausgesprochenen Strafe von 40 Tagen Gefängnis, bedingt vollziehbar,
namentlich wegen einfacher Körperverletzung Bagatellcharakter zukommt.

3.1 Zur Abgrenzung des offensichtlichen Bagatelldelikts von einem Eingriff
relativer Schwere in die Rechte des Gesuchstellers bzw. zum Begriff der
geringfügigen Freiheitsstrafe hat sich das Bundesgericht bisher nicht im
Sinne einer präzisen Unterscheidung geäussert. Beim relativ schweren Fall
nach der Praxis des Bundesgerichts sei mit einer Freiheitsstrafe von einigen
Wochen bis Monaten zu rechnen (BGE 120 Ia 43 E. 2b S. 46). In einem neueren
Entscheid hat das Bundesgericht festgehalten, diese Formel setze die Grenze
gegenüber der schwerwiegenden Sanktion bei einigen Wochen bzw. wenigen
Monaten an (Urteil 1P.723/2000 vom 10. Januar 2001, E. 3b). Es lässt sich
denn auch grundsätzlich kein einfaches Schema aufstellen, das für jeden
Einzelfall sogleich die Lösung aufzeigen würde (Arthur Haefliger, Alle
Schweizer sind vor dem Gesetze gleich, Bern 1985, S. 175). Das Bundesgericht
hat jedoch ausgeführt, es folge der "abstrakten" Betrachtungsweise des
Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte nicht, weil sonst auch bei
völlig geringfügigen Vergehen mit Bagatellcharakter ein Anspruch auf amtliche
Verteidigung bejaht werden müsste (BGE 120 Ia 43 E. 2b S. 46).

3.2 Im vorliegenden Fall hat die Angeschuldigte vorbehältlich einer
allfälligen reformatio in peius aufgrund der Einsprache eine Freiheitsstrafe
von 40 Tagen Gefängnis zu gewärtigen, wobei der Einzelrichter im Strafbefehl
vorgesehen hat, ihr den bedingten Strafvollzug zu gewähren. Auch die
Justizkommission geht im angefochtenen Entscheid davon aus, dass die
Beschwerdeführerin trotz ihrer Vorstrafe von 14 Tagen Gefängnis bedingt,
welche mehr als fünf Jahre zurückliegt, "wohl erneut mit der Gewährung des
bedingten Strafvollzugs rechnen können wird". Die Strafe ist gemäss Art. 64
al. 6 StGB gemildert worden, wobei der Sachrichter zu prüfen haben wird, ob
die entsprechenden Voraussetzungen tatsächlich gegeben sind, was jedenfalls
nicht offensichtlich ist (vgl. dazu E. 4.1 hiernach). Berücksichtigt man
zudem den Umstand, dass der Einzelrichter - die einfache Körperverletzung
isoliert betrachtet - gemäss Art. 65 StGB auf Haft oder Busse hätte erkennen
dürfen, kann angesichts der ausgesprochenen Sanktion jedenfalls nicht mehr
von einem offensichtlichen Bagatellfall ausgegangen werden. Damit kann offen
bleiben, ob bei Vergehen der Bagatellcharakter des Delikts generell verneint
werden soll (vgl. dazu Marc Forster, Der Anspruch auf unentgeltliche
Rechtsverbeiständung in der neueren bundesgerichtlichen Rechtsprechung, in:
ZBl 93/1992, S. 457 ff., insb. S. 461 mit Fn. 20).

4.
Zur Frage, ob Schwierigkeiten rechtlicher oder tatsächlicher Natur gegeben
sind, macht die Beschwerdeführerin einerseits geltend, die kantonalen
Instanzen seien irrigerweise von einem rechtlich einfachen Fall ausgegangen;
ausserdem sei die Beweislage im fraglichen Verfahren äusserst unklar. Darüber
hinaus sei die Beschwerdeführerin in einem überaus schlechten seelischen und
gesundheitlichen Zustand. Es handle sich um ein Beziehungsproblem; die
Beschwerdeführerin sei deshalb sehr aufgewühlt. Sie sei folglich nicht in der
Lage, sich mit der Angelegenheit überlegt und vernünftig zu befassen und ihre
Interessen objektiv zu wahren.

4.1  Zunächst ist zu prüfen, ob vorliegend eine rechtlich einfache Strafsache
zu beurteilen ist, wovon die Justizkommission des Obergerichts ausgeht. Dies
trifft sicher zu in Bezug auf den Tatbestand der einfachen Körperverletzung.
Auch die Frage, ob durch das Festhalten des Opfers im Kellereingang nach der
Körperverletzung, um die Nebenbuhlerin zur Rede zu stellen, der
Nötigungstatbestand erfüllt wird, ist allein noch keine rechtliche
Schwierigkeit im Sinne der bundesgerichtlichen Rechtsprechung. Nicht ohne
weiteres klar ist hingegen, ob die behauptete Nötigung zur Aussprache bzw.
zur Beantwortung von Fragen und die damit verbundene Einschränkung der
Bewegungsfreiheit des mutmasslichen Opfers in der Nische des Kellereingangs -
über deren Dauer liegen keine genauen Angaben vor (die Geschädigte gibt an,
um 19.00 Uhr zuhause angekommen zu sein; ca. um 19.45 Uhr habe M.________ den
Tatort verlassen) - zugleich den Tatbestand der Freiheitsberaubung gemäss
Art. 183 Ziff. 1 Abs. 1 StGB erfüllt bzw. ob gegebenenfalls die Nötigung die
Freiheitsberaubung mit Blick auf den Unrechtsgehalt der Tat mitumfasst. Des
Weiteren hat der Einzelrichter offenbar das Vorliegen einer schweren Drohung
im Sinne von Art. 180 StGB verneint. Schliesslich hat er die Strafe gemäss
Art. 64 al. 6 StGB gemildert (vgl. dazu E. 3 hiervor), was im Folgenden näher
erörtert werden soll.

4.1.1 Da im Strafbefehl keine ungerechte Reizung oder Kränkung erwähnt wird,
sind vorweg die Sachverhaltsdarstellungen der Beteiligten in Bezug auf Art.
64 al. 6 StGB aufzuarbeiten.

L. ________ sagte anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom 13. Oktober
2001 aus, M.________ habe sie angeredet mit den Worten, sie müssten
miteinander sprechen. Sie habe erwidert, dass sie mit ihr nichts zu reden
habe. Die Angeschuldigte habe sie dann gefragt, was ihr Mann wolle, worauf
sie mit "Die Scheidung." geantwortet habe. Hierauf habe M.________ ihr mit
der rechten Hand absolut überraschend eine Ohrfeige gegeben. Danach sei sie
in Richtung des Kellereingangs gedrängt worden. Die Angeschuldigte habe sie
an die Wand gedrückt, alsdann aus einem kleineren Plastiksack eine Schere
hervorgeholt und angefangen, ihr Haar abzuschneiden. Die Angeschuldigte weist
demgegenüber jede Schuld von sich (vgl. dazu E. 4.2 hiernach); sie sei zur
fraglichen Zeit nicht am Tatort gewesen.

4.1.2 Das Bundesgericht verlangt eine spontane Reaktion auf eine ungerechte
Kränkung, wenn Art. 64 al. 6 StGB zur Anwendung kommen soll (BGE 104 IV 232
E. 1c S. 238 mit Hinweis). Wer die Tat aus gewöhnlichen Rachegefühlen und
nicht mehr unter dem Einfluss der Provokation begeht, kommt demnach nicht in
den Genuss dieser Strafmilderung (Alex Briner, Die ordentliche Strafmilderung
nach dem Schweizerischen Strafgesetzbuch, Diss. Zürich 1997, S. 118 f.).
Ausserdem setzt die Anwendung dieses Strafmilderungsgrundes nach der
Rechtsprechung die Verhältnismässigkeit zwischen provozierendem Anlass und
Reaktion des Täters voraus (unveröffentlichtes Urteil 6S.668/2001 vom 24.
Januar 2002, E. 6; Hans Wiprächtiger, in: Marcel Alexander Niggli / Hans
Wiprächtiger (Hrsg.), Basler Kommentar, Basel 2003, Art. 64 N 23).

4.1.3 Im vorliegenden Fall wird der Sachrichter demnach zuerst zu prüfen
haben, ob die behauptete Antwort des Opfers auf die Frage der
Angeschuldigten, was ihr Mann wolle - die Frage hat die zu erörternde
Ausgangslage herbeigeführt -, als ungerechte Reizung oder Kränkung zu
beurteilen ist. Nimmt er dies an, wird zu erwägen sein, ob der Umstand, dass
die Angeschuldigte die Schere bereits mitgeführt hat, darauf schliessen
lässt, dass nicht eine spontane Reaktion, sondern ein geplanter Racheakt
vorliegt. Schliesslich ist auch nicht offensichtlich, dass nebst der Ohrfeige
auch das Abschneiden des hüftlangen Haares des Opfers sowie die Schläge,
sollte die Angeschuldigte deswegen verurteilt werden, als verhältnismässige
Reaktion auf die möglicherweise ungerecht reizende bzw. kränkende Äusserung
der Geschädigten erscheinen. Allenfalls könnte der Sachrichter zum Schluss
kommen, dass die Strafmilderung gestützt auf Art. 64 al. 6 StGB nicht in
Frage kommt. Damit kann eine reformatio in peius nicht ausgeschlossen werden.
Demnach liegt entgegen der Darstellung der Justizkommission des Obergerichts
nicht nur kein Bagatellfall (vgl. E. 3 hiervor), sondern auch kein rechtlich
einfacher Fall vor.

4.2 In tatsächlicher Hinsicht ist zu berücksichtigen, dass die Angeschuldigte
die Täterschaft bestreitet, soweit der Vorfall vom 12. Oktober 2001 in Frage
steht, was den Fall in tatsächlicher Hinsicht schwieriger macht (BGE 115 Ia
103 E. 4 S. 105; 103 Ia 5 E. 2 mit Hinweisen), sich aber nicht als
fallentscheidend erweist.

4.3 Zu den persönlichen Verhältnissen der Angeschuldigten, die ebenfalls zu
berücksichtigen sind, ist vorab festzuhalten, dass entgegen der Auffassung
der Beschwerdeführerin der Umstand, dass diese angesichts des der Straftat
zugrunde liegenden Beziehungsproblems aufgewühlt ist, für sich allein
eindeutig nicht ausreicht, um einen Anspruch auf amtliche Verbeiständung zu
begründen. Ob die seelische Belastung der Angeschuldigten nur dann zu
berücksichtigen ist, wenn eine psychische Erkrankung vorliegt, wie die
Justizkommission des Obergerichts ausführt, wird im Folgenden unter anderem
zu prüfen sein.

4.3.1 Der Angeschuldigten wurde mit Arztzeugnis vom 9. Juli 2002  ein
reduzierter Allgemeinzustand bescheinigt. Sie leide an einer erheblichen
Blutarmut, welche unter anderem zu chronischer Müdigkeit, Schwindel,
Orthostase-Reaktionen, Haarausfall und Arbeitsausfällen geführt habe. Ab
Oktober 2001 seien wöchentlich Eiseninfusionen durchgeführt worden. Nach
ihren Angaben hat die Angeschuldigte seit ihrer Einreise in die Schweiz ihre
Arbeit als Hausmädchen bzw. Buffetangestellte jeweils bald nach
Stellenantritt wieder aufgeben müssen. Sie macht jedoch nicht nur einen
überaus schlechten Gesundheitszustand, sondern auch psychische Belastung
geltend. Diese sei auch die Folge des mit einem Beziehungsproblem im
Zusammenhang stehenden Verfahrens; sie sei aufgewühlt und daher dem
Strafverfahren nicht gewachsen.

4.3.2 Das Bundesgericht hat zu einem ebenfalls die persönlichen Merkmale des
Angeschuldigten betreffenden Fall festgehalten, es sei nicht entscheidend, ob
der Beschwerdeführer dringend psychiatrisch behandelt werden sollte, wie
einer der Geschädigten ausgeführt habe. Entscheidend sei, dass er von
massgeblichen Amtspersonen im Leumundsbericht als sehr aufbrausend und
jähzornig sowie mit querulatorischen Zügen behaftet geschildert werde. Dies
sei denn auch im Laufe der Strafuntersuchung zu Tage getreten (BGE 115 Ia 103
E. 4 S. 106). Es ist demnach von Bedeutung, ob die Strafuntersuchung aufgrund
persönlicher Merkmale des Angeschuldigten überdurchschnittlich erschwert
worden ist. Dieser Umstand ist insbesondere dann zu beachten, wenn sich aus
den Akten ergibt, dass sich das Verhalten des Angeschuldigten auf das Gebaren
der zuständigen Behörden ausgewirkt hat.

4.3.3 Im vorliegenden Fall hielt bereits der einvernehmende Polizeibeamte
fest, die Befragung sei sehr mühsam gewesen. Vor der
Konfrontationseinvernahme richtete der Untersuchungsrichter ein Schreiben an
M.________ betreffend die bevorstehende Gegenüberstellung. Er führte aus, sie
habe mit der Begründung, sie sei krank, die Einvernahme verschieben wollen.
Weil sie jedoch "gesund und vif töne", habe er sie gefragt, woran sie leide.
Schliesslich habe er ihr unmissverständlich erklärt, die Einvernahme werde
nicht leichtfertig verschoben, zumal er dafür vier Leute aufgeboten habe.
Deshalb habe sie ein ärztliches Zeugnis einzureichen, worin bestätigt werde,
dass sie nicht einvernahmefähig sei. Innert der gleichen Frist müsse sie ihm
zuhanden des Arztes eine Erklärung einreichen, wonach sie diesen vom
Arztgeheimnis entbinde, damit er mit dem Arzt Rücksprache nehmen könne. Da
sie sich anlässlich des Telefongesprächs entgegen ihren eigenen Ausführungen
sehr gut in deutscher Sprache habe verständigen können, sei er sicher, dass
sie seine Ausführungen verstanden habe. Nachdem die Angeschuldigte anlässlich
der Konfrontationseinvernahme vom 10. Juli 2002 in Anwesenheit des
Dolmetschers Dr. C.________ bestritten hatte, zum fraglichen Zeitpunkt am
Tatort gewesen zu sein, liess sie mit Eingabe vom 21. August 2002 darum
ersuchen, für die nächste Einvernahme einen kompetenten Dolmetscher zu
organisieren. Der letzte Dolmetscher habe nicht übersetzt, was sie gesagt
habe. Im Übrigen habe er die ganze Zeit versucht, sie zu belehren. Im
Protokoll der Schlusseinvernahme vom 27. August 2002 ist festgehalten, von
8.40 Uhr bis 8.50 Uhr sei darüber diskutiert worden, ob Dr. C.________ als
Dolmetscher akzeptiert werde oder nicht. Es habe keine Einigung erzielt
werden können. Daraufhin verweigerte M.________ die Aussage. In der Verfügung
vom 10. September 2002, mit welcher das Gesuch um amtliche Verbeiständung
abgelehnt wurde, machte der Untersuchungsrichter weitere Ausführungen zum
Beizug des Dolmetschers Dr. C.________. Er hielt fest, der Verteidiger habe
anlässlich der Schlusseinvernahme auf den Dolmetscher verzichtet; es sei
keine Übersetzung notwendig. Deshalb habe er dem Vertreter der
Angeschuldigten entgegnet, seine Mandantin müsse damit rechnen, dass ihr die
Kosten für die Übersetzung der Konfrontationseinvernahme auferlegt würden.
Sie habe nur Anspruch auf eine unentgeltliche Übersetzung, falls diese
notwendig sei.

4.3.4 Aus dem Gesagten erhellt, dass das wenig kooperative Verhalten der
Angeschuldigten nicht nur die Wahl einer Verteidigungsstrategie erschwert
hat, was bei Verweigerung der Aussage regelmässig der Fall ist. Vielmehr
ergibt sich aus den Akten, dass die Geduld des Untersuchungsrichters
strapaziert worden ist, was die Untersuchung zusätzlich belastet und neue
Rechtsfragen aufgeworfen hat. Damit haben sich Charakter sowie die psychische
Verfassung der Angeschuldigten alternativ oder kumulativ direkt und sehr
ungünstig auf das Verfahren ausgewirkt. Einer derartigen Situation ist ein
Laie - jedenfalls im Zustand der Beschwerdeführerin - nicht gewachsen.

4.4 Zusammenfassend ergibt sich somit, dass die Angeschuldigte zum Zeitpunkt
der abschlägigen Verfügung des Untersuchungsrichters nicht (mehr) in der Lage
war, sich selbst zu verteidigen. Sie war angesichts der sich stellenden
Rechtsfragen sowie ihrer persönlichen Situation, aber auch mit Blick auf den
Verlauf der Untersuchung eindeutig überfordert (vgl. BGE 116 Ia 295 E. 6 S.
304). Demnach ist die Beschwerde gutzuheissen und der angefochtene Entscheid
aufzuheben. Die Justizkommission des Obergerichts wird prüfen müssen, ob die
Bedürftigkeit als Voraussetzung der unentgeltlichen Verbeiständung gegeben
sei. Da die Beschwerdeführerin mit ihren materiellen Rügen durchdringt, kann
offen bleiben, ob der Justizkommission überdies eine Verletzung des Anspruchs
auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV) vorzuwerfen ist.

5.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Gerichtskosten zu erheben (Art.
156 Abs. 2 OG). Der Kanton Zug hat der anwaltlich vertretenen
Beschwerdeführerin eine angemessene Parteientschädigung zu entrichten (Art.
159 OG). Damit erweist sich der Antrag betreffend unentgeltliche
Prozessführung und Verbeiständung als gegenstandslos.

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die staatsrechtliche Beschwerde wird gutgeheissen, und der Entscheid des
Obergerichts des Kantons Zug, Justizkommission, vom 25. Oktober 2002 wird
aufgehoben.

2.
Es werden keine Gerichtskosten erhoben.

3.
Der Kanton Zug hat die Beschwerdeführerin für das bundesgerichtliche
Verfahren mit Fr. 1'800.-- zu entschädigen.

4.
Dieses Urteil wird der Beschwerdeführerin, dem Untersuchungsrichteramt sowie
dem Obergericht des Kantons Zug, Justizkommission, schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 4. März 2003

Im Namen der I. öffentlichrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident:  Der Gerichtsschreiber: