Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

II. Zivilabteilung 5C.74/2004
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5C.74/2004 /blb

Urteil vom 14. März 2005
II. Zivilabteilung

Bundesrichter Raselli, Präsident,
Bundesrichterinnen Nordmann, Escher, Hohl, Bundesrichter Marazzi,
Gerichtsschreiber Gysel.

X. ________ (Ehefrau),
Klägerin, Berufungsklägerin und Anschlussberufungsbeklagte,
vertreten durch Fürsprecher Dr. Max Meyer,

gegen

Y.________ (Ehemann),
Beklagten, Berufungsbeklagten und Anschlussberufungskläger,
vertreten durch Fürsprecher Hanspeter Kernen.

Güterrechtliche Auseinandersetzung,

Berufung gegen das Urteil des Obergerichts des Kantons Bern (I. Zivilkammer
des Appellationshofes) vom 5. März 2004.

Sachverhalt:

A.
X. ________ und Y.________ schlossen am 13./22. Juni 2001 eine als "Vergleich
im Eheschutzverfahren" bezeichnete Vereinbarung, mit der sie den gemeinsamen
Haushalt aufhoben und die Folgen des Getrenntlebens regelten: Unter anderem
verpflichtete sich Y.________ zur grundsätzlichen Leistung von
Unterhaltsbeiträgen an die Ehefrau und wurde mit Wirkung ab 1. Januar 2001
der Übergang zum Güterstand der Gütertrennung festgelegt, wobei der Vollzug
später vorzunehmen sei. Mit Vereinbarung vom 18./21. August 2001
verpflichtete sich Y.________, X.________ ab September 2001 einen monatlichen
Unterhaltsbeitrag von Fr. 9'000.-- zu bezahlen. Die Gerichtspräsidentin 3 des
Gerichtskreises L.________ genehmigte die beiden Vereinbarungen mit Verfügung
vom 27. August 2001.

B.
Am 3. Juni 2002 klagte X.________ (im Folgenden: Klägerin) beim Gerichtskreis
L.________ gegen Y.________ (im Folgenden: Beklagten) auf Durchführung der
güterrechtlichen Auseinandersetzung.
Mit Verfügung des Gerichtspräsidenten 1 vom 14. Oktober 2002 wurde dem
Beklagten vorläufig verboten, ohne Zustimmung der Klägerin bis zu einem
Betrag von Fr. 1'914'561.-- über den Erlös aus dem Verkauf der Aktien der
S.________ AG zu verfügen. Gleichzeitig wurde vom Guthaben des Beklagten bei
der Anstalt V.________ superprovisorisch ein gleich hoher Betrag gesperrt und
die genannte Anstalt angewiesen, ohne Zustimmung der Klägerin keine
Auszahlungen vom gesperrten Betrag zu tätigen. Diese Anordnungen wurden durch
Beschluss des Gerichtspräsidenten 1 vom 4. Dezember 2002 bestätigt.
Im Rahmen des Hauptverfahrens schlossen die Parteien am 15./21. Juli 2003
eine Teilvereinbarung ab, worin sie sich mit Ausnahme der Aufteilung des
Verkaufserlöses der Aktien der S.________ AG über die güterrechtliche
Auseinandersetzung einigten.
Mit Urteil vom 13. November 2003 sprach der Gerichtspräsident 1 des
Gerichtskreises L.________ der Klägerin aus Güterrecht den Betrag von Fr.
1'018'447.90 zu. Er ermächtigte den Beklagten, die Zahlung von seinem Konto
bei der Anstalt V.________ zu tätigen und erklärte die Kontosperre als
anschliessend aufgehoben.

C.
Gegen dieses Urteil erhob der Beklagte Appellation und die Klägerin in der
Folge Anschlussappellation. Am 5. März 2004 erkannte das Obergericht des
Kantons Bern (I. Zivilkammer des Appellationshofes), dass die Klage
abgewiesen und die Sperre des beklagtischen Kontos bei der Anstalt V.________
mit Eintritt der Rechtskraft des Urteils aufgehoben werde.

D.
Mit Berufung vom 18. März 2004 beantragt die Klägerin dem Bundesgericht, den
Entscheid des Obergerichts aufzuheben und den Beklagten zu verpflichten, ihr
aus Güterrecht Fr. 1'018'447.90 zu zahlen, wobei der Beklagte zu ermächtigen
sei, die Zahlung zu Lasten des gesperrten Kontos bei der Anstalt V.________
vorzunehmen; anschliessend sei die Sperre aufzuheben. Eventualiter sei die
Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Der Beklagte, der auf Abweisung der Berufung schliesst, hat Anschlussberufung
erhoben mit dem Antrag, die Gerichts- und Parteikosten des gesamten
kantonalen Verfahrens der Klägerin aufzuerlegen.
Eine Anschlussberufungsantwort ist nicht eingeholt worden.
Das Obergericht hat sich zur Berufung nicht geäussert.

E.
Auf Ersuchen des Gerichtspräsidenten 7 des Gerichtskreises L.________ vom 11.
Juni 2004 wurden die kantonalen Akten für ein hängiges Verfahren
vorübergehend jener Instanz überlassen. Sie wurden der erkennenden Abteilung
am 7. September 2004 zurückgegeben.

Das Bundesgericht zieht in Erwägung:

1.
1.1 Die Berufung richtet sich gegen ein kantonal letztinstanzliches Urteil
(Art. 48 Abs. 1 OG) und beschlägt güterrechtliche Fragen, mithin eine
Zivilrechtsstreitigkeit mit einem Vermögenswert, der den Streitwert von 8'000
Franken bei weitem erreicht (Art. 46 OG). Sie ist unter diesen
Gesichtspunkten zulässig.

1.2 Das Bundesgericht ist an die tatsächlichen Feststellungen der letzten
kantonalen Instanz gebunden, es wäre denn, dass sie unter Verletzung
bundesrechtlicher Beweisvorschriften zustande gekommen sind oder auf einem -
von Amtes wegen zu berichtigenden - offensichtlichen Versehen beruhen (Art.
63 Abs. 2 OG). Vorbehalten bleibt auf Grund von Art. 64 OG ausserdem die
Ergänzung eines unvollständigen Sachverhalts. Anderweitige Ausführungen gegen
die tatsächlichen Feststellungen der kantonalen Instanz sind unzulässig (Art.
55 Abs. 1 lit. c OG). Für die Kritik an der Beweiswürdigung durch die
Vorinstanz ist die staatsrechtliche Beschwerde wegen Verletzung des
Willkürverbots (Art. 9 BV) gegeben (Art. 43 Abs. 1 zweiter Satz OG). Diese
Formvorschriften gelten sinngemäss auch für die Berufungsantwort (Art. 59
Abs. 3 OG).
Damit sind die Ausführungen der Klägerin zu den wirtschaftlichen
Rahmenbedingungen, insbesondere zum Zürcher Baukostenindex, nicht zu
berücksichtigen. Ebenso ist die Kritik des Beklagten an der Beweiswürdigung
der Vorinstanz hinsichtlich der Ursache der Wertsteigerung der Aktien
unzulässig.

1.3 Mit der Anschlussberufung beanstandet der Beklagte den Kostenentscheid
der Vorinstanz. Da es hierbei um die Anwendung von kantonalem Recht (Art. 58
ZPO/BE) geht, könnte das Bundesgericht diese Frage nur unter dem
Gesichtspunkt der Verletzung verfassungsmässiger Rechte im Rahmen einer
staatsrechtlichen Beschwerde beurteilen. Auf die Anschlussberufung ist daher
nicht einzutreten.

2.
2.1 Anlass zur vorliegenden Berufung gibt einzig die güterrechtliche
Beurteilung der durch den Verkauf der Aktien der S.________ AG realisierten
Wertsteigerung. Im Übrigen haben sich die Parteien güterrechtlich geeinigt.
Die genannten Aktien, die sich, abgesehen von zweien davon, alle im Eigentum
des Beklagten befunden hatten, wurden zum Preis von brutto 3 Mio. Franken an
die T.________ AG in U.________ verkauft. Beide kantonalen Instanzen
gelangten zum Schluss, dass der Wertzuwachs, der sich zwischen der Übernahme
der Aktien durch den Beklagten und der Veräusserung ergeben habe, netto Fr.
2'036'895.75 betrage. Neben einem Übernahmewert der Aktien von Fr. 98'000.--
und dem Betrag, der den Anteilen der beiden anderen Aktionäre entspricht,
haben sie vom Verkaufserlös verschiedene Verbindlichkeiten abgezogen, die
ebenfalls aus diesem zu begleichen gewesen seien. Die Parteien stellen die
Höhe des ermittelten Wertzuwachses nicht in Frage.

2.2 Zu Recht wird von den Parteien ebenfalls nicht bestritten, dass die
Aktien Eigengut des Beklagten waren, da dieser sie während der Ehe
unentgeltlich erworben hat. Deren Veräusserung bewirkte einen Wertersatz, und
der (Netto-)Erlös fiel von Gesetzes wegen ebenfalls dem Eigengut zu (Art. 198
Ziff. 4 ZGB; vgl. auch BGE 121 III 201 E. 4a S. 203 f.; Heinz Hausheer/Ruth
Reusser/Thomas Geiser, Berner Kommentar, N. 53 zu Art. 198 ZGB; Elisabeth
Lüthe, Eigengut und Errungenschaft im neuen ordentlichen Güterstand, Diss.
Freiburg 1981, S. 124 ff.). Aus güterrechtlicher Sicht von Bedeutung ist
weiter, dass es sich bei den veräusserten Aktien um diejenigen des
Unternehmens handelte, in welchem der Beklagte beruflich tätig war. In diesem
Zusammenhang kann der Vorinstanz nicht gefolgt werden, wenn sie mit der
Begründung, die Wertsteigerung der Aktien gehe auf den beruflichen Einsatz
des Ehemannes zurück, diese gestützt auf Art. 197 Abs. 2 Ziff. 1 ZGB
kurzerhand zum Bestandteil seiner Errungenschaft erklärt.
Wie ein landwirtschaftliches Gewerbe oder eine Arztpraxis (dazu BGE 121 III
152 ff. und 125 III 1 ff.) ist auch das Unternehmen, das mehrheitlich vom
Beklagten beherrscht war, als rechtlich finanzielle Einheit und damit als
Vermögensgegenstand im Sinne des ehelichen Güterrechts zu behandeln. Unter
den dargelegten Umständen drängt sich die Frage auf, ob und inwieweit der
Beklagte durch seinen persönlichen Arbeitseinsatz einen Beitrag zum Gedeihen
des Unternehmens geleistet hat (dazu Elisabeth Escher, Wertveränderung und
eheliches Güterrecht, Diss. Bern 1989, S. 70), mit andern Worten, ob der beim
Verkauf der Unternehmensaktien realisierte Mehrwert auf eine wertschöpfende
Tätigkeit des Beklagten zurückzuführen ist. Gegebenenfalls ist weiter zu
prüfen, ob der Beklagte für seinen persönlichen Einsatz durch - zu seiner
Errungenschaft zu zählende (Art. 197 Abs. 2 Ziff. 1 und 4 ZGB) - Bezüge aus
dem Unternehmen hinreichend entschädigt worden ist oder ob noch Lohnansprüche
bestehen, die als solche ebenfalls der Errungenschaft des Beklagten
angehören.

2.3 Haben in der dargelegten Weise Mittel der einen Vermögensmasse zum
Erwerb, zur Verbesserung oder zur Erhaltung von Gegenständen der anderen
Vermögensmasse beigetragen und ist ein Mehr- oder Minderwert eingetreten,
besteht nach Art. 209 Abs. 3 ZGB eine Ersatzforderung, die dem Anteil des
Beitrags entspricht und nach dem Wert der Vermögensgegenstände im Zeitpunkt
der Auseinandersetzung oder der Veräusserung berechnet wird. Sie gehört in
die Gütermasse, die den Beitrag geleistet hat (Roland Müller, Der
Mehrwertanteil im neuen Ehegüterrecht, Diss. Basel 1992, S. 79 mit Hinweisen
auf die massgebende Lehre). Das Zusammenwirken zweier Gütermassen führt somit
nur bei Vorliegen eines Beitragstatbestandes zur Teilhabe an der
Wertveränderung (dazu Hausheer/Reusser/Geiser, a.a.O. N. 47 zu Art. 209 ZGB;
Florian Stefan Jörg, Wertveränderungen einer Aktiengesellschaft bei Auflösung
des ordentlichen Güterstandes, Diss. St. Gallen 1997, S. 171). Dies geschieht
nach dem Willen des Gesetzgebers durch die Schaffung einer variablen
Ersatzforderung, und nicht durch die proportionale Beteiligung der
Gütermassen. Mit dieser Lösung sollte die beim Güterstand der Güterverbindung
geführte Diskussion über das Auseinanderfallen von Güterrecht und Sachenrecht
ein für alle Mal beendet werden. In diesem Zusammenhang wurde allerdings
übersehen, dass sich eine derartige Konstellation im Vermögen des gleichen
Ehegatten gar nicht stellen kann. Zudem wurde nicht bedacht, dass die Lösung
über die Ersatzforderung immer auch eine vorgängige güterrechtliche Zuordnung
eines Vermögenswertes zu einer Masse erfordert (zu den Materialien und der
abweichenden Lehre: Escher, a.a.O. S. 51-60).

3.
3.1 Unter Hinweis auf die Erwägungen der ersten Instanz ist das Obergericht
davon ausgegangen, dass der in Frage stehende Mehrwert sich nicht ohne jedes
Zutun ergeben habe oder auf blosser Vermögensverwaltung beruhe und daher
nicht ein konjunktureller Mehrwert vorliege. Wohl habe die S.________ AG wie
andere Unternehmen von einer günstigen Konjunkturlage, insbesondere vom Boom
in der Baubranche, profitiert. Trotz günstiger Rahmenbedingungen habe sich
der Erfolg jedoch nicht ohne Zutun des Beklagten eingestellt. Dieser sei
aktiv in seinem Unternehmen tätig gewesen und habe mit seinem Arbeitseinsatz
massgeblich zum Erfolg beigetragen. Seine Tätigkeit habe sich auch nicht auf
blosse Vermögensverwaltung beschränkt, sondern die gesamte Geschäftsleitung
der S.________ AG umfasst. Der gesamte entstandene Mehrwert der Aktien sei
somit industrieller Natur und falle daher grundsätzlich in die
Errungenschaft.

3.2 Im Einzelnen hält die Vorinstanz fest, der vom Beklagten für seine
Tätigkeit in der Gesellschaft bezogene Lohn sei, abgesehen von den Jahren
1995 und 2001, stetig angestiegen. Im Jahre 1985 habe er knapp Fr. 53'000.--
betragen, nach Übernahme der Aktien im Jahre 1988 rund Fr. 75'000.--, im
Jahre 1993 rund Fr. 165'000.--, im Jahre 1998 rund Fr. 232'000.--, im Jahre
1999 Fr. 268'671.--, im Jahre 2000 Fr. 311'800.-- und im Jahre 2001 Fr.
274'989.--. Hinzu gekommen seien zumindest seit 1999 Dividenden von jährlich
Fr. 49'000.-- und in der Zeit von 1995 bis 2000 ein der Klägerin ausbezahlter
Jahreslohn von Fr. 18'000.--, dem unbestrittenermassen keine Gegenleistung
gegenübergestanden habe und der einzig aus Gründen der Steueroptimierung
ausbezahlt worden sei.

3.3 Bei der Würdigung der vom Beklagten bezogenen Saläre weist das
Obergericht darauf hin, dass dessen Nachfolger als Geschäftsführer ein
jährliches Bruttoeinkommen von Fr. 119'000.-- erziele. Seine Aufgaben deckten
sich mit den seinerzeitigen des Beklagten, wobei der Nachfolger insgesamt
weniger arbeite und die Endverantwortung bei der T.________ AG liege, der er
Rechenschaft abzulegen habe. Beim Verkauf der Aktien sei im Übrigen
vorgesehen gewesen, dass der Beklagte weiterhin für beschränkte Zeit als
Geschäftsführer tätig sein würde, wozu es jedoch dann allerdings nicht
gekommen sei. Für diese Tätigkeit sei ein Bruttojahresgehalt von Fr.
180'000.-- vereinbart gewesen. Zu beachten sei ausserdem, dass der Beklagte
vor der Veräusserung der Aktien nicht nur Geschäftsführer gewesen sei,
sondern auch Inhaber von 98 % davon, womit er auch die gesamte
wirtschaftliche Verantwortung getragen habe. Seine damalige Stellung lasse
sich daher nicht ohne weiteres mit derjenigen des heutigen Geschäftsführers
einer Tochtergesellschaft im Konzern oder mit seiner eigenen nach dem Verkauf
vergleichen.
Zu Recht ist die Vorinstanz ferner davon ausgegangen, dass jedenfalls dann,
wenn konkrete Vergleichszahlen vorlägen, es nicht auf die Höhe der Bezüge
ankomme, die die Steuerverwaltung als angemessen erachte, und dass auch die
Frage einer verdeckten Gewinnausschüttung ohne Belang sei. Gerade bei der
Mitarbeit im eigenen Unternehmen ist die Entschädigung nach
arbeitsrechtlichen Grundsätzen festzulegen, was eine Beteiligung am Mehrwert
bereits ausschliesst (Jörg, a.a.O. S. 179). Dies gilt zumindest dann, wenn
die Entlöhnung derjenigen eines Dritten entspricht und marktgerecht ist (vgl.
Hausheer/Reusser/ Geiser, a.a.O. N. 25 zu Art. 206 ZGB in Verbindung mit N.
51 zu Art. 209 ZGB; Escher, a.a.O. S. 70).
In ihre Betrachtungen zur Entlöhnung des Beklagten einbezogen hat die
Vorinstanz sodann auch die finanzielle Lage des Unternehmens, das nicht von
Anfang an einen Wert von 3 Mio. Franken gehabt, sondern nach den Angaben der
Klägerin im Jahre 1987 nahezu im Konkurs gestanden habe. Im Jahre 1999 sei
ein Reingewinn von Fr. 275'671.-- ausgewiesen worden, wovon Fr. 150'000.--
den freien Reserven zugegangen seien. Im Jahre 2000 sei vom Reingewinn von
Fr. 248'963.-- der Betrag von Fr. 200'000.-- an die freien Reserven gegangen.
Der vorsichtige Geschäftsmann habe bei der Entnahme von finanziellen Mitteln
auch allfälligen Schwankungen, die speziell das Baugewerbe betreffen könnten,
Rechnung zu tragen und durch die Speisung der Reserven für die Liquidität und
damit das Gedeihen der Unternehmung zu sorgen.
Die Vorinstanz hält abschliessend dafür, die vom Beklagten bezogene
(Arbeits-)Entschädigung entspreche dem, was das Unternehmen vernünftigerweise
jeweils habe tragen können und ein Dritter auch hätte bekommen können.

3.4 Gestützt auf seine Feststellungen kommt das Obergericht zum Schluss, dass
die angeführten Bezüge (Lohn des Beklagten, Dividenden und Lohnauszahlung an
die Klägerin) in Anbetracht der von ihm festgehaltenen Umstände der Tätigkeit
und Verantwortung des Beklagten durchaus angemessen gewesen seien. Sei aber
somit die Arbeitstätigkeit des Beklagten durch seine Bezüge abgegolten
worden, bleibe kein Raum für eine Teilhabe am industriellen Mehrwert, der zu
Gunsten der Errungenschaft über die Arbeitsentschädigung hinaus abzugelten
wäre.

4.
Die Begründung des angefochtenen Entscheids ist in einer Hinsicht
widersprüchlich: Das Obergericht erklärt zunächst, dass der gesamte Mehrwert,
da industrieller Natur, in die Errungenschaft falle, und geht damit genau
genommen davon aus, dass der Errungenschaft des Beklagten eine
Ersatzforderung nach Art. 209 Abs. 3 ZGB gegenüber dessen Eigengut zustehe.
In der Folge verneint es indessen jeden Ersatzanspruch, weil der Beklagte für
seinen Arbeitseinsatz im Geschäft vollumfänglich entschädigt worden sei.
Offensichtlich im Sinne der erstgenannten Erklärung der Vorinstanz erhebt die
Klägerin Anspruch auf die Hälfte des durch den Verkauf der Aktien erzielten
(Netto-)Erlöses.

4.1 In Anbetracht der tatsächlichen Feststellungen im angefochtenen
Entscheid, wo nicht nur das unternehmerische Geschick des Beklagten, sondern
auch die Schliessung von Konkurrenzunternehmen und die günstige
Konjunkturlage erwähnt werden, ist der Schluss des Obergerichts, der
strittige Mehrwert sei ausschliesslich industrieller Natur, nicht über jeden
Zweifel erhaben. Wie sich aus den nachstehenden Erwägungen ergeben wird, mag
diese Frage jedoch letztlich offen bleiben.

4.2 Nach dem oben (E. 2.2 und 2.3) Dargelegten steht der Klägerin vom Erlös
aus dem Aktienverkauf nur dann etwas zu, wenn ein gegen das Eigengut des
Beklagten, in das der (Netto-)Erlös gefallen ist, gerichteter Ersatzanspruch
seiner Errungenschaft besteht. Das Obergericht hat einen solchen Anspruch
unter Hinweis auf die aus dem Unternehmen im Verlaufe der Jahre bezogenen
(der Errungenschaft zugefallenen) Leistungen, mit denen der Arbeitseinsatz
des Beklagten vollumfänglich abgegolten worden sei, verneint.
In einem Fall der vorliegenden Art bleibt nach Hausheer/Reusser/Geiser
(a.a.O. N. 41 zu Art. 197 ZGB) für die Annahme eines Mehrwerts, d.h. für eine
entsprechende (zusätzliche) Ersatzforderung der Errungenschaft gegenüber dem
Eigengut, dann kein Raum, wenn der aus dem eigenen Unternehmen bezogene Lohn
mit der Entschädigung der entsprechenden Arbeitsleistung durch einen Dritten
vergleichbar ist und auch die Wertsteigerung des Unternehmervermögens im
Rahmen dessen bleibt, was auf eine entsprechende von einem Dritten gegen
Entschädigung zu leistende Tätigkeit zurückzuführen wäre. Dieser Auffassung
ist beizupflichten.

4.3 Ob die tatsächlichen Voraussetzungen für eine Ersatzforderung nach Art.
209 Abs. 3 ZGB gegeben sind, ist auf Grund der hier geltenden allgemeinen
Beweisregel von Art. 8 ZGB durch die Klägerin nachzuweisen. Deren Hinweis auf
Art. 200 Abs. 3 ZGB, wonach alles Vermögen eines Ehegatten bis zum Beweis des
Gegenteils als Errungenschaft gilt, ist unbehelflich. Die in dieser
Bestimmung festgelegte Vermutung beschränkt sich auf die Massenzugehörigkeit
eines Vermögenswertes, enthält aber keine Aussage darüber, wer die Beweislast
dafür trage, dass die eine güterrechtliche Masse in einen Vermögenswert der
anderen investiert habe (Hausheer/Reusser/Geiser, a.a.O. N. 43 zu Art. 200
ZGB).
Geht man wie die Vorinstanz davon aus, dass der Beklagte sich für seine
Unternehmung mit Erfolg eingesetzt und dafür ein angemessenes Gehalt bezogen
hat und dass sogar Dividenden ausgeschüttet wurden, was alles in die
Errungenschaft fiel (Art. 197 Abs. 2 Ziff. 1 und 4 ZGB), so kann nicht mehr
von einem Sondereinsatz gesprochen werden. Damit fehlen die Voraussetzungen
für die Annahme eines Beitrags im Sinne von Art. 209 Abs. 3 ZGB. Dies
bedeutet, dass der Errungenschaft des Beklagten keine Ersatzforderung
zusteht, an der der Klägerin im Rahmen der Vorschlagsteilung die Hälfte
zukäme (Art. 210 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 215 Abs. 1 ZGB).

5.
Nach dem Gesagten ist weder der Berufung noch der Anschlussberufung Erfolg
beschieden. Ausgangsgemäss ist die Gerichtsgebühr - nach Massgabe des
jeweiligen Streitwerts bzw. Aufwands - den Parteien aufzuerlegen (Art. 156
Abs. 1 OG). Ausserdem ist die Klägerin zu verpflichten, den Beklagten für
seine mit der Berufungsantwort verbundenen Umtriebe zu entschädigen (Art. 159
Abs. 2 OG). Da für die Anschlussberufung keine Antwort eingeholt worden ist
und der Klägerin demnach keine entsprechenden Kosten erwachsen sind, entfällt
hier die Zusprechung einer Parteientschädigung.

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
1.1 Die Berufung wird abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist.

1.2 Auf die Anschlussberufung wird nicht eingetreten.

2.
Von der Gerichtsgebühr von insgesamt Fr. 9'500.-- werden Fr. 8'000.-- der
Klägerin und Fr. 1'500.-- dem Beklagten auferlegt.

3.
Die Klägerin wird verpflichtet, den Beklagten für seine Umtriebe im
bundesgerichtlichen Verfahren mit Fr. 9'000.-- zu entschädigen.

4.
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Obergericht des Kantons Bern (I.
Zivilkammer des Appellationshofes) schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 14. März 2005

Im Namen der II. Zivilabteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident:  Der Gerichtsschreiber: