Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Zivilabteilung 4C.216/2005
Zurück zum Index I. Zivilabteilung 2005
Retour à l'indice I. Zivilabteilung 2005


{T 0/2}
4C.216/2005 /ruo

Urteil vom 12. Juli 2006

I. Zivilabteilung

Bundesrichter Corboz, Präsident,
Bundesrichterinnen Klett, Kiss,
Gerichtsschreiber Widmer.

A. ________ AG,
Beklagte und Berufungsklägerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Kurt C. Schweizer,

gegen

B.________,
Kläger und Berufungsbeklagten,
vertreten durch Rechtsanwalt Alexander Weber.

Arbeitsvertrag; Lohn,

Berufung gegen das Urteil des Obergerichts des Kantons Zürich, II.
Zivilkammer, vom 24. Mai 2005.

Sachverhalt:

A.
B. ________ (Kläger) arbeitete ab 1. November 1980 bei der A.________ AG
(Beklagte). Im Jahre 2000 verdiente er Fr. 109'955.-- brutto. Am 17. August
2001 kündigte die Beklagte das Arbeitsverhältnis per 30. November 2001. In
der Folge wurde der Kläger arbeitsunfähig. Zwischen den Parteien entstand
darauf hin ein Streit darüber, bis zu welchem Zeitpunkt die Beklagte in
Anwendung des für das Arbeitsverhältnis geltenden Gesamtarbeitsvertrags (GAV)
zur Lohnfortzahlung verpflichtet sei.

B.
Der Kläger gelangte am 9. Dezember 2002 an das Bezirksgericht Bülach. Er
beantragte mit in der Replik erweitertem Rechtsbegehren unter anderem, die
Beklagte sei zu verpflichten, ihm total Fr. 127'575.95 bzw. (unter
Berücksichtigung eines nach Klageeinleitung anerkannten Betrages von
Fr. 56'132.05) Fr. 71'443.90 zu bezahlen. Er stellte sich auf den Standpunkt,
die Beklagte schulde ihm nach dem GAV nicht bloss den von ihr nach
Klageerhebung anerkannten Lohn für die Zeit bis 31. Mai 2002, sondern für die
12 Monate von Dezember 2001 bis November 2002 den vollen und für die weiteren
12 Monate bis November 2003 den halben Lohn. Das Bezirksgericht verpflichtete
die Beklagte am 17. Dezember 2003 unter dem Titel Verzugszinsen zu einer
Zahlung von Fr. 1'557.05. Im Mehrumfang wies es das klägerische Begehren ab.
Gegen diesen Entscheid erhob der Kläger Berufung an das Obergericht des
Kantons Zürich mit dem Antrag, die Beklagte sei zu verpflichten, ihm Fr.
54'977.50 brutto, nebst Zins zu bezahlen, unter Vorbehalt des
Nachklagerechts. Er verlangte damit den Lohn für die Zeit von Juni 2002 bis
Ende November 2002. Das Obergericht verpflichtete die Beklagte mit Urteil vom
24. Mai 2005, dem Kläger (zusätzlich zu dem vom Bezirksgericht zugesprochenen
Betrag) Fr. 54'977.50 brutto, nebst Zins zu 5% seit 1. September 2002 zu
bezahlen.

C.
Gegen dieses Urteil gelangte die Beklagte mit Nichtigkeitsbeschwerde an das
Kassationsgericht des Kantons Zürich, welches auf das Rechtsmittel am 27.
April 2006 nicht eintrat.

D.
Die Beklagte führt gegen das Urteil des Obergerichts vom 24. Mai 2005 zudem
eidgenössische Berufung mit dem Antrag, dieses aufzuheben und das Urteil des
Bezirksgerichts Bülach vom 17. Dezember 2003 zu bestätigen.
Der Kläger schliesst auf Abweisung der Berufung.

Das Bundesgericht zieht in Erwägung:

1.
Im Berufungsverfahren ist das Bundesgericht grundsätzlich an die
tatsächlichen Feststellungen der Vorinstanz gebunden. Ausnahmen von dieser
Bindung kommen nur in Betracht, wenn die Vorinstanz bundesrechtliche
Beweisvorschriften verletzt hat, wenn ihr ein offensichtliches Versehen
unterlaufen ist (Art. 63 Abs. 2 OG) oder wenn der von ihr ermittelte
Sachverhalt im Hinblick auf die Anwendung des Bundesrechts der Ergänzung
bedarf (Art. 64 OG). Die Partei, die den Sachverhalt berichtigt oder ergänzt
wissen will, hat darüber genaue Angaben mit Aktenhinweisen zu machen (Art. 55
Abs. 1 lit. d OG; BGE 130 III 102 E. 2.2; 127 III 248 E. 2c S. 252; 115 II
484 E. 2a S. 485 f., je mit Hinweisen). Blosse Kritik an der Beweiswürdigung
des kantonalen Gerichts kann dagegen mit Berufung nicht vorgetragen werden
(BGE 127 III 73 E. 6a; 126 III 10 E. 2b S. 12 f.; 119 II 84 E. 3; 118 II 365
E. 1).
Wie in den nachfolgenden Erwägungen aufzuzeigen ist, hält sich die Beklagte
in ihrer Berufungsschrift in verschiedenen Teilen nicht an diese Vorgaben.
Insoweit haben ihre Ausführungen unbeachtet zu bleiben.

2.
Einziger Streitpunkt zwischen den Parteien bildet die Frage, ob die Beklagte
nach dem auf das Arbeitsverhältnis anwendbaren, am 27. Juni 1997 zwischen der
A.________ AG und der Vereinigung des X.________-Personals abgeschlossenen
Gesamtarbeitsvertrag (im Folgenden: GAV) verpflichtet ist, dem Kläger den
Lohn über den 31. Mai 2002 (Ende des Arbeitsverhältnisses) hinaus zu
bezahlen.
Die Beklagte vertritt sinngemäss den Standpunkt, der GAV gewähre dem Kläger
im vorliegenden Fall, in dem die Kündigung des Arbeitsverhältnisses vor
Eintritt der Arbeitsunfähigkeit erfolgt sei und keine Fortsetzung der
Zusammenarbeit stattfinde, keinen über die Ordnung nach Art. 336c Abs. 1 lit.
c und Abs. 2 in Verbindung mit Art. 324a Abs. 1 und 2 OR, erster Satzteil,
hinausgehenden Anspruch. Die Vorinstanz habe zu Unrecht entschieden, dass die
Beklagte länger zur Fortbezahlung des Lohnes verpflichtet sei als bis zum 31.
Mai 2002, dem Zeitpunkt, in dem das Arbeitsverhältnis nach der Regelung von
Art. 336c OR beendigt worden sei.

2.1 Nach herrschender Lehre und Rechtsprechung sind die schuldrechtlichen
Bestimmungen eines Gesamtarbeitsvertrages, die die Rechte und Pflichten der
Tarifpartner unter sich regeln, gemäss den Grundsätzen über die Auslegung von
Verträgen zu interpretieren. Die Auslegung von normativen, d.h. auf die
Vertragsbeziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern anwendbaren
Bestimmungen eines Gesamtarbeitsvertrages, wie sie hier strittig sind,
richtet sich dagegen nach den für Gesetze geltenden Grundsätzen (BGE 127 III
318 E. 2a mit Hinweisen).
Gemäss ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichts ist eine
Gesetzesbestimmung in erster Linie nach ihrem Wortlaut auszulegen. An einen
klaren und unzweideutigen Gesetzeswortlaut ist die rechtsanwendende Behörde
gebunden. Abweichungen von einem klaren Wortlaut sind indessen zulässig oder
sogar geboten, wenn triftige Gründe zur Annahme bestehen, dass er nicht dem
wahren Sinn der Bestimmung entspricht. Solche Gründe können sich aus der
Entstehungsgeschichte der Norm, aus ihrem Sinn und Zweck oder aus dem
Zusammenhang mit anderen Vorschriften ergeben. Vom klaren Wortlaut kann
ferner abgewichen werden, wenn die grammatikalische Auslegung zu einem
Ergebnis führt, das der Gesetzgeber nicht gewollt haben kann. Im Übrigen sind
bei der Auslegung alle herkömmlichen Auslegungselemente zu berücksichtigen,
wobei das Bundesgericht einen pragmatischen Methodenpluralismus befolgt und
es ablehnt, die einzelnen Auslegungselemente einer Prioritätsordnung zu
unterstellen (BGE 131 III 314 E. 2.2, 623 E. 2.4.4; 127 III 418 E. 2b, je mit
Hinweisen).
Im Rahmen der Anwendung von normativen Bestimmungen eines
Gesamtarbeitsvertrages ist die Bedeutung der Unterscheidung zwischen
Auslegung nach den für Verträge geltenden Grundsätzen (vgl. dazu BGE 132 III
24 E. 4 S. 27 f.; 131 III 606 E. 4.1. S. 611; 130 III 66 E. 3.2, 417 E. 3.2;
129 III 118 E. 2.5; 702 E. 2.4, je mit Hinweisen) und nach denjenigen für
Gesetze nicht zu überschätzen. So haben die normativen Bestimmungen eines
Gesamtarbeitsvertrags zwar eine gesetzesähnliche Funktion. Sie gründen aber
dennoch in einem Vertrag, so dass der Wille der am Abschluss des
Gesamtarbeitsvertrags beteiligten Parteien ein gewichtigeres
Auslegungselement ist, als derjenige des Gesetzgebers bei der
Gesetzesinterpretation (Schönenberger/ Vischer, Zürcher Kommentar, N. 110 zu
Art. 356 OR; Urteile des Bundesgerichts 4C.76/2003 vom 2. Juni 2003 E. 3 und
4C.46/1993 vom 6. Oktober 1993 E. 3). Doch ist bei der Auslegung der
normativen Bestimmungen mit Rücksicht auf den Schutz des Vertrauens der an
der Normsetzung nicht beteiligten Einzelvertragsparteien immer zu fragen, ob
der nach den Grundsätzen der Vertragsauslegung ermittelte Vertragswille auch
einer objektiven Auslegung nach Wortlaut, Sinnzusammenhang und Ratio
standhält (Schönenberger/Vischer, a.a.O., N. 110 zu Art. 356 OR; Rehbinder,
Berner Kommentar, N. 136 zu Art. 356 OR S. 128).

2.2 Die Vorinstanz ging bei der Beurteilung der strittigen Frage von der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung aus, nach der die Lohnfortzahlungspflicht
(Art. 324a OR) mit der Beendigung des Arbeitsverhältnisses grundsätzlich
erlischt, ausser es sei ausdrücklich etwas anderes vereinbart worden (BGE 113
II 259 E. 3). Sodann berücksichtigte sie, dass das Bundesgericht diese Praxis
insoweit relativiert hat, als der Arbeitnehmer, dem für den Fall
unverschuldeter Arbeitsverhinderung für längere Zeit vorbehaltlos Leistungen
einer Lohnausfallversicherung zuerkannt worden sind, darauf vertrauen darf,
dass er dem Versicherungsschutz auch noch untersteht, wenn das
Arbeitsverhältnis vor Ablauf der Anspruchsperiode aufgelöst wird (BGE 124 III
126 E. 2b).
Im vorliegenden Fall statuiert Art. 5 des Zusatzprotokolls zum GAV, dass das
Arbeitsverhältnis mit dem Angestellten während der Verhinderung an der
Arbeitsleistung wegen Krankheit oder Unfall vor dem Ablauf von 24 Monaten
nicht aufgelöst wird. Nach Art. 20 GAV hat der Angestellte sodann bei
Verhinderung an der Arbeitsleistung wegen Krankheit oder Unfall Anspruch auf
den vollen Lohn. Dauert die Verhinderung aus gleicher Ursache länger als 12
Monate, so wird der Lohn um die Hälfte gekürzt. Der Lohnanspruch besteht bis
Leistungen einer Lohnausfallversicherung entrichtet werden, maximal jedoch
während 24 Monaten.
Nach Auffassung der Vorinstanz enthalten diese Bestimmungen, insbesondere
auch Art. 5 des Zusatzprotokolls, für den hier strittigen Fall des Eintritts
der Arbeitsunfähigkeit nach bereits ausgesprochener Kündigung zunächst keine
ausdrückliche Regelung, die den Arbeitnehmer insoweit begünstigen würde, als
das Arbeitsverhältnis mit ihm im Vergleich zur gesetzlichen Regelung (Art.
336c OR) verlängert würde, so dass er automatisch in den Genuss der in Art.
20 GAV vorgesehenen Lohnfortzahlung käme. So deute die Formulierung in Art. 5
des Zusatzprotokolls, die A.________ AG "löse" (...) das Arbeitsverhältnis
vor dem Ablauf von 24 Monaten nicht auf, eher auf (den Verzicht auf den
Ausspruch) eine(r) Kündigung hin als auf einen Verzicht, das
Arbeitsverhältnis (nach einer bereits erfolgten Kündigung) zu beenden.
Die Vorinstanz kam indessen in Anlehnung an die vorstehend dargestellte, in
BGE 124 III 126 E. 2b publizierte Rechtsprechung zum Schluss, bei richtiger
Auslegung der strittigen GAV-Bestimmungen sei eine Lohnfortzahlungspflicht
über den Zeitpunkt der Beendigung des Arbeitsverhältnisses hinaus ungeachtet
des Fehlens einer ausdrücklichen diesbezüglichen Vereinbarung zu bejahen:
Zwar lasse sich vom Sinn und Zweck der Regelung her die Besserstellung eines
Arbeitnehmers, der sich bei Eintritt des Krankheitsfalles in ungekündigtem
Arbeitsverhältnis befinde, gegenüber einem solchen in einem bereits
gekündigten Arbeitsverhältnis aus Sicht des Arbeitgebers sachlich
rechtfertigen. Doch werde dem Arbeitnehmer durch Art. 20 GAV ein sehr
langdauernder Schutz bei Arbeitsunfähigkeit versprochen, der, was Höhe und
Dauer der Lohnfortzahlung insgesamt gesehen betreffe, den Leistungen einer
üblichen Taggeldversicherung in etwa entspreche. Folgte man der Auslegung der
Beklagten, würde der Arbeitnehmer diesen weitgehenden Schutz mit der
Kündigung noch während der Dauer des Arbeitsverhältnisses von einem Tag auf
den andern weitgehend verlieren. Es frage sich, ob dies Sinn einer Bestimmung
des GAV sein könne und ob der Arbeitnehmer bei einer solchen weitgehenden
Zusicherung der Lohnfortzahlung nicht darauf vertrauen dürfe, er sei
entsprechend wie bei einer Taggeldversicherung abgesichert.
Diese Sicht der Dinge sah die Vorinstanz durch eine historische Auslegung des
GAV bestätigt. Sie stellte aufgrund eines erst in zweiter Instanz
durchgeführten Beweisverfahrens fest, die Gewerkschaft habe für die
Arbeitnehmer eine Versicherungslösung gefordert und die A.________ AG darauf
mit einer Version geantwortet, die im Wesentlichen dem Art. 20 GAV und dem
Art. 5 der Zusatzvereinbarung entsprochen habe. Weiter sei erstellt, dass die
Verhandlungsdelegation der A.________ AG die Zusicherung abgegeben habe, den
Arbeitnehmern solle durch das Fehlen einer Krankentaggeldversicherung kein
Nachteil erwachsen. Dies habe dem übereinstimmenden gemeinsamen Verständnis
der Tarifpartner entsprochen bzw. die Parteien des GAV seien sich darüber im
Grundsatz einig gewesen. Es gehöre typischerweise zur Versicherungsregelung,
dass der Anspruch des Arbeitnehmers auf Lohnfortzahlung nicht mit dem
Arbeitsverhältnis ende. Sei es die Meinung der Vertragspartner gewesen, Art.
20 GAV solle den Arbeitnehmer nicht schlechter stellen, als wenn eine
"Versicherungslösung" getroffen worden wäre, könne diese Bestimmung, so die
Schlussfolgerung der Vorinstanz, nur in der Weise ausgelegt werden, dass der
Arbeitnehmer - wie bei der Versicherungslösung - Anspruch auf die volle Dauer
der Leistung habe, ungeachtet eines allfälligen früheren Auslaufens des
Arbeitsvertrags.

2.3 Die Vorinstanz hat die streitbetroffenen Bestimmungen in den
dargestellten Erwägungen nach dem historischen Willen der am GAV-Abschluss
beteiligten Parteien sowie nach Sinn und Zweck, welcher der getroffenen
Regelung vernünftigerweise beizumessen ist, ausgelegt. Diese Auslegung ist
überzeugend und bundesrechtlich namentlich insoweit nicht zu beanstanden, als
die Vorinstanz dem festgestellten tatsächlichen Willen der am Abschluss des
Vertragswerks beteiligten Parteien entscheidendes Gewicht beimass und diesem
sowie dem ihm entsprechenden, der getroffenen Regelung vernünftigerweise
beizumessenden Sinn und Zweck gegenüber einer rein grammatikalischen
Auslegung den Vorrang einräumte.
Die Beklagte rügt denn auch zu Recht nicht, die Vorinstanz habe damit die
vorstehend (Erwägung 2.1) dargestellten bundesrechtlichen Grundsätze über die
Auslegung von Gesamtarbeitsverträgen verletzt. Sie macht zunächst bloss
geltend, die Vorinstanz hätte ihre Lohnfortzahlungspflicht bei Auslegung der
strittigen GAV-Bestimmungen nach deren Wortlaut und nach deren Sinn und
Zweck, Arbeitnehmer in einem ungekündigten Arbeitsverhältnis gegenüber
solchen in einem gekündigten Arbeitsverhältnis bevorzugt zu behandeln,
richtigerweise verneinen müssen. Insoweit stellte sie indessen lediglich ihre
eigene Rechtsauffassung derjenigen der Vorinstanz gegenüber, zeigt dagegen
nicht auf, inwiefern die Vorinstanz bei ihrer Auslegung Bundesrecht verletzt
haben soll (vgl. Art. 55 Abs. 1 lit. c OG; BGE 121 III 397 E. 2a S. 400; 116
II 745 E. 3 S. 749). Auf die entsprechenden Vorbringen ist daher nicht
einzugehen, zumal die Beklagte dabei in unzulässiger Weise auf ihre
Ausführungen im kantonalen Verfahren verweist (BGE 126 III 198 E. 1d; 115 II
83 E. 3 S. 85) und den seitens der Vorinstanz verbindlich festgestellten
Sachverhalt in unzulässiger Weise erweitert, indem sie ohne eine Ausnahme von
der Sachverhaltsbindung nach Art. 63 Abs. 2 und Art. 64 OG zu beanspruchen,
geltend macht, die Parteien hätten Arbeitnehmer im ungekündigten
Arbeitsverhältnis bewusst bevorzugt behandeln wollen (vgl. Erwägung 1 oben).
Soweit die Vorinstanz aufgrund ihrer Beweiswürdigung festhielt, es sei der
gemeinsame (historische) Wille der GAV-Vertragspartner gewesen, den
Arbeitnehmer nicht schlechter zu stellen, als wenn eine "Versicherungslösung"
getroffen worden wäre, hat sie eine tatsächliche Feststellung getroffen, an
die das Bundesgericht im Berufungsverfahren vorbehältlich von
Sachverhaltsrügen nach Art. 63 Abs. 2 und Art. 64 OG gebunden ist. Die
Beklagte bringt in diesem Zusammenhang sinngemäss vor, die Vorinstanz habe
Art. 356 OR verletzt, indem sie ihre Feststellung auf eine Würdigung der
Zeugenaussagen von an den GAV-Verhandlungen beteiligten Personen abgestützt
habe; eine Zeugenaussage bleibe indessen immer eine subjektive Äusserung der
betreffenden Person, sei nicht geeignet, den wahren Sinn einer normativen
GAV-Bestimmung aufzuzeigen, und bilde daher ein unzulässiges Beweismittel;
der wahre Sinn liesse sich mittels von den Tarifpartnern genehmigten
Verhandlungsprotokollen erschliessen, die vorliegend aber nicht existierten.
Darin liegt indessen keine Sachverhaltsrüge, namentlich betreffend Verletzung
bundesrechtlicher Beweisvorschriften im Sinne von Art. 63 Abs. 2 OG (Erwägung
1 vorne), die es dem Bundesgericht gegebenenfalls erlauben würde, den
vorinstanzlich festgestellten Sachverhalt zu berichtigen oder zu ergänzen.
Art. 356 OR und die daraus abgeleiteten Grundsätze über die Auslegung von
Gesamtarbeitsverträgen enthalten keine Beweisvorschriften für die Ermittlung
des historischen Willens der am GAV-Abschluss beteiligten Parteien.
Insbesondere lässt sich daraus kein Beweisverbot der von der Beklagten
befürworteten Art ableiten, mit dem im Rahmen der Ermittlung dieses Willens
der fundamentale Grundsatz der freien Beweiswürdigung eingeschränkt würde
(vgl. dazu Guldener, Schweizerisches Zivilprozessrecht, 3. Aufl., Zürich
1979, S. 323 f.; Habscheid, Schweizerisches Zivilprozess- und
Gerichtsorganisationsrecht, 2. Aufl., Basel 1990, Rz. 662; vgl. auch BGE 130
III 328 E. 3.3; 108 IV 112 E. 1b S. 116). Die von der Beklagten erhobene Rüge
stellt richtig besehen blosse Kritik an der Beweiswürdigung der Vorinstanz
dar, die im Berufungsverfahren nicht zulässig und daher nicht zu hören ist.
Als Zwischenergebnis ist festzuhalten, dass die von der Vorinstanz
vorgenommene Auslegung der strittigen GAV-Bestimmungen nicht gegen
Bundesrecht verstösst. Die dagegen erhobenen Rügen erweisen sich als
unbegründet, soweit darauf eingetreten werden kann.

2.4 Es stellt sich im vorliegenden Fall allerdings weiter die Frage, ob die
Vorinstanz die Lohnfortzahlungspflicht der Beklagten über die Beendigung des
Arbeitsverhältnisses hinaus zu Recht angenommen hat, obwohl eine
diesbezügliche ausdrückliche Vereinbarung zwischen den Parteien im Sinne von
BGE 113 II 259 E. 3 fehlt und sich erst aus der Auslegung des GAV ergibt.
Dies ist zu bejahen. So wie die vorliegend strittige Regelung nach der
zutreffenden Auslegung der Vorinstanz nach Sinn und Zweck zu verstehen ist,
tritt diese an die Stelle einer üblichen Krankentaggeldversicherung mit einer
den Kündigungsschutz überdauernden Leistungspflicht. Dies ergibt sich aus
Art. 20 GAV und Art. 5 der Zusatzvereinbarung, wo die Lohnfortzahlung bei
Verhinderung an der Arbeitsleistung wegen Krankheit während 12 Monaten im
Umfang von 100 % und während weiteren 12 Monaten zu 50 % versprochen wird
bzw. bis Leistungen einer Lohnausfallversicherung entrichtet werden, unter
Ausschluss einer Auflösung des Arbeitsverhältnisses während dieser Zeit durch
die A.________ AG. Nach der Ausgestaltung dieser Regelung durfte der Kläger
darauf vertrauen, er sei rundum so abgesichert, wie wenn eine Versicherung
mit dem Zweck abgeschlossen worden wäre, den Schutz des Arbeitnehmers vor
Lohnausfall zu verbessern, den ihm Art. 324a OR gewährt. Wie die Vorinstanz
zutreffend festgehalten hat, garantieren solche Versicherungen bei Eintritt
des Krankheitsfalles vor Beendigung des Arbeitsverhältnisses regelmässig
Leistungen für eine längere Dauer, die weder vom Fortbestand des
Arbeitsverhältnisses abhängig sind (vgl. dazu BGE 127 III 318 E. 4b) noch
davon, dass das Arbeitsverhältnis bei Eintritt des Krankheitsfalles nicht
bereits gekündigt ist (in Art. 336c Abs. 2 Satz 2 OR geregelte
Konstellation). Der vorliegende Fall ist damit wertungsmässig gleich
gelagert, wie der in BGE 124 III 126 E. 2b beurteilte, und die Vorinstanz hat
zu Recht in Anlehnung an diese Rechtsprechung entschieden, der Kläger sei in
seinem Vertrauen darauf zu schützen, dass die Lohnfortzahlungspflicht über
den Zeitpunkt der Beendigung des Arbeitsverhältnisses hinaus bestehe.

3.
Die Berufung ist abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist. Da der Streitwert
Fr. 30'000.-- übersteigt, ist das Verfahren nicht kostenlos (Art. 343 OR).
Dem Ausgang entsprechend ist die Gerichtsgebühr der Beklagten aufzuerlegen
(Art. 156 Abs. 1 OG). Sie hat den Kläger überdies für das bundesgerichtliche
Verfahren zu entschädigen (Art. 159 Abs. 1 und 2 OG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Berufung wird abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist.

2.
Die Gerichtsgebühr von Fr. 2'500.-- wird der Beklagten auferlegt.

3.
Die Beklagte hat den Kläger für das bundesgerichtliche Verfahren mit Fr.
3'000.-- zu entschädigen.

4.
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Obergericht des Kantons Zürich, II.
Zivilkammer, schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 12. Juli 2006

Im Namen der I. Zivilabteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident:  Der Gerichtsschreiber: