Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Zivilabteilung 4C.400/2005
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{T 0/2}
4C.400/2005 /sza

Urteil vom 24. März 2006

I. Zivilabteilung

Bundesrichter Corboz, Präsident,
Bundesrichterin Rottenberg Liatowitsch,
Bundesrichter Nyffeler,
Gerichtsschreiber Gelzer.

A. ________,
Klägerin, Berufungsklägerin und Anschlussberufungsbeklagte,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Luzius Schmid,

gegen

Stiftung B.________,
Beklagte, Berufungsbeklagte und Anschlussberufungsklägerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Bernhard Korolnik.

Arbeitsvertrag; fristlose Entlassung,
Berufung gegen das Urteil des Kantonsgerichts von Graubünden, Zivilkammer,
vom 4. Juli 2005.

Sachverhalt:

A.
A. ________ (nachstehend: Klägerin) arbeitete seit dem 15. März 1995 für die
Stiftung B.________ (nachstehend: Beklagte). Die Klägerin wurde im
Reinigungsdienst einer Klinik der Beklagten beschäftigt und war der
hauswirtschaftlichen Betriebsleiterin, C.________ (nachstehnd: Vorgesetze),
unterstellt. Am Morgen des 7. April 2004 teilte die Vorgesetzte in ihrem Büro
der Klägerin mit, die Beklagte kündige ihr das Arbeitsverhältnis unter
Einhaltung der ordentlichen Kündigungsfrist per 31. Juli 2004, da die
Leistungen der Klägerin den Anforderungen nicht mehr genügten und die
Klägerin Mühe habe, Weisungen ihrer Vorgesetzten anzunehmen und zu befolgen.
Die Vorgesetzte ersuchte die Klägerin darum, das Kündigungsschreiben
entgegenzunehmen und den Empfang zu bestätigen. Die Klägerin war damit nicht
einverstanden, worauf ihr auf ihren Wunsch vorerst eine Kopie der
schriftlichen Kündigung ausgehändigt wurde. Schon bald danach zweifelte die
Vorgesetzte daran, ob das gewählte Vorgehen zweckmässig war und entschloss
sich, die Kopie von der Klägerin wieder zurückzuverlangen. Zu diesem Zweck
begab sich die Vorgesetzte zusammen mit der Personalleiterin noch am selben
Vormittag in den Trakt West, wo die Klägerin arbeitete, und forderten diese
auf, die Kopie des Kündigungsschreibens zurückzugeben. In der Folge kam es zu
einer lautstarken und handgreiflichen Auseinandersetzung, in deren Verlauf
die Klägerin ihre Vorgesetzte so fest in den Unterarm biss, dass der
Zahnabdruck einige Zeit sichtbar blieb. Alsdann verliess die Klägerin den
Arbeitsplatz, um zur Konsultation in die Praxis von Dr. med. D.________ zu
gehen. Danach kehrte die Klägerin an ihren Arbeitsplatz zurück.

Mit Schreiben vom selben Tag kündigte die Beklagte der Klägerin das
Arbeitsverhältnis mit sofortiger Wirkung. Zur Rechtfertigung machte die
Beklagte geltend, die Klägerin sei gegenüber ihren Vorgesetzten handgreiflich
geworden und habe ihren Arbeitsplatz während der ordentlichen Arbeitszeit
ohne Erlaubnis verlassen.
Mit Schreiben vom 22. April 2004 erhob die Klägerin gegenüber der Beklagten
Widerspruch gegen die fristlose Entlassung und forderte Schadenersatz in der
Höhe des ihr bis 31. Juli 2004 entgangenen Lohnes. Zudem teilte die Klägerin
mit, sie verzichte im Falle einer gütlichen Einigung auf eine zusätzliche
Entschädigung nach Art. 337c Abs. 3 OR. Die Beklagte nahm dieses Angebot
nicht an.

B.
Nach erfolglosem Sühneverfahren belangte die Klägerin die Beklagte mit
Eingabe vom 3. August 2004 beim Bezirksgericht Prättigau/Davos auf Zahlung
von Fr. 22'193.-- unter Abzug der Sozialversicherungsbeiträge auf dem Betrag
von Fr. 13'666.80 zuzüglich 5 % Zins vom Nettobetrag seit dem 23. April 2004.
Zur Begründung führte die Klägerin an, es stehe ihr auf Grund der
ungerechtfertigten fristlosen Entlassung Schadenersatz für entgangenen Lohn
während der ordentlichen Kündigungsfrist in der Höhe von Fr. 13'666.80 und
eine Entschädigung gemäss Art. 337c OR zu.

Das Bezirksgericht Prättigau/Davos erachtete die fristlose Kündigung als
gerechtfertigt und wies die Klage mit Urteil vom 3. März 2005 ab.

Die Klägerin focht dieses Urteil mit Berufung beim Kantonsgericht von
Graubünden an. Dieses kam zum Ergebnis, die fristlose Kündigung sei nicht
gerechtfertigt gewesen, weshalb der Klägerin ein Anspruch auf Lohnersatz
zustehe. Dagegen erachtete das Kantonsgericht eine Strafzahlung gemäss Art.
337c Abs. 3 OR als nicht gerechtfertigt. Entsprechend hiess das
Kantonsgericht die Berufung mit Urteil vom 4. Juli 2005 teilweise gut,
verpflichtete die Beklagte, der Klägerin, Fr. 12'386.40 zuzüglich 5 % Zins
seit dem 31. Mai 2004 und für das Verfahren vor den kantonalen Instanzen eine
reduzierte Umtriebsentschädigung von Fr. 3'700.-- einschliesslich
Mehrwertsteuer zu bezahlen.

C.
Die Klägerin erhebt eidgenössische Berufung mit den Anträgen, das Urteil des
Kantonsgerichts vom 4. Juli 2005 sei teilweise aufzuheben und die Beklagte
sei zusätzlich zu verpflichten, der Klägerin eine Entschädigung gemäss Art.
337c Abs. 3 OR von Fr. 8'198.25 zuzüglich 5 % Zins seit 7. April 2004 zu
zahlen. Die Beklagte erhebt Anschlussberufung mit der sie sinngemäss die
Aufhebung des angefochtenen Urteils und die Abweisung der Klage verlangt;
eventualiter beantragt die Beklagte die Abweisung der Berufung. Die Klägerin
schliesst auf Abweisung der Anschlussberufung.

Das Bundesgericht zieht in Erwägung:

1.
1.1 Das angefochtene Urteil ist berufungsfähig, da es eine
Zivilrechtsstreitigkeit mit einem Streitwert von über Fr. 8'000.-- betrifft
und es mit keinem ordentlichen kantonalen Rechtsmittel angefochten werden
kann (Art. 46 und Art. 48 Abs. 1 OG). Auf die form- und fristgerecht
eingereichte Berufung und Anschlussberufung ist daher einzutreten, soweit
damit zulässige Rügen erhoben werden.

1.2 Im Berufungsverfahren ist das Bundesgericht an die tatsächlichen
Feststellungen der Vorinstanz gebunden, sofern sie nicht offensichtlich auf
Versehen beruhen, unter Verletzung bundesrechtlicher Beweisvorschriften zu
Stande gekommen oder wegen fehlerhafter Rechtsanwendung im kantonalen
Verfahren zu ergänzen sind (Art. 63 Abs. 2 und 64 Abs. 2 OG). Die Partei, die
den Sachverhalt berichtigt oder ergänzt wissen will, hat darüber genaue
Angaben mit Aktenhinweisen zu machen. Eine Ergänzung setzt zudem voraus, dass
entsprechende Sachbehauptungen bereits im kantonalen Verfahren prozesskonform
aufgestellt, von der Vorinstanz aber zu Unrecht für unerheblich gehalten oder
übersehen worden sind, was wiederum näher anzugeben ist; andernfalls gelten
die Vorbringen als neu und damit als unzulässig (BGE 115 II 484 E. 2a S. 485
f.). Für eine blosse Kritik an der Beweiswürdigung der Vorinstanz ist die
Berufung nicht gegeben (BGE 127 III 248 E. 2c; 115 II 484 E. 2a S. 486).
Diese Voraussetzungen geltend auch für die Anschlussberufung.

1.3 Auf die Anschlussberufung ist nicht einzutreten, soweit die Beklagte -
ohne eine der genannten Ausnahmen von der Bindung des Bundesgerichts an die
tatsächlichen Feststellungen der Vorinstanz geltend zu machen - von einem
Sachverhalt ausgeht, der von diesen Feststellungen abweicht oder darin keine
Stütze findet. Dies gilt namentlich für die Angabe der Beklagten, die
Klägerin habe ihre Vorgesetzte ähnlich einem wilden Tier unglaublich feste
Bisse zugefügt und gegenüber mehreren Personen wild um sich geschlagen.

1.4 Die Beklagte macht geltend die Personalleiterin habe als Zeugin
ausgesagt: "So wie ich es mitbekommen habe, wollte sich die Klägerin in den
Putzraum davon begeben, wobei sie dann von Frau C.________ gehalten wurde.
Als ich mich dann gedreht hatte, waren die Handgreiflichkeiten zwischen der
Klägerin und Frau C.________ bereits im Gange". Die Personalleiterin habe
damit nur bestätigt, dass die Vorgesetzte die Klägerin möglicherweise
gehalten habe und nicht, dass die Klägerin zurückgehalten bzw. am Weggehen
gehindert worden sei.

Mit diesen Ausführungen übt die Beklagte im Berufungsverfahren unzulässige
Kritik an der vorinstanzlichen Beweiswürdigung.

2.
Die eingeklagten Ansprüche setzen voraus, dass die fristlose Kündigung ohne
wichtigen Grund ausgesprochen wurde. Ob dies zutrifft, gilt es daher vorweg
zu prüfen.

2.1 Aus wichtigen Gründen kann der Arbeitgeber wie der Arbeitnehmer jederzeit
das Arbeitsverhältnis fristlos auflösen (Art. 337 Abs. 1 OR). Als wichtiger
Grund gilt namentlich jeder Umstand, bei dessen Vorhandensein dem Kündigenden
nach Treu und Glauben die Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses nicht mehr
zugemutet werden kann (Art. 337 Abs. 2 OR). Gemäss der Rechtsprechung ist
eine fristlose Entlassung nur bei besonders schweren Verfehlungen des
Arbeitnehmers gerechtfertigt, welche einerseits objektiv geeignet sind, die
für das Arbeitsverhältnis wesentliche Vertragsgrundlage zu zerstören oder
zumindest so tiefgreifend zu erschüttern, dass dem Arbeitgeber die
Fortsetzung des Vertrags nicht mehr zuzumuten ist, und die anderseits auch
tatsächlich zu einer derartigen Zerstörung oder Erschütterung des
gegenseitigen Vertrauens geführt haben. Sind die Verfehlungen weniger
schwerwiegend, so müssen sie trotz Verwarnung wiederholt vorgekommen sein
(BGE 121 III 467 E. 4d S. 472; 117 II 560 E. 3). Ob die dem Arbeitnehmer
vorgeworfenen Pflichtverletzungen die erforderliche Schwere erreichen,
entscheidet sich dabei nicht allgemein, sondern hängt von den Umständen des
Einzelfalles ab, insbesondere von der Stellung und Verantwortung des
Arbeitnehmers sowie von der Natur und Dauer des Vertragsverhältnisses (BGE116
II 145 E. 6a S. 150; 130 III 28 E. 4.1 S. 32). Strafbare Handlungen zu Lasten
des Arbeitgebers stellen in der Regel einen wichtigen Grund zur fristlosen
Kündigung dar, wobei das Verhalten von Kaderpersonen besonders streng zu
beurteilen ist (BGE 130 III 28 E. 4.1). Tätlichkeiten gegenüber Mitarbeitern
bilden jedenfalls dann einen wichtigen Grund zur sofortigen Auflösung des
Arbeitsverhältnisses, wenn sie eine gewisse Schwere erreichen (Urteil
4P.70/1993 vom 21. Mai 1993 E. 4b). Tätlichkeiten und Beschimpfungen
gegenüber Vorgesetzten rechtfertigen in aller Regel eine fristlose
Entlassung. Auch hier können jedoch Ausnahmen zugelassen werden. So zum
Beispiel, wenn sich der Arbeitnehmer in einer aussergewöhnlichen Situation in
verständlicher Erregung befand (vgl. Staehelin, Zürcher Kommentar, N. 7 zu
Art. 337 OR). Entsprechend hat das Bundesgericht angenommen, die schwere
Beschimpfung des Vorgesetzten mit dem Begriff "Arschloch" vermöge eine
fristlose Entlassung nicht zu rechtfertigen, wenn die Arbeitgeberin durch ihr
vertrags- und gesetzwidriges Verhalten selbst zu vertreten hat, dass eine
Situation erhöhter Spannung entstand, welche sich im fraglichen Kraftausdruck
entlud (Urteil 4C.21/1998 vom 18. März 1998 E. 1b, abgedruckt in: JAR 1999 S.
282 f.; zustimmend: Rehbinder/Portmann, Basler Kommentar, 3. Aufl. N. 23 zu
Art. 337 OR).

2.2 Das Kantonsgericht führte zusammengefasst aus, am Vormittag des 7. April
2004 habe sich die Klägerin der wiederholten Aufforderungen ihrer direkten
Vorgesetzten auf Herausgabe einer der Klägerin zuvor ausgehändigten Kopie
eines Kündigungsschreibens widersetzt. Während der lautstark ausgetragenen
Meinungsverschiedenheit habe die Klägerin ihre Vorgesetzte so fest in den
Unterarm gebissen, dass der Zahnabdruck einige Zeit sichtbar geblieben sei.
Ein tätlicher Angriff dieser Art auf eine Vorgesetzte stelle eine schwere
Persönlichkeitsverletzung dar und zerstöre in aller Regel das für eine
Weiterbeschäftigung der Arbeitnehmerin erforderliche Vertrauensverhältnis. Im
vorliegenden Fall gelte es jedoch zu berücksichtigen, dass die Vorgesetzte
die Klägerin ohne sachlichen Grund dazu gedrängt habe, die ihr überlassene
Kopie des Kündigungsschreibens wieder herauszugeben. Weiter sei zu beachten,
dass die Vorgesetzte auf Grund bisheriger Erfahrungen gewusst habe, dass die
Klägerin zum Teil einen aufbrausenden Charakter habe. Dennoch habe die
Vorgesetzte, welche nach eigener Einschätzung erkannt habe, dass die Klägerin
"massive Stresssymptome" zeigte, sich dazu hinreissen lassen, die Klägerin in
einer Form an der Schulter zu berühren, welche die Personalleiterin als
eigentliches Zurückhalten verstanden habe. Obwohl die Vorgesetzte die
Berührung als Beschwichtigungsbemühung verstanden habe, habe sie damit
rechnen müssen, dass die völlig aufgebrachte Klägerin darin einen Versuch
sehen könnte, dass ihr das umstrittene Papier nunmehr mit Gewalt entrissen
werden sollte, was sie dann habe handgreiflich werden lassen. Unter diesen
Umständen hätte die Beklagte die Klägerin lediglich verwarnen und darauf
hinweisen sollen, dass ihr fristlos gekündigt werde, wenn sie während der
verbleibenden Anstellungszeit ihren Vorgesetzten gegenüber verbal oder
tätlich ausfällig werde. Auch das Verhalten der Klägerin nach der
Auseinandersetzung vermöge eine fristlose Entlassung nicht zu rechtfertigen.
Es sei einfühlbar, dass die Klägerin durch den Vorfall derart aufgewühlt
wurde, dass ihr dies körperliche Beschwerden bereitete, und sie deshalb
überstürzt den Arzt aufsuchte. Dabei sei auch verständlich, dass sie ihre
Fassung nicht sofort wieder gefunden habe und sie deshalb subjektiv nicht in
der Lage gewesen sei, bei jener Person um die Erlaubnis zum Arztbesuch
nachzufragen, mit der sie eben noch gestritten habe. Dass für die
Arztkonsultation keine im Voraus erteilte Bewilligung vorlag, habe demnach
nicht derart schwer gewogen, dass damit eine fristlose Entlassung hätte
gerechtfertigt werden können, zumal die Klägerin nach kurzer Abwesenheit
wieder an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt sei. Gesamthaft betrachtet
erscheine bei dieser Sachlage eine fristlose Kündigung als nicht
gerechtfertigt.

2.3 Die Beklagte rügt in ihrer Anschlussberufung, die Vorinstanz habe zu
Unrecht einen wichtigen Grund im Sinne von Art. 337 Abs. 1 OR verneint. Zwar
sei zutreffend, dass auch Tätlichkeiten und Beleidigungen je nach Ausmass und
Umgebung als mehr oder weniger schwerwiegend zu beurteilen seien, doch sei im
vorliegenden Fall von einem aussergewöhnlich gravierenden Vorfall auszugehen.
Bei der Begründung des besonderen Verschuldens der Klägerin geht die Beklagte
jedoch von einem Sachverhalt aus, der von den vorinstanzlichen Feststellungen
abweicht oder darin keine Stütze findet, weshalb darauf nicht abgestellt
werden kann (vgl. E. 1 hiervor). Abgesehen davon macht die Beklagte geltend,
das Berühren der Klägerin durch die Vorgesetzte, welches schlimmstenfalls als
Halten habe interpretiert werden können, habe keinesfalls ein derart
drastisches Abwehrverhalten der Klägerin entschuldigen können. Weiter sei zu
beachten, dass der Vorfall im öffentlichen Bereich des Krankenhauses
stattgefunden habe, und er auf Grund des Ruhebedürfnisses der Patienten
besonders störend gewesen sei.

2.4 Über die Frage, ob ein wichtiger Grund für eine fristlose Kündigung
vorliegt, entscheidet der Richter nach pflichtgemässem Ermessen.
Ermessensentscheide überprüft das Bundesgericht im Berufungsverfahren
grundsätzlich frei. Es übt dabei aber Zurückhaltung und schreitet nur ein,
wenn die Vorinstanz grundlos von in Lehre und Rechtsprechung anerkannten
Grundsätzen abgewichen ist, wenn sie Tatsachen berücksichtigt hat, die für
den Entscheid im Einzelfall keine Rolle hätten spielen dürfen, oder wenn sie
umgekehrt Umstände ausser Betracht gelassen hat, die zwingend hätten beachtet
werden müssen. Ausserdem greift das Bundesgericht in Ermessensentscheide ein,
falls sich diese als offensichtlich unbillig, als in stossender Weise
ungerecht erweisen (BGE 130 III 213 E. 3.1, S. 220).

2.5 Es trifft zu, dass das Kantonsgericht in seinen Ausführungen zum
wichtigen Grund nicht ausdrücklich darauf hinweist, dass die
Auseinandersetzung zwischen der Klägerin und ihrer Vorgesetzten in einem
Spital stattgefunden hat. Daraus kann jedoch nicht abgeleitet werden, das
Kantonsgericht habe diesen offensichtlichen Umstand ausser Acht gelassen.
Zudem ist zu beachten, dass die Vorgesetzte zusammen mit der Personalleiterin
die Klägerin bei ihrer Arbeit in einem Korridor aufsuchten, um von ihr die
Rückgabe des Kündigungsschreibens zu verlangen. Damit hat die Beklagte selber
das Risiko geschaffen, dass eine mögliche Auseinandersetzung einem
öffentlichen Bereich des Spitals und nicht zum Beispiel im Personalbüro
stattfindet. Ansonsten legt die Beklagte nicht dar, und dies ist auch nicht
ersichtlich, welche Umstände vom Kantonsgericht unberücksichtigt gelassen
wurden, die zwingend hätten beachtet werden müssen. Dieses hat das ihm
zustehende Ermessen nicht überschritten, wenn es annahm, die Beklagte habe es
zu verantworten, dass eine Situation erhöhter Spannung entstand, in welcher
die Beklagte glaubte, ihre Vorgesetzte wolle ihr ein umstrittenes Papier mit
Gewalt entreissen, was ausnahmsweise dazu führe, dass die als Abwehrreaktion
erfolgten Tätlichkeiten der Klägerin gegenüber ihrer Vorgesetzten keinen
wichtigen Grund zur fristlosen Kündigung setzten. Anzumerken ist jedoch, dass
ein Grenzfall vorliegt und die Ansicht der ersten Instanz, dass die fristlose
Kündigung insbesondere auf Grund des Bisses einer Vorgesetzten gerechtfertigt
war, ebenfalls vertretbar ist.

3.
3.1 Gemäss Art. 337c Abs. 3 OR kann der Richter den Arbeitgeber bei
ungerechtfertigter fristloser Kündigung verpflichten, dem Arbeitnehmer eine
Entschädigung zu bezahlen, die er nach freiem Ermessen unter Würdigung aller
Umstände festlegt. Diese Entschädigung hat sowohl Strafcharakter als auch
Genugtuungsfunktion und soll die durch ungerechtfertigte fristlose Kündigung
erlittene Persönlichkeitsverletzung des Arbeitnehmers abgelten (BGE 123 III
391 E. 3c; 123 V 5 E. 2a; 121 III 64 E. 3c; 116 II 300 E. 5a, je mit
Hinweisen). Sie hat sich entscheidend nach der Strafwürdigkeit des Verhaltens
des Arbeitgebers, der Schwere der Persönlichkeitsverletzung, dem Mass der
Widerrechtlichkeit der fristlosen Entlassung, der finanziellen Situation der
Parteien und der Schwere eines Mitverschuldens des Arbeitnehmers zu richten
(BGE 123 III 246 E. 6a S. 255, 391 E. 3b/cc und 3c ; 121 III 64 E. 3c; 120 II
243 je mit Hinweisen). In aller Regel ist eine Entschädigung geschuldet. Eine
solche ist nur zu verweigern, wenn ausserordentliche Umstände vorliegen, die
trotz ungerechtfertigter fristloser Kündigung keine Strafzahlung zu Lasten
des Arbeitgebers rechtfertigen (BGE 121 III 64 E. 3c; 120 II 243 E. 3e S.
247; 116 II 300 E. 5a). Solche Umstände können vorliegen, wenn ein im
Vergleich zum Fehlverhalten des Arbeitgebers erhebliches Fehlverhalten des
Arbeitnehmers vorliegt, das für eine fristlose Entlassung gerade noch nicht
ausreicht (Urteil 4C.326/1990 vom 1. Februar 1991, E. 3; abgedruckt in: JAR
1995, S. 221 [als E. 2]). In solchen Grenzfällen kann ein Irrtum des
Arbeitgebers über die Zulässigkeit der fristlosen Kündigung als verständlich
erscheinen und daher ein strafwürdiges Verhalten verneint und von einer
Strafzahlung abgesehen werden (vgl. Urteil 4C.67/2003 vom 5. Mai 2003 E.
4.3).
3.2 Das Kantonsgericht sprach der Klägerin keine Entschädigung gemäss Art.
337 Abs. 3 OR zu. Zur Begründung führte es aus, die Klägerin habe ihre
Vorgesetzte überraschend in den Unterarm gebissen und damit eine Überreaktion
und eine schwerwiegende Verfehlung an den Tag gelegt, welche das Ansehen der
Angegriffenen im Betrieb herabgesetzt habe, zumal weitere Klinikangestellte
anwesend gewesen seien, unter ihnen insbesondre die Leiterin des
Personalwesens. Es sei daher sehr wohl verständlich, dass diese und die
direkte Vorgesetzte der Klägerin unter dem Eindruck des Geschehenen annahmen,
sie seien berechtigt, das Arbeitsverhältnis fristlos aufzuheben. Damit wäre
unter Berücksichtigung des erheblichen Fehlverhaltens der Klägerin stossend,
wenn die Beklagte über ihre Verpflichtung hinaus, der Klägerin für beinahe
vier Monate den Verdienstausfall zu ersetzen, noch eine Strafzahlung zu
entrichten hätte.

3.3 Die Klägerin rügt in ihrer Berufung, das Kantonsgericht habe ihr zu
Unrecht keinen Anspruch auf eine Entschädigung gemäss Art. 337c Abs. 3 OR
zugesprochen. Entgegen der Annahme des Kantonsgerichts habe die Klägerin
nicht überraschend, sondern reflexartig als Abwehrreaktion auf die
Handgreiflichkeit der Vorgesetzten gebissen. Damit sei die Klägerin und nicht
die Vorgesetzte die Angegriffene gewesen, weshalb nicht gesagt werden könne,
die Klägerin habe eine Überreaktion an den Tag gelegt, die in hohem Masse
geeignet gewesen sei, das Ansehen der Angegriffenen im Betrieb zu
beeinträchtigen. Das Ansehen der Vorgesetzten sei vor allem dadurch
beeinträchtigt worden, dass vorerst sie selbst die mental viel schwächere
Klägerin tätlich angegriffen habe. Das erhebliche Fehlverhalten liege bei den
Vertretern der Beklagten und nicht bei der Klägerin. Dieser könne kein grobes
Fehlverhalten angelastet werden, welches erlaube, von einer Entschädigung
gemäss Art. 337c Abs. 3 OR abzusehen. Das Kantonsgericht habe daher
bundesrechtswidrig angenommen, es sei stossend, wenn die Arbeitgeberin noch
eine Strafzahlung zu entrichten habe.

3.4 Der Umstand, dass die Klägerin von ihrer Vorgesetzten an der Schulter
berührt bzw. zurückgehalten wurde, vermag als Abwehrreaktion einen Biss in
den Unterarm entgegen der Annahme der Klägerin nicht zu rechtfertigen. Das
Kantonsgericht ist daher zu Recht davon ausgegangen, die Klägerin habe eine
Überreaktion gezeigt. Diese ist als schwerwiegend zu qualifizieren, da ein
Biss - auch wenn er nicht zu einer Körperverletzung führt - als eine sehr
erniedrigende und ehrverletzende Handlung empfunden wird. Das Kantonsgericht
nahm daher zutreffend an, die Vorgesetzte sei in ihrem Ansehen im Betrieb
herabgesetzt worden, da Mitarbeiter die Auseinandersetzung mitverfolgt haben.
Demnach ist der Klägerin ein erhebliches Fehlverhalten anzulasten, das gemäss
der vorstehenden Erwägung für eine fristlose Entlassung gerade noch nicht
ausreicht. Unter diesen Umständen war es verständlich, dass die Beklagte
annahm, sie sei zur fristlosen Kündigung berechtigt, weshalb das
Kantonsgericht das ihm zustehende Ermessen nicht überschritten hat, wenn es
der Klägerin keine Entschädigung gemäss Art. 337c Abs. 3 OR zusprach. Damit
stellt sich die Frage nach der Höhe der Entschädigung nicht, weshalb auf die
entsprechenden Ausführungen der Klägerin nicht eingegangen zu werden braucht.

4.
Nach dem Gesagten ist die Berufung abzuweisen und die Anschlussberufung
abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist. Gemäss Art. 343 Abs. 3 OR wird
keine Gerichtsgebühr erhoben. Die Beklagte hat der Klägerin jedoch eine
reduzierte Parteientschädigung zu entrichten (Art. 159 Abs. 2 OG). Bei ihrer
Bemessung wird die Mehrwertsteuer im Rahmen des geltenden Tarifs pauschal
berücksichtigt (Urteil 2P.69/1996 vom 28. Februar 1996 E. 2, SJ 1996,
S. 275).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Berufung wird abgewiesen.

2.
Die Anschlussberufung wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten werden kann.

3.
Die Beklagte hat die Klägerin für das bundesgerichtliche Verfahren mit
Fr. 800.-- zu entschädigen.

4.
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Kantonsgericht von Graubünden,
Zivilkammer, schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 24. März 2006

Im Namen der I. Zivilabteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident:  Der Gerichtsschreiber: