Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Zivilabteilung 4C.435/2005
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4C.435/2005 /sza

Urteil vom 5. Mai 2006

I. Zivilabteilung

Bundesrichter Corboz, Präsident,
Bundesrichterin Rottenberg Liatowitsch,
Bundesrichter, Nyffeler, Favre,
Bundesrichterin Kiss,
Gerichtsschreiber Luczak.

X. ________ Versicherung,
Beklagte, Berufungsklägerin und Anschlussberufungsbeklagte, vertreten durch
Rechtsanwalt Roger Gebhard,

gegen

Y.________,
Klägerin, Berufungsbeklagte und Anschlussberufungsklägerin, vertreten durch
Fürsprecher Rudolf Gautschi.

Haftung des Motorfahrzeughalters,

Berufung gegen das Urteil des Handelsgerichts des Kantons Zürich vom 1.
November 2005.

Sachverhalt:

A.
A.a
Z.________ (Geschädigter), der Ehemann von Y.________ (Klägerin), erlitt am
Samstag, den 16. September 2000, ca. um 1.03 Uhr, als Radfahrer bei einer
Kollision mit einem Nachtbus der A.________ im Bereich
Bahnhofplatz/Bahnhofbrücke/Bahnhofquai in Zürich tödliche Verletzungen.

A.b
Vom Bahnhofplatz führen zwei Fahrspuren in Richtung Central. Im Bereich der
Verzweigung Richtung Bahnhofquai wird die Strasse dreispurig. Die rechte
Fahrspur führt geradeaus Richtung Central, während die beiden linken
Fahrspuren in Richtung Bahnhofquai abbiegen. Am rechten Rand der mittleren
Fahrspur befindet sich ein Radstreifen, der parallel zu den beiden linken
Fahrspuren in Richtung Bahnhofquai abbiegt. Links der drei Fahrspuren
verläuft parallel das Tramtrassee der Tramlinien in Richtung Central und in
Richtung Bahnhofquai. Dieses Tramtrassee wird im Streckenabschnitt
Bahnhofplatz - Bahnhofbrücke - Central gemäss einer Weisung der A.________ an
den Wochenenden nach Einstellung des fahrplanmässigen Trambetriebes vom
Nachtbus benutzt. Im Verzweigungsbereich erfolgt die Vortrittsregelung
bezüglich des in Richtung Bahnhofquai abbiegenden Verkehrs sowie des
Tramverkehrs und des vom Central her kommenden Gegenverkehrs grundsätzlich
durch eine Lichtsignalanlage, ergänzt durch einen Haltestreifen am Boden für
die Fahrspuren des linksabbiegenden Verkehrs. Vortrittssignale sind nicht
angebracht. Im Unfallzeitpunkt war die Lichtsignalanlage auf Gelbblinken
geschaltet.

A.c
Der Geschädigte befuhr in der Unfallnacht den Radstreifen und bog gegen den
Bahnhofquai ab. Dabei kollidierte er mit dem vom Bahnhofplatz auf dem
Tramtrassee herkommenden Nachtbus und wurde von der linken vorderen Busfront
erfasst. Er erlag noch am gleichen Tag seinen Kopfverletzungen. Die Klägerin
war damals im siebten Monat schwanger. Gegen die Buslenkerin wurde eine
Strafuntersuchung eingeleitet, welche jedoch in einer rechtskräftigen
Einstellungsverfügung endete.

B.
Mit Klage vom 15. September 2004 beantragte die Klägerin dem Handelsgericht
des Kantons Zürich, die X.________ Versicherung (Beklagte) als Versichererin
der Fahrzeughalterin zu verpflichten, ihr eine Genugtuung von Fr. 50'000.--
nebst Zins zu bezahlen. Die Beklagte bestritt den Anspruch unter Hinweis auf
das fehlende Verschulden der Fahrzeughalterin bzw. der Person, für welche die
Halterin einzustehen hat, und sie berief sich auf grobes Selbstverschulden
des Geschädigten. Das Handelsgericht verpflichtete die Beklagte am 1.
November 2005, der Klägerin Fr. 36'000.-- nebst Zins zu bezahlen.

C.
Die Beklagte beantragt dem Bundesgericht mit Berufung, das angefochtene
Urteil aufzuheben und die Klage abzuweisen "bzw. die Sache zur Ergänzung des
Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen;" Die Klägerin schliesst auf
kostenfällige Abweisung der Berufung und erhebt Anschlussberufung mit dem
Antrag, ihr als Genugtuung Fr. 50'000.-- zuzüglich Zins zuzusprechen. Die
Beklagte beantragt die Abweisung der Anschlussberufung.

Das Bundesgericht zieht in Erwägung:

1.
1.1 Wird durch den Betrieb eines Motorfahrzeugs ein Mensch getötet, so haftet
der Halter für den Schaden (Art. 58 Abs. 1 SVG), und er kann bei gegebenen
Voraussetzung zur Zahlung einer Genugtuung im Sinne von Art. 47 OR
verpflichtet werden (Art. 62 Abs. 1 SVG). Er wird jedoch von der Haftpflicht
befreit, wenn er beweist, dass der Unfall durch höhere Gewalt oder grobes
Verschulden des Geschädigten oder eines Dritten verursacht wurde, ohne dass
ihn selbst oder Personen, für die er verantwortlich ist, ein Verschulden
trifft oder dass fehlerhafte Beschaffenheit des Motorfahrzeuges mitgewirkt
hat (Art. 59 Abs. 1 SVG).

1.2 Im kantonalen Verfahren war unter den Parteien einerseits umstritten, ob
der Beklagten der Nachweis fehlenden Verschuldens seitens der
Fahrzeughalterin bzw. der Busfahrerin, für welche diese einzustehen hat,
gelungen ist. Strittig war ferner die Frage, ob dem Geschädigten grobes
Verschulden vorzuwerfen ist.

2.
2.1 Die Vorinstanz kam gestützt auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung (BGE
76 IV 254 E. 1 S. 256) zum Ergebnis, die Regel, wonach die Strassenbahn
grundsätzlich vortrittsberechtigt sei (Art. 38 Abs. 1 SVG) und die Regelung
über den Rechtsvortritt nach Art. 36 Abs. 2 SVG nicht zu befolgen habe, gelte
nicht für andere Fahrzeuge der öffentlichen Verkehrsbetriebe. Eine analoge
Anwendung der Ausnahmeregel komme im Übrigen auch deshalb nicht in Frage,
weil das Vortrittsrecht für Linienbusse auf den für sie ausgeschriebenen und
markierten Busstreifen abschliessend geregelt sei und sich unter Vorbehalt
abweichender Signalisation nach den allgemeinen Bestimmungen des SVG richte.
Diese gälten auch, wenn der Busstreifen ausnahmsweise mit der für das
Tramtrassee ausgeschiedenen Verkehrsfläche zusammenfalle, sei er nun als
solcher markiert oder nicht.

2.2 Inwiefern diese Ausführungen gegen Bundesrecht verstossen sollen, legt
die Beklagte in der Berufung nicht dar und ist nicht ersichtlich. Im
Folgenden ist daher davon auszugehen, dass keine Sonderregel den Bus
hinsichtlich des Vortritts bevorzugt.

3.
Die Frage, ob die A.________ zur Anweisung an die Busführer, im
Streckenabschnitt zwischen Bahnhofplatz und Central bei Nachtfahrten das
Tramtrassee zu benutzen, überhaupt befugt war, hat die Vorinstanz nicht
abschliessend beantwortet, weil sie dafür hielt, die Busführerin habe
jedenfalls das Vortrittsrecht des Radfahrers verletzt.

3.1 Die Vorinstanz hielt fest, dass es sich bei dem vom Geschädigten
befahrenen mittleren Fahrstreifen in Richtung Bahnhofquai um eine gegenüber
dem Tramstreifen gleichberechtigte Nebenstrasse handelt, welche das als
Fahrstreifen des Nachtbusses genutzte Tramtrassee im Kollisionspunkt kreuzt.
Nach Auffassung der Vorinstanz liegt deshalb eine Strassenverzweigung im
Sinne von Art. 1 Abs. 8 VRV vor, an welcher Stelle mangels anderweitiger
Signalisation nach der vortrittsrechtlichen Grundregel (Art. 36 Abs. 2 SVG)
der von rechts kommende Geschädigte gegenüber dem auf dem Tram/Busstreifen
von links kommenden Nachtbus den Vortritt hatte.

3.2 Die Beklagte bringt vor, die Vorinstanz habe mit dieser Qualifikation
Art. 36 Abs. 2 SVG und Art. 1 Abs. 8 VRV verletzt. Sie schliesst aus dem
Umstand, dass die Tram- und die dem übrigen Fahrverkehr vorbehaltenen Spuren
vom Bahnhof her zunächst in Richtung Central parallel, wenn auch teilweise
durch eine Traminsel getrennt verlaufen, es handle sich bei der
Kollisionsstelle nicht um eine Verzweigung, sondern um eine einzige Fahrspur.
Es sei davon auszugehen, dass der Geschädigte seine Richtung geändert habe,
indem er nach links abgebogen sei. Nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung (BGE 100 IV 83 E. 1 S. 84) müsse somit die Regel zum Zuge
kommen, nach welcher dem Verkehr, der seine Richtung beibehält, vor jenem,
der seine Richtung ändert, der Vorrang zukommt.

3.3 Die Vorinstanz hat offen gelassen ob die Busfahrerin berechtigt war, auf
dem Tramtrassee zu fahren. Da dessen Benutzung den Trams aber
unbestrittenermassen gestattet ist, stellt es eine Fahrbahn im Sinne von Art.
1 Abs. 4 VRV dar (BGE 100 IV 83 E. 1 S. 85).

3.3.1 Art. 1 Abs. 8 VRV fasst Kreuzungen, Gabelungen oder Einmündungen von
Fahrbahnen unter dem Oberbegriff "Verzweigungen" zusammen. Auf derartigen
Verzweigungen hat das von rechts kommende Fahrzeug den Vortritt (Art. 36 Abs.
2 SVG). Die Regel des Rechtsvortritts kommt nur zum Tragen, wenn bei einer
Strassenverzweigung die Fahrbahnen der aus verschiedenen Richtungen kommenden
Fahrzeuge nach den örtlichen Verhältnissen auch bei korrektem Fahren
notwendig zusammentreffen (BGE 129 IV 44 E. 1.2 S. 46; 93 IV 104 E. 1 S. 106,
je mit Hinweisen).

3.3.2 Gemäss Art. 36 Abs. 3 SVG ist vor dem Abbiegen nach links den
entgegenkommenden Fahrzeugen der Vortritt zu lassen. Damit wird eine im
Strassenverkehr gültige Grundregel ausgeführt, wonach der Verkehr, der seine
Richtung beibehält, vor demjenigen den Vorrang hat, der sie ändert (BGE 112
IV 91 E. 2 S. 93 mit Hinweisen). Diese Bestimmung gilt immer dann, wenn
befahrbare Strassenflächen entgegengesetzt parallel verlaufen
(Bundesgerichtsurteil 4P.62/1995 vom 20. Februar 1996 E. 2a), und zwar
unbesehen darum, ob das entgegenkommende Fahrzeug im konkreten Fall
berechtigt war, die benutzte Verkehrsfläche auch zu befahren (BGE 100 IV 83
E. 1 S. 84). Wie aus dem Wortlaut von Art. 34 Abs. 3 SVG hervorgeht, gehört
zum Abbiegen stets eine Änderung der Fahrtrichtung und ein Verlassen der
zuvor benutzten Fahrspur. Ist die Änderung der Fahrtrichtung durch den
Verlauf der Fahrbahn bedingt, kann nicht von Abbiegen gesprochen werden (vgl.
Schaffhauser, Grundriss des schweizerischen Strassenverkehrsrechts, Band I,
2. Auflage, Rz. 746, e contrario).

3.3.3 Fest steht, dass im fraglichen Bereich eine klare Vortrittsregelung
unerlässlich ist. Diese wird tagsüber durch die Lichtsignalanlage besorgt. Im
Übrigen gelten die Vorschriften über das Vortrittsrecht der Strassenbahn
(Art. 38 SVG). Bedingt durch den Trambetrieb weist die Unfallstelle
verkehrstechnisch die Besonderheit auf, dass der linksabbiegende Verkehr
nicht nur die Fahrspur allfälliger entgegenkommender Fahrzeuge kreuzt,
sondern auch diejenige von Fahrzeugen, welche ursprünglich aus der gleichen
Richtung wie die Abzweigenden kommen. Eine solche Situation ist
aussergewöhnlich, denn Linksabbieger haben sich gegen die Strassenmitte zu
halten (Art. 36 Abs. 1 SVG). Sie dürfen nur rechts überholt werden (Art. 35
Abs. 6 SVG). In Bezug auf das Tram ergibt sich daraus kein Problem. Die
Autolenker erkennen aufgrund der Schienen ohne Weiteres, dass von links oder
von rechts ein vortrittsberechtigtes Tram herankommen kann. Dagegen weist
nach den tatsächlichen Feststellungen nichts darauf hin, dass
Verkehrsteilnehmer, welchen kein absolutes Vortrittsrecht zukommt, das
Tramtrassee benutzen könnten. Diese für den vom Bahnhofplatz gegen den
Bahnhofquai fahrenden Verkehrsteilnehmer überraschende und daher
risikoträchtige Verkehrslage ist darauf zurückzuführen, dass die
Fahrzeughalterin, die A.________, ohne für eine entsprechende Signalisation
zu sorgen, ihre Buschauffeure anwies, nachts auf der betreffenden Strecke das
Tramtrassee zu benutzen.

3.3.4 Dass an der fraglichen Stelle die vom Radfahrer benutzte Fahrspur mit
dem Tramtrassee zusammentrifft, ist unbestreitbar. Die Auffassung der
Vorinstanz, welche dem Radfahrer die auf eine Kreuzung bezogenen Rechte
zugestand, erscheint in dieser besonderen Situation bundesrechtlich
vertretbar. Hier kann nicht ausschlaggebend sein, wie die sich kreuzenden
Fahrbahnen vor dem Kreuzungspunkt verliefen. Es würde zu einer zusätzlichen
gefährlichen Unsicherheit führen und dem Interesse des Strassenverkehrs an
klaren und einfachen Regeln widersprechen (BGE 108 IV 191 E. 2a S. 194; 100
IV 83 E. 1 S. 84, 94 IV 75 E. 1b S. 75), den Vortritt am Kreuzungspunkt davon
abhängig zu machen, ob die kreuzende Fahrbahn zuvor der gekreuzten entlang
oder ob sie aus einer anderen Richtung, sei es in einem rechten, spitzen oder
stumpfen Winkel heranführt und die betreffende Fahrbahn überquert.

3.3.5 Zu beachten ist zudem, dass in unklaren Situationen selbst der korrekt
fahrende Vortrittsberechtigte zu erhöhter Vorsicht verpflichtet ist (BGE 114
II 175 E. 3b S. 179). Vorliegend wurde indes die Unklarheit von der Halterin
selbst hervorgerufen. Wer aber eine unklare oder gefährliche Verkehrslage
schafft, kann nicht erwarten, dass andere diese Gefahr durch erhöhte Vorsicht
ausgleichen (BGE 118 IV 277 E. 4a S. 281 mit Hinweisen). Selbst wenn man zu
Gunsten der Beklagten davon ausgehen wollte, die Fahrbahnen seien nicht als
Kreuzung mit Rechtsvortritt zu behandeln, könnte die Beklagte daraus nichts
zu ihren Gunsten ableiten, da sie die unklare Verkehrssituation selbst zu
verantworten hat und sich die Busfahrerin deswegen dem Geschädigten gegenüber
nicht auf ein allfälliges Vortrittsrecht berufen könnte.

3.4 Nach dem Gesagten erkannte die Vorinstanz zu Recht, dass der Radfahrer
gegenüber dem Nachtbus vortrittsberechtigt war. Unter dieser Voraussetzung
wird in der Berufung zu Recht nicht mehr substanziiert in Abrede gestellt,
dass die Busführerin Art. 36 Abs. 2 SVG verletzte, indem sie dem Geschädigten
das Vortrittsrecht verweigerte. Soweit dennoch eine Verletzung von Art. 59
Abs. 1 SVG mangels vollständiger Haftungsbefreiung geltend gemacht wird, ist
die Berufung offensichtlich unbegründet, kommt doch nach Art. 59 Abs. 1 SVG
eine Haftungsbefreiung von vornherein nur für den schuldlosen Halter oder
Lenker, für welchen der Halter einstehen muss, in Frage.

4.
4.1 Nach Art. 59 Abs. 2 SVG bestimmt der Richter die Ersatzpflicht unter
Würdigung aller Umstände, wenn der Halter, der nach Abs. 1 nicht befreit
wird, beweist, dass ein Verschulden des Geschädigten beim Unfall mitgewirkt
hat. Zu den Umständen, die es zu berücksichtigen gilt, gehören namentlich die
Betriebsgefahr einerseits und das Verschulden anderseits. Als Rechtsgrundsatz
bei der Schadensberechnung ist das Verschulden Rechtsfrage und als solche vom
Bundesgericht frei zu prüfen (BGE 109 II 474 E. 3 S. 475 mit Hinweisen). Da
Art. 59 Abs. 2 SVG dem Gericht ein grosses Ermessen einräumt, übt das
Bundesgericht dabei aber Zurückhaltung und schreitet nur ein, wenn die
Vorinstanz grundlos von in Lehre und Rechtsprechung anerkannten Grundsätzen
abgegangen ist, wenn sie Tatsachen berücksichtigt hat, die für den Entscheid
im Einzelfall keine Rolle spielen dürfen, oder wenn sie umgekehrt Umstände
ausser Betracht gelassen hat, die hätten beachtet werden müssen. Es greift
ausserdem in Ermessensentscheide ein, wenn sich diese als offensichtlich
unbillig, als in stossender Weise ungerecht erweisen (BGE 132 II 117 E. 2.2.5
S. 121; 130 III 28 E. 4.1 S. 32; 213 E. 3.1 S. 220; 504 E. 4.1 S. 508, je mit
Hinweisen). Dagegen binden die tatsächlichen Feststellungen, die der
Rechtsanwendung durch das kantonale Gericht zugrunde liegen, von hier nicht
interessierenden Ausnahmen abgesehen das Bundesgericht (Art. 63 Abs. 2 OG).

4.2
4.2.1 Art und Umfang des Schadenersatzes sowie die Zusprechung einer
Genugtuung richten sich nach den Grundsätzen des Obligationenrechts
betreffend die unerlaubte Handlung (Art. 62 Abs. 1 SVG). Die Vorinstanz ist
bei der Bemessung der Genugtuung bundesrechtskonform vorgegangen, indem sie
in einem ersten Schritt eine Basisgenugtuung für den Verlust eines Ehegatten
im Vergleich zu ähnlich gelagerten Entscheiden festgesetzt und anschliessend
die weiteren Umstände, namentlich das Verschulden der Beteiligten, gewürdigt
hat (vgl. BGE 132 II 117 E. 2.2.3 S. 120; 124 III 182 E. 5 S. 187;
Bundesgerichtsurteil 6S.700/2001 vom 7. November 2002 E. 2.4).
4.2.2 Im Einzelnen hat die Vorinstanz bei der Einschätzung der immateriellen
Unbill der Klägerin beachtet, dass sie mit dem Geschädigten eine harmonische
Ehe geführt, zuvor mit diesem während über acht Jahren im Konkubinat gelebt
hatte und dass sie im Unfallzeitpunkt im siebten Monat schwanger war, welchem
Umstand die Vorinstanz besonderes Gewicht beimass. Im Vergleich mit
Entscheiden des Bundesgerichts in analog gelagerten Fällen (4C.195/2001 vom
12. März 2002; 4C.343/1996 vom 11. Juni 1997 sowie 4C.479/1994 vom 19.
Dezember 1995 publ. in Pra 85/1996 Nr. 206 S. 790 ff.) sowie mit einigen
kantonalen Entscheiden hielt die Vorinstanz angesichts des zusätzlichen, aber
nicht schweren Lenkerverschuldens der Busführerin eine "Basisgenugtuung" von
Fr. 40'000.-- auch mit Rücksicht auf die seit Erlass der erwähnten Entscheide
bis zum Unfallzeitpunkt eingetretene Teuerung für angemessen.

4.2.3 Was das von der Beklagten behauptete grobe Selbstverschulden des
Geschädigten anbelangt, erwog die Vorinstanz, ein unterlassener Kontrollblick
nach links, um sich trotz des Vortrittsrechts zu vergewissern, ob er freie
Fahrt habe, wäre dem Geschädigten bereits als Sorgfaltswidrigkeit
vorzuwerfen. Sollte er einen Kontrollblick getätigt haben, müsste er sich als
Pflichtwidrigkeit vorwerfen lassen, dass er angesichts der erkennbaren
bevorstehenden Missachtung des Vortrittsrechts durch die Busfahrerin die
Verkehrssituation falsch einschätzte und auf sein Vortrittsrecht vertraute.
Sowohl die Unterlassung des Kontrollblicks als auch die falsche Einschätzung
der vom Nachtbus gefahrenen Geschwindigkeit bzw. die Verkennung der
Gefahrensituation begründen indes nach Auffassung der Vorinstanz lediglich
ein leichtes Verschulden. Im Hinblick darauf, dass die Beklagte die
erhebliche Betriebsgefahr und das Verschulden der Busführerin, die Klägerin
das leichte Verschulden des Geschädigten zu vertreten habe, reduzierte die
Vorinstanz die Genugtuung um 10 %.

4.3
4.3.1 Die Beklagte ist der Ansicht, es sei von einem groben Verschulden bzw.
von grober Fahrlässigkeit des Geschädigten auszugehen, und zwar sowohl, was
das Unterlassen des Kontrollblicks als auch die Fehleinschätzung der
(übersetzten) Geschwindigkeit des Nachtbusses anbelangt. Sie beantragt eine
Ergänzung des Sachverhalts nach Art. 64 OG betreffend die Fragen, ob der
Geschädigte tatsächlich ohne Kontrollblick auf die Kreuzung zugefahren ist
einerseits und das Unterlassen der angemessenen Reduktion der von ihm
gefahrene Geschwindigkeit andererseits.

4.3.2 Nach ständiger Rechtsprechung hat eine Partei, die den Sachverhalt
gestützt auf Art. 64 OG ergänzt wissen will, nachzuweisen, dass die fragliche
Tatsache für die Beurteilung der Streitsache erheblich ist und bereits im
kantonalen Verfahren form- und fristgerecht behauptet und Beweis dafür
angeboten wurde (BGE 119 II 353 E. 5c/aa S. 357 mit Hinweisen). Die Beklagte
legt in der Berufung zwar dar, dass sie entsprechende Behauptungen schon vor
der Vorinstanz vorgebracht, nicht aber, welche Beweise sie dafür angeführt
hat. Unter diesem Gesichtswinkel ist bereits fraglich, ob auf den Antrag um
Sachverhaltsergänzung eingetreten werden kann. Hinzu kommt, dass der Frage
des Kontrollblicks keine selbständige Bedeutung zukommt. So oder anders hält
die Beurteilung der Vorinstanz vor Bundesgericht stand und ist in der
Fehleinschätzung des zum Vortritt berechtigten Geschädigten mit Bezug auf die
Frage, ob er die Kreuzung noch rechtzeitig vor dem herannahenden Nachtbus
würde überqueren können, keine Grobfahrlässigkeit zu erblicken. Die
Auffassung der Beklagten hätte zur Folge, dass derjenige Unfallbeteiligte,
der in Verkennung seiner Vortrittsbelastung und mangels hinlänglicher
Beachtung seiner Sichtbehinderung durch den toten Winkel mit übersetzter
Geschwindigkeit auf eine Kreuzung zufährt, milder beurteilt würde als der
Vortrittsberechtigte, der sich in der Einschätzung der Risikolage täuscht und
deshalb noch vor dem von links kommenden Fahrzeug die Kreuzung zu passieren
sucht. Ein solches Ergebnis liefe auf eine verpönte Entwertung des
Vortrittsrechts hinaus (Bussy/Rusconi, Code suisse de la circulation, 3.
Aufl., N. 3.4.1 f. zu Art. 36 SVG), ist es doch der zur Gewährung des
Vortritts Verpflichtete, der den Vortrittsberechtigten in seiner Fahrt nicht
behindern darf (Art. 14 Abs. 1 VRV). Soweit die Beklagte darauf hinweist,
dass die Vortrittssituation nicht auf Anhieb klar war, ist nicht
nachvollziehbar, inwiefern dieser Umstand das Verschulden des Geschädigten
erhöhen soll, der sein Vortrittsrecht grundsätzlich zu Recht ausgeübt hat. Im
Übrigen ist die Unklarheit einzig auf das im betreffenden Bereich unübliche
Benutzen des Tramtrassees für den Nachtbus zurückzuführen, welches die
versicherte Halterin angeordnet hat, wobei offen ist, ob sie dazu überhaupt
berechtigt war. Allfällige sich daraus ergebende Pflichten wären demnach
primär dem Verantwortungsbereich der Halterin zuzuordnen. Ebenso wenig lag es
am Geschädigten, den sichttoten Winkel des Nachtbusses in Rechnung zu
stellen, wie bereits die Vorinstanz zutreffend hervorgehoben hat (E. 2.5.7.1
am Ende). Wer eine unklare oder gefährliche Verkehrslage schafft, kann wie
bereits erwähnt nicht erwarten, dass andere diese Gefahr durch erhöhte
Vorsicht ausgleichen (BGE 118 IV 277 E. 4a S. 281 mit Hinweisen).

4.3.3 Die Beurteilung des Verschuldens des Geschädigten durch die Vorinstanz
als leicht ist aus den dargelegten Gründen bundesrechtlich in keiner Weise zu
beanstanden.

4.4 Insgesamt erweist sich die Berufung damit als unbegründet und ist
abzuweisen.

5.
In der Anschlussberufung kritisiert die Klägerin die Bemessung der
Genugtuung. Sie ist der Meinung, es sei von einem Basisbetrag von Fr.
50'000.- auszugehen, und es sei von einer Reduktion wegen Selbstverschuldens
abzusehen.

6.
6.1 Die Klägerin rügt, die Vorinstanz habe sich hinsichtlich des
Genugtuungsbetrages an der bundesgerichtlichen Rechtsprechung orientiert und
vorgegeben, die Teuerung zu berücksichtigen. In Tat und Wahrheit habe sie
dies indessen nicht getan. So habe sich der Unfall in dem
Bundesgerichtsurteil 4C.343/1996 vom 11. Juni 1997 zugrunde liegenden Falle,
wo wie vorliegend Fr. 40'000.-- Genugtuung einer schwangeren Ehefrau für den
Verlust ihres Ehemannes zugesprochen wurden, bereits im Jahre 1987 ereignet.
Um die Teuerung erhöht würde dies bis zum Jahre 2000 einen Betrag von Fr.
53'720.-- ergeben. In einem weiteren von der Vorinstanz aufgeführten Urteil
sei für einen im Jahre 1991 erlittenen Verlust einer Ehefrau eine Genugtuung
von Fr. 50'000.-- gewährt worden, was teuerungsbereinigt Fr. 58'500.--
ausmachen würde. Da die aufgezeigte Differenz immerhin 25 % betrage, habe
trotz des weiten Ermessensspielraums der Vorinstanz eine Neubeurteilung im
Sinne der beantragten Fr. 50'000.-- Platz zu greifen.

6.2 Die Rüge ist unbegründet. Die Bemessung einer Genugtuung ist eine
Billigkeitsentscheidung, bei der innerhalb gewisser Grenzen mehrere
angemessene Lösungen möglich sind (BGE 123 II 210 E. 2c S. 212 f.;
Bundesgerichtsurteil 1A.83/2002 vom 27. Juli 2002, E. 2). Wenngleich die
Genugtuung nicht allzu grosszügig, an der unteren Grenze des noch Haltbaren
bemessen sein mag, hat die Vorinstanz diese Grenzen dennoch nicht
überschritten. Die Klägerin übergeht in ihrer Argumentation, dass das
Bundesgericht im von der Vorinstanz ebenfalls herangezogenen Urteil
4C.195/2001 vom 12. März 2002 E. 7 eine Genugtuung von Fr. 40'000.-- für
einen im Jahre 1995 eingetretenen Verlust einer Ehefrau als
bundesrechtskonform erachtete. Der zugesprochene Gesamtbetrag beruht nicht
auf unmassgeblichen Kriterien und erscheint auch im Ergebnis nicht als
offensichtlich unangemessen, zumal etwa in den letzten zehn Jahren Fr.
40'000.--. übersteigende Beträge für den Verlust eines Ehegatten vornehmlich
bei vorsätzlicher Tötung zugesprochen wurden (vgl. Hütte/Ducksch, Die
Genugtuung, 3. Aufl., II/7 1998 - 2000, 4b, c, d). Insoweit ist die
Anschlussberufung unbegründet.

7.
7.1 Die Vorinstanz hat das Verschulden der Busfahrerin nicht als erheblich
oder gravierend eingestuft. Sie verkannte dabei nicht, dass die Busfahrerin
das Vortrittsrecht des Geschädigten verletzt hat, weil sie sich
fälschlicherweise im Vortritt glaubte, deshalb die Geschwindigkeit vor der
Verzweigung ungenügend angepasst und dem sichttoten Winkel keine hinreichende
Beachtung geschenkt hat. Da an der betreffenden Verzweigung die
Vortrittssituation in der damaligen Ausnahmesituation nicht auf Anhieb
eindeutig gewesen sei, erscheine ihr Verschulden jedoch in einem milderen
Lichte.

7.2 Die Klägerin macht wie bereits im kantonalen Verfahren geltend, mit der
Missachtung der Vortrittslast setze sich die Busfahrerin grundsätzlich dem
Vorwurf massiven Verschuldens, geradezu der Grobfahrlässigkeit aus. Sollte
die Busfahrerin durch eine fehlerhafte Instruktion seitens der A.________
über die Vortrittsverhältnisse getäuscht worden sein, wäre dies - anders als
im Strafverfahren - nicht zu Gunsten des Haftpflichtigen zu berücksichtigen.
Das objektiv massive Verschulden der Buslenkerin müsse mit einem Zuschlag von
10-20 % zu Buche schlagen.

7.3 Der Klägerin ist darin beizupflichten, dass sich eine allfällige
Unklarheit der Verkehrssituation an der betreffenden Stelle entgegen der
Auffassung der Vorinstanz jedenfalls nicht zu Gunsten der haftpflichtigen
Halterin auswirken kann, da die Unklarheit durch die nächtliche Benutzung der
Tramspur ohne entsprechende Signalisierung, mithin durch das Verhalten der
Haftpflichtigen selbst, hervorgerufen wurde. Dass sich nicht unter Berufung
auf eine unklare und daher risikoträchtige Verkehrssituation entlasten kann,
wer diese selbst geschaffen und nichts zu deren Klärung vorgekehrt hat,
versteht sich von selbst. Die Vorinstanz hat somit einen Umstand, der sich zu
Ungunsten des Pflichtigen auswirken müsste, zu dessen Gunsten berücksichtigt
und insoweit gegen Bundesrecht verstossen. Da es sich bei der von der
Busfahrerin verletzten Vorschrift über den Rechtsvortritt (Art. 36 Abs. 2
SVG) um eine fundamentale Regel handelt (Schaffhauser, a.a.O., Rz. 845),
deren Verletzung oft zu Unfällen führt und eine ernste Gefahr für die übrigen
Verkehrsteilnehmer bedeutet (Bussy/Rusconi, a.a.O., N. 4.5 zu Art. 90 SVG),
liegt zumindest objektiv eine grobe Verletzung von Verkehrsregeln vor (BGE
118 IV 285 E. 4 S. 290 mit Hinweisen). Dass sich die Busfahrerin allenfalls
subjektiv auf eine Unsicherheit über die Vortrittsberechtigung berufen
könnte, spielt zivilrechtlich keine Rolle, weil wie bereits dargelegt die
Unklarheit von der Halterin zu vertreten ist. Diese Grundsätze hat die
Vorinstanz ausser Acht gelassen, weshalb sich die Verschuldensbeurteilung als
bundesrechtswidrig erweist.

7.4 Bei dieser Sachlage muss das insgesamt der Halterin zurechenbare
Verschulden zu einer 10%igen Erhöhung der auf Kausalhaftpflicht beruhenden
Genugtuung führen. Zufolge der wegen des leichten Verschuldens des
Geschädigten bundesrechtskonform auf 10 % festgesetzten Reduktion hat es
demgemäss bei der  Genugtuungssumme von Fr. 40'000.-- sein Bewenden. Insoweit
ist die Anschlussberufung begründet.

8.
Nach dem Gesagten ist die Berufung abzuweisen, die Anschlussberufung
teilweise gutzuheissen, das angefochtene Urteil aufzuheben und die Beklagte
zu verpflichten, der Klägerin Fr. 40'000.-- nebst 5 % Zins seit 16. September
2000 zu bezahlen. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Gerichtskosten
zu einem Fünftel der Klägerin und zu vier Fünfteln der Beklagten
aufzuerlegen, welche überdies der Klägerin für das bundesgerichtliche
Verfahren eine reduzierte Entschädigung zu bezahlen hat.

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Berufung wird abgewiesen, die Anschlussberufung teilweise gutgeheissen,
das Urteil des Handelsgerichts des Kantons Zürich vom 1. November 2005
aufgehoben und die Beklagte verpflichtet, der Klägerin Fr. 40'000.-- nebst 5
% Zins seit 16. September 2000 zu bezahlen.

2.
Die Gerichtsgebühr von Fr. 2'500.-- wird zu 1/5 der Klägerin und zu 4/5 der
Beklagten auferlegt.

3.
Die Beklagte hat die Klägerin für das bundesgerichtliche Verfahren mit Fr.
1'800.-- zu entschädigen.

4.
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Handelsgericht des Kantons Zürich
schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 5. Mai 2006

Im Namen der I. Zivilabteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident:  Der Gerichtsschreiber: