Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

II. Zivilabteilung 5C.212/2005
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5C.212/2005 /blb

Urteil vom 25. Januar 2006
II. Zivilabteilung

Bundesrichter Raselli, Präsident,
Bundesrichterin Nordmann, Bundesrichter Marazzi,
Gerichtsschreiber Levante.

X. ________ (Ehefrau),
Berufungsklägerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Peter Kreis,

gegen

Y.________ (Ehemann),
Berufungsbeklagten,
vertreten durch Rechtsanwalt Josef Jacober.

Ehescheidung,

Berufung gegen den Entscheid des Kantonsgerichts St. Gallen, II. Zivilkammer,
vom 18. August 2005.

Sachverhalt:

A.
X. ________ und Y.________, libanesischer Staatsangehöriger, heirateten im
Januar 1997 in S.________. Im April desselben Jahres reiste der Ehemann in
die Schweiz ein, wo er heute mit Niederlassungsbewilligung lebt. Im Jahre
2000 kam der Sohn A.________ auf die Welt. Ende des Jahres 2001 trennten sich
die Eheleute. Anlässlich ihrer Trennung kamen die Eheleute darüber ein, dass
das Kind unter die Obhut der Mutter gestellt werde. Das Besuchsrecht des
Vaters wurde erheblich ausgedehnt, nachdem die Mutter ab September 2003 eine
Erwerbstätigkeit aufgenommen hatte. Im Oktober 2003 reichten die Ehegatten
das gemeinsame Scheidungsbegehren ein und verlangten jeweils die alleinige
Zuteilung der elterlichen Sorge für A.________. Mit Urteil vom 2. Juli 2004
schied das Kreisgericht St. Gallen die Eheleute. Das Kind A.________ wurde
unter die Obhut des Vaters gestellt, unter Weiterführung der
Erziehungsbeistandschaft, welche bereits die Eheschutzrichterin zur
Begleitung des väterlichen Besuchsrechtes angeordnet hatte. Das Besuchsrecht
der Mutter und die finanziellen Nebenfolgen wurden entsprechend geregelt.
Drei Tage später, am 5. Juli 2004, übertrug die Familienrichterin vorsorglich
die Obhut über A.________ dem Vater. Der Einzelrichter für Familiensachen am
Kantonsgericht St. Gallen hob diesen Entscheid am 19. August 2004 wieder auf,
um der endgültigen Entscheidung im Sorgerechtsstreit der Eltern nicht
vorzugreifen.

B.
Gegen das Scheidungsurteil erhob X.________ am 12. November 2004 Berufung mit
dem Hauptantrag, es sei das Kind A.________ in ihre elterliche Sorge zu
stellen; die übrigen Nebenfolgen sollten diesem Hauptantrag folgen.
Y.________ widersetzte sich im Hauptpunkt der Berufung. Mit Urteil vom 18.
August 2005 wies das Kantonsgericht St. Gallen die Berufung ab und bestätigte
somit die Zuweisung der elterlichen Sorge über A.________ an den Vater.

C.
X.________ führt mit Eingabe vom 26. August 2005 eidgenössische Berufung und
beantragt dem Bundesgericht im Wesentlichen, das Urteil des Kantonsgerichts
sei aufzuheben und das Kind A.________ sei unter ihre elterliche Sorge zu
stellen; die weiteren Nebenfolgen seien dem Hauptantrag entsprechend zu
regeln, wobei die Begehren mit denjenigen vor Kantonsgericht übereinstimmen.
Es ist keine Berufungsantwort eingeholt worden.

D.
Die Beiständin von A.________ hat im Laufe des Monats Dezember 2005 dem
Bundesgericht, dem Kantonsgericht St. Gallen und beiden Parteivertretern
unaufgefordert über die Situation der Berufungsklägerin berichtet und
diesbezüglich weitere Unterlagen ins Recht gelegt. Mit Schreiben vom 21.
Dezember 2005 hat der Rechtsvertreter der Berufungsklägerin den Antrag
gestellt, es seien die neuen Unterlagen nicht ins Hauptdossier zu nehmen und
in der Entscheidfindung nicht zu berücksichtigen, eventuell sei ihm Frist zur
Stellungnahme zu gewähren. Damit hat die Berufungsklägerin auf eine
Stellungnahme sinngemäss verzichtet, falls die fraglichen Akten nicht
berücksichtigt werden. Dazu haben sich weder der Berufungsbeklagte noch sein
Vertreter gemeldet.

Das Bundesgericht zieht in Erwägung:

1.
Die von der Beiständin des Kindes eingereichten Unterlagen sind in Anwendung
von Art. 55 Abs. 1 lit. c OG (vgl. auch Art. 63 Abs. 2 erster Satz OG)
unberücksichtigt geblieben (BGE 120 II 229 E. 1c S. 231).

2.
Das Bundesgericht prüft die Rechtsmittelvoraussetzungen von Amtes wegen und
mit freier Kognition, ohne an die Auffassungen der Parteien gebunden zu sein
(BGE 131 I 57 E. 1 S. 59).
Die vorliegende Berufung richtet sich vor allem gegen die Zuteilung der
elterlichen Sorge für das Kind A.________ an den Vater. Auf die eine nicht
vermögensrechtliche Zivilrechtsstreitigkeit betreffende Berufung kann
insoweit eingetreten werden (Art. 44 OG). Bezüglich der dem Kind geschuldeten
Unterhaltsbeiträge kann auf die Berufung ebenfalls eingetreten werden,
ungeachtet dessen, ob die Beiträge die Streitwertgrenze gemäss Art. 46 OG
erreichen (BGE 116 II 493 E. 2b S. 495, m.w.H.; Poudret/Sandoz-Monod,
Commentaire de la loi fédérale d'organisation judiciaire, Band II, Bern 1990,
N. 1.4 ad Art. 44 OG). Was die Unterhaltsbeiträge betrifft, welche die
Berufungsklägerin für sich persönlich beantragt, ist der Streitwert gemäss
Art. 46 OG erreicht (Art. 36 Abs. 4 OG). Auf die rechtzeitig gegen ein
kantonal letztinstanzliches Urteil eingelegte Berufung kann mit Blick auf die
Art. 54 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 OG eingetreten werden.

3.
Das Bundesgericht hat seiner Entscheidung im Berufungsverfahren die
tatsächlichen Feststellungen der Vorinstanz zugrunde zu legen, es sei denn,
sie beruhten auf einem offensichtlichen Versehen, seien unter Verletzung
bundesrechtlicher Beweisvorschriften zustande gekommen oder bedürften der
Ergänzung, weil das kantonale Gericht in fehlerhafter Rechtsanwendung einen
gesetzlichen Tatbestand nicht oder nicht hinreichend klärte, obgleich ihm
entscheidwesentliche Behauptungen und Beweisanträge rechtzeitig und in der
vorgeschriebenen Form unterbreitet worden sind (Art. 63 und 64 OG; BGE 127
III 248 E. 2c S. 252; 125 III 193 E. 1e S. 205, 368 E. 3 S. 372; 123 III 110
E. 2 S. 111; 115 II 484 E. 2a S. 285). Blosse Kritik an der Beweiswürdigung
des kantonalen Gerichts kann mit der Berufung nicht vorgebracht werden (BGE
127 III 73 E. 6a S. 81; 126 III 10 E. 2b S. 12).

4.
Strittig ist im vorliegenden Fall vor allem die Frage, unter wessen
elterliche Sorge das Kind A.________ gestellt werden soll.

4.1 Die Berufungsklägerin bringt vor, das Kantonsgericht habe mit der
Sorgerechtszuteilung an den Berufungsbeklagten gegen Art. 133 Abs. 2 ZGB
verstossen, indem es die massgebenden Kriterien falsch gewichtet habe. Sie
vertritt die Auffassung, dass sie aufgrund ihres Alters und ihrer früheren
Eheerfahrung die besseren erzieherischen Fähigkeiten habe, dass ihre
persönlichen Beziehungen zum Kinde gleich gut seien wie diejenigen des
Vaters, und dass sie - zurzeit vom Sozialamt unterstützt - die Möglichkeit
habe, das Kind persönlich rund um die Uhr zu betreuen, was beim
erwerbstätigen Vater - allein stehend, vorher nie verheiratet und Ausländer -
nicht der Fall sei. Dieser sei auf die Zuhilfenahme einer Pflegefamilie
angewiesen, über die wenig bekannt sei. Weiter bringt die Berufungsklägerin
vor, dass eine Umteilung des Sorgerechts auf den Berufungsbeklagten auch noch
einen Quartier- und Kindergartenwechsel zur Folge hätte, weshalb der
Kontinuität der Umgebung und der Stabilität der Verhältnisse besser gedient
sei, wenn das Kind bei ihr bleibe, so dass im Ergebnis die Voraussetzungen
für eine positive Entwicklung und Entfaltung des Kindes bei ihr mindestens im
gleichen Masse wie beim Kindesvater gegeben seien. Im Übrigen sei sie mit der
Gewährung eines auch ausgedehnten persönlichen Verkehrs des Kindes mit dem
Vater sehr grosszügig gewesen, obwohl letzterer sich wenig kooperativ und
kommunikativ, sondern eigenmächtig verhalten habe; jedenfalls sei anzunehmen,
dass die bestehenden emotionalen Widerstände zwischen den Parteien nach der
Scheidung abnehmen werden.

4.2 Gemäss Art. 133 Abs. 1 und 2 ZGB hat das Scheidungsgericht namentlich die
elterliche Sorge einem Elternteil zuzuteilen und dabei alle für das
Kindeswohl massgebenden Umstände zu berücksichtigen. Auf die Meinung der
Kinder ist, soweit tunlich, Rücksicht zu nehmen. Im Übrigen sind für die
Zuteilung die vom Bundesgericht in der langjährigen Rechtsprechung zum
früheren Art. 156 ZGB umschriebenen Kriterien wegleitend. Entscheidend ist
das Kindeswohl. Die Interessen der Eltern haben in den Hintergrund zu treten,
und völlig ausser Betracht zu bleiben haben vor allem emotionale Widerstände
des einen Ehegatten gegenüber dem die Scheidung begehrenden anderen Ehegatten
(BGE 115 II 206 E. 4a S. 209, 317 E. 2 S. 319; 117 II 353 E. 3 S. 354 f.).
Den Bedürfnissen der Kinder ist entsprechend ihrem Alter, ihren Neigungen und
ihrem Anspruch auf elterliche Fürsorglichkeit, Zuwendung und Erziehung
bestmöglich zu entsprechen. Als massgebliche Gesichtspunkte stehen dabei im
Vordergrund die persönlichen Beziehungen der Eltern zu den Kindern, ihre
erzieherischen Fähigkeiten und ihre Bereitschaft, die Kinder in eigener Obhut
zu haben und sie weitgehend persönlich zu betreuen und zu pflegen. Auch dem
Bedürfnis der Kinder nach der für eine harmonische Entfaltung in
körperlicher, seelischer und geistiger Hinsicht notwendigen Stabilität der
Verhältnisse ist Rechnung zu tragen (BGE 114 II 200 E. 3 S. 201 f.; 112 II
381 E. 3 S. 382 f.). Das letztgenannte Kriterium erhält bei ungefähr gleicher
Erziehungs- und Betreuungsfähigkeit besonderes Gewicht (BGE 115 II 206 E. 4a
S. 209). Bei der Beurteilung steht den kantonalen Behörden, welche die
Parteien und die Verhältnisse besser kennen als das Bundesgericht, ein
erhebliches Ermessen zu. Das Bundesgericht greift nur ein, wenn einschlägige
Kriterien grundlos ausser Betracht geblieben oder offenkundig falsch
gewichtet worden sind, oder wenn die Zuteilung auf Überlegungen abgestützt
worden ist, die unter dem Gesichtswinkel des Kindeswohls bedeutungslos sind
oder gegen die dargelegten bundesgerichtlichen Grundsätze verstossen (BGE 117
II 353 E. 3 S. 355; 115 II 317 E. 2 S. 319).

4.3 Die erwähnten Kriterien hat das Kantonsgericht wohl angewandt, ist dabei
aber zu anderen Schlussfolgerungen als die Berufungsklägerin gelangt. Bleibt
zu prüfen, ob darin eine Verletzung von Bundesrecht erblickt werden kann.

4.3.1 Gestützt auf ein eigens in Auftrag gegebenes kinderpsychologisches
Gutachten hält das Kantonsgericht fest, dass beide Elternteile eine herzliche
Beziehung zum Kind haben und sich engagiert um dieses kümmern. Eine Zeit lang
hätten sich beide Eltern etwa gleich intensiv mit A.________ beschäftigt,
seit die Mutter arbeitslos sei (Sommer 2004), lebe das Kind allerdings bei
ihr; trotzdem seien beide Elternteile für das Kind gleichermassen wichtige
Bezugspersonen geblieben, und es fühle sich an beiden Orten wohl.
Unterschiede hätten sich allerdings im Umgang der Eltern mit dem Kind und vor
allem in ihrer jeweiligen Persönlichkeit gezeigt: A.________ habe einen
sichereren Umgang mit dem Vater an den Tag gelegt als mit der Mutter, welcher
gegenüber er hingegen unausgewogener reagiere. Die Mutter wird als psychisch
labil beschrieben: Sie sei zur Veränderung wenig motiviert, neige zu
Projektionen und einseitigen Schuldzuweisungen, habe ein negatives Männerbild
entwickelt und in der Vergangenheit weder im Beruf noch im Privatleben
längerfristige Bindungen eingehen können. Anders der Vater: Bei in der
Vergangenheit konstanteren Lebensumständen habe er sich fähig gezeigt,
A.________ zu fördern und ihm gleichzeitig auch Grenzen zu setzen. Er sei
offen für die Beziehung des Kindes zur Mutter und betrachte die Ehegeschichte
mit mehr Distanz und der Fähigkeit zur Selbstkritik.

4.3.2 Das Kantonsgericht beschränkt sich nicht auf eine unkritische Übernahme
der Ergebnisse des Gutachtens, sondern erklärt im angefochtenen Entscheid
eingehend, weshalb es dieselbe Auffassung vertritt. Es weist insbesondere auf
die Grundlagen, derer sich die Gutachterin bedient hat (Akten, Gespräche mit
den Parteien und Drittpersonen, testpsychologische Untersuchungen des Kindes
sowie Beobachtungen der Eltern-Kind-Beziehung), sowie auf die
Überzeugungskraft und Nachvollziehbarkeit des Gutachtens selbst hin. Darüber
hinaus stellt das Kantonsgericht fest, dass die Schlussfolgerungen aus dem
Gutachten mit denjenigen, die sich auf anderes Beweismaterial stützen,
übereinstimmten: So habe sich die labile Persönlichkeitsstruktur der Mutter
auch aus den Arztzeugnissen, dem Bericht des früheren Beistandes sowie den
Aussagen der Berufungsklägerin gegenüber dem Kreisgericht ersehen können.
Dass es sich dabei teilweise um Umstände gehandelt habe, die aus früheren
Verfahren stammten und deshalb einige Jahre zurücklägen, ändere an deren
Aussagekraft nichts, sondern zeige hingegen, dass die Probleme bei der Mutter
schon länger andauerten und es deshalb schwierig sein dürfte, grundlegende
Veränderungen herbeizuführen. Auch die persönliche Anhörung der Mutter habe
ihre Neigung bestätigt, die Ursache für alle Probleme bei anderen zu sehen
und dem Vater fortlaufend Vorwürfe zu machen. Schliesslich unterstreicht das
Kantonsgericht, dass die Anhörung des Kindes mittels einer Fachperson und
nicht durch das Gericht durchaus zulässig, angesichts der jüngsten
Rechtsprechung (BGE 131 III 553) unter den gegebenen Umständen geradezu
geboten war; die Einholung eines Obergutachtens könne nicht damit
gerechtfertigt werden, dass die bisherigen Beweise nicht zu Gunsten der
Berufungsklägerin ausgefallen seien.

4.4 Aus dem Gesagten ergibt sich, dass das Kantonsgericht die einschlägigen,
unter dem alten Scheidungsrecht von Lehre und Rechtsprechung entwickelten und
unter dem neuen (Art. 133 Abs. 1 und 2 ZGB) verfeinerten Kriterien allesamt
berücksichtigt hat. Die weitere Würdigung der einzelnen Kriterien, wie sie
das Kantonsgericht vorgenommen hat, gibt keinen Anlass, um in das Ermessen
des kantonalen Gerichts einzugreifen.

4.4.1 Wenn das Kantonsgericht im Einzelnen ausführt, dass der
Berufungsbeklagte eine klarere Erziehungshaltung und eine engere innere
Beziehung zum Kinde habe, spricht es die persönlichen Beziehungen der Eltern
zum Kind sowie ihre erzieherischen Fähigkeiten an. Sodann wird im
angefochtenen Entscheid ausdrücklich die Bereitschaft der Eltern, das Kind in
eigener Obhut zu haben und es weitgehend persönlich zu betreuen und zu
pflegen, berücksichtigt: Das Kantonsgericht tut dies kritisch, indem es
darauf hinweist, dass vorläufig die Mutter das Kind zwar persönlich betreuen
kann, aber bei ihr spontane Entschlüsse eher zu befürchten sind, die einen
für das Kindeswohl abträglichen Milieuwechsel bewirken könnten. Es ist nicht
zu beanstanden, wenn das Kantonsgericht unter diesem Gesichtspunkt die Lage
beim Vater als vorteilhaft gewürdigt hat, der zwar auf teilweise
Fremdbetreuung angewiesen ist, dafür aber in unmittelbarer Nähe eine
geeignete Familie gefunden hat. Mit den längerfristig beständigeren und somit
vorteilhafteren Perspektiven beim Vater hat das Kantonsgericht gleichzeitig
auch das wichtige Kriterium der Stabilität der Verhältnisse gebührend
berücksichtigt.

4.4.2 Die Einwendungen der Berufungsklägerin erschöpfen sich im Wesentlichen
in einer Darstellung aus ihrer Sicht, die weitgehend auf pauschaler Kritik an
der Begründung des angefochtenen Urteils und allgemein gehaltenen
Spekulationen beruht. Bei einigen Argumenten, welche die Berufungsklägerin
vorträgt, ist nicht ersichtlich, was daraus zu ihren Gunsten abzuleiten sei,
so z.B., wenn sie zur Untermauerung ihrer erzieherischen Fähigkeiten auf die
Tatsache hinweist, dass ihre Tochter aus erster Ehe fremdplatziert wurde. Das
Gleiche gilt für den Hinweis auf ihre Abhängigkeit vom Sozialamt. Ob mit dem
letztgenannten Argument günstige längerfristige Perspektiven auf Seiten der
Berufungsklägerin vereinbar sind, braucht nicht erörtert zu werden, da das
Kantonsgericht die Fürsorgeabhängigkeit gar nicht als Umstand berücksichtigt
hat, welcher der Zuteilung der elterlichen Sorge entgegenstehe. Die
Berufungsklägerin setzt sich mit den Argumenten, die das Kantonsgericht zu
den Betreuungsmöglichkeiten beider Parteien anführt, nicht auseinander, und
den Zweifeln des Kantonsgerichts hinsichtlich der Kontinuität ihrer Umgebung
hält sie lediglich entgegen, dass sie mittlerweile von der Vorstellung, in
einen anderen Kanton umzuziehen, Abstand genommen habe. Dass dem
Kantonsgericht offensichtlich nicht so sehr dieses einmalige Ereignis zu
Besorgnis Anlass gegeben hat, sondern der Umstand, dass die Berufungsklägerin
mit spontanen Entschlüssen dem Kind einen überstürzten Wechsel des Milieus
zumuten könnte, übergeht sie. Vielmehr begnügt sie sich damit, die Eignung
der dem Vater zur Verfügung gestellten Pflegefamilie (für die Betreuung
während der Woche) in Abrede zu stellen und ihm Auswanderungsabsichten zu
unterstellen, ohne für ihre Kritik Anhaltspunkte zu liefern, welche im
angefochtenen Entscheid eine Stütze finden würden. Ebenso wenig ergeben sich
in den Sachverhaltsfeststellungen Hinweise für das Argument, dass die
emotionalen Widerstände eines Elternteils gegen den anderen, hier namentlich
der Berufungsklägerin gegenüber dem Berufungsbeklagten, sich nach der
Scheidung legen werden.

4.4.3 Im Ergebnis ist festzuhalten, dass die meisten Ausführungen der
Berufungsklägerin eine im Berufungsverfahren unzulässige Kritik an der
vorinstanzlichen Beweiswürdigung darstellen (vgl. BGE 122 III 219 E. 3c S.
223). Dies gilt namentlich für ihre Vorbringen betreffend die Stabilität
ihrer Verhältnisse, ihre Einstellung zur Scheidung und zur Beziehung von
A.________ zu seinem Vater, die Eignung der Pflegefamilie und die
Auswanderungsabsichten des Berufungsbeklagten (zur Würdigung des Gutachtens
vgl. E. 5.4). Die weiteren Vorbringen der Berufungsklägerin gehen auf die
vorinstanzliche Begründung und das zu Grunde liegende Gutachten nicht
hinreichend ein. Ihre Behauptungen sind mithin nicht plausibler abgestützt
als die beanstandete Betrachtungsweise und können folglich nicht zu einer
anderen Würdigung führen. Die Darstellung der Berufungsklägerin ist zwar
angesichts des Zerwürfnisses zwischen den Parteien verständlich, genügt aber
nicht, den Schluss auf eine falsche Handhabung der bundesrechtlichen
Kriterien zur Zuweisung des Sorgerechts für das Kind A.________ zuzulassen.

5.
Die Berufungsklägerin erhebt neben ihren Rügen betreffend die Anwendung von
Art. 133 Abs. 1 und 2 ZGB verschiedene Einwendungen formeller Natur gegen die
Vorgehensweise der Vorinstanz.

5.1 Zunächst bemängelt die Berufungsklägerin, dass das Kantonsgericht sich
durch die Bestellung eines Gutachtens von der Verantwortung dispensiert bzw.
diese quasi delegiert habe: Zumindest hätten ein Obergutachten eingeholt und
umfassende Abklärungen zu den übrigen Zuteilungskriterien angeordnet werden
müssen. Weiter hätten, unter Berücksichtigung von BGE 131 III 553 und in
pflichtgemässer Anwendung der Untersuchungsmaxime, das Kind persönlich und
zahlreiche andere Zeugen und Amtsvertreter einvernommen werden müssen.
Allgemein hätte die Würdigung des kinderpsychologischen Gutachtens besonders
sorgfältig sein müssen, und es hätten umfassende Abklärungen getätigt werden
sollen. Schliesslich wird das Gutachten ausgiebig inhaltlich kommentiert.

5.2 In der Frage der Zuteilung der elterlichen Sorge gemäss Art. 133 Abs. 1
und 2 ZGB herrscht die Untersuchungsmaxime (Art. 145 Abs. 1 ZGB). Dies
bedeutet, dass das Gericht den Sachverhalt von Amtes wegen erforscht, unter
freier Würdigung der zu diesem Zweck bedeutsam erscheinenden Elementen (vgl.
BGE 128 III 411 E. 3.2.1 S. 412). Das Gericht ist allerdings nicht gezwungen,
von Amtes wegen alle Elemente aufzunehmen, die geeignet wären, die Regelung
über die Kinder zu beeinflussen; eine Begutachtung gemäss Art. 145 Abs. 2 ZGB
ist anzuordnen, wenn sie als einziger tauglicher Beweis erscheint (vgl. BGE
112 II 381 E. 4 S. 384; Breitschmid, Basler Kommentar, Zivilgesetzbuch I, 2.
Aufl. 2002, N. 4 zu Art. 145 ZGB). Die abzunehmenden Beweise müssen
allerdings als geeignet und zur Ermittlung der wichtigen Sachverhaltselemente
erforderlich erscheinen (vgl. BGE 128 III 411 E. 3.2.1 S. 412), so dass der
Verzicht auf Abnahme anerbotener Beweise in antizipierter Würdigung derselben
weder den Untersuchungsgrundsatz (BGE 114 II 200 E. 2b S. 201) noch Art. 8
ZGB verletzt (BGE 122 III 219 E. 3c S. 223). Im Übrigen kann der begründete
Verzicht auf ein Beweismittel - konkret auf ein Obergutachten - nur mittels
staatsrechtlicher Beschwerde wegen Willkür in der Beweiswürdigung gerügt
werden (BGE 122 III 219 E. 3c S. 223; 124 I 208 E. 4a S. 211). Trotz seiner
grundsätzlichen Freiheit in der Beweiswürdigung darf das Gericht in
Fachfragen vom Gutachten nicht ohne triftige Gründe abweichen; hingegen kann
das Abstellen auf ein nicht schlüssiges Gutachten gegen das Willkürverbot
verstossen (BGE 128 I 81 E. 2 S. 86).

5.3 Aus den dargelegten Grundsätzen folgt, dass - in tatsächlicher Hinsicht -
die umfassende Diskussion des kinderpsychologischen Gutachtens durch die
Berufungsklägerin im Rahmen des hier erhobenen Rechtsmittels nicht gehört
werden kann. Ebenso wenig darf das Bundesgericht prüfen, ob die Vorinstanz
anerbotene Beweise hätte abnehmen müssen, sofern der Verzicht auf Abnahme auf
antizipierter Beweiswürdigung beruht. Auch diese Frage betrifft die freie
Würdigung des Beweisergebnisses, die nur mit Willkürrüge in einer
staatsrechtlichen Beschwerde angefochten werden kann.

5.4 Unbehelflich ist im Besonderen, wenn man die Rüge der Berufungsklägerin
als Kritik an der vorinstanzlichen Auslegung des Begriffs "nötigenfalls" in
Art. 145 Abs. 2 ZGB auffassen wollte. Das Kantonsgericht hat ein
kinderpsychiatrisches Gutachten zur Sorgerechtszuteilung eingeholt, welches
empfiehlt, das Sorgerecht für A.________ dem Berufungsbeklagten zuzuteilen,
und es ist zur Auffassung gelangt, dass sich die Einholung eines
Obergutachtens nicht aufdränge. Da der Verzicht auf ein Obergutachten auf
antizipierter Beweiswürdigung beruht, kann dieser nicht über den
Untersuchungsgrundsatz bzw. Art. 145 ZGB in der Berufung kritisiert werden.

5.5 Weiter ist festzuhalten, dass das Kantonsgericht - im Hinblick auf die
Sorgerechtszuteilung - alle relevanten Tatsachen eingehend berücksichtigt und
sorgfältig gegeneinander abgewogen hat. Sodann hält das Kantonsgericht zu
Recht fest, dass eine ergänzende Anhörung des Kindes durch das Gericht weder
geboten noch sinnvoll wäre, zumal die Berufungsklägerin nicht darlegt, worauf
ihre Überzeugung beruht, dass die Anhörung ihres noch nicht sechs Jahre alten
Kindes ohne weiteres möglich sein soll, bzw. nicht auseinander setzt,
inwiefern das Kantonsgericht die Regeln über die Anhörung des Kindes verletzt
habe (Art. 144 ZGB; BGE 127 III 295 E. 2 S. 296; 131 III 553 E. 1.2.3 S. 557,
E. 1.3 S. 558). Schliesslich legt das Kantonsgericht überzeugend dar, warum
gegen das Abstellen auf Tatsachen älteren Datums keine Bedenken angebracht
sind: Dass es sich dabei teilweise um Umstände gehandelt habe, die aus
früheren Verfahren stammten und deshalb einige Jahre zurücklägen, mindere
deren Aussagekraft nicht, sondern zeige, dass - was für die rechtliche
Beurteilung erheblich ist - die Probleme bei der Mutter schon länger
andauerten und es deshalb schwierig sein dürfte, grundlegende Veränderungen
herbeizuführen. Hingegen begründet die Berufungsklägerin ihre Beweisanträge
lediglich damit, dass ihre Abnahme auf Grund der Untersuchungsmaxime in einem
Fall, wo es so "Spitz auf Knopf" zugehe, unbedingt geboten gewesen wäre. Sie
verkennt indessen, dass der Verzicht auf die Abnahme von Beweismitteln, wenn
dieser - wie hier - auf antizipierter Beweiswürdigung beruht, nicht über den
Untersuchungsgrundsatz bzw. Art. 145 ZGB in der Berufung kritisiert werden
kann (vgl. E. 5.4); im Übrigen wäre das Abstellen auf ein nicht schlüssiges
Gutachten wegen Verletzung von Art. 9 BV mit staatsrechtlicher Beschwerde zu
rügen (BGE 128 I 81 E. 2 S. 86). Man kann im Ergebnis nicht sagen, dass das
Kantonsgericht - was die rechtliche Würdigung betrifft - das Gutachten
unkritisch übernommen und zur Grundlage seines Urteils erhoben hat. Es muss
vielmehr festgehalten werden, dass das angefochtene Urteil auf breiter
Grundlage abgestützt ist und genügend Sachverhaltselemente berücksichtigt, um
die rechtlichen Schlüsse über die Sorgerechtszuteilung zu ziehen.

6.
Die weiteren Anträge hinsichtlich der übrigen Scheidungsnebenfolgen stellt
die Berufungsklägerin für den Fall einer Änderung der Kinderzuteilung. Weil
das Hauptbegehren abgewiesen wird, werden sie gegenstandslos. Im Übrigen
hätte auf sie nicht eingetreten werden können, denn sie wurden
unzulässigerweise mittels Hinweis auf frühere Eingaben begründet (Art. 55
Abs. 1 lit. c OG).

7.
Die Berufung erweist sich, soweit auf diese überhaupt eingetreten werden
kann, als unbegründet und muss abgewiesen werden, unter Kostenfolgen zu
Lasten der Berufungsklägerin (Art. 156 Abs. 1 OG). Weil die Berufung von
vornherein als aussichtslos bezeichnet werden muss, ist das Gesuch der
Berufungsklägerin um unentgeltliche Rechtspflege für das Verfahren vor dem
Bundesgericht abzuweisen (Art. 152 Abs. 1 OG). Da der Berufungsbeklagte nicht
aufgefordert wurde, eine Antwort einzureichen, sind ihm vor Bundesgericht
keine Kosten erwachsen; folglich ist ihm keine Entschädigung zuzusprechen
(Art. 159 Abs. 1 OG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Berufung wird abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist.

2.
Das Gesuch der Berufungsklägerin um unentgeltliche Rechtspflege wird
abgewiesen.

3.
Die Gerichtsgebühr von Fr. 1'500.-- wird der Berufungsklägerin auferlegt.

4.
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Kantonsgericht St. Gallen, II.
Zivilkammer, schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 25. Januar 2006

Im Namen der II. Zivilabteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident:  Der Gerichtsschreiber: