Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

II. Zivilabteilung 5C.307/2005
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5C.307/2005 /bnm

Urteil vom 19. Mai 2006
II. Zivilabteilung

Bundesrichter Raselli, Präsident,
Bundesrichterinnen Escher, Hohl,
Gerichtsschreiberin Scholl.

X. ________,
Klägerin und Berufungsklägerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Peter M. Studer,

gegen

Y.________,
Beklagte und Berufungsbeklagte,
vertreten durch Rechtsanwalt Andreas C. Huwyler,

Dienstbarkeit; Nachbarrecht,

Berufung gegen das Urteil des Obergerichts des Kantons Zug, Zivilrechtliche
Abteilung, vom 23. November 2004.

Sachverhalt:

A.
X. ________ ist Eigentümerin der Parzelle GS 1 in der Gemeinde A.________.
Y.________ gehört die nördlich davon gelegene, durch eine
Erschliessungsstrasse getrennte Nachbarparzelle GS 2. Im Grundbuch sind seit
dem 12. Juli 1983 zu Gunsten und zu Lasten der beiden Liegenschaften unter
anderem folgende Dienstbarkeiten eingetragen: "Verbot von zusätzlichen
Fenstern" und "Pflanzhöhebeschränkung". Anfangs 1999 liess Y.________ an
ihrem Haus in der südlichen, gegen die Liegenschaft von X.________
gerichteten Fassade zusätzliche Fenster einbauen.

B.
B.aAm 30. August 2002 reichte X.________ beim Kantonsgericht Zug gegen
Y.________ Klage ein und beantragte, diese sei zu verpflichten, sämtliche
nach dem 12. Juli 1983 auf ihrer Liegenschaft eingebauten Fenster,
insbesondere an der südlichen Hausfassade, zu entfernen und den
ursprünglichen Zustand wieder herzustellen. Y.________ beantragte daraufhin
widerklageweise, X.________ sei zu verpflichten, den Baum auf der
nordöstlichen Seite von deren Grundstück auf die erlaubte Höhe
zurückzuschneiden sowie Hallenbadfenster zu entfernen. Mit Urteil vom 12. Mai
2004 verpflichtete das Kantonsgericht Zug Y.________, sämtliche anlässlich
des Umbaus im Frühling/ Sommer 1999 an der südlichen Hausfassade ihrer
Liegenschaft zusätzlich eingebauten Fenster zu entfernen und den vor diesem
Umbau herrschenden Zustand wieder herzustellen. Auf die Widerklage trat das
Kantonsgericht nicht ein.

Dagegen gelangte Y.________ an das Obergericht des Kantons Zug. Dieses hob am
23. November 2004 das kantonsgerichtliche Urteil auf, wies die Klage ab und
wies die Sache in Bezug auf die Widerklage zur Neubeurteilung an die
Vorinstanz zurück.

B.b Auf eine von X.________ gegen dieses Urteil eingereichte Berufung trat
das Bundesgericht am 30. Mai 2005 nicht ein, weil kein Endentscheid nach Art.
48 OG vorlag und nicht dargelegt wurde, inwiefern die Voraussetzungen zur
ausnahmsweisen Anfechtung eines selbstständigen Vor- oder Zwischenentscheids
erfüllt seien (Verfahren 5C.15/2005).

B.c In der Folge gelangte das Verfahren zur Behandlung der Widerklage an das
Kantonsgericht Zug zurück. Am 2. November 2005 zog Y.________ ihre Widerklage
zurück und ersuchte um Abschreibung des Verfahrens. Daraufhin schrieb das
Kantonsgericht das Verfahren mit Beschluss vom 10. November 2005 zufolge
Rückzugs am Protokoll ab.

C.
X.________ gelangt mit eidgenössischer Berufung an das Bundesgericht. Sie
verlangt die Aufhebung des Urteils des Obergerichts vom 23. November 2004 und
die Bestätigung des kantonsgerichtlichen Urteils vom 12. Mai 2004.

Y. ________ beantragt in ihrer Antwort, auf die Berufung nicht einzutreten,
eventualiter sie abzuweisen und subeventualiter, die Sache an das Obergericht
zurückzuweisen.

X. ________ ist in der gleichen Sache auch mit staatsrechtlicher Beschwerde
an das Bundesgericht gelangt (Verfahren 5P.455/2005).

Das Bundesgericht zieht in Erwägung:

1.
Wird in der gleichen Sache sowohl Berufung als auch staatsrechtliche
Beschwerde erhoben, so ist in der Regel zuerst über die staatsrechtliche
Beschwerde zu befinden und der Entscheid über die Berufung ist auszusetzen
(Art. 57 Abs. 5 OG). Im vorliegenden Fall rechtfertigt es sich indes, die
Berufung vorab zu behandeln, da sie - wie nachfolgend aufgezeigt wird -
unabhängig von den in der staatsrechtlichen Beschwerde vorgebrachten Rügen
gutzuheissen ist (BGE 117 II 630 E. 1a S. 631).

2.
Das Bundesgericht prüft von Amtes wegen und mit freier Kognition, ob und
inwieweit auf eine Berufung eingetreten werden kann (BGE 129 III 415 E. 2.1).
2.1 Nach Art. 48 Abs. 1 OG ist die Berufung in der Regel erst gegen die
Endentscheide der oberen kantonalen Gerichte zulässig. Die Berufung gegen den
Endentscheid bezieht sich unter anderem auch auf die ihm vorausgegangenen
Entscheide, welche nicht schon früher weiterziehbar waren (Art. 48 Abs. 3
OG). Im Urteil vom 23. November 2004 hat das Obergericht über die Klage
endgültig entschieden und nur die Widerklage zurückgewiesen. Es handelt sich
dabei um ein Teilurteil, das von der Klägerin seinerzeit zwar mit
eidgenössischer Berufung angefochten, vom Bundesgericht jedoch nicht
materiell beurteilt worden ist (vgl. vorstehend lit. B.b). Nachdem die
Widerklage durch Rückzug hinfällig geworden ist, kann auf die Berufung gegen
diesen Entscheid ohne weiteres eingetreten werden (Jean-François Poudret,
Commentaire de la loi fédérale d'organisation judiciaire, Bd. II 1990, N.
1.1.7.6 zu Art. 48 OG; vgl. auch BGE 121 III 214 E. 1 S. 216). Im Übrigen
handelt es sich vorliegend um eine vermögensrechtliche
Zivilrechtsstreitigkeit im Sinne von Art. 46 OG, wobei der erforderliche
Streitwert gegeben ist. Die Berufung ist zudem rechtzeitig erhoben worden.

2.2 Nicht eingetreten werden kann auf die Berufung, soweit die Klägerin die
Konnexität zwischen Klage und Widerklage bestreitet und eine Verletzung von
Art. 6 GestG rügt. Da die Beklagte ihre Widerklage zurückgezogen hat, erweist
sich diese Frage als gegenstandslos.

2.3 Die Beklagte hat weder Berufung noch Anschlussberufung erhoben. Trotzdem
rügt sie in ihrer Berufungsantwort einzelne Erwägungen des Obergerichts,
insbesondere in Bezug auf die Auslegung der Dienstbarkeit. Zu einer solchen
Kritik an einzelnen Punkten der vorinstanzlichen Urteilsbegründung ist sie
grundsätzlich befugt. Sie hat dabei die gleichen Formvorschriften zu
beachten, die für die Berufung gelten (Art. 59 Abs. 3 OG; BGE 120 II 128 E.
2a S. 129; 124 III 277 E. 2 S. 282).

3.
Vorab ist der Inhalt und Umfang der Dienstbarkeit zu klären, die als "Verbot
von zusätzlichen Fenstern" im Grundbuch eingetragen ist.

3.1 Die Beklagte bringt in ihrer Berufungsantwort vor, der Wortlaut des
Grundbucheintrags sei unklar. Im ganzen Quartier hätten immer wieder Umbauten
stattgefunden, bei denen neue Fenster eingebaut worden seien. Deshalb sei auf
den Begründungsakt abzustellen, der die Erhaltung des Sichtschutzes als
einzigen Zweck der Dienstbarkeit nenne. Der strittige Fenstereinbau habe
keine zusätzlichen Einblickmöglichkeiten auf das Grundstück und das Haus der
Klägerin zur Folge und laufe somit dem Sinn der Dienstbarkeit nicht zu wider.

3.2 Für die Ermittlung von Inhalt und Umfang einer Dienstbarkeit gibt Art.
738 ZGB eine Stufenordnung vor. Ausgangspunkt ist der Grundbucheintrag.
Soweit sich Rechte und Pflichten aus dem Eintrag deutlich ergeben, ist dieser
für den Inhalt der Dienstbarkeit massgebend (Art. 738 Abs. 1 ZGB). Nur wenn
sein Wortlaut unklar ist, darf im Rahmen des Eintrags auf den Erwerbsgrund
zurückgegriffen werden oder auf die Art, wie die Dienstbarkeit während
längerer Zeit unangefochten und in gutem Glauben ausgeübt wurde (Art. 738
Abs. 2 ZGB; BGE 128 III 169 E. 3a S. 172; 130 III 554 E. 3.1 S. 556 f.).
3.3 Wie die Vorinstanz zutreffend festgehalten hat, ist der Grundbucheintrag
"Verbot von zusätzlichen Fenstern" klar und eindeutig. Zudem stehen sich
nicht mehr die ursprünglichen Parteien des Dienstbarkeitsvertrages gegenüber.
Eine Auslegung der Dienstbarkeit nach dem Erwerbsgrund oder der Art, wie sie
ausgeübt wurde, ist damit unzulässig. Sollte der Grundbucheintrag unter
Berücksichtigung des Erwerbsgrundes als ungerechtfertigt erscheinen - wie die
Beklagte sinngemäss geltend macht - kann eine Löschung oder Abänderung nur
gestützt auf Art. 975 ZGB mittels Grundbuchberichtigungsklage verlangt werden
(BGE 123 III 461 E. 2c S. 465). Eine solche wurde nicht erhoben. Das
obergerichtliche Urteil ist damit in diesem Punkt nicht zu beanstanden.

4.
Zur Hauptsache ist einerseits strittig, ob die Klägerin auf die Dienstbarkeit
bzw. deren Ausübung verzichtet hat, und andererseits, ob sie ihr Klagerecht
wegen verzögerter Rechtsausübung verwirkt hat. Das Obergericht vermischt in
seinen Erwägungen diese Fragen zum Teil. Indes sind diese zwei
Problemstellungen auseinander zu halten und getrennt voneinander zu
beurteilen (Hans Merz, Berner Kommentar, N. 514 zu Art. 2 ZGB). Eine weitere
Frage ist, ob und inwieweit Art. 674 Abs. 3 ZGB im vorliegenden Fall analog
anwendbar ist.

5.
Zuerst ist die Frage eines konkludenten oder ausdrücklichen Verzichts zu
klären.

5.1 Ein Dienstbarkeitsberechtigter kann auf die Ausübung einer Dienstbarkeit
oder auf das dingliche Recht selbst verzichten. Dieser Verzicht ist wirksam,
wenn er vom Berechtigten bedingungs- und vorbehaltlos erklärt worden ist. Die
Äusserung des Verzichtswillens kann ausdrücklich oder stillschweigend
erfolgen, wobei konkludentes Verhalten den Willen eindeutig zum Ausdruck
bringen muss (BGE 127 III 440 E. 2a S. 442; 128 III 265 E. 4a S. 269 f.; 123
III 461 nicht publizierte E. 3a, publ. in: ZBGR 80/1999 S. 122).

5.2 Tatbeständlich erstellt ist im vorliegenden Fall (Art. 63 Abs. 2 OG),
dass die Klägerin keine Baueinsprache gegen die Baubewilligung für die
Fenster eingereicht hat. Zudem hat sie weder vor Baubeginn noch während der
Bauausführung ausdrücklich die Einhaltung der Dienstbarkeit verlangt. Während
der Bauphase kam es zu Gesprächen zwischen der Klägerin und der Architektin
der Beklagten, wobei in erster Linie über eine Bepflanzung (der neuen
Fensterfront) gesprochen wurde.

5.3 Angesichts der hohen Anforderungen, die an einen stillschweigenden
Verzicht zu stellen sind, kann allein darin, dass die Klägerin nicht sofort
gegen das Bauvorhaben opponiert hat, nicht bereits eine Einwilligung in
dieses gesehen werden. Aus den geführten Gesprächen über die Bepflanzung der
Fensterfront lässt sich keine Einwilligung ableiten, so dass allfällige
Vorbehalte und Bedingungen nicht zu prüfen sind. Eine Einigung über die
Bepflanzung kam schliesslich nicht zustande. Damit kann nicht davon
ausgegangen werden, dass die Klägerin auf die Dienstbarkeit stillschweigend
verzichtet hat.

5.4 Die Beklagte bringt in ihrer Berufungsantwort vor, die Klägerin habe ihre
Zustimmung zum Fenstereinbau nicht (nur) mit konkludentem Verhalten, sondern
auch mit ausdrücklichen Willensäusserungen erteilt. Das Kantonsgericht hat
indes gestützt auf ein Beweisverfahren festgehalten, dass der Beweis einer
ausdrücklichen Zustimmung nicht erbracht wurde. Das Obergericht hat zu diesem
Punkt nichts Gegenteiliges festgehalten. Schlussfolgerungen, welche auf
Beweiswürdigung beruhen, kann das Bundesgericht im Berufungsverfahren nicht
überprüfen (Art. 63 Abs. 2 und Art. 55 Abs. 1 lit. c OG; BGE 117 II 256 E. 2
S. 257 f.; 130 III 563 E. 3.2 S. 569). Auf die Ausführungen der Beklagten
kann damit nicht eingetreten werden.

6.
Damit ist als nächstes zu prüfen, ob die Klägerin ihren Anspruch auf
Beseitigung der Fenster wegen verspäteter Rechtsausübung verwirkt hat (Art. 2
ZGB).

6.1 Das Obergericht hat - wie bereits erwähnt - festgehalten, dass die
Klägerin weder vor Baubeginn noch während der Bauausführung die Einhaltung
der Dienstbarkeit verlangt habe. In einem Schreiben von 23. Mai 2000 habe sie
bzw. ihr Beauftragter nur darauf hingewiesen, dass der Zustand der
Bepflanzung nicht der zwischen ihr und der Architektin getroffenen
Vereinbarung entspreche, und vorgeschlagen, Wege zu diskutieren, wie das
Problem der freien Sicht und der Werteinbusse gelöst werden könne. Erst im
Schreiben von 7. Juli 2000 habe die Klägerin der Beklagten rechtliche
Schritte angedroht, sofern die Angelegenheit nicht gütlich geregelt werde.
Diese rechtlichen Schritte seien dann erst im Sommer 2002 mit dem
Sühnebegehren eingeleitet worden, mit dem die Entfernung der Fenster verlangt
worden sei. Die Klägerin habe also - wenn man das Schreiben vom 7. Juli 2000
als Einspruch gegen die Dienstbarkeit werten wolle - beinahe 1 ½ Jahre, seit
sie Kenntnis von der Bauführung gehabt habe, zugewartet, bis sie die
Dienstbarkeitsverletzung gerügt habe. Ein konkretes Begehren auf Einhaltung
der Dienstbarkeit sei sogar erst rund 3 ½ Jahre nach Baubeginn gestellt
worden. Die Klägerin habe mithin einen längeren Zeitraum ungenutzt
verstreichen lassen. Bei der Beklagten sei während dieser Zeit ein
schützenswerter Besitzstand entstanden, der durch die verspätete
Rechtsausübung zerstört werde. Der Klägerin sei zuzumuten gewesen, spätestens
nach Baubeginn die Einhaltung der Dienstbarkeit zu verlangen, um die Beklagte
von grösseren Investitionen abzuhalten. Die Klägerin habe demgemäss ihre
Klageberechtigung verwirkt.

6.2 Sachenrechtliche Abwehransprüche sind unbefristet und unverjährbar; sie
können aber unter Umständen untergehen, wenn sie zu spät geltend gemacht
werden. Eine Verwirkung wegen verspäteter Rechtsausübung ist aber nicht
leichthin anzunehmen, weil nach Art. 2 ZGB ein Recht nur dann nicht geschützt
werden darf, wenn sein Missbrauch offensichtlich ist (BGE 117 II 575 E. 4a S.
577; 131 III 581 nicht publizierte E. 3.2). Eine Verwirkung setzt voraus,
dass der Berechtigte die Verletzung seines Rechts während längerer Zeit
geduldet hat und der Verletzer, der inzwischen einen schützenswerten
Besitzstand erworben hat, in guten Treuen auf diese Untätigkeit vertrauen
durfte (BGE 88 II 145 E. 3 S. 149 f.; 127 III 357 E. 4c/bb S. 364).

6.3 Allein aus dem Umstand, dass die Klägerin keine Einsprache gegen die
Baubewilligung erhoben hat, konnte die Beklagte noch nicht in guten Treuen
schliessen, diese toleriere die Dienstbarkeitsverletzung. Zudem ist von
wesentlicher Bedeutung, dass die Klägerin bis zum ausdrücklichen Protest im
Jahr 2000 keineswegs vollständig untätig geblieben ist. Sie hat zwar nicht
umgehend die Einhaltung der Dienstbarkeit verlangt, erstellt sind aber
Gespräche über eine Bepflanzung der neu eingebauten Fenster. Angesichts
dieser Tatsachen kann es der Klägerin nicht als rechtsmissbräuchliches
Verhalten angerechnet werden, wenn sie eine Einhaltung der Dienstbarkeit erst
verlangt hat, nachdem eine Einigung über die Bepflanzung nicht erzielt werden
konnte. Mit Hinblick darauf erscheint auch die Zeitspanne von 1 ½ Jahren
nicht als unverhältnismässig lange.

Im vorliegenden Fall geht es zudem auch nicht um eine "vergessene"
Dienstbarkeit (vgl. Hinweis bei Peter Liver, Zürcher Kommentar, N. 226 zu
Art. 737 ZGB), vielmehr ist nach dem Sachverhalt davon auszugehen, dass sich
die Beklagte des Bestands der Dienstbarkeit bewusst gewesen ist. Wenn sie
sich daher auf ihre getätigten Investitionen beruft, ist ihr
entgegenzuhalten, dass es in erster Linie an ihr gelegen hätte, sich vorab
der ausdrücklichen und vorbehaltlosen Einwilligung der Klägerin zu versichern
(BGE 88 II 145 E. 3 S. 150; 104 II 86 E. 3f S. 92) - wie sie es bei anderen
betroffenen Nachbarn offenbar auch getan hat.

Zusammenfassend ist damit festzuhalten, dass angesichts der konkreten
Umstände die Beklagte nicht in guten Treuen darauf vertrauen konnte, die
Klägerin dulde die Verletzung der Dienstbarkeit, und der Klägerin ist auch
keine verzögerte Rechtsausübung vorzuwerfen, die zu einer Verwirkung ihres
Klagerechts führen würde. Die Berufung erweist sich insofern als begründet.

7.
Strittig ist weiter die (analoge) Anwendung von Art. 674 Abs. 3 ZGB.

7.1 Das Obergericht hat offen gelassen, ob Art. 674 Abs. 3 ZGB auf Bauten,
welche in Verletzung einer Dienstbarkeit errichtet wurden, anwendbar sei.
Indes hat es die zu dieser Bestimmung entwickelten Grundsätze - namentlich
zur Frage der Rechtzeitigkeit des Einspruchs - trotzdem sinngemäss
angewendet.

7.2 Für den Fall eines unberechtigten Überbaus, gegen den der Verletzte, für
den die Situation erkennbar geworden ist, nicht rechtzeitig Einspruch erhoben
hat, sieht Art. 674 Abs. 3 ZGB  vor, dass dem Überbauenden, der sich in gutem
Glauben befindet, gegen angemessene Entschädigung das dingliche Recht auf den
Überbau oder das Eigentum am Boden zugewiesen werden kann, sofern es die
Umstände rechtfertigen. In BGE 83 II 201 E. 3 hat es das Bundesgericht
ausdrücklich abgelehnt, diese Bestimmung analog auf die Verletzung einer
Dienstbarkeit im Sinne von Art. 737 ZGB anzuwenden. Gegen diesen Entscheid
ist in der Literatur teilweise Kritik erwachsen (vgl. Peter Liver, Die
privatrechtliche Rechtsprechung des Bundesgerichts 1957, ZBJV 1959 S. 28 ff.;
Arthur Meier-Hayoz, Berner Kommentar, N. 22 zu Art. 674 ZGB).

7.3 Es kann offen bleiben, ob an der Rechtsprechung von BGE 83 II 201
festzuhalten ist, da die Voraussetzungen von Art. 674 Abs. 3 ZGB hier ohnehin
nicht erfüllt sind. Erforderlich gemäss dieser Bestimmung ist der gute Glaube
des Bauenden. Dieses Erfordernis soll verhindern, dass ein Grundeigentümer,
der wissentlich über die Grenze baut, auf die Untätigkeit des Nachbarn
spekuliert und daraus einen Nutzen zieht (Arthur Meier-Hayoz, a.a.O., N. 65
zu Art. 674 ZGB). Ob sich aus den von der Vorinstanz verbindlich
festgestellten Umständen (Art. 63 Abs. 2 OG) der gute Glaube einer Person
ableiten lässt, stellt eine im Berufungsverfahren zu prüfenden Rechtsfrage
dar.

Im vorliegenden Fall fehlt es am guten Glauben der Beklagten. Diese hat - wie
oben erwähnt - die Dienstbarkeit, welche den Einbau neuer Fenster verbietet,
gekannt. Auf Grund der Umstände (vgl. E. 6.3 oben) hat sie auch nicht davon
ausgehen können, die Klägerin sei mit dem Fenstereinbau einverstanden.

Damit kann auch offen bleiben, wie eine analoge Anwendung von Art. 674 Abs. 3
ZGB überhaupt prozessual vorzubringen wäre. In einem nicht publizierten
Urteil hat das Bundesgericht nämlich festgehalten, dieser Anspruch könne
nicht mittels Einrede, sondern nur in Form einer Klage bzw. Widerklage
geltend gemacht werden (Urteil des Bundesgerichts 5C.193/1988 vom 8. Juni
1989, E. 4). Eine solche hat die Beklagte vorliegend indes nicht erhoben.

8.
Die Beklagte hatte im kantonalen Verfahren vor Obergericht noch geltend
gemacht, die Rechtsausübung der Klägerin sei unnütz und interessenlos, weil
durch den Einbau der Fenster kein zusätzlicher Einblick auf ihr Grundstück
erfolge, vor dem sie geschützt werden solle. Das Obergericht hat im
angefochtenen Entscheid diese Frage offen gelassen, da es die Klage wegen
verzögerter Rechtsausübung ohnehin als verwirkt angesehen hat. Die Beklagte
beantragt vor Bundesgericht im Rahmen eines Eventualantrages die Rückweisung
der Sache an die Vorinstanz zur Beurteilung der Frage der unnützen oder
schikanösen Rechtsausübung.

Auf eine Rückweisung kann indes verzichtet werden. Denn mit dieser Rüge
stellt die Beklagte einerseits erneut den Umfang und Inhalt der Dienstbarkeit
in Frage. Zu diesem Punkt kann auf das Gesagte (vgl. E. 3 oben) verwiesen
werden. Im Übrigen regelt nicht Art. 2 ZGB, sondern Art. 736 ZGB den Fall, da
eine Dienstbarkeit für das berechtigte Grundstück alles Interesse verloren
hat oder im Vergleich zur Belastung von unverhältnismässig geringer Bedeutung
ist (Max Baumann, Zürcher Kommentar, N. 369 zu Art. 2 ZGB). Eine Ablösung der
Dienstbarkeit hat die Beklagte indes nicht verlangt.

9.
Damit ist die Berufung gutzuheissen, soweit darauf eingetreten werden kann,
und das angefochtene Urteil ist in Bezug auf die Klageabweisung aufzuheben.
Die Klage ist im Sinne des kantonsgerichtlichen Urteils gutzuheissen.

Bei diesem Ausgang des Verfahrens wird die Beklagte kosten- und
entschädigungspflichtig (Art. 156 Abs. 1 und Art. 159 Abs. 2 OG). Für die
Neuregelung der Kosten- und Entschädigungsfrage des kantonalen Verfahrens
wird die Sache zudem an die Vorinstanz zurückgewiesen.

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Berufung wird gutgeheissen, soweit darauf einzutreten ist, und die
Ziffern 1, 2, 4 und 5 des Urteils des Obergerichts des Kantons Zug vom 23.
November 2004 werden aufgehoben.

Die Beklagte wird verpflichtet, sämtliche anlässlich des Umbaus im
Frühling/Sommer 1999 an der südlichen Hausfassade der Liegenschaft  in
A.________, GS 2, zusätzlich eingebauten Fenster zu entfernen und mit Bezug
auf diese Fenster den vor diesem Umbau herrschenden Zustand wieder
herzustellen.

2.
Die Gerichtsgebühr von Fr. 2'500.-- wird der Beklagten auferlegt.

3.
Die Beklagte hat die Klägerin für das bundesgerichtliche Verfahren mit Fr.
3'500.-- zu entschädigen.

4.
Die Sache wird zur Neuregelung der Kosten- und Entschädigungsfolgen des
kantonalen Verfahrens an die Vorinstanz zurückgewiesen.

5.
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Obergericht des Kantons Zug,
Zivilrechtliche Abteilung, schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 19. Mai 2006

Im Namen der II. Zivilabteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident:  Die Gerichtsschreiberin: