Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

II. Zivilabteilung 5C.56/2005
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5C.56/2005 /sza

Urteil vom 15. Juli 2005
II. Zivilabteilung

Bundesrichter Raselli, Präsident,
Bundesrichterin Nordmann, Bundesrichter Meyer,
Bundesrichterin Hohl, Bundesrichter Marazzi,
Gerichtsschreiber von Roten.

1. A. F.________,
2.B. F.________,
3.C. F.________,
4.D. F.________,
5.E. F.________,
Beklagte und Berufungskläger,
alle vertreten durch Fürsprecher Mark Ineichen,

gegen

1.O. S.________,
2.P. S.________,
3.Q. S.________,
4.R. S.________,
Kläger und Berufungsbeklagte,
alle vertreten durch Rechtsanwalt Jean-Charles Bornet.

Erbvertrag; Ungültigkeitsklage,

Berufung gegen das Urteil des Kantonsgerichts Wallis, Zivilgerichtshof I, vom
19. Januar 2005.

Sachverhalt:

A.
X. ________ lebte und arbeitete als Maschinenzeichner in Zürich. Seine Ferien
verbrachte er regelmässig im Wallis. Ab 1999 hielt er sich dauernd in
Y.________ auf, woselbst er bereits im Juni 1994 von A. F.________ eine 3
½-Zimmer-Wohnung gemietet hatte. Die Wohnung befand sich im Gebäude des
Hotels H.________, das die Ehegatten A. und B. F.________ als Familienbetrieb
führten (Einzelfirma). X.________ hatte Anteil am Leben der Familie
F.________. Er wusste auch um die finanziellen Schwierigkeiten des
Hotelbetriebs.

Am 21. November 1997 schlossen X.________ und die Ehegatten F.________ einen
Darlehensvertrag. X.________ gewährte ein Darlehen von Fr. 300'000.--für eine
feste Dauer von fünf Jahren. Nach Ablauf der Frist verlängerte sich der
Vertrag unter Vorbehalt seiner Kündigung jeweils um ein Jahr. Die Ehegatten
F.________ verpflichteten sich, das Darlehen mit 3.5 % zu verzinsen. Der Zins
wurde mit der Miete verrechnet, die X.________ für die 3 ½-Zimmer-Wohnung an
A. F.________ zahlen musste. Die Restschuld an Miete betrug damit noch Fr.
300.-- im Jahr. Die Mittel für das Darlehen entnahm X.________ seinem
Guthaben der beruflichen Vorsorge, das er vorgängig aufgelöst hatte und im
Betrag von Fr. 300'000.-- auf ein Konto von B. F.________ und für den Rest
von knapp Fr. 72'000.-- auf ein eigenes Konto überweisen liess.

X. ________ und A. F.________ unterzeichneten am 29. Dezember 2001 ein
"Absichtserklärung" genanntes Schriftstück. X.________ erklärte und
bestätigte darin "seinen festen und freien Willen, sein Darlehen ...
zweckgebunden für die betriebliche Führung in der Einzelfirma Hotel
H.________ ... zu belassen und bei der Umwandlung der bestehenden Einzelfirma
... in eine Hotel H.________ AG in Form von Aktien zur Verfügung zu stellen".
Die genauen vertragsspezifischen Bedingungen bei der Umwandlung in eine
Aktiengesellschaft sollten in einem späteren Zeitpunkt festgelegt werden.

B.
Am 2. Februar 2002 unterzeichneten X.________ und die Ehegatten F.________
sowie deren Kinder C. F.________, D. F.________ und E. F.________ einen
öffentlich beurkundeten "Erbvertrag" (S. 1) bzw. einen "Erbvertrag i.S.
Rente" (S. 2). In "I. Vorbemerkungen" wurde auf das bestehende Darlehen und
auf die geplante Umwandlung der Einzelfirma Hotel H.________ in eine
Aktiengesellschaft hingewiesen. Das bisher den Ehegatten F.________ gewährte
Darlehen sollte neu den drei Geschwistern F.________ zur Verfügung gestellt
werden verbunden mit deren Verpflichtung, den Betrag als Aktienkapital
einzuschiessen und X.________ als Gegenleistung eine lebenslange Rente zu
gewähren, die in der Zurverfügungstellung einer - der bisherigen oder einer
vergleichbaren - 3 ½-Zimmer-Wohnung bestehen sollte. Zur vertraglichen
Regelung schlossen die Parteien eine Vereinbarung mit folgendem Wortlaut:
"II.  Vertragsbestimmungen
1.Das den Eheleuten A. und B. F.________ gewährte Darlehen von Fr. 300'000.--
wird im gegenseitigen Einverständnis per sofort aufgelöst.

2. Herr X.________ verzichtet auf eine Rückzahlung dieses Darlehens. Er
stellt den Betrag von Fr. 300'000.-- den Geschwistern D., C. und E.
F.________ zur Verfügung. Der Betrag bleibt weiterhin als Darlehen im Hotel
H.________.

3. Die Geschwister D., C. und E. F.________ verpflichten sich, den Betrag von
Fr. 300'000.-- der zu einem späteren Zeitpunkt zu gründenden
Aktiengesellschaft als Aktienkapital zur Verfügung zu stellen.

4. Die Geschwister D., C. und E. F.________ garantieren Herrn X.________ eine
lebenslange Rente, indem sie ihm eine 3 ½-Zimmerwohnung in Y.________
entsprechend den ortsüblichen Mietzinsen zur Verfügung stellen...
[Weiterführung und Übernahme des bestehenden Mietvertrags]

[Ziff. 5-7: Einzelbestimmungen betreffend Mietwohnung]
8.Beim Ableben von Herrn X.________ haben weder die Erben noch andere Dritte
Anspruch auf den Betrag von Fr. 300'000.--. Er verbleibt als Aktienkapital
oder Eigenkapital in der Gesellschaft als Gegenleistung für die
Zurverfügungstellung der Wohnung.
III.  Beurkundung
Die vorstehende Urkunde wurde von der unterzeichneten Notarin nach dem Willen
der Parteien verfasst. Diesen wurde die Urkunde von der Notarin vorgelesen
und erklärt. Die Parteien bestätigen, dass der Inhalt der Urkunde genau ihrem
Willen entspreche.

Hierauf werden herbeigerufen die beiden gesetzlich fähigen und in
bürgerlichen Ehren und Rechten stehenden Zeugen, nämlich: ...
[Namen/Wohnorte]
In Gegenwart dieser Zeugen wird die Urkunde von der Notarin datiert, von den
Parteien eigenhändig unterzeichnet, worauf auch die Notarin ihre Unterschrift
hinsetzt. ... [Ort/Datum/Unterschriften/Notarsstempel]

Wir, die unterzeichneten Zeugen bescheinigen:
1.dass die Parteien erklären, die Urkunde sei ihnen vorgelesen worden, worauf
die Notarin diese datiert und die Komparenten und die Notarin in Gegenwart
der Zeugen unterzeichnen, .... [weitere Bescheinigungen der Zeugen]
[Ort/Datum/Unterschriften der Zeugen und der Notarin/Notarsstempel]"
X.________ liess gleichentags eine letztwillige Verfügung von derselben
Notarin öffentlich beurkunden. Rund zweieinhalb Monate nach Unterzeichnung
der Urkunden musste er hospitalisiert werden. Während seines
Spitalaufenthalts hob er mit eigenhändigen Testamenten vom 7. und vom 22. Mai
2002 den Erbvertrag auf. X.________, Jahrgang 1933, starb am 7. Juni 2002 in
M.________. Gesetzliche Erben sind seine Geschwister P. S.________, O.
S.________, R. S.________ und Q. S.________.

C.
Die gesetzlichen Erben von X.________ erhoben am 20. Januar 2003 Klage gegen
die Ehegatten F.________ und deren drei Kinder. Sie begehrten zur Hauptsache,
den Erbvertrag für ungültig zu erklären und die Beklagten zur Bezahlung von
Fr. 300'000.-- nebst Zins unter solidarischer Haftbarkeit zu verurteilen. Die
Beklagten widersetzten sich den Begehren. Das Kantonsgericht Wallis,
Zivilgerichtshof I, erkannte, der Erbvertrag sei ungültig. Es verpflichtete
A. F.________, C. F.________, D. F.________ und E. F.________, den Klägern
unter solidarischer Haftbarkeit Fr. 292'800.-- nebst Zins zu erstatten
(Urteil vom 19. Januar 2005).

D.
Mit eidgenössischer Berufung beantragen die Beklagten zur Hauptsache, die
Klage abzuweisen. Das Kantonsgericht hat keine Gegenbemerkungen angebracht.
Eine Berufungsantwort ist bei den Klägern nicht eingeholt worden.

E.
Mit Urteil vom heutigen Tag hat die II. Zivilabteilung des Bundesgerichts die
gleichzeitig gegen das nämliche Urteil des Kantonsgerichts erhobene
staatsrechtliche Beschwerde der Beklagten abgewiesen, soweit darauf
eingetreten werden konnte (5P.81/2005).

Das Bundesgericht zieht in Erwägung:

1.
Das Kantonsgericht ist von einer doppelten Ungültigkeit des Erbvertrags
ausgegangen: Einerseits sei der Erbvertrag wegen eines Irrtums des Erblassers
als einseitig unverbindlich anzusehen bzw. für ungültig zu erklären und
andererseits leide der Erbvertrag an einem Formmangel, der ihn ebenfalls
ungültig mache (E. 5 und 6 S. 14 ff.). Das Kantonsgericht hat die Beklagten 1
und 3 bis 5 deshalb verpflichtet, das Darlehen des Erblassers den Klägern im
Betrag von Fr. 292'800.-- nebst Zins zu erstatten (E. 7 S. 19 f. des
angefochtenen Urteils). Erfolglos haben die Beklagten gegen die
kantonsgerichtliche Beweiswürdigung Willkürbeschwerde geführt. Im
Berufungsverfahren erheben sie keine ausnahmsweise zulässigen
Sachverhaltsrügen (Art. 63 f. OG). Gestützt auf die verbindlichen
Tatsachenfeststellungen kann das Bundesgericht in rechtlicher Hinsicht
prüfen, ob ein Erbvertrag oder ein Rechtsgeschäft unter Lebenden vorliegt (S.
10 ff. Ziff. 15-22), ob die geschlossene Vereinbarung wegen eines Formmangels
und/oder wegen eines Irrtums des Erblassers ungültig bzw. unverbindlich ist
(S. 7 ff. Ziff. 8-14 und S. 13 ff. Ziff. 23-26) und inwiefern die Beklagten
den Klägern den geforderten Betrag zu erstatten haben (S. 15 ff. Ziff. 27-33
der Berufungsschrift). Auf die grundsätzlich zulässige eidgenössische
Berufung kann eingetreten werden. Formelle Einzelfragen werden im
Sachzusammenhang zu erörtern sein.

2.
Die Beklagten machen geltend, beim streitigen Vertrag handle es sich nicht um
eine Verfügung von Todes wegen, sondern um ein Rechtsgeschäft unter Lebenden.
Die Beantwortung dieser Rechtsfrage sei entscheidend dafür, dass hier weder
die erbrechtlichen Vorschriften über Willensmängel zur Anwendung kämen noch
die erbvertragliche Form der öffentlichen Beurkundung erforderlich sei.
Formbedürftige Rechtsgeschäfte sind zuerst nach den allgemeinen Grundsätzen
auszulegen (E. 3 hiernach). In einem zweiten Schritt ist anschliessend zu
beurteilen (E. 4 hiernach), ob der nach den allgemeinen Auslegungsmethoden
ermittelte Vertragsinhalt in der gesetzlich vorgeschriebenen Form hinreichend
zum Ausdruck gebracht worden ist (BGE 122 III 361 E. 4 S. 366).

3.
Die Auslegung des als "Erbvertrag" bzw. "Erbvertrag i.S. Rente" öffentlich
beurkundeten Rechtsgeschäfts ergibt Folgendes:
3.1 Strittig ist die Abgrenzung zwischen Verfügung von Todes wegen und
Rechtsgeschäft unter Lebenden. Die von den Parteien oder der Urkundsperson
gewählte Bezeichnung des Vertrags ist dafür nicht entscheidend (BGE 129 III
664 E. 3.1 S. 667; 131 III 217 E. 3 S. 219). Welche Art von Rechtsgeschäft im
Einzelfall vorliegt, hängt davon ab, ob das Geschäft nach dem Willen der
Vertragsschliessenden dazu bestimmt ist, das Vermögen des Verpflichteten oder
erst dessen Nachlass zu belasten, bzw. in welchem Zeitpunkt die Wirkungen des
Geschäfts eintreten sollen (BGE 113 II 270 E. 2b S. 273). Massgebend ist
dabei der übereinstimmende wirkliche Wille der Parteien. Nur wenn eine
tatsächliche Willensübereinstimmung unbewiesen bleibt, sind zur Ermittlung
des mutmasslichen Willens der Parteien deren Erklärungen auf Grund des
Vertrauensprinzips so auszulegen, wie sie nach ihrem Wortlaut und
Zusammenhang sowie nach den gesamten Umständen verstanden werden durften und
mussten. Die empirische oder subjektive hat gegenüber der normativen oder
objektivierten Vertragsauslegung den Vorrang (BGE 130 III 554 E. 3.1 S. 557).
Die obligationenrechtlichen Auslegungsregeln gelangen auch auf Erbverträge
zur Anwendung (BGE 127 III 529 E. 3c S. 533; Urteil 5C.109/2004 vom 16. Juli
2004, E. 3.3.1, in: ZBJV 141/2005 S. 107 f.).

Das Kantonsgericht hat ausgeführt, die Parteien hätten an sich keinen
Erbvertrag gewünscht, sondern einen Rentenvertrag mit Leistung und
Gegenleistung (E. 3f S. 9 f.). Mehr oder anderes ergibt sich aus dem
angefochtenen Urteil dazu nicht. Das Kantonsgericht hat keinen
übereinstimmenden wirklichen Willen der Parteien festgestellt. Die Beklagten
erheben diesbezüglich keine ausnahmsweise zulässigen Sachverhaltsrügen (wie
z.B. in BGE 121 III 118 E. 4b/aa S. 123/124) und äussern sich ausschliesslich
zur juristischen Qualifikation des Rechtsgeschäfts. Unter diesen Umständen
hat die Auslegung nach dem Vertrauensprinzip zu erfolgen, die das
Bundesgericht als Rechtsfrage im Berufungsverfahren frei überprüfen kann (BGE
130 III 417 E. 3.2 S. 425 und 686 E. 4.3.1 S. 689; Urteil des Bundesgerichts
5C.11/2005 vom 27. Mai 2005, E. 3.3 und E. 3.3.1).

Der klare Wortlaut einer Vertragsklausel hat bei der Auslegung nach dem
Vertrauensprinzip den Vorrang vor weiteren Auslegungsmitteln, es sei denn,
sie erweise sich auf Grund anderer Vertragsbedingungen, dem von den Parteien
verfolgten Zweck oder weiterer Umstände als nur scheinbar klar (BGE 130 III
417 E. 3.2 S. 425; 129 III 702 E. 2.4.1 S. 707). Den wahren Sinn einer
Vertragsklausel erschliesst zudem erst der Gesamtzusammenhang, in dem sie
steht. Die Begleitumstände des Vertragsabschlusses oder die Interessenlage
der Parteien in jenem Zeitpunkt dürfen ergänzend berücksichtigt werden (BGE
128 III 265 E. 2a S. 267). Im Rahmen der objektivierten Auslegung ist auch
nicht anzunehmen, dass die Parteien eine unangemessene Lösung gewollt haben
(BGE 126 III 119 E. 2c S. 121).

3.2 Die Beklagten halten dafür, der Verzicht auf die Rückzahlung des
Darlehens in Ziff. II/2 des Vertrags sei als Schulderlass im Sinne von Art.
115 OR zu qualifizieren und Ziff. II/8 bedeute lediglich eine Ergänzung,
wonach der Verzicht auch nach dem Ableben des Erblassers wirke. Gemäss Ziff.
II/2 verzichtet der Erblasser auf die Rückzahlung des Darlehens und stellt
den Betrag den Geschwistern F.________ zur Verfügung, wobei der Betrag
weiterhin als Darlehen im Hotel H.________ bleibt. Wie die Beklagten zu Recht
hervorheben, ist zu ermitteln, ob der Verzicht des Erblassers die
Darlehensforderung untergehen lassen soll oder nur das Versprechen meint, die
Darlehensforderung nicht geltend zu machen (vgl. Gonzenbach, Basler
Kommentar, 2003, N. 3c und N. 5 f., und D. Piotet, Commentaire romand, 2003,
N. 7 und N. 22, je zu Art. 115 OR, mit Hinweisen). Verzichtserklärungen sind
nicht leichthin anzunehmen (vgl. Kramer, Berner Kommentar, 1985, N. 39 zu
Art. 18 OR; seither: BGE 118 II 139 E. 2b, nicht veröffentlicht). Der Wille
zur Aufhebung einer Forderung im Sinne von Art. 115 OR ist nicht zu vermuten
und muss klar zum Ausdruck gelangen (z.B. BGE 52 II 215 E. 5 S. 220 ff.; 109
II 327 E. 2b S. 329; 110 II 344 E. 2b S. 346).

Ziff. II/2 des Vertrags erfüllt diese Voraussetzungen nicht und kann deshalb
nach Treu und Glauben nicht im Sinne eines Schulderlasses ausgelegt werden.
Der im ersten Satz geäusserte Wille, auf die Rückzahlung des Darlehens zu
verzichten, wird durch den dritten Satz näher bestimmt, wonach der Betrag
weiterhin im Hotel H.________ bleiben soll, und zwar ausdrücklich "als
Darlehen". An der Rechtsnatur des Betrags, den der Erblasser statt den
Ehegatten neu deren drei Kindern zur Verfügung gestellt hat, sollte objektiv
nichts geändert werden und der "Verzicht" wie bis anhin darauf bezogen
bleiben, dass der Erblasser das Darlehen - in Übereinstimmung mit der rund
zwei Monate zuvor unterzeichneten Absichtserklärung - zweckgebunden für die
betriebliche Führung im Hotel H.________ belassen würde. Mehr ergibt sich aus
Ziff. II/2 der Vereinbarung nicht.

Für ihre gegenteilige Behauptung bringen die Beklagten weder tatsächliche
noch rechtliche (Auslegungs-) Argumente vor. Die Begleitumstände des
Vertragsschlusses verdeutlichen, dass der Erblasser den Beklagten zwar
durchaus wohlwollend gegenüberstand, stets aber auch auf den eigenen
wirtschaftlichen Vorteil bedacht war. Er hat in Kenntnis der wirtschaftlichen
Schwierigkeiten der Beklagten sein Darlehen zu günstigen Konditionen,
offenbar ohne weitere Sicherheiten und auf lange Sicht gewährt. Umgekehrt hat
er einen Zins verlangt, der höher gewesen ist als der für das
Vorsorgeguthaben vergütete (vgl. E. 3b S. 6 des angefochtenen Urteils). Auch
hat der Erblasser noch in der rund zwei Monate vor Abschluss des Vertrags
unterzeichneten Absichtserklärung an einem Gegenwert - Geld oder
Aktienbeteiligung - für sein Darlehen festgehalten. Mit Blick darauf kann
nicht angenommen werden, dass ein pensionierter Darlehensgeber ausgeliehene
Ersparnisse aus beruflicher Vorsorge dem Darlehensnehmer schenkt, der ihm
dafür bis anhin einen angemessenen Zins bezahlt hat, bzw. dass hier der
Erblasser mit der Schenkung der Darlehenssumme gleichsam erkauft haben will,
was er bisher schon praktisch allein aus dem Darlehenszins erhalten hat. Eine
derart unvernünftige und unangemessene Lösung kann nicht dem mutmasslichen
Parteiwillen entsprechen. Auf Grund ihres Wortlauts und der weiteren
Auslegungsmittel durfte und musste die Vertragsklausel Ziff. II/2 als
Verzicht lediglich auf die Geltendmachung der Darlehensforderung verstanden
werden.

3.3 Ziff. II/8 des Vertrags begründet dagegen die eigentliche Verfügung von
Todes wegen. Gegen die Leistung der lebenslangen Rente in vereinbarter Form
wird nicht bloss auf die Geltendmachung der Darlehensforderung zu Lebzeiten
verzichtet (Ziff. II/2), sondern das Darlehen "vermacht", d.h. im Zeitpunkt
des Ablebens zugewendet (Ziff. II/8: "Beim Ableben ... haben weder die Erben
noch andere Dritte Anspruch auf den Betrag ..."). Es kann ergänzt werden
(Art. 64 Abs. 2 OG), dass diese nahe liegende und sich aus den
Begleitumständen des Vertragsschluss geradezu aufdrängende Auslegung des
Vertrags von den Beklagten im kantonalen Verfahren selber befürwortet wurde
(z.B. S. 6 der Schlussdenkschrift, act. 493) und durch die Aussage der
Notarin bestätigt wird, die das Ganze mit dem Erblasser besprochen haben will
und am Rand eines E-Mails von Hand hingeschrieben hat, das Darlehen falle
beim Tod nicht zurück bzw. dahin (act. 370 6.A.).

Der Vertrag hat einen erbrechtlichen und einen obligationenrechtlichen Inhalt
(vgl. Urteil des Bundesgerichts C.474/1984 vom 24. September 1985, E. 1a, in:
JdT 134/1986 I S. 229). Es liegt ein Vertrag vor, dessen Klauseln allesamt
aufeinander bezogen sind. Das Erlöschen der Darlehensforderung im Zeitpunkt
des Todes ist mit der lebzeitigen Rentenleistung der Beklagten 3 bis 5 an den
Erblasser verbunden (Ziff. II/8: "als Gegenleistung für die
Zurverfügungstellung der Wohnung"), die wiederum von der Auflösung des
bisherigen Darlehens an die Beklagten 1 und 2 und der Übertragung des
Darlehens an die Beklagten 3 bis 5 abhängig ist. Die kantonsgerichtliche
Würdigung kann deshalb nicht beanstandet werden, es handle sich um einen
entgeltlichen Erbvertrag oder - mit Blick auf das festgestellte
Missverhältnis zwischen Leistung des Erblassers und Gegenleistung der
Beklagten 3 bis 5 - um einen zumindest teilweise entgeltlichen Erbvertrag
(vgl. E. 5b S. 15 f. des angefochtenen Urteils).

Aus den dargelegten Gründen muss die Berufung der Beklagten abgewiesen
werden, soweit sie darin geltend machen, es liege ein Rechtsgeschäft unter
Lebenden und kein Erbvertrag vor. Es stellt sich damit die Frage nach der
erbvertraglichen Form.

4.
Gemäss Schlussverbal hat die Notarin den Parteien den Erbvertrag vorgelesen
und erst danach die Beurkundungszeugen herbeigerufen, die bescheinigt haben,
die Parteien hätten erklärt, die Urkunde sei ihnen vorgelesen worden. In der
Tatsache, dass dem Erblasser die Urkunde nicht in Gegenwart der beiden
Zeugen, sondern vor deren Beizug vorgelesen worden ist, hat das
Kantonsgericht einen Formmangel erblickt und den Erbvertrag deshalb für
ungültig erklärt (E. 6 S. 19 des angefochtenen Urteils).

4.1 Leidet die Verfügung von Todes wegen an einem Formmangel, so wird sie
gemäss Art. 520 Abs. 1 ZGB auf erhobene Klage für ungültig erklärt. Die
Ungültigerklärung des Erbvertrags setzt somit voraus, dass die von den
Parteien eingehaltene Form nicht den gesetzlichen Vorschriften entspricht und
die Abweichung davon als Formmangel betrachtet werden muss.

"Die Verfügungsformen" (Titel des vierten Abschnitts) sind in den Art. 498
ff. ZGB geregelt. Errichtet danach der Erblasser eine letztwillige Verfügung
"mit öffentlicher Beurkundung" (Art. 498 ZGB), haben zwei Zeugen mitzuwirken
(Art. 499 ZGB). Die Mitwirkung ist verschieden je nach Art des
Beurkundungsverfahrens. Das Gesetz kennt eine sogenannte Hauptform, bei der
der Erblasser die Urkunde selbst liest und unterschreibt (Art. 500 f. ZGB),
und eine sogenannte Nebenform, bei der der Erblasser die Urkunde nicht selbst
liest und unterschreibt. Letzternfalls muss die Urkunde dem Erblasser in
Gegenwart der beiden Zeugen vorgelesen werden (Art. 502 Abs. 1 ZGB), die
unterschriftlich auch zu bestätigen haben, dass die Urkunde in ihrer
Gegenwart dem Erblasser vorgelesen worden ist (Art. 502 Abs. 2 ZGB). Das
formelle Erfordernis, dass die Zeugen beim Vorlesen der Urkunde anwesend sein
müssen, gilt nach der Rechtsprechung auch bei der praxisgemäss zulässigen
Mischform, wo der Erblasser sich die Urkunde vorlesen lässt, dann aber selbst
unterschreibt. Vorlesen der Urkunde vor Beizug und damit in Abwesenheit der
Zeugen macht die öffentliche letztwillige Verfügung ungültig (BGE 118 II 273
E. 4 und 5 S. 278 ff. mit Hinweisen auf die verschiedenen Lehrmeinungen).
Dasselbe muss für den Erbvertrag gelten, der gemäss Art. 512 Abs. 1 ZGB zu
seiner Gültigkeit - neben den Erfordernissen von Abs. 2 - der Form der
öffentlichen letztwilligen Verfügung bedarf. Die Zeugen müssen - bei
Ungültigkeitsfolge - anwesend sein, wenn sich der Erblasser den Erbvertrag
vorlesen lässt. Davon geht im Ergebnis auch die Rechtsprechung aus (z.B. BGE
66 II 99 E. 2 S. 103; 105 II 43 E. 3 S. 46), während die Meinungen in der
Lehre weiterhin geteilt sind (zustimmend, z.B. Schmid, Spezialfragen bei der
öffentlichen Beurkundung von Erbverträgen und von Eheverträgen, in:
Zeitschrift für Gesetzgebung und Rechtsprechung in Graubünden, ZGRG 1991 S.
50 ff., S. 52 Ziff. 4.3.1, und offenbar auch Ruf, Notariatsrecht, Langenthal
1995, § 38 N. 1570 S. 402; kritisch gegenüber der Rechtsprechung, z.B.
Brückner, Schweizerisches Beurkundungsrecht, Zürich 1993, S. 674 f. Anm. 72
und S. 681 ff. N. 2432-2435; Breitschmid, Revision der Formvorschriften des
Testaments: Bemerkungen zur Umsetzung der "Initiative Guinand", ZBJV 131/1995
S. 179 ff., S. 184 Ziff. 9).

Die Beklagten bringen nichts vor, was eine Überprüfung der
bundesgerichtlichen Auslegung nahelegen könnte. In der Lehre werden - soweit
ersichtlich - zudem keine Gesichtspunkte aufgezeigt, die das Bundesgericht
nicht schon in BGE 118 II 273 Nr. 54 erörtert hätte. Darauf zurückzukommen
besteht deshalb kein Anlass. Ohne Erfolg haben die Beklagten die
kantonsgerichtlichen Feststellungen zum Ablauf des Beurkundungsvorganges mit
ihrer Willkürbeschwerde angefochten (E. 2 des Urteils 5P.81/2005). Der
Erbvertrag ist hier dem Erblasser nicht in Gegenwart der beiden Zeugen
vorgelesen worden. Er leidet an einem Formmangel, der ihn ungültig macht.

4.2 Der festgestellte Formmangel bewirkt die Ungültigkeit der als
"Erbvertrag" bezeichneten Vereinbarung insgesamt, d.h. bezogen auch auf die
obligationenrechtlichen Teile. Die bereits unter Lebenden wirksamen
Vertragsbestimmungen und die Verfügung von Todes wegen stehen - wie bereits
näher ausgeführt (E. 3.3 hiervor) - im gleichen Zusammenhang und sind
miteinander verbunden, so dass der obligationenrechtliche mit der
Ungültigkeit des erbrechtlichen Teils hinfällig wird (BGE 46 II 11 E. 3 S.
16). Bei dieser Rechtslage kann namentlich dahingestellt bleiben, ob sich die
Zeugenbescheinigung hier auf beide Vertragsparteien hat beziehen müssen (vgl.
BGE 105 II 43 E. 4 S. 47 f.) und ob auch die lebzeitigen Verpflichtungen der
erbvertraglichen Form unterworfen waren (vgl. Breitschmid, Basler Kommentar,
2003, N. 6 vor Art. 494-497 ZGB, mit Hinweisen). Eine Konversion des
formungültigen Erbvertrags in eine letztwillige Verfügung fiele zudem von
vornherein ausser Betracht, weil die öffentliche letztwillige Verfügung
dieselbe Formvorschrift erfüllen muss (Art. 499 ff. ZGB) und die
Voraussetzungen einer eigenhändigen oder mündlichen letztwilligen Verfügung
(Art. 505 ff. ZGB) nicht erfüllt sind (vgl. zur Konversion: BGE 93 II 223 E.
3 S. 228). Es kann deshalb insgesamt nicht beanstandet werden, dass das
Kantonsgericht den Erbvertrag wegen Formmangels für ungültig erklärt hat. Bei
diesem Ergebnis ist auf die Frage einer Ungültigkeit des Erbvertrags wegen
Willensmangels nicht mehr einzugehen (BGE 130 III 321 E. 6 S. 328).

4.3 Mit der gerichtlichen Ungültigerklärung wegen Formmangels wird die - bis
dahin voll wirksame - Verfügung von Todes wegen "ex tunc" unwirksam. Es wird
so gehalten, wie wenn die Verfügung von Todes wegen gar nie bestanden hätte
(Druey, Grundriss des Erbrechts, 5.A. Bern 2002, § 12 N. 56, S. 167; vgl. zum
massgebenden Zeitpunkt: Forni/Piatti, Basler Kommentar, 2003, N. 29 zu Art.
519/520 ZGB, mit Hinweisen). Mit dem Dahinfallen des Erbvertrags sind bereits
erbrachte Leistungen zurückzuerstatten, und zwar auf dem Wege der
Erbschaftsklage und subsidiär der Bereicherungsklage (BGE 102 II 329 E. 5c S.
338 f.). Den Anspruch der Kläger auf Rückerstattung des Darlehens hat das
Kantonsgericht sowohl anhand der Vorschriften über die Erbschaftsklage (Art.
598 ff. ZGB) als auch nach den Bestimmungen über die ungerechtfertigte
Bereicherung (Art. 62 ff. OR) beurteilt und im Betrag von Fr. 292'800.--
nebst Zins gutgeheissen. Zur Bereicherungsklage hat es festgehalten, "die
Beklagten haben denn auch nicht eingewandt, sie seien nicht mehr bereichert"
(E. 7 S. 20). Gegen die Feststellung zum Verhalten im Prozess erheben die
Beklagten keine ausnahmsweise zulässigen Sachverhaltsrügen, sondern begründen
gestützt auf die Akten, weshalb bei den Geschwistern F.________ keine
Bereicherung eingetreten sei und sich die Klage nicht gegen sie als Beklagte
3 bis 5 habe richten können. In Anbetracht der kantonsgerichtlichen
Feststellung zum unterbliebenen Einwand fehlender Bereicherung stellt das
heutige Vorbringen der Beklagten eine neue, im Berufungsverfahren unzulässige
Bestreitung dar (Art. 55 Abs. 1 lit. c OG). Darauf kann nicht eingetreten
werden.

5.
Aus den dargelegten Gründen muss die eidgenössische Berufung insgesamt
abgewiesen werden, soweit darauf einzutreten ist. Die Beklagten werden damit
unter solidarischer Haftbarkeit kostenpflichtig (Art. 156 Abs. 1 und 7 OG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Berufung wird abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist.

2.
Die Gerichtsgebühr von Fr. 8'000.-- wird den Beklagten unter solidarischer
Haftbarkeit auferlegt.

3.
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Kantonsgericht Wallis,
Zivilgerichtshof I, schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 15. Juli 2005

Im Namen der II. Zivilabteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident:  Der Gerichtsschreiber: