Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

II. Zivilabteilung 5C.63/2005
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5C.63/2005 /bnm

Urteil vom 1. Juni 2005
II. Zivilabteilung

Bundesrichter Raselli, Präsident,
Bundesrichterinnen Nordmann, Escher, Hohl,
Bundesrichter Marazzi,
Gerichtsschreiber Möckli.

X. ________ (Ehefrau),
Klägerin und Berufungsklägerin,
vertreten durch Fürsprecher Dr. Andreas Edelmann,

gegen

Y.________ (Ehemann),
Beklagten und Berufungsbeklagten,
vertreten durch Rechtsanwältin Annegret
Lautenbach-Koch,

Abänderung des Ehescheidungsurteils,

Berufung gegen das Urteil des Obergerichts des Kantons Aargau, 1.
Zivilkammer, vom 4. Januar 2005.

Sachverhalt:

A.
Die Parteien haben die gemeinsamen Töchter V.________, geb. xxxx 1996, und
W.________, geb. xxxx 1997. Bei der Scheidung am 16. März 1999 wurden die
Töchter entsprechend dem gemeinsamen Antrag der Parteien unter die elterliche
Sorge des Vaters gestellt, weil die Mutter seinerzeit mit Drogen in Kontakt
stand und mit der Erziehung der Kinder überfordert gewesen wäre. Die Mädchen
verbringen den Tag in einem Kinderhort. Auch die Grosseltern väterlicherseits
übernehmen einen Teil der Betreuung.

In der Zwischenzeit hat sich die Mutter wieder gefangen. Sie geht einer
Erwerbsarbeit nach und hat mit ihrem neuen Partner einen gemeinsamen Sohn. An
ihrer jetzigen Erziehungsfähigkeit für V.________ und W.________ bestehen
keine Zweifel.

B.
Mit Abänderungsklage vom 1. Juli 2002 hat die Mutter die Zuteilung der
elterlichen Sorge über V.________ und W.________ verlangt. Mit Urteil vom 14.
Januar 2003 hat das Bezirksgericht Zurzach die Klage abgewiesen.

An der Appellationsverhandlung vom 30. November 2004 hat die Klägerin eine
Anhörung der Parteien und der Kinder beantragt. Das Obergericht wies diese
Verfahrensanträge sowie die Klage selbst ab.

C.
Gegen dieses Urteil hat die Klägerin am 21. Februar 2005 Berufung eingereicht
mit den Begehren um dessen Aufhebung und um Zuteilung der elterlichen Sorge
über V.________ und W.________, unter Einräumung eines Besuchsrechts an den
Beklagten und unter dessen Verurteilung zu angemessenen Unterhaltsbeiträgen.
In seiner Berufungsantwort vom 15. April 2005 hat der Beklagte auf Abweisung
der Berufung geschlossen. Beide Parteien verlangen die unentgeltliche
Rechtspflege.

Das Bundesgericht zieht in Erwägung:

1.
Die Klägerin beanstandet die unterbliebene Anhörung der Kinder und macht eine
Verletzung von Art. 144 Abs. 2 ZGB sowie von Art. 12 der
UNO-Kinderrechtskonvention (KRK, SR 0.107) geltend.

1.1 Art. 144 Abs. 2 ZGB bestimmt, dass bei Anordnungen über Kinder diese in
geeigneter Weise durch das Gericht oder durch eine beauftragte Drittperson
persönlich anzuhören sind, soweit nicht ihr Alter oder andere wichtige Gründe
dagegen sprechen. Diese Norm findet auf alle gerichtlichen Verfahren
Anwendung, in denen Kinderbelange zu regeln sind. Sie gilt demnach nicht nur
im Scheidungs-, sondern auch im Eheschutzverfahren sowie namentlich für die
vorsorglichen Massnahmen im Sinn von Art. 137 ZGB (siehe BGE 126 III 497) und
im Abänderungsverfahren nach Art. 134 ZGB.

Die Anhörung ist Ausfluss der Persönlichkeit des Kindes und somit ein
höchstpersönliches Recht (dazu insb. Schütt, Die Anhörung des Kindes im
Scheidungsverfahren, Diss. Zürich 2002, S. 50 ff.). Sobald das Kind
urteilsfähig ist, nimmt es seinen Anspruch selbst wahr; ab diesem Stadium
erhält der Gehörsanspruch die Komponente eines persönlichen
Mitwirkungsrechts, welches das Kind insbesondere berechtigt, (auch im
Verfahren seiner Eltern) die Anhörung zu verlangen, soweit es betroffen ist
(Schütt, a.a.O., S. 51 und 81 ff.; Levante, Die Wahrung der Kindesinteressen
im Scheidungsverfahren - die Vertretung des Kindes im Besonderen, Diss. St.
Gallen 2000, S. 42; Rumo-Jungo, Die Anhörung des Kindes, in: AJP 1999, S.
1579 und 1589; Bodenmann/Rumo-Jungo, Die Anhörung von Kindern, in: FamPra
2003, S. 24). Daneben dient die Anhörung unabhängig vom Alter des Kindes der
(von Amtes wegen vorzunehmenden, vgl. Art. 145 ZGB) Ermittlung des
Sachverhalts (Reusser, Die Stellung des Kindes im neuen Scheidungsrecht, in:
Vom alten zum neuen Scheidungsrecht, Bern 1999, N. 4.75; Freiburghaus,
Auswirkungen der Scheidungsrechtsrevision auf die Kinderbelange und die
vormundschaftlichen Organe, in: ZVW 1999, S. 141; Schweighauser, in:
Praxiskommentar Scheidungsrecht, Basel 2000, N. 7 zu Art. 144 ZGB; Schütt,
a.a.O., S. 52 f.), weshalb die Eltern die Anhörung des Kindes aufgrund ihrer
Parteistellung als Beweismittel anrufen können (Schütt, a.a.O., S. 51 f. und
99; vgl. auch Rumo-Jungo, a.a.O., S. 1579 und 1589; Bodenmann/ Rumo-Jungo,
a.a.O., S. S. 24). In dieser Hinsicht geht Art. 144 ZGB über Art. 12 KRK
hinaus, der ein Meinungsäusserungsrecht in allen das Kind belangenden
Verfahren gewährt, soweit dieses fähig ist, sich eine eigene Meinung zu
bilden, was nach der Lehre mit der Urteilsfähigkeit im Sinn von Art. 16 ZGB
gleichzusetzen ist (Bräm, Die Anhörung des Kindes im neuen Scheidungsrecht,
in: AJP 1999, S. 1570; vgl. auch Birchler, Die Anhörung des Kindes, in: ZVW
2000, S. 239; Schütt, a.a.O., S. 29 ff. und 68; vgl. schliesslich BGE 120 Ia
369 E. 1 S. 371).

Der im Rahmen des revidierten Scheidungsrechts am 1. Januar 2000 in Kraft
getretene Art. 144 Abs. 2 ZGB stellt im Sinn der vorstehenden Ausführungen
klar, dass Kinder grundsätzlich anzuhören sind, soweit nicht einer der beiden
Ausnahmetatbestände - Alter oder andere wichtige Gründe - gegeben ist (vgl.
namentlich: Levante, a.a.O., S. 43; Rumo-Jungo, a.a.O., S. 1581). Insofern
ist der vom Obergericht für seinen ablehnenden Entscheid angerufene BGE 122
III 401 obsolet; dieser Entscheid erging zum alten Scheidungsrecht, wo die
Kinderanhörung gesetzlich nicht vorgesehen war, aber Zuteilungswünsche
älterer Kinder aufgrund der bundesgerichtlichen Rechtsprechung in die
Entscheidfindung miteinzubeziehen waren.

1.2 Das Gesetz selbst legt nicht fest, bis zu welchem Alter von einer
Anhörung abzusehen sei; auch der Botschaft zum neuen Scheidungsrecht lässt
sich keine konkrete Alterslimite entnehmen.

1.2.1 Auch das Bundesgericht hat bislang kein Schwellenalter für die Anhörung
von Kindern festgelegt. In seiner bisherigen Rechtsprechung hat es lediglich
festgehalten, die Anhörung eines normal entwickelten 9½-jährigen Kindes sei
nicht willkürlich (Entscheid 5P.204/2002 vom 6. August 2002, E. 3.4), während
es den Verzicht auf die Anhörung von zehn- und zwölfjährigen Kindern entgegen
dem ausdrücklichen Begehren und ohne Angabe von Gründen als willkürlich
erachtet hat (Entscheid 5P.112/2001 vom 27. August 2001, E. 4). Hingegen hat
das Bundesgericht entschieden, es sei nicht willkürlich, wenn das Gericht
davon absehe, ein sieben- bzw. fünfjähriges Kind, das bereits im Rahmen einer
psychologischen Begutachtung befragt worden und im Übrigen durch die
chronische Auseinandersetzung zwischen den Eltern stark belastet war, erneut
anzuhören (Entscheid 5P.322/2003 vom 18. Dezember 2003, E. 3.2). Sodann hat
es den Verzicht auf die Anhörung eines knapp sechsjährigen Kindes geschützt,
weil dieses bis anhin nie Kontakt zum Vater gehabt hatte und sich deshalb
keine eigene Meinung bilden konnte (BGE 124 III 90); bei diesem Fall gilt es
im Übrigen zu beachten, dass einzig eine Verletzung von Art. 12 KRK zu prüfen
war, der im Gegensatz zu Art. 144 Abs. 2 ZGB die Urteilsfähigkeit des Kindes
voraussetzt (vgl. Ziff. 1.1).
In der gelebten kantonalen Rechtspraxis scheint ein grosser Teil der Gerichte
bis zum elften bzw. zwölften Altersjahr von einer Anhörung abzusehen, wenn
die Zuteilung der Kinder unstrittig ist und keine Anhaltspunkte bestehen,
dass durch die gewählte Lösung das Kindeswohl gefährdet wird (vgl. Birchler,
a.a.O., S. 240; Schütt, a.a.O., S. 71; Staubli, Anhörung und Mitwirkung von
Kindern und Jugendlichen in allen sie betreffenden Verfahren, insbesondere im
Scheidungsverfahren, in: Kinderrechte - Kinderschutz, Basel 2002, S. 98;
Suter, L'audition de l'enfant en procédure matrimoniale, in: RJJ 2002, S.
33).

In der Literatur gehen die Meinungen zur Frage, bis zu welchem Alter in jedem
Fall von einer Anhörung abzusehen sei, auseinander. Auf die deutsche Praxis
verweisend, nach der Kinder teilweise ab dem zweiten und jedenfalls ab dem
dritten Lebensjahr angehört werden, plädieren einige Autoren für eine
Anhörung ab diesem Alter (Breitschmid, Kind und Scheidung der Elternehe, in:
Das neue Scheidungsrecht, Zürich 1999, S. 123 f.; vgl. auch Jaccottet Tissot,
L'audition de l'enfant, in: FamPra 2000, S. 83) oder jedenfalls ab einem
solchen von fünf bis sechs Jahren (Bodenmann/Rumo-Jungo, a.a.O., S. 26;
Rumo-Jungo, a.a.O., S. 1582; Rumo-Jungo, Das Kind und die Scheidung seiner
Eltern: ausgewählte Fragen, in: Kindeswohl, Zürich 2003, S. 156; Zimmermann,
Le témoignage d'enfants dans le contexte juridique: la question de la
suggestibilité, in: RVJ 2002, S. 126; vgl. auch Sutter/ Freiburghaus,
Kommentar zum neuen Scheidungsrecht, Zürich 1999, N. 35 zu Art. 144 ZGB). Der
wohl überwiegende Teil der Lehre plädiert für eine Anhörung nicht vor sechs
bzw. sieben Jahren (Freiburghaus, a.a.O., S. 142; Freiburghaus, Der Einfluss
des Übereinkommens auf die schweizerische Rechtsordnung, in: Die Rechte des
Kindes, 2001, S. 195; Hausheer, Die wesentlichen Neuerungen des neuen
Scheidungsrechts, in: ZBJV 135, S. 29; auf Letzteren verweisend: Reusser,
a.a.O., N. 4.79; Levante, a.a.O., S. 43 f.).
1.2.2 Das Gesetz spricht von einer "Anhörung", was semantisch eine verbale
Äusserung des Kindes voraussetzt; die blosse "Anschauung" oder Beobachtung
des Kindes wird diesem Erfordernis nicht gerecht. Folglich setzt die Anhörung
ein entsprechendes Alter des Kindes voraus und insofern ist sie von der
kinderpsychiatrischen Begutachtung abzugrenzen, bei der die Beobachtung des
Kindes eine von mehreren Erkenntnisquellen darstellen kann und für deren
Anordnung kein bestimmtes Mindestalter vorausgesetzt ist.

Auf der anderen Seite ist das Schwellenalter für die Anhörung aber auch zu
unterscheiden von der kinderpsychologischen Erkenntnis, dass formallogische
Denkoperationen erst ab ungefähr elf bis dreizehn Jahren möglich sind und
auch die sprachliche Differenzierungs- und Abstraktionsfähigkeit erst ab
ungefähr diesem Alter entwickelt ist (vgl. Felder/Nufer, Die Anhörung des
Kindes aus kinderpsychologischer Sicht, in: Vom alten zum neuen
Scheidungsrecht, Bern 1999, N. 4.131; Felder/Nufer, Richtlinien für die
Anhörung des Kindes aus kinderpsychologischer/kinderpsychiatrischer Sicht
gemäss Art. 12 der UNO-Konvention über die Rechte des Kindes, in: SJZ 1999,
S. 318; Nufer, Die Kommunikationssituation bei der Anhörung von Kindern, in:
SJZ 1999, S. 317, sowie in: ZVW 1999, S. 209). Die Anhörung setzt nicht
voraus, dass das Kind im Sinn von Art. 16 ZGB urteilsfähig ist. Bei kleineren
Kindern ist auch nicht nach konkreten Zuteilungswünschen zu fragen, können
sich diese doch hierüber noch gar nicht losgelöst von zufälligen
gegenwärtigen Einflussfaktoren äussern und in diesem Sinn eine stabile
Absichtserklärung abgeben (vgl. Arntzen, Elterliche Sorge und Umgang mit
Kindern, München 1994, S. 12 und 65; Felder/ Nufer, Richtlinien, S. 318;
Felder/Nufer, Anhörung, N. 4.131). Die Aussagen jüngerer Kinder haben deshalb
für die Zuteilungsfrage nur einen beschränkten Beweiswert (Hausheer, a.a.O.,
S. 29; Reusser, a.a.O., N. 4.79). Bei ihnen geht es in erster Linie darum,
dass sich das urteilende Gericht ein persönliches Bild machen kann und über
ein zusätzliches Element bei der Sachverhaltsfeststellung und
Entscheidfindung verfügt (vgl. Bräm, a.a.O., S. 1569; Schweighauser, a.a.O.,
N. 7 zu Art. 144 ZGB; Felder/Nufer, Anhörung, N. 4.128).

1.2.3 Aus den genannten Gründen geht das Bundesgericht im Sinn einer
Richtlinie davon aus, dass die Kinderanhörung grundsätzlich ab dem
vollendeten sechsten Altersjahr möglich ist. Indes ist nicht von vornherein
ausgeschlossen, dass sich je nach den konkreten Umständen auch die Anhörung
eines etwas jüngeren Kindes aufdrängen könnte, etwa wenn von mehreren
Geschwistern das jüngste kurz vor dem genannten Schwellenalter steht.

1.2.4 Vorliegend hatte die Klägerin die Einvernahme der sieben- und
neunjährigen Mädchen beantragt. Weil die Anhörung als Pflichtrecht
ausgestaltet ist (vgl. Rumo-Jungo, Anhörung, S. 1579), wäre das Obergericht
folglich - unter Vorbehalt anderer wichtiger Gründe (dazu Ziff. 1.3) - in
Anwendung von Art. 144 Abs. 2 ZGB zur Anhörung der beiden Kinder verpflichtet
gewesen. Mit seiner Begründung, die Kinder seien zu einer Stellungnahme noch
gar nicht in der Lage und ihren Aussagen könnte ohnehin kein bedeutendes
Gewicht beigemessen werden, verkennt das Obergericht die grundsätzliche
Bedeutung und den persönlichkeitsrechtlichen Aspekt der Kinderanhörung.
Nichts anderes ergibt sich aus dem vom Obergericht aufgeführten BGE 127 III
295, wurde doch in jenem Fall von der (erneuten) Einvernahme eines
neunjährigen Kindes, das seinen Vater kaum je gesehen hatte, im Wesentlichen
deshalb abgesehen, weil es bereits im Rahmen eines umfassenden Gutachtens
durch einen Kinderpsychiater befragt worden war.

1.3 Nebst dem Kindesalter kann auch aus anderen wichtigen Gründen, die das
Gesetz wiederum nicht näher spezifiziert, von der Anhörung abgesehen werden.

1.3.1 Die Botschaft nennt beispielhaft die Ablehnung der Anhörung durch das
Kind als wichtigen Grund (BBl 1996 I 144), wobei sicherzustellen wäre, dass
das Kind dabei nicht durch einen Elternteil beeinflusst ist. Die Literatur
nennt als weitere wichtige Gründe den begründeten Verdacht auf Repressalien
gegenüber dem Kind, dessen dauernder Aufenthalt im Ausland, die
Beeinträchtigung von dessen Gesundheit durch die Anhörung sowie die besondere
Dringlichkeit der Anordnungen (vgl. namentlich: Reusser, a.a.O., N. 4.85;
Zimmermann, a.a.O., S. 126; Baltzer-Bader, Die Anhörung des Kindes -
praktisches Vorgehen, in: AJP 1999, S. 1576). Schliesslich würde es keinen
Sinn machen, ein Kind anzuhören, das geistig behindert oder in seiner
Entwicklung in einer Weise retardiert ist, dass seinen Ausführungen kein
Aussagewert beigemessen werden könnte. Hingegen würde es nicht angehen, auf
die Anhörung mit dem (nicht weiter belegten) Vorwand zu verzichten, man wolle
dem Kind die Belastung ersparen (Bräm, a.a.O., S. 1571; Rumo-Jungo, Anhörung,
S. 1582).

1.3.2 Das Obergericht hat bei seinem ablehnenden Entscheid unter anderem auf
die Briefchen der Kinder - nach dem einen möchten sie gerne bei der Mutter
wohnen, nach dem andern freuen sie sich, beim Vater zu leben - und die
Zeugenaussage der Leiterin des Kinderhorts verwiesen, wonach der betreffende
Entscheid für die Mädchen ein Problem sei, weil sie keinem der Elternteile
wehtun möchten. Das Gericht hat daraus gefolgert, dass die Kinder in einem
Loyalitätskonflikt stünden und die Anhörung für sie eine Belastung darstellen
würde.

1.3.3 Im Normalfall sind Kinder beiden Elternteilen gleichermassen zugeneigt
und sie wünschen sich in Trennungssituationen deren Wiedervereinigung
(Arntzen, a.a.O., S. 1 f.). Deshalb steht fast jedes Scheidungskind in einem
latenten oder offenen Loyalitätskonflikt, der sich mehr oder weniger
belastend auswirkt. Insofern könnte die Kinderanhörung mit dem blossen
Verweis auf die - letztlich bei jedem familienrechtlichen Verfahren auf die
eine oder andere Weise bestehende - Belastungssituation systematisch
unterlaufen werden. Nicht zu übersehen ist in diesem Zusammenhang
schliesslich die Tatsache, dass in aller Regel nicht die (einmalige)
Anhörung, sondern die (gegebenenfalls chronisch konfliktbeladene)
Familiensituation die eigentliche Belastung für das Kind darstellt. Deshalb
darf von einer beantragten Anhörung nur dann abgesehen werden, wenn - nebst
anderen möglichen Gründen (dazu Ziff. 1.3.1) - eine eigentliche
Beeinträchtigung der physischen oder psychischen Gesundheit des Kindes zu
befürchten ist. Aus dem für das Bundesgericht verbindlich festgestellten
Sachverhalt (Art. 63 Abs. 2 OG) gehen keine Anzeichen für eine Belastung
hervor, die über das hinausginge, was jedem Verfahren, in welchem
Kinderbelange zu regeln sind, inhärent ist.

1.4 Aus dem Gesagten ergibt sich, dass das Obergericht mit der Verweigerung
der von der Klägerin beantragten Kindesanhörung Art. 144 Abs. 2 ZGB verletzt
hat.

2.
Die Klägerin macht ferner eine Verletzung von Art. 134 (neue Zuteilung der
elterlichen Sorge), von Art. 144 Abs. 1 (Anhörung der Eltern) und von Art.
145 ZGB (Untersuchungsgrundsatz) geltend.
Nach Art. 134 Abs. 1 ZGB kann die Zuteilung der elterlichen Sorge neu
geregelt werden, wenn dies wegen wesentlicher Veränderung der Verhältnisse
zum Wohl des Kindes geboten ist. Eine Neuregelung setzt somit nicht allein
die wesentliche Veränderung der Verhältnisse voraus; vielmehr muss sie auch
zum Wohl des Kindes geboten sein. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts
zu Art. 157 aZGB, an die für das neue Recht angeknüpft werden kann (Wirz, in:
Praxiskommentar Scheidungsrecht, Basel 2000, N. 11 zu Art. 134 ZGB), kommt
eine Änderung des Sorgerechts nur in Betracht, wenn die Beibehaltung der
bisherigen Regelung sich offensichtlich nachteilig auf das Wohl der Kinder
auswirken und das Kindeswohl ernsthaft gefährden würde. Eine Neuregelung
setzt in diesem Sinn voraus, dass die Veränderung der Verhältnisse zwingend
eine solche gebietet, weil die geltende Regelung dem Kind mehr schadet als
der mit der Änderung der Hauptbezugspersonen verbundene Verlust an
Kontinuität in der Erziehung und den Lebensumständen (vgl. BGE 100 II 76 E. 1
S. 77 f.; 109 II 375 E. 4c S. 380; 111 I 313 E. 4 S. 316).

Aus der kantonalen Sachverhaltsfeststellung sind keine Anzeichen für eine
Gefährdung des Kindeswohls ersichtlich. Vielmehr ergibt sich, dass der
Beklagte mit dem Kinderhort für die Gegenwart und die nächsten Jahre eine
angemessene Lösung gefunden hat und sich die Mädchen dort wohlfühlen. Sodann
hat das Obergericht aufgrund übereinstimmender Zeugenaussagen festgehalten,
dass die Hauptlast der Kindererziehung nicht bei den Grosseltern, sondern
beim Vater liegt, und es hat auch festgestellt, dass die Betreuung der beiden
Mädchen insgesamt gut klappt und diese eine normale Entwicklung aufweisen.

Indes können sich aus der noch durchzuführenden Anhörung der Kinder neue
Sachverhaltselemente ergeben, die im Rahmen der von Art. 145 ZGB statuierten
Offizialmaxime nach weiteren Abklärungen oder Beweismassnahmen wie der
Einvernahme der klägerischerseits beantragten Zeugen rufen. Sodann umfasst
die Anhörung der Eltern gemäss Art. 144 Abs. 1 ZGB insbesondere auch einen
Anspruch, zu den Aussagen des Kindes Stellung nehmen zu können (Sutter/
Freiburghaus, a.a.O., N. 10 zu Art. 144 ZGB). Weil die Kinder bislang nicht
angehört worden sind, steht der Klägerin unabhängig von der Frage, ob ein
grundsätzlicher Anspruch auf erneute Anhörung durch die obere Instanz
bestünde, ein Äusserungsrecht zu.

Demnach ist jedenfalls Art. 144 Abs. 1 ZGB verletzt. Im Übrigen sind gestützt
auf Art. 145 ZGB gegebenenfalls weitere Beweismassnahmen nötig.

3.
Nach dem Gesagten ist die Berufung dahingehend gutzuheissen, dass das
angefochtene Urteil aufgehoben und die Sache im Sinn der Erwägungen an die
Vorinstanz zurückgewiesen wird. Bei diesem Verfahrensausgang wird der
Beklagte kosten- und entschädigungspflichtig (Art. 156 Abs. 1 und Art. 159
Abs. 2 OG). Beiden Parteien ist die unentgeltliche Rechtspflege zu erteilen,
je unter Beiordnung des sie vertretenden Rechtsbeistandes (Art. 152 Abs. 1
und 2 OG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Berufung wird dahingehend gutgeheissen, dass das angefochtene Urteil
aufgehoben und die Sache im Sinn der Erwägungen an die Vorinstanz
zurückgewiesen wird.

2.
Beiden Parteien wird die unentgeltliche Rechtspflege erteilt, je unter
Beiordnung des sie vertretenden Rechtsbeistandes.

3.
Die Gerichtsgebühr von Fr. 2'000.-- wird dem Beklagten auferlegt, jedoch
einstweilen auf die Bundesgerichtskasse genommen.

4.
Dr. Andreas Edelmann, Fürsprecher, und Annegret Lautenbach-Koch,
Rechtsanwältin, werden aus der Bundesgerichtskasse mit je Fr. 2'000.--
entschädigt.

5.
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Obergericht des Kantons Aargau, 1.
Zivilkammer, schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 1. Juni 2005

Im Namen der II. Zivilabteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident:  Der Gerichtsschreiber: