Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Zivilrechtliche Abteilung, Beschwerde in Zivilsachen 4A.86/2010
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Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

{T 0/2}
4A_86/2010

Urteil vom 5. Juli 2010
I. zivilrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichterin Klett, Präsidentin,
Bundesrichter Kolly,
nebenamtlicher Bundesrichter Al. Brunner,
Gerichtsschreiberin Feldmann.

Verfahrensbeteiligte
X.________,
vertreten durch Dr. Thomas Bähler, Rechtsanwalt und
Kathrin Enderli, Rechtsanwältin,
Beschwerdeführerin,

gegen

Y.________,
vertreten durch Advokat Dr. Thomas Kaufmann,
Beschwerdegegnerin.

Gegenstand
Auflösung eines Vertriebsvertrags,

Beschwerde gegen das Urteil des Handelsgerichts
des Kantons Bern vom 22. Juli 2009.
Sachverhalt:

A.
Die X.________ AG (Beschwerdeführerin) mit Sitz in S.________ ist in der
Entwicklung, Konstruktion, Herstellung und dem Vertrieb von Hochleistungsdüsen,
Systemen und Komponenten für die Wasserstrahl-Technologie tätig. Sie stellt
insbesondere die W.________-Düsen her. Die Y.________ GmbH (Beschwerdegegnerin)
mit Sitz in T.________ tätigt Handelsgeschäfte und erbringt Dienstleistungen
insbesondere auf dem Gebiet der Wasserstrahl-Technologie. Im Juni 1997
schlossen die Parteien einen (Allein-)Vertriebsvertrag, wonach die
Beschwerdegegnerin - ausser mit Bezug auf einige spezifische Kunden - alleinige
Vertreiberin der W.________ Düsen war.

A.________, früherer Inhaber und zur Zeit des vorinstanzlichen Verfahrens
Geschäftsführer der Beschwerdeführerin, ist auch mit einem Anteil von 10%
Gesellschafter der Beschwerdegegnerin. B.________ ist seit den 90er-Jahren bei
der Beschwerdegegnerin tätig. Er besitzt 98% der Z.________, die ihrerseits zu
90% Eigentümerin der Beschwerdegegnerin ist. Die Familie A.________, welche die
Beschwerdeführerin seit der Gründung im Jahre 1983 bis 2006 beherrscht hatte,
plante 2006, sich aus dem Geschäftsleben zurückzuziehen. Sie suchte einen
Käufer und bot der Z.________ im April 2006 100% der Aktien der
Beschwerdeführerin an. Der Verkauf scheiterte. Im September 2006 erfuhr die
Beschwerdegegnerin, dass Familie A.________ ihre Aktien an die von einem
Dritten (Herrn C.________) beherrschte W.________ S.A. verkauft hatte. Der
Verkauf der Beschwerdeführerin hatte zunächst keinen Einfluss auf den täglichen
Verkehr zwischen den Parteien; auch blieben die Umsätze stabil.

Mitte Februar 2007 trafen sich die Herren B.________, A.________ und
C.________. Dabei ging es vorab um die Vorstellung von Herrn C.________ und um
die Festlegung der künftigen Zusammenarbeit. Herr C.________ erklärte in diesem
Zusammenhang, dass ihm die im Vertrag vorgesehene 20%-Abfindungsklausel im Fall
einer Kündigung nicht passe und neu verhandelt werden müsse. Im Zusammenhang
mit dem "Vorvertrag" zwischen der Beschwerdeführerin und der Z.________
verlangte Herr B.________ von Herrn A.________ die Beteiligung an den Kosten
der nicht zustande gekommenen Übernahme der Beschwerdeführerin. Eine Einigung
kam nicht zustande. In der Folge betrieb die Z.________ Herrn A.________ Ende
Februar 2007 über Fr. 1'570'000.--.

Mit Schreiben vom 5. März 2007 kündigte die Beschwerdeführerin den
Vertriebsvertrag "mit sofortiger Wirkung gemäss Ziff. 15.3 dieses Vertrages."
Als Grund gab sie die Änderung der Besitzverhältnisse sowie eine geplante neue
strategische Ausrichtung an. Nach den Feststellungen der Vorinstanz war aber
einzig die von der Z.________ gegen Herrn A.________ eingeleitete Betreibung
ausschlaggebend.

In der Folge entstand Streit darüber, ob die fristlose Kündigung zulässig
gewesen sei bzw. welche finanziellen Konsequenzen die ausgesprochene Kündigung
nach sich ziehe. Eine einvernehmliche Lösung kam nicht zustande, und die
Beschwerdeführerin stellte die Lieferungen an die Beschwerdegegnerin ein.

B.
Im August 2008 erhob die Beschwerdegegnerin beim Handelsgericht des Kantons
Bern Klage und beantragte, die Beschwerdeführerin zur Zahlung von Fr.
571'918.35 nebst Zins zu verpflichten. Sie machte infolge der fristlosen
Kündigung des Vertriebsvertrags eine Abfindung von Fr. 347'480.98 (inkl.
Mehrwertsteuer) und Schadenersatz von Fr. 424'031.42 geltend. Die
Beschwerdeführerin schloss auf Abweisung der Klage und verlangte
widerklageweise Fr. 199'594.05 nebst Zins im Wesentlichen für gelieferte Ware.
Die Beschwerdegegnerin anerkannte diese Forderungen, wobei sie im März 2007
Verrechnung erklärt hatte. Das Handelsgericht verpflichtete die
Beschwerdeführerin mit Urteil vom 22. Juli 2009 zur Zahlung von Fr. 570'951.85
nebst Zins an die Beschwerdegegnerin und wies die Widerklage ab.

C.
Mit Beschwerde in Zivilsachen beantragt die Beschwerdeführerin, das Urteil des
Handelsgerichts aufzuheben, die Klage abzuweisen und die Beschwerdegegnerin zur
Zahlung von Fr. 199'549.05 zuzüglich Zins zu verpflichten. Mit
Präsidialverfügung vom 4. März 2010 wurde das Gesuch der Beschwerdeführerin um
aufschiebende Wirkung abgewiesen.

Die Beschwerdegegnerin beantragt, auf die Beschwerde nicht einzutreten bzw.
diese abzuweisen, soweit darauf einzutreten sei. Die Vorinstanz hat auf eine
Vernehmlassung verzichtet.

Erwägungen:

1.
Streitig ist vorab, ob und wenn ja, in welcher Höhe eine Abfindung geschuldet
ist. Ziffer 15 des Alleinvertriebsvertrags, der die entsprechende Klausel
enthält, lautet wie folgt:
"15. Dauer des Vertrages

15.1 Der Vertrag tritt bei Unterzeichnung in Kraft und gilt für die Dauer von 4
Jahren. Er erneuert sich ohne weiteres jeweils um eine Jahresperiode, sofern er
nicht von der einen oder anderen Partei unter Einhaltung einer Kündigungsfrist
von 6 Monaten gekündigt wird.

15.2 Falls der Produzent kündigt, erhält die Vertriebsgesellschaft eine
Abfindung in der Höhe von 20% vom nachweislichen Jahresumsatz, ausgelegt auf
die letzten 24 Monate.

15.3 Der Vertrag kann aus wichtigem Grund ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist
mit sofortiger Wirkung und vorzeitig gekündigt werden. Wichtige Gründe sind:
Wesentliche Aenderung in den Besitzverhältnissen, die geeignet ist, die
Ergebnisse der Vertragsbeziehungen zwischen den Parteien zu beeinträchtigen
Grobe Verstösse gegen einzelne Vertragspunkte"

1.1 Die Vorinstanz legte die Abfindungsklausel nach dem Vertrauensprinzip aus,
da sie diesbezüglich keinen tatsächlich übereinstimmenden Parteiwillen
feststellte. Dabei sei vom Wortlaut der Vereinbarung und nicht - wie die
Beschwerdeführerin geltend gemacht hatte - vom Sinngehalt von Art. 418u OR
auszugehen. Gemäss Wortlaut sei eine Abfindung immer dann geschuldet, wenn der
Produzent kündige. Weitere Voraussetzungen seien nicht genannt. Ziffer 16.2 des
Vertriebsvertrags, wonach die Vertriebsgesellschaft nach Beendigung des
Vertragsverhältnisses dem Produzenten "eine Liste aller schriftlich bestehenden
Kundenvereinbarungen zur Verfügung" stelle, bilde ein Korrelat zur
Abfindungsklausel. Die Beschwerdeführerin könne den Kundenstamm der
Beschwerdegegnerin nach Vertragsbeendigung weiter nutzen, weshalb die 20%-ige
Abfindung unter Vorbehalt des Rechtsmissbrauchsverbots unabhängig von einem
allfälligen Verschulden der Vertreiberin bei jeder Kündigung durch den
Produzenten geschuldet sei.

1.2 Die Beschwerdeführerin macht geltend, bei fehlender vertraglicher Regelung
einer Abfindung bzw. Kundschaftsentschädigung und sogar bei deren vertraglichen
Ausschluss wende das Bundesgericht bei Vorliegen bestimmter Voraussetzungen
Art. 418u OR analog auf den Alleinvertriebsvertrag an. Die Entschädigung für
die Kundschaft solle eine Gegenleistung sein für den Vorteil, den der
Auftraggeber auch nach der Beendigung des Agenturverhältnisses aus diesem
ziehe. Die vereinbarte Abfindung erfülle denselben Zweck wie die
Kundschaftsentschädigung nach Art. 418u Abs. 1 OR, weshalb die Vorinstanz
Absatz 3 dieser Bestimmung analog hätte anwenden müssen. Da der
Alleinvertriebsvertrag aus einem Grund aufgelöst worden sei, den die
Beschwerdegegnerin zu vertreten habe, bestehe kein Anspruch auf die vertraglich
vereinbarte Abfindung.

1.3 Auf die Vorbringen der Beschwerdeführerin braucht im Einzelnen nicht
eingegangen zu werden. Nach den Feststellungen der Vorinstanz war die von der
Z.________ gegen Herrn A.________ eingeleitete Betreibung der einzige Grund für
die fristlose Kündigung des Vertriebsvertrags. Diese Feststellung ist für das
Bundesgericht verbindlich (Art. 105 Abs. 1 BGG), da die Beschwerdeführerin sie
nicht als offensichtlich unhaltbar und somit als willkürlich ausweist, sondern
vielmehr selbst ausführt, die Betreibung gegen ihren Geschäftsführer habe sie
berechtigt, den Alleinvertriebsvertrag fristlos aufzulösen. Allein die
Tatsache, dass eine Betreibung eingeleitet wurde, reicht nicht aus für die
Annahme, dass die Kündigung von der Beschwerdegegnerin verschuldet wurde, zumal
lediglich eine mit der Beschwerdeführerin verbundene Privatperson betrieben
worden war. Die Beschwerdeführerin kann daher nichts zu ihren Gunsten ableiten,
selbst wenn man Art. 418u Abs. 3 OR anwenden wollte. Überdies vertreibt gemäss
Ziffer 3 des Vertrags die Vertriebsgesellschaft die Produkte in eigenem Namen
und auf eigene Rechnung, ist nicht befugt, im Namen des Produzenten tätig zu
werden, und ist kein Handelsvertreter des Produzenten. Auch unter diesem
Gesichtspunkt besteht kein Anlass für eine analoge Anwendung von Art. 418a ff.
OR.

1.4 Bezüglich der Berechnung der Abfindung hatte die Beschwerdeführerin vor der
Vorinstanz geltend gemacht, es sei ihr Umsatz mit ihren Kunden zugrunde zu
legen. Die Beschwerdegegnerin wollte dagegen ihren Umsatz mit der
Beschwerdeführerin als Referenzgrösse verstanden wissen. Auch diesbezüglich
vermochte die Vorinstanz keinen tatsächlich übereinstimmenden Willen
festzustellen. Den Aussagen von Herrn A.________ und Frau D.________, die vor
zwölf Jahren den Vertrag entworfen habe, mass sie kein entscheidendes Gewicht
bei, da die Schilderung der Befragten nicht den tatsächlichen Parteiwillen zur
Zeit des Vertragsabschlusses wiedergebe, sondern lediglich deren heutige
Interpretation des Vertragstextes. Nach einer Auslegung gemäss dem
Vertrauensprinzip gelangte die Vorinstanz zum Schluss, die Entschädigung könne
nur auf der Grundlage des Umsatzes des Alleinvertreibers berechnet werden, denn
die Herstellerin werde bei künftigen Direktlieferungen oder bei Verwendung
eines neuen Alleinvertreibers an die Endabnehmer kaum niedrigere Preise
ansetzen. Auf die Abfindung sei die Mehrwertsteuer hinzuzurechnen, da sie ein
Entgelt für den Ausbau des Kundenstamms darstelle, den die Beschwerdeführerin
in Zukunft selbst nutzen könne. Die Abfindung werde zwar durch das Gericht
errechnet, aber die Berechnung basiere auf einer vertraglichen Vereinbarung der
Parteien. Damit unterscheide sie sich vom Fall einer Kündigung, bei der nichts
vereinbart sei und das Gericht die Abfindung in Analogie zu Art. 418u OR
festzusetzen habe. In diesen Fällen werde oft eine pauschale Gesamtsumme
inklusive Mehrwertsteuer festgelegt.

1.5 Nach Auffassung der Beschwerdeführerin hätte die Vorinstanz gestützt auf
die Aussagen von Frau D.________ und Herrn A.________ einen übereinstimmenden
Parteiwillen dahingehend feststellen sollen, dass für die Berechnung der
Abfindung der unter den Parteien mit den Produkten der Beschwerdeführerin
erzielte Umsatz massgebend sei. Die Vorinstanz habe den Sachverhalt
offensichtlich unrichtig festgestellt sowie Art. 1 und Art. 18 OR verletzt. Die
Beschwerdeführerin legt indessen nicht im Einzelnen dar, inwiefern die
Feststellung der Vorinstanz, die Aussagen von Frau D.________ und Herrn
A.________ hätten nicht den damaligen Parteiwillen wiedergegeben,
offensichtlich unhaltbar sein sollte oder woraus zwingend auf ein
übereinstimmendes tatsächliches Verständnis zu schliessen wäre. Damit genügt
sie den strengen Begründungsanforderungen (Art. 106 Abs. 2 BGG) an eine
Sachverhaltsrüge nach Art. 97 Abs. 1 BGG nicht (BGE 133 II 249 E. 1.2.2 S.
252), so dass es dabei bleibt, dass sich kein übereinstimmender tatsächlicher
Parteiwille feststellen lässt. Die gerügte Verletzung von Art. 1 und Art. 18 OR
ist somit nicht gegeben.

1.6 Die Beschwerdeführerin behauptet, die Vorinstanz sei ohne weitere
Begründung davon ausgegangen, die vertraglich vorgesehene Berechnungsweise der
Abfindung lasse darauf schliessen, dass die Mehrwertsteuer nicht inbegriffen
sei. Die Vorinstanz hat indessen im Einzelnen unter Einbezug des
Mehrwertsteuergesetzes (MWSTG; SR 641.20) und des Merkblatts Nr. 04 der
Eidgenössischen Steuerverwaltung begründet, weshalb die Mehrwertsteuer auf die
Abfindung hinzuzurechnen sei. Mit diesen Erwägungen setzt sich die
Beschwerdeführerin in keiner Weise auseinander und zeigt nicht ansatzweise auf,
inwiefern der angefochtene Entscheid insoweit Recht verletzen sollte. Damit
genügt die Beschwerdeführerin den Begründungsanforderungen (Art. 42 Abs. 2 BGG;
BGE 134 V 53 E. 3.3 S. 60) nicht.

2.
Die Vorinstanz prüfte sodann die Schadenersatzforderung infolge der fristlosen
Kündigung.

2.1 Die Vorinstanz hielt fest, die Beschwerdeführerin habe sich einerseits auf
die "Change of Control"-Klausel berufen. Die Frage, ob beide Parteien oder nur
diejenige, bei der sich nichts ändere, diese Klausel anrufen könne, liess die
Vorinstanz offen, da der "Change of Control" zwar eine wesentliche Änderung in
den Besitzverhältnissen zur Folge gehabt habe, aber nicht geeignet gewesen sei,
die Ergebnisse der Vertragsbeziehungen zwischen den Parteien zu
beeinträchtigen. Der Verkauf der Beschwerdeführerin habe gemäss
übereinstimmenden Parteiaussagen die Vertragsbeziehungen während mehrerer
Monate weder in qualitativer noch quantitativer Hinsicht verändert. Die
Beschwerdeführerin könne sich somit nicht auf diese Klausel berufen.

2.2 Ob der zweite von der Beschwerdeführerin angerufene Kündigungsgrund der
strategischen Neuausrichtung eine fristlose Auflösung des Vertriebsvertrags
rechtfertige, liess die Vorinstanz ebenfalls offen. Herr A.________ habe
klargestellt, dass sich die geplante strategische Neuausrichtung auch mit einer
ordentlichen Kündigung hätte realisieren lassen bzw. dass man im Sommer 2009
immer noch daran gewesen sei, die strategische Neuausrichtung zu verwirklichen,
so dass sich auch dieser Kündigungsgrund als nicht zutreffend erwiesen habe.
Die Vorinstanz gelangte zum Schluss, die Betreibung von Herrn A.________ über
Fr. 1.5 Mio. durch die Z.________ sei letztlich der einzige Grund für die
fristlose Kündigung gewesen. Mit Schreiben vom 17. März 2007 habe die
Beschwerdeführerin ihre Kündigung nachträglich denn auch "mit der jüngsten
Intervention" gegen den Geschäftsführer der Beschwerdeführerin begründet.
Gemäss der zum Arbeitsrecht ergangenen Rechtsprechung, die auf den
Vertriebsvertrag Anwendung finde, komme als wichtiger Grund für eine fristlose
Kündigung nur ein Ereignis in Frage, das sich vor dem Aussprechen der Kündigung
abgespielt habe, wobei das Nachschieben von Kündigungsgründen grundsätzlich
zulässig sei, sofern sie der kündigenden Partei im Zeitpunkt noch nicht bekannt
gewesen seien. Die Beschwerdeführerin habe aber genau und allein aus dem Grund
gekündigt, den sie verschwiegen bzw. später nachgeschoben habe. Die Betreibung
vom 18. Februar 2007 sei Herrn A.________ seit dem 1. März 2007 bekannt
gewesen, im Kündigungsschreiben vom 5. März 2007 jedoch nicht erwähnt worden,
sondern erst am 13. März 2007. Somit sei dieser Kündigungsgrund verspätet.
Davon abgesehen rechtfertige eine Betreibung durch eine Nichtvertragspartei
keine fristlose Kündigung des Vertriebsvertrags. Es könne auch nicht gesagt
werden, dass einziger Zweck der Betreibung die Schikanierung und/oder Kredit-
und Rufschädigung von Herrn A.________ gewesen sei. Eine fristlose Kündigung
dürfe nur ausgesprochen werden, wenn die Fortsetzung des Vertrags von einem
objektiven Standpunkt aus nicht mehr zumutbar sei. Es genüge nicht, dass die
Weiterführung des Vertrags bloss der kündigenden Partei unerträglich sei.

2.3 Die Beschwerdeführerin bringt vor, der Verkauf an einen Dritten habe das
Verhältnis unter den Parteien nachhaltig gestört, was sich in der
unbegründeten, rechtsmissbräuchlichen und kreditschädigenden Betreibung des
Geschäftsführers der Beschwerdeführerin manifestiert habe. Eine weitere
Zusammenarbeit mit der Beschwerdegegnerin sei unter diesen Voraussetzungen
nicht mehr zumutbar gewesen. Die persönlichen Beziehungen zwischen den
Gesellschaftern (Herr A.________ und die von Herrn B.________ kontrollierte
Z.________) hätten einen massgeblichen Einfluss auf den Vertragsabschluss
gehabt, was zeige, dass die guten persönlichen Beziehungen offensichtlich eine
wesentliche Voraussetzung für die vereinbarte Zusammenarbeit gewesen sei. Die
Betreibung sei eine direkte Folge des Eigentümerwechsels bei der
Beschwerdeführerin gewesen, weshalb sie ohne weiteres unter die im Schreiben
vom 5. März 2007 erwähnte "Change of Control"-Klausel subsumiert werden könne.

2.4 Die Beschwerdeführerin stützt ihre Ausführungen auf einen von den
Feststellungen der Vorinstanz abweichenden Sachverhalt, namentlich indem sie
davon ausgeht, der Verkauf der Beschwerdeführerin an einen Dritten habe das
Verhältnis unter den Parteien nachhaltig gestört und die Betreibung von Herrn
A.________ sei unbegründet sowie kreditschädigend. Eine hinreichend begründete
Sachverhaltsrüge (Art. 97 Abs. 1 BGG) erhebt sie insoweit allerdings nicht.
Diese Vorbringen können daher nicht berücksichtigt werden. Gestützt auf die
tatsächlichen Feststellungen im angefochtenen Entscheid kann offenbleiben, ob
die Betreibung vom 18. Februar 2007 als Kündigungsgrund nachgeschoben werden
darf, da mit der Vorinstanz davon auszugehen ist, dass in der Betreibung kein
wichtiger Grund für eine fristlose Kündigung gesehen werden kann (vgl. auch E.
1.3 hiervor), zumal nicht die Beschwerdeführerin als solche betrieben wurde und
die Betreibung nicht von ihrer Vertragspartnerin eingeleitet wurde.

2.5 Als Entschädigung für die ungerechtfertigte fristlose Kündigung des
Vertriebsvertrags durch die Beschwerdeführerin sprach die Vorinstanz der
Beschwerdegegnerin den entgangenen Bruttogewinn bis zum nächstmöglichen
ordentlichen Kündigungstermin zu. Sie erwog, angesichts des sehr kleinen
Personalbestands und der insgesamt schlanken Struktur sei es der
Beschwerdegegnerin nicht zuzumuten, ihre Verkaufsorganisation oder ihre
Räumlichkeiten aufzugeben oder entscheidend zu verkleinern. Somit bleibe kein
Raum für eine Vorteilsanrechnung. Die Beschwerdegegnerin habe nach der abrupten
Nichtweiterbelieferung durch die Beschwerdeführerin alles daran setzen müssen,
ihren Kundenstamm zu behalten und die X.________-Produkte für die Einhaltung
bestehender Verträge aus dem Ausland zu beschaffen. Raum für grosse
Anstrengungen, neue Kunden zu akquirieren, bleibe keiner.

2.6 Die Beschwerdeführerin macht geltend, ihre Umsatzzahlen zeigten auf, dass
es der Beschwerdegegnerin während der ordentlichen Kündigungsfrist nicht
möglich gewesen wäre, Umsätze (und entsprechend Deckungsbeiträge) wie in den
vergangenen Jahren zu tätigen. Sie listet eine Tabelle auf, worin die für die
Zeit zwischen Januar 2003 und Februar 2007 errechneten monatlichen
Durchschnittsumsätze der Beschwerdegegnerin (Klagebeilage 8) den Umsätzen der
Beschwerdeführerin für die Zeit von März 2007 bis Juni 2008 gegenübergestellt
werden. Daraus folgert sie, die Umsatzzahlen, auf die sich die Deckungsbeiträge
stützen, seien um rund 11.15% zu hoch, weshalb die Deckungsbeiträge
entsprechend zu korrigieren seien.

2.7 Die Vorinstanz hielt fest, die Beschwerdeführerin habe ihr Begehren, es sei
aufgrund der Auswirkungen der hypothetischen ordentlichen Kündigung ein Abzug
zu machen, nicht substanziiert, obwohl dem Geschäftsführer der
Beschwerdeführerin als Gesellschafter der Beschwerdegegnerin sämtliche
Abschlüsse der Beschwerdegegnerin bekannt gewesen seien. Die Beschwerdeführerin
zeigt weder auf, dass sie ihrer Substanziierungslast im kantonalen Verfahren
nachgekommen ist noch legt sie dar, dass sie ihre Umsätze von März 2007 bis
Juni 2008 bereits im kantonalen Verfahren ins Recht gelegt hätte oder erst der
angefochtene Entscheid Anlass gab, sich auf die Zahlen zu berufen. Diese sind
daher neu und nicht zu berücksichtigen (Art. 99 Abs. 1 BGG). Soweit die
Beschwerdeführerin ihre Vorbringen nicht hinreichend substanziiert hat, konnte
die Vorinstanz sie ohne Verletzung von Bundesrecht unbeachtet lassen.

2.8 Die Beschwerdeführerin macht geltend, das Beweisverfahren habe gezeigt,
dass die Beschwerdegegnerin keine Anstrengungen unternommen habe, neue
Lieferanten und Produkte zu akquirieren. Die Vorinstanz habe der
Beschwerdegegnerin somit zu Unrecht kein hypothetisches Einkommen angerechnet.
Entgegen der Behauptung der Beschwerdeführerin ergab das Beweisverfahren
jedoch, dass der Beschwerdegegnerin kein Raum für grosse Anstrengungen blieb,
neue Kunden zu akquirieren. Die Beschwerdeführerin erhebt diesbezüglich keine
hinreichend begründete Sachverhaltsrüge, weshalb ihre Vorbringen ins Leere
stossen.

3.
Zusammenfassend ist die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf eingetreten werden
kann. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wird die Beschwerdeführerin kosten- und
entschädigungspflichtig (Art. 66 Abs. 1 und Art. 68 Abs. 2 BGG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist.

2.
Die Gerichtskosten von Fr. 10'000.-- werden der Beschwerdeführerin auferlegt.

3.
Die Beschwerdeführerin hat die Beschwerdegegnerin für das bundesgerichtliche
Verfahren mit Fr. 12'000.-- zu entschädigen.

4.
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Handelsgericht des Kantons Bern
schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 5. Juli 2010
Im Namen der I. zivilrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts
Die Präsidentin: Die Gerichtsschreiberin:

Klett Feldmann