Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

Strafrechtliche Abteilung, Beschwerde in Strafsachen 6B.1211/2015
Zurück zum Index Strafrechtliche Abteilung, Beschwerde in Strafsachen 2015
Retour à l'indice Strafrechtliche Abteilung, Beschwerde in Strafsachen 2015


Wichtiger Hinweis:
Diese Website wird in älteren Versionen von Netscape ohne graphische Elemente
dargestellt. Die Funktionalität der Website ist aber trotzdem gewährleistet.
Wenn Sie diese Website regelmässig benutzen, empfehlen wir Ihnen, auf Ihrem
Computer einen aktuellen Browser zu installieren.
Zurück zur Einstiegsseite Drucken
                                                               Grössere Schrift

Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

[8frIR2ALAGK1]     
{T 0/2}
                   
6B_1211/2015

Urteil vom 10. November 2016

Strafrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Denys, Präsident,
Bundesrichter Rüedi,
Bundesrichterin Jametti,
Gerichtsschreiber Matt.

Verfahrensbeteiligte
X.________,
vertreten durch Rechtsanwalt Max Birkenmaier,
Beschwerdeführer,

gegen

1. Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich, Florhofgasse 2, 8090 Zürich,
2. A.________,
Beschwerdegegner.

Gegenstand
Vorsätzliche Tötung, begangen im Notwehrexzess; Willkür, Grundsatz in dubio pro
reo,

Beschwerde gegen das Urteil des Obergerichts des Kantons Zürich, II.
Strafkammer, vom 11. September 2015.

Sachverhalt:

A.
Mit Urteil vom 31. Oktober 2014 sprach das Bezirksgericht Bülach X.________ der
vorsätzlichen Tötung, begangen im Notwehrexzess, sowie des mehrfachen Vergehens
gegen das Bundesgesetz vom 20. Juni 1997 über Waffen, Waffenzubehör und
Munition (Waffengesetz, WG; SR 514.54) schuldig und verurteilte ihn unter
Anrechnung der erstandenen Haft von 194 Tagen zu einer Freiheitsstrafe von 6 ½
Jahren. Vom Vorwurf einer weiteren, versuchten vorsätzlichen Tötung sprach es
ihn frei.

B.
Auf Berufung des Beschuldigten, der Staatsanwaltschaft und A.________ hin
stellte das Obergericht des Kantons Zürich am 11. September 2015 den Eintritt
der Rechtskraft des bezirksgerichtlichen Urteils insbesondere im Schuldpunkt
betreffend Widerhandlung gegen das Waffengesetz fest. Es bestätigte die
weiteren Schuld- und Freisprüche und verurteilte X.________ unter Anrechnung
der erstandenen Haft und des vorzeitigen Strafvollzugs von 330 Tagen zu einer
Freiheitsstrafe von 9 Jahren.

C.
X.________ beantragt mit Beschwerde in Strafsachen, das obergerichtliche Urteil
sei hinsichtlich des Schuldspruchs wegen vorsätzlicher Tötung, der Sanktion und
der Genugtuung aufzuheben. Er sei in Anwendung von Art. 16 Abs. 2 StGB vom
Vorwurf der vorsätzlichen Tötung freizusprechen. Über die Kosten der
Strafuntersuchung sowie des erst- und zweitinstanzlichen Verfahrens sei
ausgangsgemäss zu entscheiden. X.________ ersucht um unentgeltliche
Rechtspflege und Verbeiständung im bundesgerichtlichen Verfahren.

D.
Obergericht und Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich verzichten auf eine
Stellungnahme. A.________ beantragt die kostenfällige Abweisung der Beschwerde,
soweit darauf einzutreten ist und ersucht um unentgeltliche Rechtspflege und
Verbeiständung im bundesgerichtlichen Verfahren. X.________ wurde das
Replikrecht gewährt.

Erwägungen:

1.

1.1. Der Beschwerdeführer macht geltend, die Vorinstanz setze sich bei der
Strafzumessung in Widerspruch zu ihren tatsächlichen Feststellungen und lasse
verschiedene, verschuldensmindernde Punkte ausser Acht. Die Abwehr sei
angemessen, ein allfälliger Exzess entschuldbar.

1.2.

1.2.1. Die Vorinstanz stellt hinsichtlich des wesentlichen Tatablaufs auf die
als glaubhaft beurteilten Aussagen des Beschwerdeführers ab. Sie erachtet es
unter Verweis auf die erstinstanzlichen Ausführungen als erwiesen, dass er vor
dem Hinterausgang der örtlichen Asylunterkunft gestanden und seine Freundin
getröstet habe, als B.________ mit einem Begleiter hinter einem Zaun
aufgetaucht sei, ihn laut beschimpft und demonstrativ angestarrt habe.
B.________ habe in die eigene Jackentasche und diejenige seines Begleiters
gegriffen, die Jacke ausgezogen, mehrmals in seine Hände sowie auf den Zaun
geschlagen und eine "Halsabschneide-Geste" gemacht. Alsdann habe er den Zaun
übersprungen und sei auf den Beschwerdeführer zugegangen. Dieser habe seine
Pistole gezogen, für den anderen sichtbar eine Ladebewegung gemacht und aus
einer Entfernung von zwei bis drei Metern drei Schüsse in Richtung des
unbewaffneten B.________ abgegeben, welcher, von zwei Schüssen tödlich
getroffen, zu Boden gegangen sei. Die Vorinstanz erachtet es als glaubhaft,
dass der Beschwerdeführer nicht gezielt habe und dass er sich nur an einen
Schuss erinnern könne. Gemäss ihren tatsächlichen Feststellungen hat die
gesamte verbale Auseinandersetzung bis zur Schussabgabe weniger als eine Minute
gedauert.

1.2.2. In rechtlicher Hinsicht würdigt die Vorinstanz das Vorgehen des
Beschwerdeführers als eventualvorsätzliche Tötung. Sie geht von einer
Notwehrsituation aus, erachtet aber die Abwehr des Beschwerdeführers als
unverhältnismässig. Sie erwägt, er habe angesichts des Verhaltens des Opfers
von einer unmittelbar bevorstehenden tätlichen Attacke ausgehen dürfen, noch
bevor dieses den Zaun übersprungen habe. Allerdings habe er mangels einer Waffe
des ihm körperlich massiv unterlegenen, 25 Kilogramm leichteren und schmächtig
gebauten, alkoholisierten Angreifers höchstens mit Schlägen rechnen müssen.
Massive Verletzungen hätten ihm nicht gedroht. Eine Abwehr des Angriffs mit
blosser Körperkraft hätte wohl zur erfolgreichen Verteidigung ausgereicht,
zumal er erst bevor gestanden habe. Dies müsse für den Beschwerdeführer
erkennbar gewesen sein. Bei dieser Sachlage erscheine schon der Einsatz einer
Schusswaffe weder als erforderlich noch als verhältnismässig. Zudem wäre es dem
Beschwerdeführer zumutbar gewesen, einen Warnschuss oder einen Schuss Richtung
Beine, anstatt mindestens zweier für sich genommen tödlicher Schüsse auf den
Oberkörper des Opfers abzugeben. Sein Vorgehen sei völlig unverständlich,
unangemessen und überschreite die Grenzen der zulässigen Notwehr erheblich. Der
Notwehrexzess sei bei objektiver Bewertung auch nicht entschuldbar. Da der
Getötete lediglich mit blossen Händen auf den Beschwerdeführer zugegangen sei,
sei dessen übertriebene Angst angesichts seiner körperlichen Überlegenheit
nicht gerechtfertigt gewesen.

1.2.3. Im Rahmen der Strafzumessung erwägt die Vorinstanz, die objektive
Tatschwere werde zwar dadurch etwas gemildert, dass die Tat nicht geplant
gewesen sei, und sich das Opfer durch die zur Abschreckung gezogene Waffe nicht
beeindruckt gezeigt habe. Gleichwohl wiege das objektive Tatverschulden schwer
und rechtfertige eine hypothetische Einsatzstrafe von 16 Jahren. Subjektiv
liege das Handeln des Beschwerdeführers nahe an der Grenze zum direkten
Vorsatz. Er habe die zulässige Notwehr erheblich überschritten, indem er
zweimal so auf den Oberkörper des Getöteten gezielt habe, dass jeder einzelne
Schuss tödlich gewesen sei. Unter Notwehrgesichtspunkten rechtfertige sich nur
eine ganz marginale Strafminderung. Demgegenüber mindere die gutachterlich
attestierte, mittelgradig verminderte Schuldfähigkeit das objektive
Tatverschulden erheblich. Dies führe, bei einem keineswegs mehr leichten
Verschulden, zu einer Reduktion der Einsatzstrafe auf 10 Jahre. Das
Nachtatverhalten sei ebenfalls erheblich strafmindernd zu berücksichtigen. Die
hypothetische Einsatzstrafe für das Tötungsdelikt sei auf 8 ½ Jahre zu
reduzieren und die Gesamtstrafe unter Berücksichtigung des Verstosses gegen das
Waffengesetz auf 9 Jahre festzusetzen.

1.3.

1.3.1. Wird jemand ohne Recht angegriffen oder unmittelbar mit einem Angriff
bedroht, so ist der Angegriffene und jeder andere berechtigt, den Angriff in
einer den Umständen angemessenen Weise abzuwehren (Art. 15 StGB). Überschreitet
der Abwehrende die Grenzen der Notwehr, so mildert das Gericht die Strafe (Art.
16 Abs. 1 StGB). Überschreitet er die Grenzen der Notwehr in entschuldbarer
Aufregung oder Bestürzung über den Angriff, so handelt er nicht schuldhaft
(Art. 16 Abs. 2 StGB).
Nach der Rechtsprechung muss die Abwehr in einer Notwehrsituation nach der
Gesamtheit der Umstände als verhältnismässig erscheinen. Eine Rolle spielen vor
allem die Schwere des Angriffs, die durch den Angriff und die Abwehr bedrohten
Rechtsgüter, die Art des Abwehrmittels und dessen tatsächliche Verwendung (BGE
102 IV 65 E. 2a S. 68 mit Hinweisen, insb. BGE 79 IV 148 E. 1). Die
Angemessenheit der Abwehr ist aufgrund jener Situation zu beurteilen, in der
sich der rechtswidrig Angegriffene im Zeitpunkt seiner Tat befand. Es dürfen
nicht nachträglich allzu subtile Überlegungen darüber angestellt werden, ob der
Angegriffene sich nicht allenfalls auch mit anderen, weniger einschneidenden
Massnahmen hätte begnügen können und sollen (BGE 107 IV 12 E. 3a S. 15 mit
Hinweis). Dieser Rechtsprechung folgt die Lehre (vgl. KURT SEELMANN, Basler
Kommentar, Strafrecht I, 3. Aufl., Basel 2013, Art. 15 Rz. 12; siehe auch JOSÉ
HURTADO POZO, Droit pénal, Partie générale, Genève 2008, S. 239 Rz. 718; vgl.
zum Ganzen: BGE 136 IV 49 E. 3.1 f. S. 51 f.).

1.3.2. Ein Notwehrexzess ist gemäss Art. 16 Abs. 2 StGB entschuldbar, wenn die
Aufregung oder die Bestürzung des Täters allein oder zumindest vorwiegend auf
den rechtswidrigen Angriff zurückzuführen ist. Überdies müssen Art und Umstände
des Angriffs derart sein, dass sie die Aufregung oder die Bestürzung
entschuldbar erscheinen lassen. Nicht jede geringfügige Erregung oder
Bestürzung führt zu Straflosigkeit. Das Gericht hat einen umso strengeren
Massstab anzulegen, je mehr die Reaktion des Täters den Angreifer verletzt oder
gefährdet. Erforderlich ist, dass es dem Täter aufgrund der Aufregung oder
Bestürzung über den Angriff nicht möglich war, besonnen und verantwortlich zu
reagieren (vgl. zum Einsatz von Schusswaffen Urteil 6S.734/1999 vom 10. April
2001 E. 4b mit Hinweisen). Insoweit besteht trotz der absoluten Formulierung
ein gewisses Ermessen (BGE 102 IV 1 E. 3b S. 7; zum Ganzen: Urteil 6B_810/2011
vom 30. August 2012 E. 5.3.2 mit Hinweisen).

1.3.3. Verschulden im Sinne von Art. 47 StGB ist das Mass der Vorwerfbarkeit
des Rechtsbruchs und bezieht sich auf den gesamten Unrechts- und Schuldgehalt
der konkreten Straftat (BGE 129 IV 6 E. 6.1 S. 20). Es liegt im Ermessen des
Sachgerichts, in welchem Umfang es die verschiedenen Strafzumessungsfaktoren
berücksichtigt (BGE 134 IV 17 E. 2.1 S. 19). Bei der Gewichtung der einzelnen
Strafzumessungskomponenten steht ihm innerhalb des jeweiligen Strafrahmens ein
erheblicher Ermessensspielraum zu (BGE 129 IV 6 E. 6.1 S. 21). Neben den
objektiven und subjektiven Tatumständen (Tatkomponente), wobei dem subjektiven
Tatverschulden eine entscheidende Rolle zukommt (BGE 136 IV 55 E. 5.4 S. 59),
sind auch täterbezogene Umstände (Täterkomponente) zu berücksichtigen, die mit
der konkreten Straftat nicht im unmittelbaren Tatzusammenhang stehen (Art. 47
Abs. 1 Satz 2 StGB; vgl. zum Ganzen: Urteil 6B_510/2015 vom 25. August 2015 E.
1.5 mit Hinweisen).

1.4.

1.4.1. Gemäss den verbindlichen Feststellungen der Vorinstanz sah sich der
Beschwerdeführer unvermittelt einem einzelnen verbal aggressiven, aber
körperlich massiv unterlegenen und unbewaffneten Angreifer gegenüber. Der
eigentliche Angriff stand erst bevor, der Angreifer war zum Zeitpunkt der
Schussabgabe noch mindestens zwei Meter vom Beschwerdeführer entfernt. Zwar
dürfen wie dargelegt (vorne E. 1.3.1) nicht nachträglich allzu subtile
Überlegungen darüber angestellt werden, ob der Angegriffene sich nicht
allenfalls auch mit anderen, weniger einschneidenden Massnahmen hätte begnügen
können und sollen. Der Einsatz einer Schusswaffe erscheint aber zu diesem
Zeitpunkt objektiv betrachtet nicht als nachvollziehbar. Daran vermag auch der
Umstand, dass sich die ganze Auseinandersetzung innert weniger als einer Minute
abspielte, nichts zu ändern. Die Vorinstanz weist zutreffend darauf hin, dass
bei der Verwendung gefährlicher Werkzeuge praxisgemäss besondere Zurückhaltung
geboten ist, da deren Einsatz stets die Gefahr schwerer oder gar tödlicher
Verletzungen mit sich bringt (BGE 136 IV 49 E. 3.3 S. 52 mit Hinweisen). Ihr
ist zuzustimmen, wenn sie sinngemäss erwägt, dass es dem körperlich
überlegenen, als Fitnessinstruktor tätigen Beschwerdeführer zumutbar gewesen
wäre, den Angriff - jedenfalls vorerst - mit gleichen Mitteln, also mit blosser
Körperkraft abzuwehren und dass dies für ihn erkennbar gewesen sein müsse. Ob
er zusätzlich feststellen konnte, ob der Angreifer alkoholisiert war, spielt
insofern keine Rolle. An der Unangemessenheit des Schusswaffeneinsatzes ändert
nichts, dass der Angreifer von einer weiteren Person begleitet wurde. Es ist
unbestritten, dass der Begleiter keine Anstalten machte, sich an der
bevorstehenden Auseinandersetzung zu beteiligen und dass er sich nicht
aggressiv verhielt. Der Beschwerdeführer musste daher nicht mit einem Angriff
mehrerer Personen rechnen. Nicht gefolgt werden kann ihm, wenn er geltend
macht, es hätten deutlich schwerere Verletzungen gedroht, als von der
Vorinstanz angenommen. Der Angreifer war unbewaffnet und dem Beschwerdeführer
körperlich unterlegen. Schwerste oder gar tödliche Verletzungen, welche den
Einsatz der Waffe als gerechtfertigt erscheinen liessen, waren nicht zu
befürchten. Erst durch das Ziehen einer Schusswaffe und damit durch sein
eigenes Verhalten hat sich der Beschwerdeführer dieser Gefahr ausgesetzt. Der
Einsatz der Schusswaffe kann indes nicht mit der Gefahr gerechtfertigt werden,
die erst durch deren Verwendung geschaffen wurde. Insofern trifft den
Beschwerdeführer ein nicht unerhebliches Mitverschulden an der Verschlimmerung
seiner Notwehrlage, was bei der Angemessenheit der Abwehr zu berücksichtigen
ist (vgl. Urteil 6B_251/2013 vom 24. Oktober 2013 E. 1.2 mit Hinweis). Es
entlastet ihn daher nicht, dass der Angreifer allenfalls nach seiner Waffe zu
greifen versuchte. Auch, dass der Begleiter des Angreifers ein Messer bei sich
getragen hat, rechtfertigt den unmittelbaren Einsatz der Schusswaffe nicht. Die
Vorinstanz weist zu Recht darauf hin, dass der Beschwerdeführer um die Existenz
dieses Messers nicht wusste. Es kann für die Entscheidung zum
Schusswaffeneinsatz somit nicht relevant gewesen sein. Der Beschwerdeführer
scheint ein milderes Abwehrmittel nie in Erwägung gezogen zu haben, zumal er
gemäss den verbindlichen Feststellungen der Vorinstanz seine Hand bereits am
Griff der Waffe platziert hatte, als der Angreifer noch fluchend auf der
anderen Seite des Zauns stand. Gemäss den vorinstanzlichen
Sachverhaltsfeststellungen hat er auch nicht auf die Beine des Angreifers
gezielt. Hierzu wäre er aber verpflichtet gewesen (vgl. dazu BGE 136 IV 49 E.
3.3 und 4.2 S. 52 f.; Urteil 6B_1039/2010 vom 16. Mai 2011 E. 2.1.3). Die
Vorinstanz verletzt kein Bundesrecht, wenn sie erwägt, der Beschwerdeführer
habe das zulässige Notwehrrecht gemäss Art. 15 StGB durch den Einsatz der
Schusswaffe überschritten und es liege ein Notwehrexzess vor.

1.4.2. Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers ist es nicht zu
beanstanden, dass die Vorinstanz das Vorliegen eines entschuldbaren
Notwehrexzesses nach Art. 16 Abs. 2 StGB verneint hat. Sie erwägt zu Recht,
dass der Angriff nicht besonders schwerwiegend war, sondern von einem
einzelnen, unbewaffneten und körperlich unterlegenen Gegner ausging. Die
Umstände des Angriffs waren nicht derart, dass sie die Aufregung oder
Bestürzung des Beschwerdeführers bei objektiver Betrachtung als entschuldbar
erscheinen liessen. Hierfür ist praxisgemäss ein umso strengerer Massstab
anzulegen, je mehr die Reaktion des Täters den Angreifer verletzt oder
gefährdet. In casu hat der Beschwerdeführer sein Notwehrrecht erheblich
überschritten. Entsprechend schwerwiegend müsste seine Aufregung oder
Bestürzung über den Angriff gewesen sein, um anzunehmen, es wäre ihm nicht
möglich gewesen, besonnen und verantwortlich, namentlich mit einem milderen
Mittel zu reagieren (Urteile 6B_632/2012 vom 30. Mai 2013 E. 3.7; 6B_810/2011
vom 30. August 2012 E. 5.3.2; zur Entschuldbarkeit des Affekts beim Totschlag:
BGE 108 IV 99 E. 3b S. 102; je mit Hinweisen). Eine solch schwere Aufregung
über den Angriff ist nicht ersichtlich. Gemäss den Feststellungen der
Vorinstanz ist es bereits im Vorfeld der Tat bei der örtlichen Asylunterkunft
zu Vorfällen mit Messerattacken gekommen, und der Beschwerdeführer hat sich
gemäss eigenen Angaben just zum Abschrecken möglicher Angreifer bewaffnet. Er
kann sich nicht auf eine entschuldbare Aufregung für den Fall berufen, auf den
er sich vorbereitet hat, auch wenn ihn der Angriff überrascht und erschreckt
hat. Es war im Gegenteil seine Pflicht, auch in diesem Fall besonnen und
verantwortlich zu handeln (vgl. Urteile 6B_632/2012 vom 30. Mai 2013 E. 3.8;
6S.734/1999 vom 10. April 2001 E. 4b). Die Vorinstanz überschreitet das ihr
zustehende Ermessen nicht (vgl. E. 1.3.2).
Hingegen ist auch eine übertriebene, allenfalls auf abnorme Elemente in der
Persönlichkeit des Täters zurückzuführende Angst, wenngleich nicht
schuldausschliessend, bei der Bemessung der konkreten Tatschuld zu
berücksichtigen, soweit sie erwiesen ist (BGE 108 IV 99 E. 3b S. 102; Urteil
6S.180/2004 vom 24. September 2004 E. 1.1).

1.4.3. Nicht gefolgt werden kann der Vorinstanz, wenn sie erwägt, der
Beschwerdeführer habe die Grenzen der zulässigen Notwehr deshalb "in völlig
unangemessener Weise überschritten", weil er, anstatt einen Warnschuss oder
einen Schuss in Richtung Beine des Angreifers abzugeben, mindestens zweimal in
Richtung von dessen Oberkörper geschossen habe (Urteil, S. 29). Dabei habe er
zweimal so auf den Oberkörper des Angreifers gezielt, dass jeder einzelne
dieser Schüsse tödlich gewesen sei (Urteil, S. 32). Der Beschwerdeführer rügt
zu Recht, dass sich die Vorinstanz damit in einen unlösbaren Widerspruch zu
ihren eigenen Sachverhaltsfeststellungen begibt. Sie erwägt in tatsächlicher
Hinsicht, es sei dem Beschwerdeführer zu glauben, dass er überhaupt nicht
gezielt, sondern einfach nur geschossen habe. Darüber hinaus hält sie es für
nicht widerlegbar, dass er sich nur an eine einzelne Schussabgabe erinnern kann
(Urteil, S. 19). Mit diesen tatsächlichen Feststellungen ist die Annahme zweier
bewusster und gezielter Schüsse auf den Oberkörper des Angreifers unvereinbar.
Dies wird im Rahmen der Strafzumessung zu berücksichtigen sein, da es für die
Schwere des Verschuldens eine nicht unerhebliche Rolle spielt, ob der
Beschwerdeführer gezielt auf den Oberkörper des Angreifers geschossen hat oder
ob dies, wie die Vorinstanz festgestellt hat, nicht der Fall ist. Unter diesen
Umständen ist auch die vorinstanzliche Feststellung im Rahmen der
Strafzumessung, wonach das Handeln des Beschwerdeführers nahe an der Grenze zum
direkten Vorsatz gelegen habe, so nicht haltbar.
Die Beschwerde ist in diesem Punkt gutzuheissen. Die Vorinstanz wird unter
Berücksichtigung ihrer tatsächlichen Feststellungen eine neue Strafzumessung
vorzunehmen haben. Es erübrigt sich grundsätzlich, auf die weiteren
diesbezüglichen Rügen des Beschwerdeführers einzugehen. Ihm ist indessen
zuzustimmen, dass die von der Vorinstanz festgesetzte hypothetische
Einsatzstrafe von 16 Jahren angesichts der Umstände, namentlich des Vorliegens
einer Notwehrsituation, als zu hoch erscheint. Der Beschwerdeführer rügt zu
Recht, dass die am obersten Rand des möglichen Strafrahmens angesetzte
Einsatzstrafe den tatsächlichen Gegebenheiten nicht gerecht wird. Sie ist daher
nicht mehr vom sachrichterlichen Ermessen gedeckt (BGE 136 IV 55 E. 5.6 S. 61;
135 IV 130 E. 5.3.1 S. 134; 134 IV 17 E. 2.1 S. 19; je mit Hinweisen).

2.
Die Beschwerde ist teilweise gutzuheissen. Das angefochtene Urteil ist
aufzuheben und die Sache zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz
zurückzuweisen. Im Übrigen ist die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf
eingetreten werden kann.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens werden sowohl der Beschwerdeführer als auch
der Beschwerdegegner 2 im Umfang ihres Unterliegens grundsätzlich
kostenpflichtig (Art. 66 Abs. 1 BGG). Ihre Gesuche um unentgeltliche
Rechtspflege und Verbeiständung sind gutzuheissen, da von Bedürftigkeit
auszugehen ist und die Rechtsbegehren nicht von vornherein aussichtslos waren.
Es sind keine Kosten zu erheben (Art. 64 Abs. 1 und 66 Abs. 4 BGG). Der Kanton
Zürich hat dem Beschwerdeführer für das bundesgerichtliche Verfahren im Umfang
seines Obsiegens eine angemessene Entschädigung zu bezahlen (Art. 68 Abs. 1 und
2 BGG). Diese ist praxisgemäss seinem Rechtsvertreter auszurichten. Insoweit
wird das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege gegenstandslos. Im Umfang des
Unterliegens ist der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers aus der
Bundesgerichtskasse zu entschädigen (Art. 64 Abs. 2 BGG). Dem Rechtsvertreter
des Beschwerdegegners 2 ist aus der Bundesgerichtskasse eine reduzierte
Entschädigung auszurichten (Art. 64 Abs. 2 BGG).

 

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird teilweise gutgeheissen, das Urteil des Obergerichts des
Kantons Zürich vom 11. September 2015 aufgehoben und die Sache zu neuer
Entscheidung an die Vorinstanz zurückgewiesen. Im Übrigen wird die Beschwerde
abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird.

2.
Das Gesuch des Beschwerdeführers um unentgeltliche Rechtspflege wird
gutgeheissen, soweit es nicht gegenstandslos geworden ist. Ihm wird
Rechtsanwalt Max Birkenmaier als Rechtsbeistand beigegeben.

3.
Das Gesuch des Beschwerdegegners 2 um unentgeltliche Rechtspflege wird
gutgeheissen und ihm wird Rechtsanwalt Georges Müller als Rechtsbeistand
beigegeben.

4.
Es werden keine Gerichtskosten erhoben.

5.
Der Kanton Zürich hat dem Rechtsvertreter des Beschwerdeführers, Rechtsanwalt
Max Birkenmaier, für das bundesgerichtliche Verfahren eine Entschädigung von
Fr. 2'000.-- zu bezahlen.

6.
Rechtsanwalt Max Birkenmaier wird eine Entschädigung von Fr. 1'000.---,
Rechtsanwalt Georges Müller eine solche von Fr. 2'000.--aus der
Bundesgerichtskasse ausgerichtet.

7.
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Obergericht des Kantons Zürich, II.
Strafkammer, schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 10. November 2016

Im Namen der Strafrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident: Denys

Der Gerichtsschreiber: Matt

Navigation

Neue Suche

ähnliche Leitentscheide suchen
ähnliche Urteile ab 2000 suchen

Drucken nach oben