Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

Strafrechtliche Abteilung, Beschwerde in Strafsachen 6B.1331/2015
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Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

[8frIR2ALAGK1]     
{T 0/2}
                   
6B_1331/2015

Urteil vom 13. Januar 2016

Strafrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Denys, Präsident,
Bundesrichterin Jacquemoud-Rossari,
Bundesrichter Oberholzer,
Gerichtsschreiber Näf.

Verfahrensbeteiligte
X.________,
vertreten durch Rechtsanwältin Simone Gasser, Beschwerdeführer,

gegen

Generalstaatsanwaltschaft des Kantons Bern, Maulbeerstrasse 10, 3011 Bern,
Beschwerdegegnerin.

Gegenstand
Haftentlassung; Qualifikation der Haft (Sicherheitshaft, Massnahmenvollzug),

Beschwerde gegen den Beschluss des Obergerichts des Kantons Bern,
Strafabteilung, 1. Strafkammer, vom 11. Dezember 2015.

Sachverhalt:

A.

A.a. X.________ wurde mit Entscheid der 1. Strafkammer des Obergerichts des
Kantons Bern vom 15. Oktober 2014 unter anderem der mehrfachen schweren
Körperverletzung schuldig gesprochen und zu einer Freiheitsstrafe von drei
Jahren verurteilt. Zudem wurden eine stationäre therapeutische Massnahme (Art.
59 StGB) und eine stationäre Suchtbehandlung (Art. 60 StGB) angeordnet.
Ausserdem ordnete das Obergericht die Fortdauer der Sicherheitshaft an. Eine
von X.________ gegen den Entscheid vom 15. Oktober 2014 erhobene Beschwerde in
Strafsachen wies das Bundesgericht mit Urteil 6B_43/2015 vom 18. Mai 2015 ab.

Mit Haftentlassungsgesuch vom 20. August 2015 an die Abteilung Straf- und
Massnahmenvollzug des Kantons Bern beantragte X.________ seine umgehende
Entlassung aus der Sicherheitshaft. Am 21. August 2015 leitete die Abteilung
Straf- und Massnahmenvollzug das Gesuch an die 1. Strafkammer des Obergerichts
des Kantons Bern weiter. Diese retournierte das Gesuch am 24. August 2015 an
die Abteilung Straf- und Massnahmenvollzug. Diese hielt mit Schreiben vom 26.
August 2015 ausdrücklich daran fest, dass die 1. Strafkammer des Obergerichts
zur Beurteilung des Gesuchs zuständig sei.

Mit Beschluss vom 10. September 2015 trat die 1. Strafkammer des Obergerichts
des Kantons Bern auf das Haftentlassungsgesuch mangels Zuständigkeit nicht ein.
Das Gericht ordnete an, dass das Haftentlassungsgesuch zur weiteren Behandlung
zurück an die Abteilung Straf- und Massnahmenvollzug des Kantons Bern gehe.

A.b. Die Generalstaatsanwaltschaft des Kantons Bern erhob mit Eingabe vom 7.
Oktober 2015 Beschwerde in Strafsachen. Sie beantragte, der Beschluss der 1.
Strafkammer des Obergerichts des Kantons Bern vom 10. September 2015 sei
aufzuheben und die Sache zum Entscheid über das Haftentlassungsgesuch an die 1.
Strafkammer des Obergerichts zurückzuweisen.

Am 14. Oktober 2015 teilte das Obergericht des Kantons Bern dem Bundesgericht
mit, dass X.________ mit Verfügung der Abteilung Straf- und Massnahmenvollzug
des Kantons Bern vom 12. Oktober 2015 zum Vollzug der mit Urteil des
Obergerichts des Kantons Bern vom 15. Oktober 2014 angeordneten stationären
Massnahme gemäss Art. 59 StGB mit Vollzugsbeginn ab 12. Oktober 2015 in die
Justizvollzugsanstalt Solothurn eingewiesen worden sei.

Mit Verfügung des Präsidenten der Strafrechtlichen Abteilung vom 15. Oktober
2015 wurden die Verfahrensbeteiligten eingeladen, sich bis zum 23. Oktober 2015
zur Frage der Gegenstandslosigkeit des bundesgerichtlichen Beschwerdeverfahrens
zu äussern.

Mit Schreiben vom 22. Oktober 2015 teilte die Anwältin von X.________ dem
Bundesgericht mit, dass dieser am 23. Oktober 2015 wieder zurück in
Sicherheitshaft in das Regionalgefängnis Bern versetzt werde. Das Bundesgericht
ging daher davon aus, dass sich X.________ wieder in Sicherheitshaft und nicht
im Massnahmenvollzug befinde.

A.c. Das Bundesgericht hiess mit Urteil 6B_1055/2015 vom 18. November 2015 die
Beschwerde der Generalstaatsanwaltschaft gut, hob den Entscheid des
Obergerichts des Kantons Bern, 1. Strafkammer, vom 10. September 2015 auf und
wies die Sache zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurück. Das
Bundesgericht erwog, aus Art. 440 Abs. 1 StPO lasse sich nicht ableiten, dass
zum Entscheid über die Entlassung aus der vom Berufungsgericht im Urteil
angeordneten Sicherheitshaft nach Eintritt der Rechtskraft des Urteils die
Vollzugsbehörde zuständig sei. Vielmehr ergebe sich aus der Gesamtheit der
Bestimmungen der Strafprozessordnung betreffend die Anordnung von
Sicherheitshaft und die Entlassung aus dieser Haft, dass zum Entscheid das
Gericht zuständig sei, welches die Strafe oder Massnahme ausgesprochen habe.
Die Vorinstanz habe Bundesrecht verletzt, indem sie auf das Gesuch um
Entlassung aus der Sicherheitshaft nicht eingetreten sei mit der Begründung,
dass sie zu dessen Beurteilung nicht zuständig sei (zitiertes
Bundesgerichtsurteil E. 2.3).

B. 
Mit Entscheid vom 11. Dezember 2015 trat die 1. Strafkammer des Obergerichts
des Kantons Bern auf das Haftentlassungsgesuch von X.________ vom 20. August
2015 infolge Gegenstandslosigkeit nicht ein.

C. 
X.________ erhebt Beschwerde in Strafsachen. Er beantragt, der
Nichteintretensbeschluss des Obergerichts des Kantons Bern vom 11. Dezember
2015 sei aufzuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, das
Haftentlassungsgesuch vom 20. August 2015 an die Hand zu nehmen und zu
beurteilen. Zudem ersucht er um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege.

Erwägungen:

1. 
Der Beschwerdeführer rügt eine Verletzung von Bundesrecht, namentlich von Art.
220 Abs. 2 StPO sowie Art. 31 BV und Art. 5 Ziff. 4 EMRK, indem die Vorinstanz
im angefochtenen Entscheid formal von bestehendem Massnahmenvollzug ausgehe,
obwohl er sich faktisch nach wie vor beziehungsweise wieder in Sicherheitshaft
befinde. Dadurch werde ihm die Möglichkeit der gerichtlichen Haftüberprüfung
verwehrt. Die formelle Aufrechterhaltung der Einweisungsverfügung in ein
Massnahmezentrum, das ihn gar nicht mehr aufnehmen wolle, und die
"vorübergehende Verlegung" in ein Regionalgefängnis unter dem Titel
"Massnahmenvollzug" führten einzig (mit) dazu, ihm die Haftüberprüfung zu
vereiteln.

2.

2.1. Die Abteilung Straf- und Massnahmenvollzug des Kantons Bern verfügte am
12. Oktober 2015, dass der Beschwerdeführer am 12. Oktober 2015 zum Vollzug der
mit Urteil des Obergerichts des Kantons Bern vom 15. Oktober 2014
ausgesprochenen stationären Massnahme gemäss Art. 59 StGB in die
Justizvollzugsanstalt Solothurn eingewiesen werde mit Vollzugsbeginn am 12.
Oktober 2015 (kant. Akten p. 113 ff.). Wenige Tage später, am 23. Oktober 2015,
wurde der Beschwerdeführer in Anwendung von Art. 10 lit. g und Art. 30 Abs. 2
SMVG/BE in das Regionalgefängnis Bern zurückverlegt, da er sich im
Massnahmenvollzug in der Justizvollzugsanstalt Solothurn äusserst renitent
verhalten hatte (kant. Akten p. 177 f., 245). Der Beschwerdeführer ersuchte um
Erlass eines formellen Entscheids betreffend seine Verlegung. Die Abteilung
Straf- und Massnahmenvollzug des Kantons Bern erliess am 30. November 2015 eine
entsprechende Verfügung: Nachdem ein weiterer Verbleib in der
Justizvollzugsanstalt Solothurn aufgrund des gezeigten massiv aggressiven und
drohenden Verhaltens des Beschwerdeführers nicht mehr möglich sei, sei dieser
aus Sicherheits- und Disziplinargründen zur Sicherstellung der vom Gericht
ausgesprochenen Massnahme in ein Regionalgefängnis des Kantons Bern zu
verlegen. Er habe dort zu verbleiben, bis über das weitere Vorgehen entschieden
sei beziehungsweise er zum weiteren Massnahmenvollzug in eine geeignete
Einrichtung eingewiesen werden könne (kant. Akten p. 249). Die Verfügung stützt
sich auf Art. 30 Abs. 2 des bernischen Gesetzes vom 25. Juni 2003 über den
Straf- und Massnahmenvollzug (SMVG/BE; BSG 341.1) der lautet:

Aus Sicherheits-, Disziplinar- oder Platzgründen können Eingewiesene
vorübergehend in ein Gefängnis verlegt werden. Verlegungen bis zu einer Dauer
von drei Wochen können durch die Leitung der Vollzugseinrichtung angeordnet
werden. Längerfristige Verlegungen sind durch die zuständige Stelle der
Polizei- und Militärdirektion anzuordnen.

Der Eingewiesene wird in Anwendung dieser Bestimmung aus den genannten
Sicherheits-, Disziplinar- oder Platzgründen von einem Ort zum andern
beziehungsweise von einer Einrichtung in eine andere, nämlich in ein Gefängnis,
verlegt, wodurch sich aber an der Rechtsnatur beziehungsweise am Rechtsgrund
des Freiheitsentzugs nichts ändert. Es handelt sich vielmehr um eine
Fortsetzung des Vollzugs (siehe dazu Art. 30 Abs. 1 SMVG/BE) in einem
Gefängnis, welches gemäss Art. 10 lit. g SMVG/BE auch dem Vollzug von
Massnahmen dient, die aus Sicherheits-, Disziplinar- oder Platzgründen
vorübergehend nicht anderswo vollzogen werden können. Aus der Verfügung der
Abteilung Straf- und Massnahmenvollzug des Kantons Bern vom 30. Oktober 2015,
welche dem Bundesgericht bei seinem Entscheid 6B_1055/2015 vom 18. November
2015 nicht bekannt war, beziehungsweise aus der in dieser Verfügung genannten
Rechtsgrundlage für die Verlegung des Beschwerdeführers in das
Regionalgefängnis Bern wird ersichtlich, dass der Beschwerdeführer auch nach
dieser Verlegung sich weiterhin im Massnahmenvollzug befindet.

Die Einweisung des Beschwerdeführers in die Justizvollzugsanstalt Solothurn
gemäss Verfügung vom 12. Oktober 2015 zwecks Vollzug der Massnahme im Sinne von
Art. 59 StGB erfolgte in Vollstreckung des Urteils des Obergerichts des Kantons
Bern vom 15. Oktober 2014, das mit der Eröffnung des Bundesgerichtsentscheids
6B_43/2015 vom 18. Mai 2015 vollstreckbar geworden war. Die Rückverlegung des
Beschwerdeführers in das Regionalgefängnis Bern per 23. Oktober 2015 wurde
gemäss Verfügung der Abteilung Straf- und Massnahmenvollzug des Kantons Bern
vom 30. Oktober 2015 deshalb angeordnet, weil der Beschwerdeführer sich in der
Justizvollzugsanstalt Solothurn äusserst aggressiv verhalten hatte. Nichts
deutet darauf hin, dass der Beschwerdeführer am 12. Oktober 2015 deshalb zum
Massnahmenvollzug in die Justizvollzugsanstalt Solothurn eingewiesen wurde,
damit sein Haftentlassungsgesuch gegenstandslos werde. Auch wenn der Aufenthalt
des Beschwerdeführers in der Justzvollzugsanstalt Solothurn zwecks
Massnahmenvollzugs nur eine kurze Episode war, befindet sich der
Beschwerdeführer auch während seiner vorübergehenden Verlegung in das
Regionalgefängnis Bern, die sich auf Art. 30 Abs. 2 und Art. 10 lit. g SMVG/BE
stützt, zurzeit weiterhin im Massnahmenvollzug. Es ist jedoch klarzustellen,
dass die stationäre Massnahme auf der Grundlage von Art. 10 lit. g und Art. 30
Abs. 2 SMVG/BE nur "vorübergehend" in einem Gefängnis vollzogen werden kann.

2.2. Da sich der Beschwerdeführer somit im Zeitpunkt der Ausfällung des
angefochtenen Entscheids vom 11. Dezember 2015 nicht mehr in Sicherheitshaft
befand, hat die Vorinstanz sein Gesuch um Entlassung aus der Sicherheitshaft zu
Recht als gegenstandslos erklärt mit der Folge, dass darauf nicht einzutreten
war. Ein Haftentlassungsgesuch ist nach den zutreffenden Bemerkungen der
Vorinstanz nicht das richtige Mittel, um sich gegen den fortdauernden
Freiheitsentzug zu wehren.

3. 
Der Beschwerdeführer ersucht um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege. Er
ist finanziell bedürftig. Sein Gesuch ist unter den gegebenen Umständen
gutzuheissen. Das Bundesgericht hätte bereits in seinem Urteil 6B_1055/2015 vom
18. November 2015 erkennen können, dass der gemäss einer Mitteilung seiner
Rechtsvertreterin in das Regionalgefängnis Bern verlegte Beschwerdeführer sich
angesichts der Gründe für diese Verlegung entgegen der Auffassung der
Rechtsvertreterin nicht in Sicherheitshaft, sondern weiterhin im
Massnahmenvollzug befand, womit sich das vorliegende Verfahren erübrigt hätte.
Es sind somit keine Kosten zu erheben, und der Vertreterin des
Beschwerdeführers, Rechtsanwältin Simone Gasser, ist eine Entschädigung aus der
Bundesgerichtskasse auszurichten.

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1. 
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2. 
Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wird gutgeheissen.

3. 
Es werden keine Gerichtskosten erhoben.

4. 
Der Vertreterin des Beschwerdeführers, Rechtsanwältin Simone Gasser, wird eine
Entschädigung von Fr. 1'500.-- aus der Bundesgerichtskasse ausgerichtet.

5. 
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Obergericht des Kantons Bern,
Strafabteilung, 1. Strafkammer, schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 13. Januar 2016

Im Namen der Strafrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident: Denys

Der Gerichtsschreiber: Näf

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