Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

Strafrechtliche Abteilung, Beschwerde in Strafsachen 6B.253/2015
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Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

[8frIR2ALAGK1]     
{T 0/2}
                   
6B_253/2015

Urteil vom 23. Juli 2015

Strafrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Denys, Präsident,
Bundesrichter Oberholzer,
Bundesrichterin Jametti,
Gerichtsschreiber Faga.

Verfahrensbeteiligte
Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Luzern, Postfach 3439, 6002 Luzern,
Beschwerdeführerin,

gegen

X.________,
Beschwerdegegner.

Gegenstand
Nachträgliche Anordnung einer stationären therapeutischen Massnahme,

Beschwerde gegen das Urteil des Kantonsgerichts Luzern, 2. Abteilung, vom 31.
Oktober 2014.

Sachverhalt:

A.

 Das Kriminalgericht des Kantons Luzern verurteilte X.________ am 13. Januar
2012 wegen mehrfacher (teilweise versuchter) sexueller Handlungen mit Kindern
sowie wegen mehrfacher Pornografie zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und
sechs Monaten unter Anrechnung der Untersuchungshaft und des vorzeitigen
Strafvollzugs von 182 Tagen. Das Kriminalgericht ordnete eine ambulante
Massnahme (zur Behandlung der psychischen Störungen) während des Strafvollzugs
an.

 X.________ trat den Strafvollzug am 14. November 2011 vorzeitig an. Das
Strafende fiel auf den 15. November 2014. Am 16. September 2013 beantragte die
Staatsanwaltschaft des Kantons Luzern die nachträgliche Anordnung einer
stationären Massnahme (Behandlung einer psychischen Störung). Das
Kriminalgericht des Kantons Luzern wies den Antrag auf nachträgliche Anordnung
einer stationären Massnahme am 28. April 2014 ab. Eine von der
Staatsanwaltschaft dagegen erhobene Berufung wies das Kantonsgericht Luzern am
31. Oktober 2014 ab.

B.

 Die Staatsanwaltschaft des Kantons Luzern führt Beschwerde in Strafsachen. Sie
beantragt, das Urteil des Kantonsgerichts sei aufzuheben, und es sei für
X.________ eine stationäre therapeutische Massnahme anzuordnen. Eventualiter
sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.

Erwägungen:

1.

1.1. Die Vorinstanz erwägt, die nachträgliche Anordnung der stationären
therapeutischen Massnahme liesse sich grundsätzlich auf Art. 63b Abs. 5 StGB
stützen. Wohl werde mit Blick auf die Gesetzesmarginalie und das Konzept der
Bestimmung nicht verkannt, dass Art. 63b Abs. 5 StGB den Wechsel von einer
strafvollzugsbegleitenden ambulanten zu einer stationären therapeutischen
Massnahme nicht erfasse. Für eine extensive Auslegung von Art. 63b Abs. 5 StGB
(wonach die Bestimmung nicht nur bei einer aufgeschobenen Freiheitsstrafe zur
Anwendung gelangt) sprächen die Gesetzesmaterialien. Hingegen brauche die Frage
der Anwendbarkeit von Art. 63b Abs. 5 StGB bei der Umwandlung einer
strafvollzugsbegleitenden ambulanten Massnahme in eine stationäre
therapeutische Massnahme nicht abschliessend beantwortet zu werden (ebenso
wenig die Frage, ob eine entsprechende Umwandlung mit dem Grundsatz "ne bis in
idem" vereinbar sei). Einem Wechsel einer ambulanten Behandlung in eine
stationäre therapeutische Massnahme habe eine Aufhebung der erstgenannten
Massnahme vorauszugehen. Dazu sei die Vollzugsbehörde zuständig. Da dies nicht
erfolgt sei, fehle es (unter der Prämisse einer Anwendbarkeit von Art. 63b Abs.
5 StGB) an einer Grundvoraussetzung für die beantragte stationäre Massnahme
(Entscheid S. 6 ff.).

1.2. Die Beschwerdeführerin rügt, die Vorinstanz wende Art. 63b Abs. 5 StGB
bundesrechtswidrig an. Dazu verweist sie auf Art. 63a Abs. 3 StGB. Der
Entscheid, die ambulante Behandlung aufzuheben, sei dem Gericht überlassen. Die
Aufhebung erfolge konkludent mit der nachträglichen Anordnung der stationären
therapeutischen Massnahme (Beschwerde S. 3 f.).

2. 

2.1. Therapeutische Massnahmen im Sinne von Art. 56 ff. StGB sind im Gegensatz
zu Strafen zeitlich nicht absolut limitiert. Ihre Dauer hängt vom
Behandlungsbedürfnis des Betroffenen und von der Erfolgsaussicht der Massnahme
ab (vgl. Art. 56 Abs. 1 StGB). Sie werden ohne Rücksicht auf Art und Dauer der
ausgesprochenen Strafe angeordnet. Massgebend sind der Geisteszustand des
Täters und die Auswirkungen der Massnahme auf die Gefahr weiterer Straftaten (
BGE 136 IV 156 E. 2.3 S. 158 f. mit Hinweis). Ambulante Behandlungen nach Art.
63 StGB sind mindestens einmal jährlich auf ihre weitere Erforderlichkeit hin
zu überprüfen (Art. 63a Abs. 1 StGB). Sie dürfen in der Regel nicht länger als
fünf Jahre dauern. Das Gericht kann auf Antrag der Vollzugsbehörde die
Behandlung um jeweils ein bis fünf Jahre verlängern (Art. 63 Abs. 4 StGB).

 Eine ambulante Massnahme, für welche die Voraussetzungen nicht mehr erfüllt
sind, ist aufzuheben (Art. 56 Abs. 6 StGB). Dies gilt insbesondere bei
erfolgreichem Abschluss und bei Aussichtslosigkeit der Fortführung (Art. 63a
Abs. 2 StGB). Das Scheitern einer Massnahme darf nicht leichthin angenommen
werden. Erforderlich ist, dass sich eine Massnahme als definitiv undurchführbar
erweist. Eine vorübergehende Krise des Betroffenen allein genügt nicht (Urteil
6B_473/2014 vom 20. November 2014 E. 1.5.2 mit Hinweis). Die Aufhebung erfolgt
durch einen besonderen Rechtsakt (Sc HWARZENEGGER ET AL., Strafrecht II,
Strafen und Massnahmen, 8. Aufl. 2007, S. 152 und 228; MARIANNE HEER, in:
Basler Kommentar, Strafrecht, Bd. I, 3. Aufl. 2013, N. 28 zu Art. 63a StGB).

2.2. Wird die ambulante Behandlung aufgehoben, kann das Gericht nach Art. 63b
Abs. 5 StGB an Stelle des Strafvollzugs eine stationäre therapeutische
Massnahme anordnen, wenn zu erwarten ist, dadurch lasse sich der Gefahr
weiterer, mit dem Zustand des Täters in Zusammenhang stehender Verbrechen und
Vergehen begegnen. Es ist zu prüfen, ob die Umwandlung einer
strafvollzugsbegleitenden ambulanten Massnahme in eine stationäre
therapeutische Massnahme auf Art. 63b Abs. 5 StGB gestützt werden kann.

2.2.1. Die Möglichkeit, eine vollzugsbegleitende ambulante Behandlung in eine
stationäre therapeutische Massnahme umzuwandeln, haben das Bundesgericht und
ein Teil der Lehre wiederholt bejaht. Die Frage nach der gesetzlichen Grundlage
wird in Lehre und Rechtsprechung, soweit sie überhaupt aufgeworfen wird,
uneinheitlich beantwortet. Das Bundesgericht erwog im Urteil 6B_375/2008 vom
21. Oktober 2008 E. 3.1, die Folgen der Aufhebung einer vollzugsbegleitenden
Behandlung seien im Gesetz nicht geregelt. Eine erneute ambulante Massnahme sei
unter Hinweis auf BGE 134 IV 246 E. 3.4 S. 252 ausgeschlossen. In Frage komme
eine nachträgliche stationäre Massnahme im Sinne von Art. 65 Abs. 1 StGB. Das
Bundesgericht verwies dazu auf eine frühere Meinung von HEER, wonach eine
stationäre therapeutische Massnahme nach einer aufgehobenen
vollzugsbegleitenden ambulanten Behandlung auch über Art. 65 Abs. 1 StGB
erreicht werden könne ( MARIANNE HEER, in: Basler Kommentar, Strafrecht, Bd. I,
2. Aufl. 2007, N. 1 zu Art. 63b StGB). Die weiteren vom Bundesgericht im
genannten Entscheid herangezogenen Literaturstellen sind in Bezug auf die Frage
der Gesetzesgrundlage nicht eindeutig (vgl. Günter Stratenwerth,
Schweizerisches Strafrecht, Strafen und Massnahmen, 2. Aufl. 2006, § 9 N. 94;
Schwarzenegger et al., a.a.O., S. 246). In den Urteilen 6B_237/2008 vom 20.
Juni 2008 E. 1, 1B_4/2010 vom 21. Januar 2010 E. 3.2, 6B_252/2010 vom 22. Juni
2010 E. 1.2 und 6B_135/2012 vom 18. April 2012 E. 1.2 verwies das Bundesgericht
(ohne weitergehende Erwägungen) auf Art. 65 Abs. 1 StGB. Im Urteil 6B_160/2010
vom 1. Juni 2010 E. 1.2 wurde die Anwendung von Art. 63b StGB ausgeschlossen,
da der Vollzug der Freiheitsstrafe nicht aufgeschoben worden sei. Im Gegensatz
dazu wurde im Urteil 6B_483/2009 vom 14. Januar 2010 E. 1.3 Art. 65 Abs. 1 StGB
als nicht einschlägig bezeichnet und auf Art. 63b Abs. 5 StGB verwiesen.

 In der Literatur wird mehrheitlich die Meinung vertreten, mit Art. 63b StGB
könne nur eine in Freiheit durchgeführte ambulante Behandlung gemeint sein
(Stratenwerth/Wohlers, Schweizerisches Strafgesetzbuch, Handkommentar, 3. Aufl.
2013, N. 3 zu Art. 63b StGB). Die Aufhebung einer nicht erfolgreichen
strafvollzugsbegleitenden ambulanten Behandlung werde im Gesetz nicht geregelt
und bleibe deshalb ohne Folgen (Schwarzenegger et al., a.a.O., S. 246). Auch
Queloz/Munyankindi verweisen auf die fehlende gesetzliche Regelung. Sie lassen
die Frage offen, ob eine zu füllende gesetzliche Lücke anzunehmen ist (Queloz/
Munyankindi, Commentaire romand, Code pénal I, 2009, N. 2 zu Art. 63b StGB).
Trechsel/Pauen Borer ziehen für die Umwandlung einer vollzugsbegleitenden
ambulanten Behandlung in eine stationäre therapeutische Massnahme Art. 65 Abs.
1 StGB heran (Trechsel/Pauen Borer, in: Schweizerisches Strafgesetzbuch,
Praxiskommentar, 2. Aufl. 2013, N. 1 zu Art. 63b StGB und N. 2 zu Art. 65 StGB;
ebenso Markus Hug, in: Kommentar Schweizerisches Strafgesetzbuch, 19. Aufl.
2013, N. 6 zu Art. 65 StGB). Heer bezeichnet die Bestimmung von Art. 63b StGB
als missglückt. Diese beziehe sich nur auf die Beendigung vollzugsunabhängiger
Freiheitsstrafen (gemeint: vollzugsunabhängiger ambulanter Behandlungen). Art.
65 Abs. 1 StGB sei auf den Austausch von verschiedenen therapeutischen
Massnahmen nicht anwendbar. Bei einer strafvollzugsbegleitenden ambulanten
Behandlung im Sinne von Art. 63 StGB könne für einen Wechsel zu einer
stationären therapeutischen Massnahme auf Art. 63b Abs. 5 StGB abgestellt
werden (Heer, a.a.O., 2013, N. 1 zu Art. 63b und N. 7 ff. zu Art. 65 StGB).

2.2.2. Die Folgen der Aufhebung einer nicht erfolgreichen
strafvollzugsbegleitenden ambulanten Behandlung regelt das Gesetz nicht
ausdrücklich. Eine Lücke im Gesetz besteht, wenn sich eine Regelung als
unvollständig erweist, weil sie jede Antwort auf die sich stellende Rechtsfrage
schuldig bleibt. Hat der Gesetzgeber eine Rechtsfrage nicht übersehen, sondern
stillschweigend - im negativen Sinn - mitentschieden (qualifiziertes
Schweigen), bleibt kein Raum für richterliche Lückenfüllung. Ob eine zu
füllende Lücke oder ein qualifiziertes Schweigen des Gesetzgebers vorliegt, ist
durch Auslegung zu ermitteln. Das Gesetz muss in erster Linie aus sich selbst
heraus, das heisst nach dem Wortlaut, Sinn und Zweck und den ihm zugrunde
liegenden Wertungen auf der Basis einer teleologischen Verständnismethode
ausgelegt werden (vgl. dazu eingehend Urteil 6B_791/2014 vom 7. Mai 2015 E. 1.3
mit Hinweisen, zur Publikation bestimmt).

 Die Marginalie von Art. 63b StGB ("Vollzug der aufgeschobenen
Freiheitsstrafe"; "Exécution de la peine privative de liberté suspendue";
"Esecuzione della pena detentiva sospesa") und der Wortlaut der genannten
Bestimmung umfassen die vollzugsbegleitende ambulante Behandlung nicht. Der
Bundesrat unterstrich in der Botschaft, nach Art. 63b Abs. 5 StGB könne eine
stationäre therapeutische Massnahme an die Stelle des Vollzugs der
Freiheitsstrafe treten. Dazu verwies er auf Art. 43 Ziff. 3 Abs. 3 aStGB
(Botschaft vom 21. September 1998 zur Änderung des Schweizerischen
Strafgesetzbuches und des Militärstrafgesetzes sowie zu einem Bundesgesetz über
das Jugendstrafrecht, BBl 1999 2094 Ziff. 213.443). Bereits in BGE 100 IV 12 E.
2b S. 15 bemerkte das Bundesgericht, die Verbindung der ambulanten Behandlung
mit dem Strafvollzug hindere den Richter nicht daran, die Massnahme
nachträglich gemäss Art. 43 Ziff. 3 Abs. 2 aStGB zu ändern und dem Verurteilten
die nötige Psychotherapie zu verschaffen. Das Bundesgericht hat demnach
gestützt auf das bereits im früheren Recht verankerte Prinzip der
Austauschbarkeit von Massnahmen (Art. 43 Ziff. 3 Abs. 2 und 3 aStGB) die
Möglichkeit bejaht, die ursprünglich angeordnete ambulante Behandlung im
Strafvollzug oder in der Freiheit zu ändern und in eine stationäre Massnahme
nach Art. 43 Ziff. 1 Abs. 1 aStGB umzuwandeln. Dies gilt nach dem früheren
Recht selbst für den Fall, dass der Strafvollzug bereits beendet ist, der Täter
seine Strafe schon vollständig verbüsst hat (BGE 128 I 184 E. 2.3.2 S. 188 f.;
125 IV 225 E. 2 S. 228 ff.; 123 IV 100 E. 3 S. 104 ff.; Urteile 6S.297/2006 vom
26. September 2006 E. 2.1; 6S.265/2003 vom 21. November 2003 E. 4; 6P.110/2005
vom 20. Dezember 2005 E. 4.2; 6P.130/2005 vom 23. Januar 2006 E. 2; je mit
Hinweisen).

 Von einem qualifizierten Schweigen des Gesetzgebers ist nicht auszugehen. Die
Ausführungen in den Materialien können unter Berücksichtigung der damaligen
bundesgerichtlichen Rechtsprechung mit der Vorinstanz dahingehend gedeutet
werden, dass der Gesetzgeber die ambulante Behandlung im Strafvollzug
versehentlich unerwähnt liess. Einer analogen Anwendung von Art. 63b Abs. 5
StGB steht zudem nicht entgegen, dass die Freiheitsstrafe nicht aufgeschoben
und deshalb im Zeitpunkt des späteren Gerichtsentscheids allenfalls bereits
vollständig verbüsst wurde. Die Umwandlung einer ambulanten in eine stationäre
Massnahme nach vollständiger Verbüssung der Strafe bleibt auch unter dem
Geltungsbereich des neuen Massnahmenrechts in klaren Ausnahmefällen und unter
strenger Berücksichtigung des Verhältnismässigkeitsgebotes zulässig. Es ist
systemwidrig, die Umwandlung einer ambulanten in eine stationäre Massnahme nach
Verbüssung der Freiheitsstrafe generell auszuschliessen (BGE 136 IV 156 E. 2
und 3 S. 158 ff.). Das Bundesgericht verwarf im zitierten Entscheid die an den
Gesetzeswortlaut angelehnte Rechtsauffassung der damaligen Vorinstanz, wonach
die Möglichkeit, bei gegebenen Voraussetzungen eine ambulante Massnahme im
Sinne von Art. 63b Abs. 5 StGB in eine stationäre umzuwandeln, nur gegeben sei,
wenn zum Zeitpunkt des nachträglichen Gerichtsentscheids noch eine Reststrafe
bestehe.

 Damit kann sich die Umwandlung einer ambulanten in eine stationäre Massnahme
auch auf Art. 63b Abs. 5 StGB stützen, wenn die ursprüngliche Massnahme
strafvollzugsbegleitend angeordnet wurde.

 Diese Lösung entspricht schliesslich der Konzeption des Gesetzes. Heer
unterstreicht zu Recht, dass es bei Art. 62c und Art. 63b StGB um die Anpassung
bereits angeordneter Massnahmen oder Reaktionen auf ein Scheitern bereits
angeordneter Massnahmen geht. Angeknüpft wird an eine bestehende Behandlung,
während bei der Regelung in Art. 65 Abs. 1 StGB überhaupt noch keine Massnahme,
das heisst auch nicht eine vollzugsbegleitende ambulante Massnahme, angeordnet
wurde (Heer, a.a.O., 2013, N. 7 zu Art. 65 StGB). Das frühere Recht sah in Art.
44 Ziff. 6 Abs. 2 aStGB vor, dass der Richter einen zu einer Strafe
verurteilten Rauschgiftsüchtigen, der sich nachträglich als
behandlungsbedürftig, behandlungsfähig und behandlungswillig erwies, auf dessen
Gesuch hin in eine Anstalt für Rauschgiftsüchtige einweisen und den Vollzug der
noch nicht verbüssten Strafe aufschieben konnte. Der Gesetzgeber wollte diese
Regelung mit Art. 65 Abs. 1 StGB wesentlich erweitern. Die Möglichkeit des
Wechsels sollte nicht nur bezüglich einer stationären Drogentherapie, sondern
auch in Bezug auf andere stationäre therapeutische Massnahmen bestehen
(Botschaft, a.a.O., 2100 Ziff. 213.46). Auch dies verdeutlicht, dass der
Gesetzgeber mit Art. 65 Abs. 1 StGB in erster Linie den Wechsel von einer
Strafe zu einer stationären therapeutischen Massnahme vor Augen hatte.

2.2.3. Die Umwandlung einer strafvollzugsbegleitenden ambulanten Massnahme in
eine stationäre therapeutische Massnahme stützt sich auf Art. 63b Abs. 5 StGB.

2.3. Nach Auffassung der Vorinstanz hat einem Wechsel einer ambulanten
Behandlung in eine stationäre therapeutische Massnahme eine Aufhebung der
ersten Massnahme durch die Vollzugsbehörde vorauszugehen. Es ist zu prüfen, wie
es sich damit verhält.

2.3.1. Der Entscheid über die Aufhebung einer Massnahme wegen
Aussichtslosigkeit nach Art. 63a Abs. 2 lit. b StGB trifft die Vollzugsbehörde.
Das Sachurteil, mit welchem die Massnahme angeordnet wurde, bleibt davon
unberührt. Mit der Aufhebung wird einzig festgestellt, dass die angeordnete
Massnahme ihren Zweck nicht erreicht, sie aussichtslos ist und ihr Vollzug
deshalb eingestellt wird. Es handelt sich um einen typischen  Vollzugsentscheid
, der nach Ausschöpfung des kantonalen Instanzenzugs beim Bundesgericht mit der
Beschwerde in Strafsachen angefochten werden kann (Art. 78 Abs. 2 lit. b BGG;
betreffend die stationäre Massnahme Urteil 6B_227/2014 vom 11. Februar 2015 E.
2.4 mit Hinweisen, zur Publikation bestimmt). Art. 63a Abs. 1 StGB deckt sich
inhaltlich vollumfänglich mit der Bestimmung für die stationäre Massnahme nach
Art. 62d Abs. 1 StGB ( HEER, a.a.O., 2013, N. 3 zu Art. 63a StGB).

 Nach rechtskräftiger Aufhebung der ambulanten Behandlung hat das Gericht auf
Antrag der Vollzugsbehörde über die Rechtsfolgen zu befinden. Wurde die
Massnahme gestützt auf Art. 63a Abs. 2 lit. b, lit. c oder Art. 63a Abs. 3 StGB
aufgehoben, ist die aufgeschobene Freiheitsstrafe zu vollziehen (Art. 63b Abs.
2 StGB). Das Gericht kann anstelle des Strafvollzugs eine stationäre
therapeutische Massnahme anordnen (Art. 63b Abs. 5 StGB). Gegen diesen
Entscheid steht nach Ausschöpfung des kantonalen Instanzenzugs wiederum die
Beschwerde in Strafsachen offen (Art. 78 Abs. 2 lit. b BGG).

 Das Bundesgericht hielt im Urteil 6B_227/2014 vom 11. Februar 2015 E. 2.5 und
2.6 für die stationäre therapeutische Massnahme fest, dass die Kompetenzen in
Bezug auf die Aufhebung der Massnahme und den Entscheid über die Konsequenzen
der Aufhebung nach dem ausdrücklichen Willen des Gesetzgebers zweigeteilt sind
(vgl. auch Urteil 6B_685/2014 vom 25. September 2014 E. 2.1; Schwarzenegger et
al., a.a.O., S. 238 ff.; für die ambulante Massnahme bei aufgeschobener
Freiheitsstrafe vgl. BGE 134 IV 246 E. 3.4 S. 252; Heer, a.a.O., 2013, N. 31 zu
Art. 63b StGB; Schwarzenegger et al., a.a.O., S. 246 f.). Die im Gesetz
vorgesehene Kompetenzregelung zwischen den Vollzugsbehörden und den
Sachgerichten ist auch bei einer strafvollzugsbegleitenden ambulanten
Behandlung beachtlich. Auch in diesem Fall kann das Gericht über die
Rechtsfolgen erst befinden, wenn die vollzugsrechtliche Frage nach der
Aufhebung der ambulanten Behandlung rechtskräftig entschieden wurde. Ansonsten
ginge der betroffenen Person eine Rechtsinstanz respektive Rechtsmittelinstanz
verloren (Urteil 6B_227/2014 vom 11. Februar 2015 E. 3.2). Soweit das
Bundesgericht in einem weiteren Entscheid (betreffend Sicherheitshaft) unter
Hinweis auf Art. 65 Abs. 1 StGB von einer vorgängigen förmlichen Aufhebung der
vollzugsbegleitenden ambulanten Massnahme absah (Urteil 6B_160/2010 vom 1. Juni
2010 E. 1.2), kann an dieser Betrachtungsweise nicht festgehalten werden (E.
2.2 hievor). Sie steht im Widerspruch zur gesetzlichen Zweiteilung der
Kompetenzen zwischen Vollzugsbehörde und Sachgericht (vgl. auch HEER, a.a.O.,
2013, N. 23 zu Art. 63b StGB). Irrelevant für die Kompetenzregelung ist mithin,
in welchem Rahmen die aufzuhebende Massnahme erfolgte (psychiatrische
Einrichtung respektive Massnahmevollzugseinrichtung oder ambulant) und ob die
Freiheitsstrafe aufgeschoben oder vollzogen wurde.

2.3.2. Die vom Kriminalgericht Luzern am 13. Januar 2012 angeordnete ambulante
Behandlung wurde nicht aufgehoben. Vielmehr entschied der Vollzugs- und
Bewährungsdienst des Kantons Luzern am 7. Juli 2014, sie fortzusetzen. Da die
nachträgliche Anordnung der stationären therapeutischen Massnahme zwingend
einen vollzugsrechtlichen Aufhebungsentscheid voraussetzt, fehlt es mit der
Vorinstanz an einer Voraussetzung für die beantragte Änderung. Was die
Beschwerdeführerin unter Hinweis auf Art. 63a Abs. 3 StGB dagegen vorbringt,
überzeugt nicht. Diese Bestimmung setzt voraus, dass der Täter während der
ambulanten Behandlung eine Straftat begeht. Einzig bei neuer Delinquenz
entscheidet das für die Beurteilung der neuen Tat zuständige Gericht allein und
ist die Vollzugsbehörde nicht involviert ( HEER, a.a.O., 2013, N. 31 zu Art.
63b StGB). Der Beschwerdegegner wurde nicht rückfällig. Die von der
Beschwerdeführerin angerufene Bestimmung ist hier nicht einschlägig.
Es erübrigt sich, auf die weiteren Erwägungen der Vorinstanz zu Art. 65 Abs. 1
StGB und die in diesem Zusammenhang von der Beschwerdeführerin erhobenen Rügen
näher einzugehen.

3.

 Die Beschwerde ist abzuweisen. Es sind keine Kosten zu erheben (Art. 66 Abs. 4
BGG). Dem Beschwerdegegner ist keine Entschädigung zuzusprechen, da ihm im
bundesgerichtlichen Verfahren keine Umtriebe entstanden sind.

 Demnach erkennt das Bundesgericht:

1. 
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2. 
Es werden keine Kosten erhoben.

3. 
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Kantonsgericht Luzern, 2. Abteilung,
schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 23. Juli 2015

Im Namen der Strafrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident: Denys

Der Gerichtsschreiber: Faga

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