Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

Strafrechtliche Abteilung, Beschwerde in Strafsachen 6B.409/2015
Zurück zum Index Strafrechtliche Abteilung, Beschwerde in Strafsachen 2015
Retour à l'indice Strafrechtliche Abteilung, Beschwerde in Strafsachen 2015


Wichtiger Hinweis:
Diese Website wird in älteren Versionen von Netscape ohne graphische Elemente
dargestellt. Die Funktionalität der Website ist aber trotzdem gewährleistet.
Wenn Sie diese Website regelmässig benutzen, empfehlen wir Ihnen, auf Ihrem
Computer einen aktuellen Browser zu installieren.
Zurück zur Einstiegsseite Drucken
                                                               Grössere Schrift

Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

[8frIR2ALAGK1]     
{T 0/2}
                   
6B_409/2015

Urteil vom 1. Juni 2015

Strafrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Denys, Präsident,
Bundesrichter Oberholzer,
Bundesrichterin Jametti,
Gerichtsschreiber Näf.

Verfahrensbeteiligte
X.________,
vertreten durch Advokat Dr. Urs Beat Pfrommer,
Beschwerdeführerin,

gegen

Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Aargau, Frey-Herosé-Strasse 20, Wielandhaus,
5001 Aarau,
Beschwerdegegnerin.

Gegenstand
Fahrlässige Tötung (im Strassenverkehr),

Beschwerde gegen das Urteil des Obergerichts des Kantons Aargau, Strafgericht,
2. Kammer, vom 17. Februar 2015.

Sachverhalt:

A. 
Am 2. November 2012, um 23.15 Uhr, fuhr X.________ bei leichtem Regen in
Begleitung einer Freundin mit ihrem Personenwagen in Möhlin in den 67jährigen,
dunkel gekleideten A.________ hinein, der im Begriffe war, den
Fussgängerstreifen auf der Höhe eines Altersheims (aus der Sicht der
Fahrzeuglenkerin) von rechts nach links zu überqueren. Zufolge der Kollision
wurde A.________ ca. 12,5 Meter weggeschleudert. Er verstarb am 16. November
2012 an den Folgen der dabei erlittenen Verletzungen.

B.

B.a. Mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg vom 24. Juli
2013 wurde X.________ wegen fahrlässiger Tötung (Art. 117 StGB) durch mangelnde
Aufmerksamkeit und durch Missachtung des Vortrittsrechts der Fussgänger auf dem
Fussgängerstreifen zu einer bedingten Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu Fr.
190.-- sowie zu einer Busse von Fr. 2'000.-- verurteilt.

X.________ erhob Einsprache. Die Staatsanwaltschaft hielt an ihrem Strafbefehl
fest und überwies diesen als Anklage dem Bezirksgericht Rheinfelden.

B.b. Die Präsidentin des Bezirksgerichts Rheinfelden sprach X.________ am 16.
Mai 2014 vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung gemäss Art. 117 StGB frei. Die
Verfahrenskosten wurden dem Staat auferlegt, und dem Verteidiger von X.________
wurde eine Entschädigung zu Lasten der Staatskasse zugesprochen.

Die Staatsanwaltschaft Laufenburg-Rheinfelden erklärte Berufung. Sie
beantragte, X.________ sei der fahrlässigen Tötung (Art. 117 StGB) schuldig zu
sprechen. Im Falle ihrer Freisprechung von diesem Vorwurf sei über die
eingeklagten SVG-Tatbestände zu befinden.

B.c. Das Obergericht des Kantons Aargau, Strafgericht, 2. Kammer, sprach
X.________ mit Urteil vom 17. Februar 2015 der fahrlässigen Tötung (Art. 117
StGB) schuldig und verurteilte sie deswegen zu einer Geldstrafe von 120
Tagessätzen zu Fr. 190.-- sowie zu einer Busse von Fr. 2'000.--, ersatzweise 11
Tage Freiheitsstrafe.

C. 
X.________ führt Beschwerde in Strafsachen. Sie beantragt, das Urteil des
Obergerichts vom 17. Februar 2015 sei vollumfänglich aufzuheben und sie sei
freizusprechen. Eventualiter sei die Sache zur neuen Entscheidung im Sinne der
bundesgerichtlichen Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen.

D. 
Die Staatsanwaltschaft und das Obergericht des Kantons Aargau haben unter
Hinweis auf die Ausführungen im angefochtenen Entscheid auf Vernehmlassungen
verzichtet.

Erwägungen:

1.

1.1. In tatsächlicher Hinsicht ist aufgrund des Gutachtens der Arbeitsgruppe
Unfalltechnik Zürich (AGU Zürich) vom 11. Februar 2014 von Folgendem
auszugehen. Der Personenwagen der Beschwerdeführerin erfasste das Opfer auf dem
Fussgängerstreifen, als es 0,9 bis 2,0 Meter vom rechten Strassenrand entfernt
war. Die Geschwindigkeit des Fahrzeugs betrug im Zeitpunkt der Kollision
zwischen 40 und 55 km/h. Das Fahrzeug wurde vor der Kollision nicht gebremst.
Das Opfer betrat den Fussgängerstreifen 0,8 bis 1,8 Sekunden vor der Kollision.
0,8 Sekunden vor der Kollision war der Wagen der Beschwerdeführerin bei einer
Geschwindigkeit von 40 km/h rund 9,1 Meter vom Kollisionspunkt entfernt.
Ausgehend von diesen Daten kommt der Gutachter zum Schluss, die Kollision hätte
nur dann vermieden werden können, wenn die Beschwerdeführerin im Moment, als
das Opfer den Fussgängerstreifen betrat, mit einer Geschwindigkeit von
höchstens 21,5 km/h gefahren wäre.

1.2. Die erste Instanz sprach die Beschwerdeführerin vom Vorwurf der
fahrlässigen Tötung frei. Sie erwog, das Opfer habe aus einem Bereich im
Dunkeln, in welchem es in seiner dunklen Kleidung gar nicht habe gesehen werden
können, den Fussgängerstreifen betreten. Das Opfer sei der Beschwerdeführerin
vor das Auto gelaufen. Gemäss Expertise hätte die Beschwerdeführerin die
Kollision nur vermeiden können, wenn sie mit einer Geschwindigkeit von
höchstens 21,5 km/h gefahren wäre. Dies sei jedoch nicht realistisch. Auch auf
nasser Fahrbahn sei die den Verhältnissen angepasste Geschwindigkeit sicherlich
nicht in diesem tiefen Bereich anzusiedeln. Die Beschwerdeführerin habe unter
den gegebenen Umständen keine Möglichkeit gehabt, die Kollision zu vermeiden.
Ihr könne somit keine Sorgfaltspflichtverletzung vorgeworfen werden.

Die Vorinstanz ist der Auffassung, unter den gegebenen Umständen könne nicht
auf eine die Fahrlässigkeit ausschliessende Unvermeidbarkeit des Unfalls
geschlossen werden. Die rechtlich relevanten Vermeidbarkeitsüberlegungen würden
sich nicht mit den physikalischen Vermeidbarkeitsbetrachtungen gemäss der
technischen Unfallanalyse decken. Die Vorinstanz wirft der Beschwerdeführerin
vor, diese habe nicht die in der Nähe eines Fussgängerstreifens gemäss Art. 33
Abs. 2 SVG gebotene besondere Vorsicht aufgewendet. Die Pflicht zur besonderen
Vorsicht entfalle nicht bereits damit, dass kein herannahender Fussgänger zu
sehen beziehungsweise ein herannahender Fussgänger, aus welchen Gründen auch
immer, nicht zu sehen sei. Auch in solchen Fällen müsse der Fahrzeuglenker mit
dem Betreten des Fussgängerstreifens durch einen Fussgänger rechnen, den er
(noch) nicht sehen könne. Dementsprechend habe ein Fahrzeuglenker so zu fahren,
dass es nicht zur Kollision komme, wenn ein zunächst noch nicht sichtbarer
Fussgänger den Streifen betrete. Der Fahrzeuglenker könne sich nicht damit
entschuldigen, dass ein Unfall zum Zeitpunkt, als der Fussgänger sichtbar
geworden sei beziehungsweise den Streifen betreten habe, bereits unvermeidbar
geworden sei. Der Umstand, dass die Beschwerdeführerin das Opfer bis zuletzt
gar nicht gesehen habe, zeige, dass sie bei der Zufahrt auf den
Fussgängerstreifen keine hinreichende Sicht auf diesen und insbesondere auf die
von rechts auf den Streifen zuführenden Wege gehabt habe, um das Betreten des
Streifens durch einen Fussgänger ausschliessen zu können. Die erstinstanzliche
Erwägung, von einem Fahrzeuglenker könne selbst bei schlechten
Sichtverhältnissen nicht erwartet werden, dass er sich einem Fussgängerstreifen
mit lediglich 20 km/h nähere, sei unzutreffend. Vielmehr wäre die
Beschwerdeführerin gehalten gewesen, im Schritttempo auf den Fussgängerstreifen
zuzufahren, soweit dies zur sicheren Vermeidung eines Unfalls erforderlich
gewesen wäre. Dies habe die Beschwerdeführerin aber nicht getan. Vielmehr sei
sie mit unveränderter Geschwindigkeit von mindestens 40 km/h auf den ihr
bekannten Fussgängerstreifen zugefahren. Die Vorinstanz schliesst nicht aus,
dass das Opfer den Fussgängerstreifen in Missachtung von Art. 49 Abs. 2 Satz 2
SVG und Art. 47 Abs. 2 Satz 2 VRV überraschend betrat, als das Fahrzeug der
Beschwerdeführerin bereits so nahe war, dass es nicht mehr rechtzeitig anhalten
konnte. Die Vorinstanz erwägt, nach dem Vertrauensgrundsatz, der auch im
Verhältnis zwischen Fahrzeuglenkern und Fussgängern gelte, dürfe der
Fahrzeugführer grundsätzlich darauf vertrauen, dass der Fussgänger den Streifen
nicht überraschend in einem Moment betrete, in dem das Fahrzeug bereits so nahe
sei, dass es nicht mehr rechtzeitig anhalten könne. Auf den Vertrauensgrundsatz
könne sich die Beschwerdeführerin jedoch nicht berufen, da sie sich selber
verkehrsregelwidrig verhalten habe, indem sie bei Dunkelheit mit einer
Geschwindigkeit von 40 km/h auf den Fussgängerstreifen zugefahren sei. Das
Verhalten des Opfers sei nicht derart aussergewöhnlich gewesen, dass die
Beschwerdeführerin damit schlicht nicht habe rechnen müssen. Dass der Unfall
allenfalls auch durch das Opfer selbst hätte vermieden werden können, ändere
nichts daran, dass er gleichermassen auch durch die Beschwerdeführerin durch
Aufbringen der notwendigen Aufmerksamkeit respektive Anpassung der Fahrweise
hätte vermieden werden können. Hätte die Beschwerdeführerin aufgrund der
schlechten Sichtverhältnisse und in Kenntnis des Fussgängerstreifens ihre
Geschwindigkeit gedrosselt und/oder das Fahrzeug vor dem Fussgängerstreifen
kurz angehalten, wäre es nicht zu einem Unfall mit Todesfolge gekommen.

1.3. Die Beschwerdeführerin macht geltend, auf dem auch bei Dunkelheit
einsehbarem Trottoir habe sich niemand befunden. Das Opfer habe von einem im
Dunkeln liegenden Weg vom Hinterausgang eines Gasthauses kommend 0,8 Sekunden
vor der Kollision und damit in Missachtung der Verkehrsregeln überraschend den
Fussgängerstreifen betreten. Damit habe sie nicht rechnen müssen. Sie habe nach
dem Vertrauensgrundsatz darauf vertrauen dürfen, dass sich ein allfälliger
Fussgänger regelkonform verhalte. Die vorinstanzliche Auffassung, die
Beschwerdeführerin könne sich nicht auf den Vertrauensgrundsatz berufen, da sie
sich selber verkehrsregelwidrig verhalten habe, sei unzutreffend.

2.
Vor Fussgängerstreifen hat der Fahrzeugführer besonders vorsichtig zu fahren
und nötigenfalls anzuhalten, um den Fussgängern den Vortritt zu lassen, die
sich schon auf dem Streifen befinden oder im Begriffe sind, ihn zu betreten
(Art. 33 Abs. 2 SVG). Vor Fussgängerstreifen ohne Verkehrsregelung muss der
Fahrzeugführer jedem Fussgänger oder Benützer eines fahrzeugähnlichen Gerätes,
der sich bereits auf dem Streifen befindet oder davor wartet und ersichtlich
die Fahrbahn überqueren will, den Vortritt gewähren. Er muss die
Geschwindigkeit rechtzeitig mässigen und nötigenfalls anhalten, damit er dieser
Pflicht nachkommen kann (Art. 6 Abs. 1 VRV). Die Fussgänger haben die Fahrbahn
vorsichtig und auf dem kürzesten Weg zu überschreiten, nach Möglichkeit auf
einem Fussgängerstreifen. Sie haben den Vortritt auf diesem Streifen, dürfen
ihn aber nicht überraschend betreten (Art. 49 Abs. 2 SVG). Auf
Fussgängerstreifen ohne Verkehrsregelung haben die Fussgänger den Vortritt,
ausser gegenüber der Strassenbahn. Sie dürfen jedoch vom Vortrittsrecht nicht
Gebrauch machen, wenn das Fahrzeug bereits so nahe ist, dass es nicht mehr
rechtzeitig anhalten könnte (Art. 47 Abs. 2 VRV).

2.1. Nach der Maxime  "in dubio pro reo" und in Berücksichtigung des
verkehrstechnischen Gutachtens ist im vorliegenden Strafverfahren davon
auszugehen, dass das Opfer den Fussgängerstreifen 0,8 Sekunden vor dem
Kollisionszeitpunkt betrat, als das Fahrzeug der Beschwerdeführerin bei einer
Geschwindigkeit von 40 km/h noch 9,1 Meter von der Kollisionsstelle entfernt
war. Damit betrat das Opfer in Missachtung von Art. 49 Abs. 2 Satz 2 SVG und
Art. 47 Abs. 2 Satz 2 VRV den Fussgängerstreifen überraschend in einem
Zeitpunkt, als das Fahrzeug der Beschwerdeführerin bereits so nahe war, dass es
nicht mehr rechtzeitig anhalten konnte.

Die Beschwerdeführerin ihrerseits musste vor dem Fussgängerstreifen besonders
vorsichtig fahren. Sie musste damit rechnen, dass sich in der Dunkelheit für
sie nicht erkennbare Fussgänger befanden, welche am Fussgängerstreifen
auftauchen konnten in der Absicht, diesen zu überqueren. Die Beschwerdeführerin
musste aber ohne gegenteilige konkrete Anzeichen nicht damit rechnen, dass
solche Fussgänger aus der Dunkelheit kommend den Fussgängerstreifen in
Missachtung der geltenden Regeln überraschend in einem Zeitpunkt betreten
würden, in dem sie nicht mehr rechtzeitig anhalten konnte. Sie durfte nach dem
Vertrauensgrundsatz, der auch im Verhältnis zwischen Fahrzeugführern und
Fussgängern im Bereich von Fussgängerstreifen gilt (BGE 129 IV 39 E. 2.2; 115
II 283 E. 1a), davon ausgehen, dass allfällige aus der Dunkelheit
hervorkommende Fussgänger vor dem Überqueren des Streifens ihre Beobachtungs-
und allfällige Wartepflicht erfüllten.

2.2. Die Vorinstanz ist allerdings der Auffassung, dass sich die
Beschwerdeführerin nicht auf den Vertrauensgrundsatz berufen könne, da sie sich
selber verkehrsregelwidrig verhalten habe.

Gemäss der Grundregel von Art. 26 Abs. 1 SVG muss sich im Sinne einer
allgemeinen Sorgfaltspflicht jeder Verkehrsteilnehmer so verhalten, dass er
andere in der ordnungsgemässen Benützung der Strasse weder behindert noch
gefährdet. Aus dieser Bestimmung haben Rechtsprechung und Lehre den so
genannten Vertrauensgrundsatz abgeleitet. Danach darf jeder Strassenbenützer,
sofern nicht besondere Umstände dagegen sprechen, darauf vertrauen, dass sich
die anderen Verkehrsteilnehmer ebenfalls ordnungsgemäss verhalten, ihn also
nicht behindern oder gefährden. Schranke für den Vertrauensgrundsatz bildet
Art. 26 Abs. 2 SVG. Danach ist besondere Vorsicht geboten gegenüber Kindern,
gebrechlichen und alten Leuten, sowie wenn Anzeichen dafür bestehen, dass sich
ein Strassenbenützer nicht richtig verhalten wird. Auf den Vertrauensgrundsatz
kann sich nur berufen, wer sich selbst verkehrsregelkonform verhalten hat. Wer
gegen die Verkehrsregeln verstösst und dadurch eine unklare oder gefährliche
Verkehrslage schafft, kann nicht erwarten, dass andere diese Gefahr durch
erhöhte Vorsicht ausgleichen (BGE 129 IV 282 E. 2.2.1; Urteil 6B_256/2011 vom
31. August 2011 E. 4.2). Die Berufung auf den Vertrauensgrundsatz ist bei
eigenem verkehrsregelwidrigen Verhalten aber möglich, wenn dieses in keinem
Zusammenhang zur strittigen Verkehrssituation steht (Urteil 6B_365/2009 vom 12.
November 2009 E. 2.5; PHILIPPE WEISSENBERGER, Kommentar Strassenverkehrsgesetz
und Ordnungsbussengesetz, 2. Aufl. 2015, Art. 26 SVG N. 7). Zudem darf dem
Verkehrsteilnehmer die Berufung auf den Vertrauensgrundsatz nicht versagt
werden, wenn die Beantwortung der Frage, ob er eine Verkehrsregel verletzt hat,
gerade davon abhängt, ob er sich auf den Vertrauensgrundsatz berufen kann oder
nicht. Denn es wäre zirkelschlüssig, in einem solchen Fall den
Vertrauensgrundsatz nicht anzuwenden mit der Begründung, der Verkehrsteilnehmer
habe eine Verkehrsregel verletzt; denn dies hängt ja gerade davon ab, ob er
sich auf ein verkehrsregelkonformes Verhalten der andern Verkehrsteilnehmer
verlassen durfte (BGE 125 IV 83 E. 2b; 120 IV 252 E. 2d/aa).

Zwischen den Vorschriften, die das Verhalten der Fahrzeugführer an
Fussgängerstreifen regeln (Art. 33 Abs. 2 SVG, Art. 6 Abs. 1 VRV), und jenen,
die das Vortrittsrecht der Fussgänger auf den Streifen ordnen (Art. 49 Abs. 2
SVG, Art. 47 Abs. 2 VRV), besteht eine Wechselbeziehung, die bei der Auslegung
dieser Bestimmungen zu berücksichtigen ist (BGE 98 IV 221 E. 2; 91 IV 78 E.
1b). Der Fahrzeugführer muss nach den Vorschriften über die Ausübung des
Vortrittsrechts der Fussgänger nicht damit rechnen, dass ein Fussgänger erst
dann den Streifen betrete oder diese Absicht anzeige, wenn sich das Fahrzeug
bereits unmittelbar vor dem Streifen befindet, sondern er darf erwarten, dass
der Fussgänger den Vortritt in angemessener Entfernung vor dem herannahenden
Fahrzeug geltend mache. Diese Beschränkung des Vortrittsrechts, die sowohl im
Interesse der Fussgänger wie der Fahrzeugführer liegt, ist notwendig, wenn die
Verkehrssicherheit gewährleistet, der Verkehrsfluss aber auch nicht in
unerträglicher Weise behindert werden soll (BGE 91 IV 78 E. 1b). Andererseits
darf die Ausübung des Vortrittsrechts des Fussgängers nicht von der
Geschwindigkeit herannahender Fahrzeuge abhängig gemacht werden, wozu die
Vorschrift Anlass geben könnte, dass der Fussgänger den Vortritt nicht
beanspruchen dürfe, wenn das Fahrzeug nicht rechtzeitig halten könnte. Mit der
Verpflichtung des Fahrzeugführers zur Mässigung der Geschwindigkeit vor
Fussgängerstreifen soll verhindert werden, dass der Fahrzeugführer durch
schnelles Fahren dem Fussgänger die Ausübung des Vortrittsrechts verunmögliche.
Es soll nicht dem Fahrzeugführer überlassen bleiben, durch die Geschwindigkeit,
mit welcher er auf den Streifen zufährt, die für die Ausübung des Vortritts
angemessene Entfernung frei zu bestimmen. Der Fahrzeugführer muss sich vielmehr
mit so mässiger Geschwindigkeit dem Streifen nähern, dass dem Fussgänger, der
den Vortritt in angemessener Entfernung vom Fahrzeug beansprucht, genügend Zeit
bleibt, um die Fahrbahn auf dem Streifen ungehindert zu überqueren (BGE 91 IV
78 E. 1b).

Der Fahrzeugführer muss auch im Bereich von Fussgängerstreifen nicht damit
rechnen, dass eine erwachsene Person überraschend den Streifen betritt, wenn
konkrete Anzeichen hiefür fehlen (Urteil 6S.70/2007 vom 2. April 2007 E. 4.3).
Die bloss entfernte Möglichkeit eines Fehlverhaltens rechtfertigt die Annahme
von konkreten Anzeichen hiefür im Sinne von Art. 26 Abs. 2 SVG nicht (BGE 103
IV 256 E. 3c; PHILIPPE WEISSENBERGER, a.a.O., Art. 26 SVG N. 39).

2.3. Die Vorinstanz scheint der Beschwerdeführerin nicht vorzuwerfen, sie habe
das Opfer pflichtwidrig unvorsichtig zu spät bemerkt. Die Vorinstanz begründet
die Fahrlässigkeit in Bezug auf den Tötungserfolg im Wesentlichen damit, dass
die Beschwerdeführerin zu schnell auf den Streifen zugefahren sei. Ihres
Erachtens wäre Fahrlässigkeit nur zu verneinen, wenn die Beschwerdeführerin mit
einer Geschwindigkeit von höchstens 21,5 km/h auf den Streifen zugefahren wäre.
Die Vorinstanz begründet dies damit, dass bei einer Geschwindigkeit von
höchstens 21,5 km/h eine Kollision mit dem Opfer vermieden worden wäre. Eine
derart niedrige Geschwindigkeit war indessen zur Vermeidung einer Kollision
deshalb erforderlich, weil das Opfer - wovon im vorliegenden Strafverfahren 
"in dubio reo" auszugehen ist - den Fussgängerstreifen lediglich 0,8 Sekunden
vor dem Kollisionszeitpunkt und bloss 9,1 Meter vor dem herannahenden
Personenwagen betrat. Durch dieses Verhalten missachtete das Opfer die ihm als
Fussgänger am Fussgängerstreifen gemäss Art. 49 Abs. 2 Satz 2 SVG und Art. 47
Abs. 2 Satz 2 VRV obliegenden Pflichten. Die Vorinstanz begründet somit ihre
Auffassung, die Geschwindigkeit von 40 km/h sei zu hoch gewesen, im Ergebnis
einzig mit dem Verhalten des Opfers, welches in Missachtung seiner Pflichten
den Streifen überraschend betrat. Das ist unzulässig. Inwiefern die
Geschwindigkeit von 40 km/h aus andern Gründen verkehrsregelwidrig war
beziehungsweise den Vorwurf der Fahrlässigkeit in Bezug auf den eingetretenen
Tötungserfolg zu begründen vermag, legt die Vorinstanz nicht dar und ist nicht
ersichtlich.

Die Geschwindigkeit von 40 km/h wäre somit nur dann zu hoch gewesen, wenn im
Sinne von Art. 26 Abs. 2 SVG konkrete Anzeichen dafür bestanden hätten, dass
ein Fussgänger überraschend den Streifen betreten würde. Solche Anzeichen
werden im angefochtenen Urteil nicht genannt und sind nicht ersichtlich.
Insbesondere begründet der Umstand, dass der vom Opfer benützte Weg, welcher in
den Fussgängerstreifen mündet, im Dunkeln lag, kein besonderes Anzeichen dafür,
dass ein von dort her kommender, nicht sichtbarer Fussgänger den Streifen in
Missachtung der Regeln überraschend betreten würde.

2.4. Demnach ist im vorliegenden Strafverfahren aufgrund der  "in dubio pro
reo" anzunehmenden Umstände davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin sich
nicht verkehrsregelwidrig verhielt und ihr daher keine Fahrlässigkeit in Bezug
auf den eingetretenen Tötungserfolg vorgeworfen werden kann.

Die Beschwerde ist daher gutzuheissen, das Urteil des Obergerichts des Kantons
Aargau, Strafgericht, 2. Kammer, vom 17. Februar 2015 aufzuheben und die Sache
zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Bei diesem Ausgang des
Verfahrens sind keine Kosten zu erheben und hat der Kanton Aargau der
Beschwerdeführerin eine Entschädigung von Fr. 3'000.-- zu zahlen.

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1. 
Die Beschwerde wird gutgeheissen, das Urteil des Obergerichts des Kantons
Aargau, Strafgericht, 2. Kammer, vom 17. Februar 2015 aufgehoben und die Sache
zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurückgewiesen.

2. 
Es werden keine Kosten erhoben.

3. 
Der Kanton Aargau hat der Beschwerdeführerin eine Entschädigung von Fr.
3'000.-- zu zahlen.

4. 
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Obergericht des Kantons Aargau,
Strafgericht, 2. Kammer, schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 1. Juni 2015

Im Namen der Strafrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident: Denys

Der Gerichtsschreiber: Näf

Navigation

Neue Suche

ähnliche Leitentscheide suchen
ähnliche Urteile ab 2000 suchen

Drucken nach oben