Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

Strafrechtliche Abteilung, Beschwerde in Strafsachen 6B.410/2015
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Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

[8frIR2ALAGK1]     
{T 0/2}
                   
6B_410/2015

Urteil vom 28. Oktober 2015

Strafrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Denys, Präsident,
Bundesrichter Oberholzer, Bundesrichterin Jametti,
Gerichtsschreiber Held.

Verfahrensbeteiligte
X.________,
vertreten durch Rechtsanwalt Pierre-André Veuthey,
Beschwerdeführer,

gegen

Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis,
Beschwerdegegnerin.

Gegenstand
Fahrlässige Störung des öffentlichen Verkehrs; Willkür,

Beschwerde gegen das Urteil des Kantonsgerichts des Kantons Wallis, I.
Strafrechtliche Abteilung, vom 18. März 2015.

Sachverhalt:

A.
Am 31. Dezember 2009 herrschte gemäss Regionalbulletin des WSL-Instituts für
Schnee- und Lawinenforschung für das Oberwallis erhebliche Lawinengefahr (Stufe
3). Im Skigebiet U.________ wurden an diesem Morgen per Helikopter vier
Sprengladungen abgeworfen, von denen eine im Sprengbericht für den Bereich
"V.________" mit positiver Wirkung vermerkt war.
X.________ war am Nachmittag mit einer Skigruppe, bestehend aus ihm, einer
weiteren erwachsenen Person und fünf "Kindern" im Alter von 10-18 Jahren, auf
der Piste xxx des Skigebiets unterwegs. Ohne das Lawinenbulletin konsultiert
oder sich über die aktuelle Lawinengefahr informiert zu haben, schlug er vor,
die Piste auf der rechten Seite zu verlassen und in Richtung des Restaurants
"W.________" zu fahren. Bei der vorgeschlagenen Route handelt es sich um eine
von Skisportlern regelmässig genutzte Variante (Abkürzung) zwischen zwei
Pistenabschnitten, die nicht als Piste markiert ist. Sie führt durch den
Graben, an dessen Hang am Morgen die Sprengungen vorgenommen worden waren.
X.________ fuhr als erster in den Abhang, gefolgt von den übrigen
Gruppenmitgliedern. Als sich die Gruppe im oberen Bereich des Grabens befand,
ging eine Lawine auf einer Länge von 200 Metern und einer Breite von zirka 20
Metern auf die unterhalb des Grabens verlaufende Piste yyy nieder. X.________
konnte nach links aus der Lawine herausfahren. Drei der hinter ihm fahrenden
Kinder wurden von der Lawine erfasst und konnten ohne schwere Verletzungen
geborgen werden. Skifahrer, die sich auf der Piste yyy befanden, konnten
rechtzeitig anhalten.

B.
Das Bezirksgericht Visp sprach X.________ am 20. Mai 2014 vom Vorwurf der
fahrlässigen Störung des öffentlichen Verkehrs frei.
Im Berufungsverfahren verurteilte ihn das Kantonsgericht des Kantons Wallis
wegen fahrlässiger Störung des öffentlichen Verkehrs zu einer bedingten
Geldstrafe von 16 Tagessätzen zu Fr. 560.- und verwies die Zivilforderungen der
A.________ AG auf den Zivilweg.

C.
X.________ führt Beschwerde in Strafsachen und beantragt sinngemäss, er sei vom
Vorwurf der fahrlässigen Störung des öffentlichen Verkehrs freizusprechen.
Eventualiter sei das Urteil des Kantonsgerichts aufzuheben und die Sache zu
neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Er ersucht um
aufschiebende Wirkung der Beschwerde.
Das Kantonsgericht beantragt die Abweisung der Beschwerde, die
Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Wallis hat sich nicht vernehmen lassen.
X.________ hält in seiner Replik an seinen Anträgen fest.

Erwägungen:

1.

1.1. Der Beschwerdeführer rügt sinngemäss, es habe keine Gefahr für andere
Personen bestanden. Auf der verschütteten Skipiste hätten sich keine Personen
befunden. Zudem fehle es sowohl an der natürlichen als auch an der adäquaten
Kausalität. Es sei nicht erstellt, dass er die Lawine ausgelöst habe, und laut
Sachverständigengutachten sei ein Lawinenabgang aufgrund der morgens
durchgeführten Sprengungen weder für das Pistenpersonal noch für Skifahrer
vorhersehbar gewesen.

1.2. Die Vorinstanz erwägt zusammengefasst, der Beschwerdeführer habe andere
Skifahrer gefährdet und gegen die allgemeine FIS-Verhaltensregel 1 verstossen.
Er habe den Entscheid, die Piste zu verlassen, als Führer der Skigruppe
getroffen und die siebenköpfige Gruppe veranlasst, in einen lawinengefährdeten
Hang zu fahren, der über einer markierten und geöffneten Piste liegt. Soweit
der Sachverständige festhalte, der Beschwerdeführer habe den Lawinenabgang
ebensowenig wie die für die Pistensicherheit verantwortlichen Personen
vorhersehen können, obwohl er bei erheblicher Lawinengefahr eine "wilde Piste"
befahren habe, verkenne er die individualisierte Beurteilung von
Sorgfaltspflichten. Die Vorhersehbarkeit der Lawinengefahr respektive der
Wahrscheinlichkeit eines Lawinenniedergangs sei nicht anhand des Wissens der
Sicherheitsverantwortlichen um die von ihnen vorgenommenen Sprengungen, sondern
ex ante aus der Sicht und anhand des Wissens des Beschwerdeführers zu
beurteilen. Zwar genüge entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin nicht, dass
der generelle Gefahrengrad erkennbar gewesen sei, sondern es müsse die
naheliegende Möglichkeit eines Lawinenniedergangs in der konkreten Situation
vorhersehbar gewesen sein, d.h. die Möglichkeit eines Lawinenniedergangs im
konkreten Hang. Der Beschwerdeführer habe nicht gewusst, dass die Piste zuvor
fachmännisch gesichert worden war und sich das Wetter seit der Sicherungsaktion
nicht geändert hatte. Die vom Gutachter vorgeschlagene Übernahme der Sichtweise
und des Wissens der Sicherheitsverantwortlichen auf die Schneesportler hätte
zur Folge, dass die Sicherungspflicht der Bergbahnbetriebe weitgehend auch für
"freeride areas" und bei den Gefahrenstufen 4 und 5 gelte. Dass die
Bergbahnbetriebe mit sorgfaltswidrigem Verhalten von Schneesportlern rechnen
müssten, gebe diesen keinen Freibrief, und sie könnten sich nicht darauf
verlassen, dass Bergbahnen deren pflichtwidriges Verhalten durch erhöhte
Vorsicht ausglichen.

1.3.

1.3.1. Gemäss Art. 237 StGB wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder
Geldstrafe bestraft, wer vorsätzlich den öffentlichen Verkehr, namentlich den
Verkehr auf der Strasse, auf dem Wasser oder in der Luft hindert, stört oder
gefährdet und dadurch wissentlich Leib und Leben von Menschen in Gefahr bringt
(Ziff. 1). Handelt der Täter fahrlässig, so ist die Strafe Freiheitsstrafe bis
zu drei Jahren oder Geldstrafe (Ziff. 2).

1.3.2. Fahrlässig begeht ein Verbrechen oder ein Vergehen, wer die Folge seines
Verhaltens aus pflichtwidriger Unvorsichtigkeit nicht bedenkt oder darauf nicht
Rücksicht nimmt. Pflichtwidrig ist die Unvorsichtigkeit, wenn der Täter die
Vorsicht nicht beachtet, zu der er nach den Umständen und nach seinen
persönlichen Verhältnissen verpflichtet ist (Art. 12 Abs. 3 StGB). Ein
Verhalten ist sorgfaltswidrig und damit fahrlässig, wenn der Täter im Zeitpunkt
der Tat auf Grund der Umstände sowie seiner Kenntnisse und Fähigkeiten die
Gefährdung der Rechtsgüter des Opfers hätte erkennen können und müssen, und
wenn er zugleich die Grenzen des erlaubten Risikos überschritten hat (BGE 135
IV 56 E. 2.1; Urteil 6B_518/2011 vom 14. Mai 2012 E. 4.3, nicht publ. in: BGE
138 IV 124).
Grundvoraussetzung einer Sorgfaltspflichtverletzung und mithin der
Fahrlässigkeitshaftung bildet die Vorhersehbarkeit des Erfolgs. Ob die zum
Erfolg führenden Geschehensabläufe für den konkreten Täter mindestens in ihren
wesentlichen Zügen voraussehbar waren, bemisst sich am Massstab der Adäquanz.
Das Verhalten muss geeignet sein, nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und den
Erfahrungen des Lebens einen Erfolg wie den eingetretenen herbeizuführen oder
mindestens zu begünstigen (BGE 135 IV 56 E. 2.1; Urteil 6B_518/2011 vom 14. Mai
2012 E. 4.3, nicht publ. in: BGE 138 IV 124).
Bei Lawinenunfällen steht die Frage nach der Voraussehbarkeit der Lawinengefahr
respektive nach der Wahrscheinlichkeit eines Lawinenniedergangs im Vordergrund,
die aus der Sicht des Verantwortlichen für die Lawinensicherheit im Zeitpunkt
vor dem Unfall beantwortet wird (BGE 138 IV 124 E. 4.4.1 mit Hinweis).

1.4. 

1.4.1. Das angefochtene Urteil verletzt Bundesrecht. Ein fahrlässiges Handeln
des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 12 Abs. 3 StGB ist nicht gegeben.
Fahrlässige Deliktsbegehung setzt mehr voraus als die kausal-adäquate
Erfolgsverursachung. Die Vorinstanz verkennt, dass es mangels genereller
Vorhersehbarkeit eines Lawinenabgangs, ein solcher war weder für die
Sicherheitsverantwortlichen noch für den Beschwerdeführer erkennbar, an einer
Sorgfaltspflichtverletzung des Beschwerdeführers fehlt, weshalb dessen Wissen
bzw. Unwissen keine Bedeutung zukommt. Einen Versuch beim Fahrlässigkeitsdelikt
gibt es nicht. Zudem wäre die Lawinengefahr auch bei Kenntnis der Sprengungen
nicht vorhersehbar und die Fahrt durch den Hang nicht sorgfaltswidrig gewesen.
Auch wenn das Verhalten des Beschwerdeführers, das gesicherte Skipistennetz mit
einer Gruppe ihm anvertrauter Kinder bei erheblicher Lawinengefahr zu
verlassen, verantwortungslos und nicht nachvollziehbar ist, war dies vorliegend
mangels objektiv vorhersehbarer Lawinengefahr strafrechtlich nicht
sorgfaltswidrig. Der Beschwerdeführer hatte in rechtlicher und tatsächlicher
Hinsicht schlichtweg Glück, dass die A.________ AG an den von ihm befahrenen
Hang zuvor Sprengungen vorgenommen hatten, eine Lawinengefahr nicht
vorhersehbar war und es letztlich zu keinen gravierenden Folgen mit
Personenschäden kam.

1.4.2. Die Beschwerde erweist sich als begründet, weshalb die weiteren, zum
Teil ohne rechtlichen Bezug und unsachlichen Rügen des Beschwerdeführers nicht
zu behandeln sind.

2.
Mit dem Entscheid in der Sache ist das Gesuch um aufschiebende Wirkung
gegenstandslos. Es sind keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 66 Abs. 1 und 4
BGG). Der Kanton Wallis hat dem Beschwerdeführer für das bundesgerichtliche
Verfahren eine angemessene Parteientschädigung auszurichten (Art. 68 Abs. 1 und
2 BGG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1. 
Die Beschwerde wird gutgeheissen, das vorinstanzliche Urteil aufgehoben und die
Sache zur neuen Beurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen.

2. 
Es werden keine Gerichtskosten erhoben.

3. 
Der Kanton Wallis hat den Beschwerdeführer für das bundesgerichtliche Verfahren
mit Fr. 2'000.-- zu entschädigen.

4. 
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Kantonsgericht des Kantons Wallis, I.
Strafrechtliche Abteilung, schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 28. Oktober 2015

Im Namen der Strafrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident: Denys

Der Gerichtsschreiber: Held

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