Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

Strafrechtliche Abteilung, Beschwerde in Strafsachen 6B.454/2015
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Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

[8frIR2ALAGK1]     
{T 0/2}
                   
6B_454/2015

Urteil vom 26. November 2015

Strafrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Denys, Präsident,
Bundesrichterin Jacquemoud-Rossari,
Bundesrichter Oberholzer, Rüedi,
Bundesrichterin Jametti,
Gerichtsschreiberin Unseld.

Verfahrensbeteiligte
X.________,
vertreten durch Rechtsanwalt Urs Rudolf,
Beschwerdeführer,

gegen

1. Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Luzern, Postfach 3439, 6002 Luzern,
2. A.________,
vertreten durch Rechtsanwalt Beat Hess,
Beschwerdegegnerinnen.

Gegenstand
Vorsätzliche Tötung, begangen in Notwehrexzess; Willkür,

Beschwerde gegen das Urteil des Kantonsgerichts Luzern, 2. Abteilung, vom 2.
Dezember 2014.

Sachverhalt:

A.

A.a. Das Kriminalgericht des Kantons Luzern erklärte X.________ am 26. November
2010 der (eventual-) vorsätzlichen Tötung nach Art. 111 StGB, begangen in
Notwehrexzess nach Art. 15 und Art. 16 Abs. 1 StGB, schuldig. Vom Vorwurf der
mehrfachen falschen Anschuldigung nach Art. 303 Ziff. 1 StGB sprach es ihn
frei. Es verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren.

A.b. Das Obergericht Luzern sprach X.________ am 20. Juni 2011 in Gutheissung
von dessen Appellation von sämtlichen Anklagevorwürfen frei.

A.c. Das Bundesgericht hiess am 30. August 2012 die Beschwerden der
Staatsanwaltschaft sowie von A.________, BD.________ und C.D.________
(Privatkläger) bezüglich des Freispruchs vom Vorwurf der vorsätzlichen Tötung,
begangen in Notwehrexzess, gut und wies die Sache zur Neubeurteilung an die
Vorinstanz zurück. Im Übrigen wies es die Beschwerden ab, soweit darauf
einzutreten war (Urteil 6B_810/2011 und 6B_811/2011).

A.d. Das Kantonsgericht Luzern erklärte X.________ am 17. September 2013 im
schriftlichen Verfahren der (eventual-) vorsätzlichen Tötung nach Art. 111
StGB, begangen in Notwehrexzess nach Art. 15 und 16 Abs. 1 StGB, schuldig und
auferlegte ihm eine Freiheitsstrafe von drei Jahren, davon zwei Jahre mit
bedingtem Vollzug. Eine von X.________ dagegen erhobene Beschwerde hiess das
Bundesgericht am 18. September 2014 erneut gut, soweit darauf einzutreten war.
Es wies die Sache zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurück (Urteil
6B_1220/2013).

B.
Mit Urteil vom 2. Dezember 2014 bestätigte das Kantonsgericht den Schuldspruch
wegen (eventual-) vorsätzlicher Tötung nach Art. 111 StGB, begangen in
Notwehrexzess. Die Freiheitsstrafe reduzierte es auf 30 Monate, davon 22 Monate
mit bedingtem Vollzug.

C.
X.________ beantragt mit Beschwerde in Strafsachen, ihn vom Vorwurf der
vorsätzlichen Tötung freizusprechen. Eventualiter sei die Sache zur
Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Er ersucht um unentgeltliche
Rechtspflege.

Erwägungen:

1.

1.1. Der Beschwerdeführer rügt, die Vorinstanz gehe willkürlich davon aus, er
habe das Opfer vor der tätlichen Auseinandersetzung mit den Worten "du Schwanz"
verbal provoziert. Die Aussagen der beiden Zeugen seien wenig glaubhaft.

1.2. Das Bundesgericht legt seinem Urteil den Sachverhalt zugrunde, den die
Vorinstanz festgestellt hat (Art. 105 Abs. 1 BGG). Die Sachverhaltsfeststellung
der Vorinstanz kann vor Bundesgericht nur gerügt werden, wenn sie
offensichtlich unrichtig ist oder auf einer Rechtsverletzung im Sinne von Art.
95 BGG beruht und wenn die Behebung des Mangels für den Ausgang des Verfahrens
entscheidend sein kann (Art. 97 Abs. 1 BGG). Offensichtlich unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn sie willkürlich ist (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3 S. 5;
134 IV 36 E. 1.4.1 S. 39). Willkür bei der Beweiswürdigung liegt vor, wenn der
angefochtene Entscheid schlechterdings unhaltbar ist, mit der tatsächlichen
Situation in klarem Widerspruch steht oder auf einem offenkundigen Versehen
beruht (vgl. BGE 135 I 313 E. 1.3 S. 316; 129 I 173 E. 3.1 S. 178). Die
Willkürrüge muss in der Beschwerde explizit vorgebracht und substanziiert
begründet werden (Art. 106 Abs. 2 BGG). Auf eine rein appellatorische Kritik am
angefochtenen Urteil tritt das Bundesgericht nicht ein (BGE 140 III 264 E. 2.3
S. 266; 137 IV 1 E. 4.2.3 S. 5; 136 II 489 E. 2.8 S. 494; je mit Hinweisen).
Dem Grundsatz "in dubio pro reo" kommt als Beweiswürdigungsregel im Verfahren
vor Bundesgericht keine über das Willkürverbot von Art. 9 BV hinausgehende
Bedeutung zu (BGE 138 V 74 E. 7 S. 82; 127 I 38 E. 2a S. 41).

1.3. Die Vorinstanz legt willkürfrei dar, weshalb sie zur Überzeugung gelangt,
der Beschwerdeführer habe das auf der Baustelle eintreffende Opfer mit "du
Schwanz" angesprochen. Sie stellt hierfür auf die übereinstimmenden Aussagen
der beiden Angestellten des Opfers ab. Sie erwägt im Wesentlichen, diese hätten
keinen Anlass und in zeitlicher Hinsicht auch kaum die Möglichkeit gehabt, sich
abzusprechen. Die Angestellten hätten zudem nicht versucht, ihren Chef zu
entlasten. Deren Aussagen würden auch dadurch erhärtet, dass das Opfer mit der
Schlägerei begonnen habe (angefochtenes Urteil S. 13). Der Beschwerdeführer
vermag nicht rechtsgenügend aufzuzeigen, weshalb die vorinstanzliche
Beweiswürdigung geradezu willkürlich sein könnte. Sein Einwand erschöpft sich
in einer unzulässigen appellatorischen Kritik. Darauf ist nicht einzutreten.

2.

2.1. In einer Eventualbegründung macht der Beschwerdeführer geltend, seine
Fähigkeit, sich gemäss der Einsicht in das Unrecht der Tat verhalten zu können
und auf die Provokation des Opfers zu verzichten, sei aufgrund seiner aus
forensisch-psychiatrischer Sicht gestörten Persönlichkeit in leichtem Mass
vermindert gewesen. Die Vorinstanz setze sich damit nicht auseinander. Sie habe
nicht geprüft, ob aufgrund der Vorgeschichte und des grossen emotionalen
Wertes, welcher das Haus für ihn dargestellt habe, überhaupt eine andere
Reaktion als die geringfügige Beleidigung des Opfers möglich gewesen sei.

2.2. Der Einwand ist unbegründet. Dem Beschwerdeführer wurde gutachterlich eine
in leichtem Grad verminderte Schuldfähigkeit attestiert. Die Vorinstanz trägt
dem zutreffend bei der Strafzumessung Rechnung (vgl. angefochtenes Urteil E.
7.5 S. 22). Im Übrigen ergibt sich aus der vom Beschwerdeführer zitierten
Passage des psychiatrischen Gutachtens keineswegs, dass es diesem wegen seiner
psychischen Probleme nicht möglich gewesen wäre, auf die Provokation zu
verzichten.

3.
Der Beschwerdeführer wendet sich gegen die rechtliche Würdigung der Vorinstanz.

3.1. Nicht einzutreten ist auf die Beschwerde, soweit der Beschwerdeführer
geltend macht, sein Notwehrrecht sei aufgrund der verbalen Provokation "du
Schwanz" nicht eingeschränkt gewesen (vgl. Beschwerde S. 8-15) und es sei von
einer verhältnismässigen, mehrstufigen Notwehr auszugehen (vgl. etwa Beschwerde
N. 39 S. 15) bzw. das vom Bundesgericht geforderte stufenweise Vorgehen sei gar
nicht möglich gewesen (Beschwerde N. 43 S. 17, N. 47 S. 19). Dies steht nicht
mehr zur Diskussion. Das Bundesgericht prüfte im Entscheid 6B_810/2011 und
6B_811/2011 vom 30. August 2012 E. 3 abschliessend, ob die Notwehr
verhältnismässig war. Darauf zurückzukommen besteht kein Anlass. Der Auffassung
des Beschwerdeführers, wonach sein Notwehrrecht nach der erfolglosen Flucht
nicht eingeschränkt war, ist zwar beizupflichten. Gegenteiliges kann allerdings
weder dem Urteil des Bundesgerichts noch dem angefochtenen Entscheid entnommen
werden. Das Bundesgericht ging im Urteil 6B_810/2011 und 6B_811/2011 vom 30.
August 2012 vielmehr von einem unrechtmässigen Angriff durch das Opfer aus und
stellte keine höheren Anforderungen an die Verhältnismässigkeit der Notwehr im
Vorgarten des Einfamilienhauses, weil der Beschwerdeführer das Opfer vorgängig
verbal provozierte. Es warf dem Beschwerdeführer jedoch vor, er habe den
allgemeinen Grundsatz der Verhältnismässigkeit nicht beachtet, da er das Messer
vor dem heftigen Stich auf den Oberkörper bzw. den Brustbereich des Opfers auf
weniger gefährliche Weise hätte einsetzen müssen (Urteil, a.a.O., E. 3.4.2). Zu
prüfen ist im Rahmen der vorliegenden Beschwerde daher ausschliesslich, ob der
Beschwerdeführer, dessen Notwehr unverhältnismässig war, in den Genuss des
Schuldausschlussgrundes von Art. 16 Abs. 2 StGB kommt, oder ob ihm lediglich
der Strafmilderungsgrund von Art. 16 Abs. 1 StGB zugute zu halten ist. Fraglich
ist mit anderen Worten nur, ob bzw. wie sich die verbale Provokation auf die
Entschuldbarkeit des Notwehrexzesses im Sinne von Art. 16 Abs. 2 StGB auswirkt.

3.2. Überschreitet der Abwehrende die Grenzen der Notwehr nach Art. 15 StGB, so
mildert das Gericht die Strafe (Art. 16 Abs. 1 StGB). Überschreitet er die
Grenzen der Notwehr in entschuldbarer Aufregung oder Bestürzung über den
Angriff, so handelt er nicht schuldhaft (Art. 16 Abs. 2 StGB). Das
Bundesgericht hat die Voraussetzungen für die Annahme eines entschuldbaren
Notwehrexzesses im Sinne von Art. 16 Abs. 2 StGB im Urteil 6B_810/2011 und
6B_811/2011 vom 30. August 2012 E. 5.3 dargelegt. Darauf kann verwiesen werden.
Der Sachrichter verfügt bei der Frage, ob ein Notwehrexzess entschuldbar war
oder gestützt auf Art. 16 Abs. 1 StGB lediglich zu einer Strafmilderung führt,
über ein gewisses Ermessen (vgl. BGE 102 IV 1 E. 3b S. 7). Das Bundesgericht
greift bei Ermessensfragen nur korrigierend ein, wenn die Vorinstanz das
Ermessen rechtsfehlerhaft ausgeübt hat (vgl. BGE 137 V 71 E. 5.1 S. 72 f.).

3.3. Die Vorinstanz hält wie erwähnt für erwiesen, dass der Beschwerdeführer
das Opfer im Untergeschoss des Einfamilienhauses mit dem Begriff "du Schwanz"
provozierte. Sie erwägt, das Opfer sei daraufhin aggressiv geworden und habe
mit der Schlägerei begonnen. Die Verletzungen im Gesicht des Opfers sprächen
dafür, dass es zu einer gegenseitigen Schlägerei gekommen sei, bei welcher
beide Parteien Schläge austeilten. Der Beschwerdeführer sei klar unterlegen
gewesen und habe nur deshalb fliehen können, weil die Angestellten des Opfers
dieses zurückhielten. Zugunsten des Beschwerdeführers sei davon auszugehen,
dass er bloss zu seiner Verteidigung in die Schlägerei involviert war
(angefochtenes Urteil E. 6.4.2 S. 14, E. 6.5.3 S. 16). Der Beschwerdeführer
habe aufgrund der verbalen Provokation mit einer gewissen tätlichen Reaktion
des Opfers rechnen müssen. Im Kulturkreis der Beteiligten sei die Äusserung
sehr beleidigend und provozierend. Unter diesem Aspekt sei von einer
bedeutenden Provokation auszugehen. Von einer Absichtsprovokation könne
hingegen nicht gesprochen werden. Der Beschwerdeführer habe das Opfer nicht in
der Absicht provoziert, ihm in der Folge in Notwehr einen tödlichen Messerstich
zu versetzen (angefochtenes Urteil E. 6.5.1 S. 15). Zwischen dem
Beschwerdeführer und dem Opfer habe es wegen der von Letzterem auszuführenden
Gipserarbeiten bereits im April 2007 eine Auseinandersetzung gegeben. Die
verbale Provokation durch den Beschwerdeführer könne nicht losgelöst von diesem
Hintergrund gesehen werden (angefochtenes Urteil E. 6.5.2 S. 15 f.).
Die Vorinstanz hält weiter fest, es sei von einer grossen Aufregung und
Bestürzung des Beschwerdeführers über den Angriff auszugehen, zumal der Angriff
spätestens im Vorgarten - nach erfolgloser Flucht - weit über eine allenfalls
als Risiko in Kauf zu nehmende und als möglich zu erwartende Reaktion auf die
verbale Provokation des Beschwerdeführers im Untergeschoss hinausgegangen sei.
In diesem Sinne würden der vorbestehende Konflikt und die verbale Provokation
sowie die (abwehrende) Beteiligung an der tätlichen Auseinandersetzung im
Untergeschoss bei der Beurteilung stark in den Hintergrund treten, ohne dass
sie vollständig ausser Acht zu lassen wären. Im Sinne einer Gesamtwürdigung
gelangt die Vorinstanz zum Schluss, die Bestürzung des Beschwerdeführers über
den Angriff sei zwar hoch gewesen, es liege nach den massgebenden Kriterien
jedoch keine entschuldbare und die Straflosigkeit der schweren
Notwehrüberschreitung rechtfertigende Emotion vor. Der Beschwerdeführer hätte
mit einer Stichbewegung gegen die Beine des Angreifers reagieren können und
müssen und damit besonnener und verantwortlicher handeln können. Dies hätte
entgegen den Ausführungen der Verteidigung nicht ein Überlegen und Erwägen
notwendig gemacht, sondern habe sich bei den gegebenen Umständen als sozusagen
naheliegende und natürliche weitere Reaktion angeboten und wäre auch möglich
gewesen, so wie der Beschwerdeführer auch das Messer habe ergreifen und öffnen
können. Er könne sich daher nicht auf Art. 16 Abs. 2 StGB berufen
(angefochtenes Urteil S. 19 f.).

3.4.

3.4.1. Die Vorinstanz geht davon aus, eine tätliche Reaktion des Opfers auf die
verbale Provokation "du Schwanz" sei für den Beschwerdeführer voraussehbar
gewesen. Inwiefern sie damit die Beweise willkürlich gewürdigt haben könnte,
ist nicht ersichtlich und zeigt der Beschwerdeführer auch nicht substanziiert
auf (vgl. Beschwerde N. 35 f. S. 13).

3.4.2. Die Vorinstanz stellt weiter fest, nach der verbalen Provokation sei es
zu einer gegenseitigen Schlägerei gekommen, bei welcher auch das Opfer Schläge
einstecken musste. Sie nimmt demnach nicht ein lediglich passives oder
defensives Verhalten des Beschwerdeführers an. Soweit dieser das Gegenteil
behauptet (vgl. Beschwerde N. 37 S. 14, N. 39 S. 15, N. 42 f. S. 16 f.), weicht
er von den vorinstanzlichen Feststellungen ab, ohne jedoch Willkür darzutun.
Darauf ist nicht einzutreten. Die Vorinstanz führt zwar aus, der
Beschwerdeführer habe sich nur zu seiner eigenen Verteidigung an der
darauffolgenden Schlägerei beteiligt. Das Bundesgericht ist an diese
Feststellung, was der Beschwerdeführer mit seinen Schlägen bewirken wollte,
gebunden (vgl. Art. 105 Abs. 1 BGG). Mit Blick auf das zu beurteilende
Verschulden des Beschwerdeführers am weiteren Verlauf der Auseinandersetzung
muss diesem aber dennoch zum Vorwurf gemacht werden, dass er damit das ihm
gemäss den vorinstanzlichen Feststellungen körperlich überlegene spätere Opfer
zusätzlich provozierte. Vom Beschwerdeführer hätte nach der verbalen
Provokation vielmehr ein deeskalierendes und gleichzeitig sich selber
schützendes Verhalten erwartet werden dürfen, das beispielsweise darin hätte
bestehen können, dass er auf die verbale Provokation folgende Schläge des
Opfers lediglich abwehrt oder versucht, mit den Armen seinen Kopf zu schützen,
während er gleichzeitig die Angestellten des Opfers um Hilfe bittet. Eine
solche Pflicht zum Ausweichen oder subsidiär zur blossen Abwehr des Angriffs,
wenn der Angegriffene den Angriff zuvor durch sein verwerfliches bzw.
rechtswidriges Verhalten ungewollt veranlasst hat, ergibt sich auch aus der vom
Beschwerdeführer zitierten Lehre (vgl. , in: Basler Kommentar, Strafrecht I, 3.
Aufl. 2013, N. 14 zu Art. 15 StGB; , Schweizerisches Strafrecht, Allgemeiner
Teil I, 4. Aufl. 2011, § 10 N. 81). Die verbale Provokation und die daran
anschliessende gegenseitige Schlägerei, bei welcher auch das Opfer Verletzungen
im Gesicht erlitt, können bei der Beurteilung der Entschuldbarkeit des
Notwehrexzesses daher nicht gänzlich ausser Acht gelassen werden.Kurt
SeelmannGünter Stratenwerth

3.4.3. Im Übrigen trägt die Vorinstanz der Schwere des Notwehrexzesses
Rechnung, der zum Tode des Opfers führte, und prüft, ob dem Beschwerdeführer
trotz der grossen Aufregung ein besonnenerer Einsatz des Messers möglich
gewesen wäre. Ihre diesbezügliche Würdigung ist entgegen dem Einwand des
Beschwerdeführers (vgl. Beschwerde N. 44 S. 17 f.) nicht willkürlich. Auch hat
sie das ihr zustehende Ermessen nicht überschritten, wenn sie erwägt, der
Notwehrexzess werde durch die Heftigkeit der Erregung über den Angriff nicht
gedeckt. Insgesamt durfte die Vorinstanz ohne Verletzung von Bundesrecht einen
entschuldbaren Notwehrexzess im Sinne von Art. 16 Abs. 2 StGB verneinen.
Der Beschwerdeführer befand sich aufgrund des Angriffs durch das Opfer im
Vorgarten seines Einfamilienhauses zwar unbestrittenermassen in einer grossen
Aufregung und Bestürzung. Für einen gänzlichen Schuldausschluss gestützt auf
Art. 16 Abs. 2 StGB reicht dies aber nicht aus, da gemäss der Rechtsprechung
bei der Frage nach der Entschuldbarkeit des Notwehrexzesses die gesamten
Umstände zu berücksichtigen sind. Das mit dem klarerweise unrechtmässigen
Angriff und dem zumindest teilweise entschuldbaren Notwehrexzess einhergehende
geringere Verschulden ist daher im Rahmen des Strafmilderungsgrundes von Art.
16 Abs. 1 StGB bei der Strafzumessung zu berücksichtigen. Ob die Vorinstanz dem
ausreichend Rechnung trägt, ist nicht zu prüfen, da der Beschwerdeführer die
Strafzumessung nicht anficht. Desgleichen ist die Frage, ob die Fähigkeit des
Beschwerdeführers zu einem deeskalierenden Verhalten nach der verbalen
Provokation aufgrund der geltend gemachten Persönlichkeitsstörung eingeschränkt
war, nicht bei der Entschuldbarkeit des Notwehrexzesses, sondern
ausschliesslich bei der Strafzumessung zu prüfen und gegebenenfalls zu
berücksichtigen (vgl. oben E. 2).

4.

4.1. Der Beschwerdeführer rügt, die Vorinstanz hätte ein Gutachten einholen
müssen zur Frage, ob seine Wahrnehmung sowie seine Kontroll- und
Steuerungsfähigkeit aufgrund einer heftigen Gemütsbewegung über den Angriff
eingeschränkt war und ein Durchschnittsmensch in seiner Situation gleich
gehandelt hätte.

4.2. Der Einwand ist unbegründet. Die Vorinstanz anerkennt, dass sich der
Beschwerdeführer aufgrund des Angriffs in einer grossen Aufregung und
Bestürzung befand. Für die weitere Frage nach der Entschuldbarkeit des
Notwehrexzesses sind die gesamten Umstände entscheidend. Ob die grosse
Aufregung oder Bestürzung auch entschuldbar im Sinne von Art. 16 Abs. 2 StGB
war, ist eine Rechtsfrage (vgl. Urteil 6B_810/2011 und 6B_811/2011 vom 30.
August 2012 E. 5.3.4 mit Hinweis). Die Beantwortung der sich stellenden
Rechtsfragen ist Sache des Gerichts. Zu Rechtsfragen werden grundsätzlich keine
Sachverständigen beigezogen (Urteil 6B_612/2014 vom 4. Dezember 2014 E. 1.4).

5.

5.1. Der Beschwerdeführer macht eventualiter geltend, er sei nach Art. 113 oder
Art. 117 StGB zu verurteilen. Die Vorinstanz habe nicht geprüft, ob ein
Totschlag oder eine fahrlässige Tötung gegeben sei.

5.2. Nicht gefolgt werden kann der Auffassung der Vorinstanz, die rechtliche
Qualifikation als vorsätzliche Tötung nach Art. 111 StGB stehe nicht mehr zur
Diskussion, da das obergerichtliche Urteil diesbezüglich nicht aufgehoben
worden sei (angefochtenes Urteil E. 4 S. 10). Das Bundesgericht hatte sich im
Urteil 6B_810/2011 und 6B_811/2011 vom 30. August 2012 nur zur Frage zu
äussern, ob die Notwehr verhältnismässig war (vgl. Art. 15 StGB), und
subsidiär, ob ein entschuldbarer Notwehrexzess (Art. 16 Abs. 2 StGB) vorliegt.
Einen obergerichtlichen Schuldspruch wegen vorsätzlicher Tötung gab es nicht,
da der Beschwerdeführer freigesprochen wurde. Das damalige Obergericht gelangte
im Urteil vom 20. Juni 2011 als Zwischenfazit zwar zum Schluss, es liege ein
Tötungsdelikt nach Art. 111 ff. StGB vor (vgl. Urteil, a.a.O., E. 3.3 S. 15).
Die exakte rechtliche Qualifikation blieb damit offen. Selbst wenn das
Obergericht die Tat im Urteil vom 20. Juni 2011 als vorsätzliche Tötung nach
Art. 111 StGB qualifiziert hätte, so bliebe es dabei, dass die entsprechenden
Erwägungen nicht angefochten waren, da lediglich die Staatsanwaltschaft und die
Angehörigen des Opfers Beschwerde führten. Das Bundesgericht musste sich damit
folglich nicht befassen. Der Beschwerdeführer hatte angesichts des Freispruchs
keinen Anlass, ein Rechtsmittel zu erheben. Die Frage der rechtlichen
Qualifikation wurde mit dem Urteil 6B_810/2011 und 6B_811/2011 vom 30. August
2012 demnach nicht abschliessend beurteilt.

5.3. Dem Beschwerdeführer wird vorgeworfen, er habe die Grenzen der zulässigen
Notwehr überschritten, wobei diesbezüglich von einem Handeln mit Wissen und
Willen auszugehen ist. Er nahm mit dem Stich in die Brust des Opfers dessen
Tötung in Kauf. Für einen Schuldspruch wegen fahrlässiger Tötung besteht daher
kein Platz.
Nicht zu hören ist der Beschwerdeführer, soweit er pauschal und ohne
entsprechende Literatur- oder Rechtsprechungshinweise geltend macht, die
deutsche Lehre und Rechtsprechung lasse bei einer bloss fahrlässig verursachten
Notwehrsituation zum Teil eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung zu (vgl.
Beschwerde N. 51 S. 19). Ob der Angegriffene den Angriff provoziert hat, ist
nach schweizerischem Recht bei der Zulässigkeit bzw. der Verhältnismässigkeit
der Notwehr und der Entschuldbarkeit eines allfälligen Notwehrexzesses zu
berücksichtigen. Nicht ersichtlich ist, weshalb ein Täter, der die
Notwehrsituation selbst verschuldet hat, wenn auch nur fahrlässig, besser
gestellt sein soll als ein Täter, der gar nicht zum Angriff beigetragen hat und
der bei einem nicht entschuldbaren Notwehrexzess nach Art. 111 i.V.m. Art. 16
Abs. 1 StGB strafbar ist.

5.4. Das Bundesgericht entschied in BGE 102 IV 228, der Täter könne bei der
Tötung eines Menschen gleichzeitig in entschuldbarer heftiger Gemütsbewegung im
Sinne des Art. 113 StGB handeln und sich in einer Notwehrlage gemäss aArt. 33
StGB befinden. Totschlag und Notwehrlage schliessen sich demnach nicht
gegenseitig aus (vgl. Strafrecht III, Delikte gegen den Einzelnen, 10. Aufl.
2013, S. 18). Dies kann der Fall sein, wenn sich der Täter in einer seelischen
Konfliktsituation befand und er das Tötungsdelikt ausserdem in einer
Notwehrlage beging (vgl. BGE 102 IV 228 E. 2 S. 229). Andreas Donatsch,
Liegt die heftige Gemütsbewegung in der Aufregung oder Bestürzung über einen
unrechtmässigen Angriff, plädiert die Lehre allerdings zu Recht für einen
Schuldspruch wegen vorsätzlicher Tötung, begangen in Notwehrexzess (vgl.
TRECHSEL/FINGERHUTH, Schweizerisches Strafgesetzbuch, Praxiskommentar, 2. Aufl.
2013, N. 17 zu Art. 113 StGB). Das sog. Doppelverwertungsverbot besagt, dass
Umstände, die zur Anwendung eines höheren oder tieferen Strafrahmens (z.B.
eines qualifizierten oder privilegierten Tatbestandes) führen, innerhalb des
geänderten Strafrahmens nicht noch einmal als Straferhöhungs- oder
Strafminderungsgrund berücksichtigt werden dürfen, weil dem Täter sonst der
gleiche Umstand zweimal zur Last gelegt oder zugute gehalten würde (BGE 118 IV
342 E. 2b S. 347; siehe auch BGE 141 IV 61 E. 6.1.3 S. 68). Die Tatumstände,
die im Rahmen von Art. 113 StGB eine heftige Gemütsbewegung oder grosse
seelische Belastung begründen, dürfen daher nicht zu einer zusätzlichen
Strafmilderung nach dem allgemeinen Teil des StGB führen (vgl. Urteil 6S.825/
2000 vom 4. April 2001 E. 2c/aa; CHRISTIAN SCHWARZENEGGER, in: Basler
Kommentar, Strafrecht II, 3. Aufl. 2013, N. 24 zu Art. 113 StGB). Eine
gleichzeitige Anwendung von Art. 113 StGB und Art. 16 Abs. 1 StGB kommt
vorliegend folglich nicht in Betracht. Nicht zu beanstanden ist daher, wenn die
Vorinstanz die Tat als vorsätzliche Tötung nach Art. 111 StGB, begangen in
Notwehrexzess, qualifiziert. Dies ermöglicht eine Strafmilderung nach freiem
Ermessen (Art. 16 Abs. 1 i.V.m. Art. 48a StGB) und ist für den Beschwerdeführer
insofern milder als ein Schuldspruch nach Art. 113 StGB, der eine Mindeststrafe
von einem Jahr Freiheitsentzug vorsieht.

5.5. Der vorinstanzliche Schuldspruch verletzt kein Bundesrecht.

6.
Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit darauf eingetreten werden kann. Das
Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege ist infolge Aussichtslosigkeit der
Beschwerde abzuweisen (Art. 64 Abs. 1 und 2 BGG). Der finanziellen Lage des
Beschwerdeführers ist bei der Festsetzung der Gerichtskosten Rechnung zu tragen
(Art. 65 Abs. 2 BGG).
Der Beschwerdegegnerin 2 ist keine Entschädigung zuzusprechen, da ihr im
bundesgerichtlichen Verfahren keine Umtriebe entstanden sind.

 Demnach erkennt das Bundesgericht:

1. 
Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist.

2. 
Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wird abgewiesen.

3. 
Die Gerichtskosten von Fr. 1'600.-- werden dem Beschwerdeführer auferlegt.

4. 
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Kantonsgericht Luzern, 2. Abteilung,
schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 26. November 2015

Im Namen der Strafrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident: Denys

Die Gerichtsschreiberin: Unseld

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