Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

Strafrechtliche Abteilung, Beschwerde in Strafsachen 6B.56/2015
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Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

[8frIR2ALAGK1]     
{T 0/2}
                   
6B_56/2015

Urteil vom 27. November 2015

Strafrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Denys, Präsident,
Bundesrichterin Jacquemoud-Rossari,
Bundesrichter Oberholzer, Rüedi,
Bundesrichterin Jametti,
Gerichtsschreiber Moses.

Verfahrensbeteiligte
A.X.________,
vertreten durch Rechtsanwältin Eveline Gloor,
Beschwerdeführerin,

gegen

Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Aargau,
Frey-Herosé-Strasse 20, Wielandhaus, 5001 Aarau,
Beschwerdegegnerin.

Gegenstand
Versuchte vorsätzliche Tötung; stationäre Massnahme,

Beschwerde gegen das Urteil des Obergerichts des Kantons Aargau, Strafgericht,
1. Kammer, vom 23. Oktober 2014.

Sachverhalt:

A.
Die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm erhob am 17. September 2013 Anklage gegen
A.X.________ wegen versuchter Tötung, alternativ Gefährdung des Lebens oder
versuchter schwerer Körperverletzung. Am 11. Dezember 2013 sprach das
Bezirksgericht Zofingen A.X.________ von diesen Vorwürfen frei.

B.
Auf Berufung der Staatsanwaltschaft erklärte das Obergericht des Kantons Aargau
A.X.________ am 23. Oktober 2014 der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig.
Es bestrafte sie dafür mit einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und ordnete
eine stationäre therapeutische Massnahme an.
Das Obergericht erachtet es als erstellt, dass A.X.________ am 24. März 2013
ein Messer holte und die Absicht hatte, damit auf ihren Vater B.X.________
einzustechen. Als sie die herbeigeeilten Nachbarn C.________ und D.________
erblickt habe, sei sie kurzzeitig von der weiteren Verwirklichung ihres
Tatentschlusses abgehalten worden. Stattdessen habe sie in die Treppe und in
die Wand gestochen. Sie habe aber auf ihren Vater weiterhin zustechen wollen
und sei zumindest einmal in dieser Absicht mit erhobenem Messer bis auf ca.
zwei Meter an ihn herangetreten. Als A.X.________ von C.________ an einer
weiteren Annäherung an den Vater gehindert worden sei, habe sie einem bereits
zuvor von ihr malträtierten Hocker Stiche zugefügt.

C.
A.X.________ führt Beschwerde in Strafsachen. Sie beantragt, sie sei vom
Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung freizusprechen und ihr sei eine
Genugtuung von Fr. 26'300.-- sowie eine Entschädigung von Fr. 18'780.--
zuzusprechen. Eventualiter sei eine ambulante Massnahme anzuordnen und der
Vollzug der Freiheitsstrafe zu deren Gunsten aufzuschieben. A.X.________
ersucht um unentgeltliche Rechtspflege und Verbeiständung.

D.
Die Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Aargau verzichtet auf eine
Vernehmlassung. Das Obergericht beantragt, die Beschwerde sei abzuweisen.

Erwägungen:

1.

1.1. Die Beschwerdeführerin machte bereits im vorinstanzlichen Verfahren
geltend, sie habe das Messer im ersten Augenblick an sich genommen, um auf
ihren Vater einzustechen. Diesen Gedanken habe sie aber aufgrund ihres
schlechten Gewissens sofort wieder fallen lassen. Die Vorinstanz wertet dies
als Schutzbehauptung. Es sei nicht ersichtlich, weshalb die Beschwerdeführerin
sich ansonsten mit dem Messer auf den Weg in Richtung der Treppe und des
Erdgeschosses, wo sich der Vater befand, gemacht haben sollte. Dass die
Beschwerdeführerin ihrem Vater nur Angst habe machen wollen, sei nicht
glaubhaft. Sie sei zum Tatzeitpunkt ausser sich vor Wut gewesen, weshalb sie
nicht überlegt und zielgerichtet habe handeln können. Zudem habe sie damit
gedroht, dass sie ihren Vater einmal totschlagen werde, dass es keine Rolle
spielen würde, wenn er fehle, sowie dass sie ihn fertig machen werde. Diese
Drohungen seien ernst zu nehmen. Darüber hinaus sei die Beschwerdeführerin
bereits am Vortag gegenüber ihrem Vater gewalttätig geworden. Aufgrund der
gesamten Umstände erachtet es die Vorinstanz als erstellt, dass die
Beschwerdeführerin während des ganzen Tatgeschehens die Absicht aufrecht
erhielt, ihren Vater mit dem Messer zu stechen. Sie habe ein ungezieltes und
kräftiges Einstechen beabsichtigt. Das damit verbundene Risiko tödlicher
Verletzungen sei ihr bekannt gewesen. Es sei daher davon auszugehen, dass die
Beschwerdeführerin, für den Fall, dass sie ihren Tatentschluss verwirklicht
hätte, die Tötung ihres Vaters zumindest billigend in Kauf genommen hätte. Die
Vorinstanz erwägt weiter, dass die Beschwerdeführerin lediglich wegen der
herbeigeeilten Nachbarn auf der Treppe stehen blieb und sich ihrem Vater
zunächst nicht weiter genähert hat. Nachdem sie sich ins Erdgeschoss begeben
hatte, sei sie zumindest einmal mit erhobenem Messer bis auf zirka zwei Meter
an ihren Vater herangetreten. Sie sei lediglich von C.________ daran gehindert
worden, auf ihren Vater loszugehen. Dieser habe die Arme gehoben und mit
energischer Stimme gesprochen. Die Beschwerdeführerin habe sich somit der
versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig gemacht.

1.2. Die Beschwerdeführerin bringt vor, sie habe den Gedanken, ihren Vater zu
töten, lediglich beim Ergreifen des Messers gehabt und sogleich verworfen. Sie
habe daher nicht zur Tatverwirklichung angesetzt; der gedankliche Entschluss,
jemanden umzubringen, sei alleine nicht strafbar. Die Beschwerdeführerin macht
insbesondere geltend, ein eigentlicher Angriff auf ihren Vater habe nicht
stattgefunden. Sie habe ihrem Vater lediglich Angst machen und ihre Wut
abreagieren wollen. Weder der Geschädigte noch die anderen anwesenden Personen
hätten das Gefühl gehabt, sie wolle ihren Vater mit dem Messer stechen. Sie
habe gar nicht versucht, an C.________ vorbeizukommen, und dieser habe keine
körperliche Gewalt anwenden müssen, um sie davon abzuhalten, ihren Vater mit
dem Messer anzugreifen.
Die Beschwerdeführerin rügt ebenfalls, die Vorinstanz zitiere Entscheide, in
denen der Täter tatsächlich mit einem Messer in den Oberkörper des Opfers
stach. Dies sei vorliegend aber nicht der Fall gewesen. Trotzdem gehe die
Vorinstanz ohne nähere Begründung davon aus, dass sich der Tatentschluss auf
ein ungezieltes kräftiges Einstechen auf den Vater beziehe.

1.3.

1.3.1. Ein Versuch liegt vor, wenn der Täter, nachdem er mit der Ausführung
eines Verbrechens oder Vergehens begonnen hat, die strafbare Tätigkeit nicht zu
Ende führt oder der zur Vollendung der Tat gehörende Erfolg nicht eintritt oder
dieser nicht eintreten kann (Art. 22 Abs. 1 StGB). Beim Versuch erfüllt der
Täter sämtliche subjektive Tatbestandsmerkmale und manifestiert seine
Tatentschlossenheit, ohne dass alle objektiven Tatbestandsmerkmale verwirklicht
sind (BGE 137 IV 113 E. 1.4.2 mit Hinweisen). Zur "Ausführung" im Sinne von
Art. 22 Abs. 1 StGB gehört jede Tätigkeit, die nach dem Plan, den sich der
Täter gemacht hat, auf dem Weg zur Tatbestandsverwirklichung den letzten
entscheidenden Schritt darstellt, von dem es in der Regel kein Zurück mehr
gibt, es sei denn wegen äusserer Umstände, die eine Weiterverfolgung der
Absicht erschweren oder verunmöglichen (BGE 131 IV 100 E. 7.2.1 mit Hinweisen).
Was der Täter wusste, wollte oder in Kauf nahm, betrifft sogenannte innere
Tatsachen, die vor Bundesgericht nur im Rahmen von Art. 97 Abs. 1 BGG gerügt
werden können (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3). Danach kann die Sachverhaltsfeststellung
der Vorinstanz vor Bundesgericht nur gerügt werden, wenn sie offensichtlich
unrichtig ist oder auf einer Rechtsverletzung im Sinne von Art. 95 BGG beruht
und wenn die Behebung des Mangels für den Ausgang des Verfahrens entscheidend
sein kann. Offensichtlich unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn sie
willkürlich ist (BGE 137 III 226 E. 4.2 mit Hinweisen). Willkür liegt vor, wenn
der angefochtene Entscheid offensichtlich unhaltbar ist oder mit der
tatsächlichen Situation in klarem Widerspruch steht. Dass eine andere Lösung
oder Würdigung ebenfalls vertretbar oder gar zutreffender erscheint, genügt für
die Annahme von Willkür nicht (BGE 138 I 305 E. 4.3 mit Hinweisen). Dem
Grundsatz in dubio pro reo kommt in seiner Funktion als Beweiswürdigungsregel
im Verfahren vor dem Bundesgericht keine über das Willkürverbot von Art. 9 BV
hinausgehende Bedeutung zu (BGE 127 I 38 E. 2a mit Hinweisen). Eine
entsprechende Rüge muss klar vorgebracht und substanziiert begründet werden
(Art. 42 Abs. 2 und Art. 106 Abs. 2 BGG; BGE 137 IV 1 E. 4.2.3; 136 I 65 E.
1.3.1; je mit Hinweisen). Auf eine rein appellatorische Kritik am angefochtenen
Urteil tritt das Bundesgericht nicht ein (BGE 140 III 264 E. 2.3 mit
Hinweisen).

1.3.2. Die Vorbringen der Beschwerdeführerin hinsichtlich der vorinstanzlichen
Feststellungen zum Tatentschluss erschöpfen sich weitgehend in appellatorischer
Kritik, wie etwa, wenn sie geltend macht, sie habe ihrem Vater lediglich Angst
machen wollen oder sie habe gar nicht versucht, an C.________ vorbeizukommen.
Darauf ist nicht einzutreten. Nicht zu folgen ist der Beschwerdeführerin, wenn
sie rügt, keine der anwesenden Personen habe das Gefühl gehabt, sie wolle ihren
Vater niederstechen. C.________ erklärte diesbezüglich, er habe sich wiederholt
zwischen Vater und Tochter stellen müssen, um "Schlimmeres" zu vermeiden. Er
habe den Eindruck gehabt, dass die Beschwerdeführerin sonst mit dem Messer auf
den Vater losgegangen wäre. Dass der Vater selbst nicht befürchtet habe, die
Beschwerdeführerin würde auf ihn stechen, lässt die vorinstanzliche
Sachverhaltsfeststellung aufgrund des Umstandes, dass dieser angab, vor seiner
Tochter Angst zu haben (Urteil, S. 15) sowie der Wahrnehmung der anderen
Beteiligten nicht als willkürlich erscheinen.
Die Vorinstanz verletzt kein Bundesrecht, wenn sie festhält, die
Beschwerdeführerin habe die Schwelle des Versuchs spätestens zum Zeitpunkt
überschritten, als sie mit erhobenem Messer bis auf zirka zwei Meter an ihren
Vater herangetreten ist. Dass C.________ sie nicht mit Gewalt, sondern nur
durch Heben der Arme und energischer Stimme davon abhielt, auf ihren Vater
einzustechen, ist ohne Belang.

1.3.3. Die Vorinstanz begründet ihre Schlussfolgerung, die Beschwerdeführer
habe ein ungezieltes und kräftiges Einstechen auf ihren Vater beabsichtigt mit
deren aufgebrachten Zustand, namentlich mit Blick auf die Wucht, mit welcher
sie auf die verschiedenen Gegenstände einwirkte (Urteil, S. 17 f.). Die Rüge
der Beschwerdeführerin, die Vorinstanz nehme dies ohne nähere Begründung an,
geht fehl.
Dass die Vorinstanz Urteile zitiere, in denen der Täter tatsächlich in den
Oberkörper des Opfers stach, geht an der Sache vorbei, zumal ein strafbarer
Versuch bereits vorliegen kann, bevor der Täter gegen das Opfer Gewalt
anwendet.

2.
Die Beschwerdeführerin macht geltend, die Aussagen, die sie in Abwesenheit
eines amtlichen Verteidigers gemacht hat, seien unverwertbar. Die einzige
derartige Erklärung der Beschwerdeführerin, die von der Vorinstanz im Rahmen
der Sachverhaltsfeststellung gewürdigt wurde, ist diejenige, sie wisse nicht,
was sie getan hätte, wenn am besagten Abend niemand zwischen ihr und ihrem
Vater gestanden hätte. Die Vorinstanz nützt diese Aussage lediglich als
Nachweis dafür, dass die Beschwerdeführerin zum Tatzeitpunkt ausser sich vor
Wut gewesen sei. Dies ergebe sich auch aus den übereinstimmenden Behauptungen
der weiteren anwesenden Personen (Urteil, S. 16). Weder legt die
Beschwerdeführerin dar noch ist ersichtlich, inwiefern sich die erwähnte
Aussage konkret zu ihren Ungunsten ausgewirkt haben soll. Die Rüge ist
unbegründet.

3.
Die Beschwerdeführerin verlangt, für den Fall eines Freispruchs, eine
Genugtuung von Fr. 26'300.-- und eine Entschädigung von Fr. 18'780.--. Da der
Schuldspruch bestätigt wird, ist darauf nicht einzugehen.

4.

4.1. Die Vorinstanz hält fest, dass gemäss psychiatrischem Gutachten vom 4.
Juni 2013 bei der Beschwerdeführerin die Diagnose einer emotional instabilen
Persönlichkeitsstörung, Borderline Typ, gestellt worden sei, welche sich unter
anderem auf eine frühkindliche hirnorganische Schädigung zurückführen lasse.
Eine ambulante Behandlung könne nach dem Gutachten nicht als ausreichend
erachtet werden, um den therapeutischen Notwendigkeiten adäquat Rechnung zu
tragen. Bis die Therapie rückfallpräventiv greifen würde, wäre die
Beschwerdeführerin im ambulanten Setting zahlreichen Risikosituationen und
damit einer hohen Rückfallgefahr ausgesetzt. Am 8. Dezember 2013 sei ein neues
Gutachten erstellt worden, nach welchem weiterhin eine hohe Rückfall- und
Ausführungsgefahr für weitere impulsive Gewalthandlungen bestehe. Die Gutachten
vom 4. Juni 2013 und vom 8. Dezember 2013 würden die Anforderungen von Art. 56
Abs. 3 StGB erfüllen. Es sei im Weiteren nicht ersichtlich, inwiefern sich die
Situation bei der Beschwerdeführerin nach ihrer Entlassung aus der Haft im
Dezember 2013 derart geändert haben soll, dass nicht mehr auf die erwähnten
Gutachten abgestellt werden könne. Weder der Umstand, dass die
Beschwerdeführerin nun eine eigene Wohnung habe, noch dass sie den Kontakt zu
ihrer Mutter gänzlich abgebrochen und den Umgang mit ihrem Vater erheblich
reduziert habe, würde etwas an der festgestellten Rückfall- bzw.
Ausführungsgefahr ändern. Die Schaffung einer eigenen Wohnsituation bringe gar
zahlreiche Risikosituationen mit sich. Auch sei das geltend gemachte soziale
Umfeld nicht ersichtlich; es bestehe vielmehr der Eindruck, dass die
Beschwerdeführerin nur beschränkt soziale Kontakte pflege und zurückgezogen
lebe. Auch die Tatsache, dass sie wieder arbeite und versuche eine Ausbildung
aufzugleisen, ändere an der festgestellten Diagnose nichts. Gemäss den
Ausführungen der Gutachterin liege der Schwerpunkt bei der Beschwerdeführerin
in der Verbesserung der Psychopathologie, der Verhaltenskontrolle und im Aufbau
eines deliktsprotektiven inneren Managements, wohingegen die berufliche Aus-
und Weiterbildung nur zweitrangig beurteilt werde. Soweit die
Beschwerdeführerin geltend mache, dass sie sich freiwillig in Psychotherapie
begebe, sei festzuhalten, dass eine ambulante Therapie nach den Folgerungen der
Gutachterin eben nicht ausreiche, um aufkommende Risikosituationen rechtzeitig
zu identifizieren. Die Vorinstanz erwägt zudem, dass eine stationäre
therapeutische Massnahme grundsätzlich geeignet sei, um die Störungen der
Beschwerdeführerin zu behandeln. Durch eine solche Behandlung sei es möglich,
der Beschwerdeführerin von Aussen Struktur und Stabilität zu vermitteln, bis
durch eine Nachreifung die sozialen Kompetenzen und die gewaltfördernden
Persönlichkeitsmerkmale eine Besserung erfahren. Zudem könne nach erfolgreicher
Therapie ein geeigneter sozialer Empfangsraum gefunden werden. Eine stationäre
Massnahme sei auch erforderlich und verhältnismässig. Die Beschwerdeführerin
werde nicht aus einem tragenden sozialen Umfeld gerissen.

4.2. Die Beschwerdeführerin rügt, die Gutachten seien mangelhaft. Einen Antrag
auf eine aktuelle Begutachtung habe die Vorinstanz abgewiesen. Die angeordnete
Massnahme sei nicht verhältnismässig. Die Vorinstanz gehe zu Unrecht davon aus,
dass sie nicht aus einem tragenden sozialen Umfeld gerissen werde. Sie habe bis
Dezember 2014 bei den Eheleuten E.________ gearbeitet, die weiterhin bereit
seien, sie zu unterstützen. Seit Januar 2015 habe sie eine Praktikumsstelle.
Daneben verfüge sie über mehrere Sozialkontakte. Die von ihr wöchentlich
besuchte ambulante Behandlung sei ausreichend, um allfällige Defizite zu
behandeln. Sie sei ruhiger geworden und habe alles, was sie sich vorgenommen
habe, erreicht, wie etwa eine eigene Wohnung und eine Praktikumsstelle. Sie
lebe in einem stabilen und tragenden Umfeld. Die von der Vorinstanz angeordnete
stationäre Massnahme sei nicht verhältnismässig. Um ihre wertvollen Ressourcen
nicht zu opfern, sei davon abzusehen und sie sei weiterhin ambulant zu
behandeln. Die Erstellung eines aktuellen Gutachtens sei unumgänglich.

4.3.

4.3.1. Nach Art. 56 Abs. 3 StGB stützt sich das Gericht beim Entscheid über die
Anordnung einer Massnahme nach den Artikeln 59-61, 63 und 64 StGB auf eine
sachverständige Begutachtung. Zur Beantwortung der Frage, ob ein früheres
Gutachten hinreichend aktuell ist, ist nicht primär auf das formelle Kriterium
des Alters des Gutachtens abzustellen. Massgeblich ist vielmehr die materielle
Frage, ob Gewähr dafür besteht, dass sich die Ausgangslage seit der Erstellung
des Gutachtens nicht gewandelt hat. Soweit ein früheres Gutachten mit Ablauf
der Zeit und zufolge veränderter Verhältnisse an Aktualität eingebüsst hat,
sind neue Abklärungen unabdingbar (BGE 134 IV 246 E. 4.3; Urteil 6B_1230/2014
vom 20. April 2015 E. 2.3.2; MARIANNE HEER, Basler Kommentar, Strafrecht I, 3.
Aufl. 2013, N. 68 zu Art. 56 StGB).

4.3.2. Die Beschwerdeführerin war vom 24. März 2013 bis zum 11. Dezember 2013
in Untersuchungs- bzw. Sicherheitshaft. Sämtliche Gutachten wurden in diesem
Zeitraum erstellt. In ihrem Gutachten vom 4. Juni 2013 hält die Sachverständige
fest, von einer Entlassung aus der Haft in eine gemeinsame Wohnsituation mit
dem Vater oder auch in eine eigene Wohnung, beziehungsweise zu Bekannten oder
Freunden, sei abzuraten. Eine stationäre Therapie sei dringend indiziert. Bis
diese greifen würde, wäre die Beschwerdeführerin in einem ambulanten Setting
zahlreichen Risikosituationen und damit einer hohen Rückfallgefahr ausgesetzt.
Im stationären Umfeld könne für die Beschwerdeführerin, nach erfolgreicher
Therapie, ein geeigneter sozialer Empfangsraum gefunden werden (kantonale
Akten, pag. 24 ff., 59 f.). Im Gutachten vom 17. Juli 2013 hält die Gutachterin
erneut fest, dass beim Austritt aus der Haft kein sozialer Empfangsraum bestehe
(kantonale Akten, p. 78 ff., 118). Eine ambulante Behandlung könne zum
gegenwärtigen Zeitpunkt nicht als ausreichend erachtet werden, zumal die
Beschwerdeführerin in Freiheit noch kein Selbstbeobachtungswerkzeug besitze, um
deliktsfördernde Gedanken oder Emotionen wahrzunehmen (pag. 121). Für die
festgestellte psychische Störung würden geeignete Behandlungsprogramme zur
Verfügung stehen. Durch eine psychotherapeutische Behandlung liesse sich die
Gefahr weiterer Straftaten begegnen; mit einer stationären Therapie könne der
Beschwerdeführerin Struktur und Stabilität vermittelt werden, bis die sozialen
Kompetenzen und die gewaltsfördernden Persönlichkeitsmerkmale eine Besserung
erfahren haben. Der hirnorganische Substanzdefekt sei hingegen nicht
behandelbar, es sei aber möglich, die Ausführungsgefahr für Gewalttaten mittels
einer störungs- und deliktsspezifischen Therapie zu mildern (pag. 123).
Die Gutachterin erstellte ihre Gutachten zu einem Zeitpunkt, als die
Beschwerdeführerin in Haft war. Sie empfiehlt eine stationäre Massnahme
aufgrund einer Prognose für den Fall einer Haftentlassung und hält ausdrücklich
fest, dass eine ambulante Massnahme zum damaligen Zeitpunkt nicht ausreichend
gewesen wäre. Im Rahmen ihrer Prognose geht die Sachverständige unter anderem
davon aus, dass eine Entlassung der Beschwerdeführerin aus der Haft in eine
eigene Wohnung nicht angebracht sei. Die Vorinstanz fällte das angefochtene
Urteil mehr als zehn Monate, nachdem die Beschwerdeführerin aus der Haft
entlassen wurde und eine eigene Wohnung bezogen hatte. Die Beschwerdeführerin
gab zudem an, während dieser Zeit freiwillig in ambulanter Behandlung zu sein.
Unter diesen Umständen kann nicht auf eine für den Fall einer - bereits
eingetretenen - Entlassung aus der Haft erstellten Prognose abgestellt werden.
Vielmehr ist abzuklären, ob in Freiheit eine Besserung stattgefunden hat, die
eine ambulante Massnahme als ausreichend erscheinen lässt. Die Auffassung der
Vorinstanz, die Entlassung aus der Haft sei keine Änderung, die eine neue
Begutachtung rechtfertigen würde, ist haltlos. Die Beschwerde ist in diesem
Punkt gutzuheissen. Es erübrigt sich, auf die weiteren Rügen der
Beschwerdeführerin einzugehen.

5.
Die Beschwerde ist teilweise gutzuheissen, soweit darauf eingetreten werden
kann. Das angefochtene Urteil ist aufzuheben und die Sache zu neuer
Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Der Kanton Aargau hat der Beschwerdeführerin für das bundesgerichtliche
Verfahren im Umfang ihres Obsiegens angemessen zu entschädigen (Art. 68 Abs. 2
BGG). Die Entschädigung ist praxisgemäss der Rechtsvertreterin auszurichten.
Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und Verbeiständung wird in diesem
Umfang gegenstandslos. Soweit die Beschwerdeführerin unterliegt, ist es zufolge
Aussichtslosigkeit der Beschwerde abzuweisen (Art. 64 Abs. 1 und 2 BGG). Ihrer
finanziellen Lage ist bei der Festsetzung der Gerichtskosten Rechnung zu tragen
(Art. 65 Abs. 2 BGG).

 Demnach erkennt das Bundesgericht:

1. 
Die Beschwerde wird teilweise gutgeheissen, soweit darauf einzutreten ist. Das
Urteil des Obergerichts des Kantons Aargau vom 23. Oktober 2014 wird aufgehoben
und die Sache zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückgewiesen.

2. 
Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und Verbeiständung wird abgewiesen,
soweit es nicht gegenstandslos geworden ist.

3. 
Der Beschwerdeführerin werden Gerichtskosten von Fr. 800.-- auferlegt.

4. 
Der Kanton Aargau hat der Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin,
Rechtsanwältin Eveline Gloor, für das bundesgerichtliche Verfahren eine
Parteientschädigung von Fr. 1'500.-- zu bezahlen.

5. 
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Obergericht des Kantons Aargau,
Strafgericht, 1. Kammer, schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 27. November 2015

Im Namen der Strafrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident: Denys

Der Gerichtsschreiber: Moses

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