Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

Strafrechtliche Abteilung, Beschwerde in Strafsachen 6B.790/2015
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Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

[8frIR2ALAGK1]     
{T 0/2}
                   
6B_790/2015

Urteil vom 6. November 2015

Strafrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Denys, Präsident,
Bundesrichter Oberholzer,
Bundesrichterin Jametti,
Gerichtsschreiber Boog.

Verfahrensbeteiligte
X.________,
vertreten durch Rechtsanwalt Stefan Pfister,
Beschwerdeführer,

gegen

Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Aargau,
Frey-Herosé-Strasse 20, Wielandhaus, 5001 Aarau,
Beschwerdegegnerin.

Gegenstand
Rückzug der Berufung ohne Rücksprache mit dem amtlichen Verteidiger, Willkür,

Beschwerde gegen den Beschluss des Obergerichts des Kantons Aargau,
Strafgericht, 1. Kammer, vom 19. Juni 2015.

Sachverhalt:

A.
Das Bezirksgericht Lenzburg erklärte X.________ am 19. Juni 2014 der sexuellen
Nötigung, der mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kindern, der mehrfachen
Pornographie gemäss Art. 197 Ziff. 3 StGB, der Pornographie gemäss Art. 197
Ziff. 1 StGB sowie der Pornographie gemäss aArt. 197 Ziff. 3bis StGB (in der
Fassung vom 5. Oktober 2001 [AS 2002 S. 408]) schuldig und verurteilte ihn zu
einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren und 8 Monaten sowie zu einer stationären
therapeutischen Massnahme zur Behandlung von psychischen Störungen. Der
amtliche Verteidiger des Beurteilten meldete gegen das ihm am 30. Juni 2014
zugestellte Urteil des Bezirksgerichts Berufung an. Mit Schreiben an das
Gerichtspäsidium Lenzburg vom 7. August 2014 teilte X.________ mit, er habe
seinen Anwalt am 1. Juli 2014 schriftlich angewiesen, keine Berufung
anzumelden. Sollte dieser seiner Anweisung keine Folge geleistet haben, ziehe
er "die Berufungsanmeldung eigenhändig zurück". Am 16. August 2014 informierte
X.________ seinen Verteidiger darüber, dass er "in einem Zustand geistiger
Umnachtung" versucht habe, die Berufungsanmeldung zurückzuziehen.
Mit Eingabe vom 22. August 2014 teilte der amtliche Verteidiger dem
Bezirksgericht Lenzburg mit, dass die Berufungsanmeldung nach wie vor
Gültigkeit habe und das Urteil vom 19. Juni 2014 zu begründen sei. Am 16.
Dezember 2014 wurde das begründete und mit der ordentlichen
Rechtsmittelbelehrung versehene Urteil zugestellt. Am 31. Dezember 2014 reichte
X.________ die Berufungsbegründung ein. Die Staatsanwaltschaft erhob am 27.
Januar 2015 Anschlussberufung. In der mündlichen Berufungsverhandlung vom 19.
Juni 2015 stellte die Staatsanwaltschaft im Rahmen der Vorfragen den Antrag,
auf die Berufung sei nicht einzutreten bzw. das Verfahren sei zufolge Rückzugs
der Berufung abzuschreiben. Mit Beschluss vom 19. Juni 2015 schrieb das
Obergericht des Kantons Aargau das Berufungsverfahren als durch Rückzug der
Berufung erledigt von der Kontrolle ab. Die Anschlussberufung der
Staatsanwaltschaft erklärte es als dahingefallen.

B.
X.________ führt Beschwerde in Strafsachen, mit der er beantragt, der
angefochtene Beschluss sei aufzuheben. Ferner ersucht er um Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege.

Erwägungen:

1.

1.1. Die Vorinstanz stellt fest, der Beschwerdeführer habe in seinem Schreiben
vom 7. August 2014 an die Gerichtspräsidentin des Bezirksgerichts Lenzburg
ausgeführt, sein amtlicher Verteidiger habe ihm in einer Besprechung vom 30.
Juni 2014 geraten, Berufung anzumelden. Am 1. Juli 2014 habe er jenen
schriftlich angewiesen, die Berufung nicht anzumelden. Falls dieser seiner
Anweisung keine Folge geleistet haben sollte, ziehe er die Berufungsanmeldung
eigenhändig zurück, so dass das erstinstanzliche Urteil sofort rechtskräftig
werden könne (angefochtener Beschluss S. 2; vgl. Akten des Bezirksgerichts act.
211).
Die Vorinstanz nimmt an, der Rückzug der Berufung beruhe auf einer
wohlüberlegten Handlung. Der Umstand, dass er erst rund 6 Wochen nach der
anwaltlichen Beratung erfolgt sei, schliesse eine Kurzschlussreaktion aus.
Zudem habe der Beschwerdeführer seinen Verteidiger bereits mit Schreiben vom 1.
Juli 2014 darum gebeten, von der Einlegung eines Rechtsmittels abzusehen. Damit
habe der Wille, auf eine Berufung zu verzichten bzw. eine solche
zurückzuziehen, nachweislich während rund 6 Wochen bestanden. Umstände, welche
den Beschwerdeführer als postulationsunfähig erscheinen liessen, seien nicht
ersichtlich. Der blosse Umstand, dass er sich zu jener Zeit in Haft befand,
genüge für eine solche Annahme nicht. Der Einwand des Verteidigers, das
Schreiben vom 7. August 2014 sei nicht mit ihm abgesprochen gewesen und
offenbar unter dem Eindruck der Belastungen im Strafvollzug entstanden, sei
unbehelflich. Es sei nicht ersichtlich, dass der Beschwerdeführer die Bedeutung
seiner Erklärung verkannt habe oder in seiner Willensbildung eingeschränkt
gewesen wäre. Die ohne Absprache mit seinem Rechtsbeistand gemachte Eingabe des
Beschwerdeführers vom 7. August 2014 sei daher als Rückzug der Berufung
entgegenzunehmen. Damit sei das Schreiben des Beschwerdeführers vom 16. August
2014, mit welchem er den Rückzug rückgängig machen wolle, unbeachtlich
(angefochtener Beschluss S. 3 ff.).

1.2. Der Beschwerdeführer macht zunächst eine offensichtlich unrichtige
Feststellung des Sachverhalts geltend. Die Vorinstanz habe aktenwidrig
festgestellt, dass er die sofortige Rechtskraft des erstinstanzlichen
Entscheids gewünscht habe. Er habe sich zum Zeitpunkt des Schreibens in einer
miserablen psychischen Verfassung befunden, die sich unter dem Eindruck des
Schuldspruchs laufend verschlechtert habe. Dies komme auch darin zum Ausdruck,
dass ihm entgangen sei, das Schreiben an den Verteidiger vom 1. Juli 2014 zu
versenden. Die Annahme, er habe "wohlüberlegt" gehandelt, sei daher
offensichtlich falsch. Die Vorinstanz unterstelle ihm einen Willen zur
Beendigung des Rechsmittelweges, welchen er in Wirklichkeit nicht gehabt habe.
Weiter unterschlage die Vorinstanz, dass die Gerichtspräsidentin der ersten
Instanz seinen notwendigen amtlichen Verteidiger ca. Mitte August 2014
telefonisch kontaktiert und über den Eingang des Schreibens vom 7. August 2014
orientiert habe. Der Verteidiger habe der Präsidentin daraufhin mitgeteilt,
dass ihm das Rückzugsschreiben nicht bekannt sei und von ihm nicht mitgetragen
werde. Damit sei erstellt, dass der Rückzug der Berufung nicht in Absprache mit
dem Verteidiger und ohne dessen Wissen erfolgt sei. Diese unrichtige
Sachverhaltsfeststellung sei zu korrigieren. Aus dem Umstand, dass die
Gerichtspräsidentin seinem Verteidiger im gleichen Telefongespräch in Aussicht
gestellt habe, dass die Beteiligten sich über den Rechtsmittelverzicht
aussprechen könnten, ergebe sich, dass diese zunächst offensichtlich Zweifel an
der Gültigkeit des Rückzugs gehabt habe. Diese Zweifel seien danach offenbar
beseitigt und die Ausfertigung des begründeten Urteils mit einer ordentlichen
Rechtsmittelbelehrung versehen worden. Im Verlauf der zweitinstanzlichen
Verhandlung habe sich ergeben, dass die Gerichtspräsidentin der ersten Instanz
Anfang/Mitte August offenbar auch mit der Staatsanwaltschaft Kontakt
aufgenommen habe. Daraufhin sei der Fall bei dieser als rechtskräftig erledigt
vermerkt worden. Dennoch habe die Staatsanwaltschaft am 27. Januar 2015
Anschlussberufung erklärt (Beschwerde S. 5 ff.).

1.3. Gemäss Art. 105 Abs. 1 BGG legt das Bundesgericht seinem Urteil den
Sachverhalt zugrunde, den die Vorinstanz festgestellt hat. Es kann die
Sachverhaltsfeststellung der Vorinstanz von Amtes wegen berichtigen oder
ergänzen, wenn sie offensichtlich unrichtig ist oder auf einer Rechtsverletzung
im Sinne von Art. 95 BGG beruht (Art. 105 Abs. 2 BGG). Der Beschwerdeführer,
der die Sachverhaltsfeststellungen der Vorinstanz anfechten will, muss
substantiiert darlegen, inwiefern die Voraussetzungen gemäss Art. 105 Abs. 2
BGG gegeben sind und das Verfahren bei rechtskonformer Ermittlung des
Sachverhalts anders ausgegangen wäre. Er kann sich nicht damit begnügen, den
bestrittenen Feststellungen eigene tatsächliche Behauptungen gegenüberzustellen
oder darzulegen, wie die Beweise seiner Ansicht nach zu würdigen gewesen wären.
Die Befugnis des Bundesgerichts, den Sachverhalt zu berichtigen oder zu
ergänzen, entbindet den Beschwerdeführer nicht von seiner Behauptungs- und
Begründungspflicht (BGE 133 III 350 E. 1.3; 133 IV 286 E. 6 2; vgl. auch BGE
133 IV 293 E. 3.4.2).

1.4. Die Beschwerde ist in diesem Punkt unbegründet. Zunächst geht auch die
Vorinstanz davon aus, dass der Rückzug der Berufung durch den Beschwerdeführer
ohne Absprache mit seinem Verteidiger erfolgte (angefochtener Beschluss S. 4
Ziff. 3.3). Dies folgt schon aus dem Schreiben des Beschwerdeführers vom 16.
August 2014, welches die Vorinstanz wiedergibt (angefochtener Beschluss S. 2 E.
1.4). Insofern besteht kein Bedarf für eine Ergänzung des Sachverhalts.
Dasselbe gilt für allfällige Zweifel der erstinstanzlichen Gerichtspräsidentin.
Ob diese an der Gültigkeit des Rückzugs gezweifelt hat, ist im vorliegenden
Kontext ohne Bedeutung. Es steht jedenfalls fest, dass das erstinstanzliche
Urteil schriftlich begründet und mit einer ordentlichen Rechtsmittelbelehrung
versehen wurde.
Im Übrigen ist, was der Beschwerdeführer vorbringt, nicht geeignet, Willkür
darzutun. Es trifft wohl zu, dass der Beschwerdeführer in seinem Schreiben an
den amtlichen Verteidiger vom 16. August 2014 ausführte, er habe "in einem
Zustand geistiger Umnachtung" gehandelt, sei nach der Gerichtsverhandlung am
Boden zerstört gewesen und habe Depressionen gehabt (vgl. Akten des
Bezirksgerichts act. 216). Hierauf hat auch die Vorinstanz verwiesen
(angefochtener Beschluss S. 2). Doch lässt sich daraus allein entgegen der
Auffassung des Beschwerdeführers nicht ableiten, er sei in seiner
Willensbildung eingeschränkt gewesen oder hätte die Bedeutung seiner Erklärung
verkannt. Jedenfalls ist nicht schlechthin unhaltbar, wenn die Vorinstanz aus
dem Umstand, dass der Beschwerdeführer nach seinen eigenen Angaben den
amtlichen Verteidiger bereits am 1. Juli 2014 angewiesen hat, keine Berufung
einzureichen, darauf schliesst, er habe über einen Zeitraum von rund 6 Wochen
den Willen gehabt, auf die Erhebung der Berufung zu verzichten, was eine
Kurzschlussreaktion ausschliesse (angefochtener Beschluss S.4).

2.

2.1. Der Beschwerdeführer rügt ferner eine Verletzung von Treu und Glauben. Er
bringt zu nächst vor, die Präsidentin der ersten Instanz habe die
Staatsanwaltschaft am 7. August 2014 über den Eingang des Rückzugsschreibens
orientiert. Diese habe daraufhin den Fall in ihren Systemen auf "rechtskräftig"
gestellt. Am 27. Januar 2015 habe sie Anschlussberufung erklärt. Damit habe sie
sich auf das Rechtsmittelverfahren eingelassen. Erst während der
zweitinstanzlichen Verhandlung habe sie den Antrag gestellt, auf die Berufung
sei infolge Rückzugs nicht einzutreten. Indem die Staatsanwaltschaft erst am
Verhandlungstag Zweifel über die Gültigkeit des Rechtsmittels vorgebracht habe,
habe sie gegen Treu und Glauben verstossen, zumal die Vorinstanz, wie sich etwa
aus den Abklärungen über den Therapieverlauf ergebe, offensichtlich eine
Rechtsmittelverhandlung habe durchführen wollen (Beschwerde S. 10 ff.).
Im Weiteren macht der Beschwerdeführer geltend, er habe auf die
Rechtsmittelbelehrung im erstinstanzlichen Urteil vertrauen dürfen. Die erste
Instanz habe ihre ursprünglichen Zweifel in Bezug auf den Rückzug der Berufung
offensichtlich beseitigt und durch die Ausfertigung der Urteilsbegründung und
die Rechtsmittelbelehrung zu erkennen gegeben, dass sie den Rückzug als
ungültig betrachte. Er habe daher auf die Durchführung einer ordentlichen
Rechtsmittelverhandlung vertrauen dürfen. Andernfalls hätte die Vorinstanz
gestützt auf Art. 390 Abs. 2 StPO entsprechende Stellungnahmen einholen müssen.
Stattdessen habe sie vor der Verhandlung verschiedenste Verfügungen zu
konkreten, materiellen Fragen im Zusammenhang mit der Anordnung einer
stationären bzw. ambulanten Massnahme erlassen (Beschwerde S. 14 ff.).

2.2. Nach Art. 5 Abs. 3 BV müssen staatliche Organe und Private nach Treu und
Glauben handeln. Aus diesem Grundsatz fliesst der Anspruch jeder Person auf den
Schutz von Treu und Glauben in ihren Beziehungen zum Staat (BGE 138 I 49 E.
8.3.1, mit Hinweisen; vgl. auch Art. 3 Abs. 2 lit. a StPO).
Gemäss Art. 81 Abs. 1 lit. d StPO enthalten Urteile, sofern sie anfechtbar
sind, eine Rechtsmittelbelehrung. Nach der Rechtsprechung dürfen den Parteien
aus einer unrichtigen Rechtsmittelbelehrung keine Nachteile erwachsen.
Vertrauensschutz geniesst indes nur, wer die Unrichtigkeit der
Rechtsmittelbelehrung nicht erkennt und sie auch bei gebührender Aufmerksamkeit
nicht hätte erkennen können (BGE 138 I 49 E. 8.3.2; 134 I 199 E. 1.3.1; 124 I
255 E. 1a/aa).

2.3. Die Beschwerde ist auch in diesem Punkt unbegründet. Zunächst kann der
Beschwerdeführer nichts aus dem Umstand ableiten, dass die Staatsanwaltschaft
Anschlussberufung erhoben hat, nachdem er die Berufungserklärung eingereicht
hatte. Die Auffassung des Beschwerdeführers, die Staatsanwaltschaft habe sich
durch die Anschlussberufung auf ein Rechtsmittelverfahren eingelassen, ist
abwegig. Eine Einlassung erfolgt im Zivilprozess durch die unzweideutige
Bekundung der Partei, sich vor dem angerufenen Gericht ohne Einrede der
Unzuständigkeit zur Sache äussern (Art. 18 ZPO; BGE 123 III 35 E. 3b). Im
Rechtsmittelverfahren im Rahmen eines Strafprozesses besteht hiefür kein Raum.
Ferner ist nicht ersichtlich, inwiefern die Rechtsmittelbelehrung im
schriftlich begründeten erstinstanzlichen Urteil falsch sein soll. Das Urteil
gibt die strafprozessualen Bestimmungen über die Berufung korrekt wieder. Es
ist unerfindlich, inwiefern diese Belehrung beim Beschwerdeführer bestimmte
Erwartungen begründet haben sollte, aus welchen ihm keine Nachteile erwachsen
dürften. Ein schutzwürdiges Vertrauen ergibt sich auch nicht aus dem Umstand,
dass das Bezirksgericht sein Urteil schriftlich begründet hat, zumal dieses
wegen der Strafhöhe hiezu ohnehin gehalten war (angefochtener Beschluss S. 4
Ziff. 3.4). Zudem wird eine Rechtsmittelbelehrung nicht dadurch unrichtig, dass
der Beurteilte die angemeldete Berufung vor Ausfertigung der schriftlichen
Urteilsbegründung zurückgezogen hat, zumal bei Zweifeln über die Gültigkeit des
Rückzugs - wie im zu beurteilenden Fall - die Berufungsinstanz zu entscheiden
hat.
Zuletzt lässt sich nichts für den Standpunkt des Beschwerdeführers aus dem
Umstand ableiten, dass die Vorinstanz bei den Parteien keine Stellungnahmen im
Sinne von Art. 390 Abs. 2 StPO eingeholt hat. Eine Stellungnahme ist im
Berufungsverfahren nur notwendig, wenn das zweitinstanzliche Gericht die
Berufung im schriftlichen Verfahren behandelt (Art. 406 Abs. 4 StPO). Dies war
hier offensichtlich nicht der Fall.

3.

3.1. Der Beschwerdeführer rügt schliesslich, der Rückzug sei ungültig, weil er
nicht in Absprache mit dem notwendigen amtlichen Verteidiger erfolgt sei. Er
habe das Schreiben vom 7. August 2014 abgefasst, ohne seinen Verteidiger
darüber in Kenntnis zu setzen oder mit ihm Rücksprache zu nehmen. Der
Verteidiger habe gegenüber der Präsidentin des Bezirksgerichts denn auch kund
getan, dass er von diesem Schreiben keine Kenntnis habe und er den Rückzug
nicht mittrage. Ein Rückzug eines Rechtsmittels könne nur im Einvernehmen mit
dem Verteidiger erfolgen (Beschwerde S. 17 ff.).

3.2. Die Vorinstanz nimmt an, die anwaltlich vertretene Partei sei nicht
gehindert, persönlich Eingaben an das Gericht zu richten. Dieses müsse
persönliche Eingaben im Rahmen der allgemeinen Verfahrensvorschriften beachten.
Der vom Beschwerdeführer mit Schreiben vom 7. August 2014 erklärte Rückzug der
Berufung sei eindeutig und unmissverständlich. Zudem sei er nach der
anwaltlichen Beratung vom 30. Juni 2014 erfolgt (angefochtener Beschluss S. 3
f.).

3.3. Gemäss Art. 386 Abs. 1 StPO kann, wer berechtigt ist, ein Rechtsmittel zu
ergreifen, nach Eröffnung des anfechtbaren Entscheids durch schriftliche oder
mündliche Erklärung gegenüber der entscheidenden Behörde auf die Ausübung
dieses Rechts verzichten. Nach Abs. 3 derselben Bestimmung sind Verzicht und
Rückzug endgültig, es sei denn, die Partei sei durch Täuschung, eine Straftat
oder eine unrichtige behördliche Auskunft zu ihrer Erklärung veranlasst worden.
Nach dem Rückzug des Rechtsmittels ist die Situation gleich, wie wenn dieses
nie erhoben worden wäre. Das Verfahren vor der Berufungs- oder
Beschwerdeinstanz wird mit dem Rückzug unmittelbar beendet, wobei dem
Abschreibungsbeschluss lediglich deklaratorischer Charakter zukommt (Urteil
6B_676/2014 vom 30. Juli 2015 E. 2.2.3, zur Publikation vorgesehen, mit
Hinweisen).

3.4. Ein freiwillig und in Kenntnis der prozessualen Tragweite zustande
gekommener Rechtsmittelrückzug ist endgültig und kann nur bei Vorliegen der in
Art. 386 Abs. 3 StPO genannten Willensmängel zurückgenommen werden (vgl. Urteil
6B_1022/2013 vom 7. März 2014 E. 1.2.4). Dabei genügt ein blosser Irrtum nicht
( RIEDO ET AL., Strafprozessrecht, 2011, N 2849).
Willensmängel sind von demjenigen, der sich darauf beruft, nachzuweisen. In
welcher Form diese geltend zu machen sind, regelt Art. 386 Abs. 3 StPO nicht
ausdrücklich.
Das Bundesgericht hat in einem neueren Entscheid erkannt, die in Art. 386 Abs.
3 StPO erwähnten Willensmängel müssten auch nach Ablauf der Rechtsmittelfrist
geltend gemacht werden können, zumal gegen Abschreibungsbeschlüsse die Revision
nach Art. 410 Abs. 1 StPO unzulässig sei. Die Partei, deren Rückzugserklärung
mit Willensmängeln behaftet sei und sich daher als unwirksam erweise, habe im
Sinne von Art. 386 Abs. 3 StPO einen Anspruch darauf, dass ihr Rechtsmittel von
der zuständigen Berufungs- oder Beschwerdeinstanz in der Sache behandelt werde.
Ein solcher Widerruf sei daher - unabhängig von der Beschwerdefrist ans
Bundesgericht - an diejenige Instanz zu richten, gegenüber welcher der Rückzug
des Rechtsmittels erklärt worden sei. Gelange die Beschwerde- oder
Berufungsinstanz zum Schluss, der Rückzug sei wirksam, sei auf das Rechtsmittel
nicht einzutreten. Soweit vor Bundesgericht ein Abschreibungsbeschluss
angefochten und geltend gemacht werde, der Rückzug des Rechtsmittels sei nach
Art. 386 Abs. 3 StPO unwirksam, sei auf die Beschwerde mangels Ausschöpfung des
kantonalen Instanzenzuges nicht einzutreten ( Urteil 6B_676/2014 vom 30. Juli
2015 E. 2.2.1 und 2.2.3, zur Publikation vorgesehen).
Der Beschwerdeführer macht nicht geltend, sein Rückzug sei mit einem
Willensmangel behaftet gewesen. Er stellt sich vielmehr auf den Standpunkt, ein
Rückzug könne nur im Einvernehmen mit dem Verteidiger erfolgen. Dies sei hier
nicht der Fall. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers wurde mit Verfügung
vom 4. März 2013 von der Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Aargau als
notwendiger amtlicher Verteidiger eingesetzt (Art. 130 und 132 StPO;
Beschwerdebeilage 8). Der Verteidiger ist Beistand, Fürsorger und Berater der
beschuldigten Person, nicht deren Stellvertreter. In gewissen Bereichen kann
die Verteidigung stellvertretend für die beschuldigte Person agieren,
namentlich Rechtsmittel ergreifen. Umgekehrt verliert die beschuldigte Person
mit der Bestellung eines Verteidigers keinerlei Rechte, sondern kann diese
weiterhin persönlich ausüben (Niklaus Ruckstuhl, in: Basler Kommentar,
Schweizerische Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, Art. 128 N 2 f.; Peter
Albrecht, Die Funktion und Rechtsstellung des Verteidigers im Strafverfahren,
in: Niggli/Weissenberger, Strafverteidigung, Handbücher für die Anwaltspraxis,
2002, 2.14). Die Ergreifung eines Rechtsmittels im Schuld- bzw. Strafpunkt ist
Ausdruck der Ausübung eines höchstpersönlichen Rechts (vgl. Art. 106 Abs. 3
StPO). Ein Rechtsbeistand kann zwar grundsätzlich selbststständig ein
Rechtsmittel einlegen oder zurückziehen, allerdings nicht gegen den
ausdrücklich oder konkludent bezeugten Willen seines Mandanten. Im Zweifelsfall
geht das Verhalten der Partei vor (Viktor Lieber, in: Kommentar zur
Schweizerischen Strafprozessordnung, hrsg. von Donatsch et al., 2. Aufl. 2014,
Art. 382 N 6). Dementsprechend bedarf umgekehrt ein Rückzug grundsätzlich auch
nicht der Zustimmung der Verteidigung. Dies ergibt sich ohne Weiteres daraus,
dass die Verteidigung auch nicht an einem Rechtsmittel festhalten kann, wenn es
die beschuldigte Person zurückziehen will (Ziegler/Keller, in: Basler
Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, Art. 386 N 4;
Lieber, a.a.O., Art. 386 N 4; Jo Pitteloud, Code de procédure pénale suisse,
2012, N 1131; vgl. auch Donatsch et al., Strafprozessrecht, 2. Aufl., 2014, S.
346; a.M. Niklaus Schmid, Schweizerische Strafprozessordnung, Praxiskommentar,
2. Aufl., 2013, Art. 386 N 2 ["Rückzug Rechtsmittel durch verteidigten
Beschuldigten kann nur im Einvernehmen mit Verteidiger erfolgen"]; ders.,
Handbuch des schweizerischen Strafprozessrechts, 2. Aufl., 2013, N 1477).
Die Rechtsauffassung der Vorinstanz, wonach der Beschwerdeführer die Berufung
ohne Absprache mit seinem Verteidiger gültig zurückgezogen hat, verletzt somit
kein Bundesrecht. Die Beschwerde erweist sich auch in diesem Punkt als
unbegründet.

4.
Aus diesen Gründen ist die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf eingetreten
werden kann. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wird der Beschwerdeführer
grundsätzlich kostenpflichtig (Art. 66 Abs. 1 BGG). Sein Gesuch um
unentgeltliche Rechtspflege kann bewilligt werden, da von seiner Bedürftigkeit
auszugehen und diese ausreichend belegt ist (vgl. BGE 125 IV 161 E. 4) und
seine Beschwerde nicht von vornherein aussichtslos war (vgl. BGE 138 III 217 E.
2.2.4). Dem Beschwerdeführer sind deshalb keine Kosten aufzuerlegen. Seinem
Vertreter ist aus der Bundesgerichtskasse eine angemessene Entschädigung
auszurichten (Art. 64 Abs. 2 BGG).

 Demnach erkennt das Bundesgericht:

1. 
Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist.

2. 
Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wird gutgeheissen.

3. 
Es werden keine Kosten erhoben.

4. 
Dem Rechtsvertreter des Beschwerdeführers wird für das bundesgerichtliche
Verfahren eine Entschädigung von Fr. 3'000.-- aus der Bundesgerichtskasse
ausgerichtet.

5. 
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Obergericht des Kantons Aargau,
Strafgericht, 1. Kammer, schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 6. November 2015

Im Namen der Strafrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident: Denys

Der Gerichtsschreiber: Boog

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