Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

Strafrechtliche Abteilung, Beschwerde in Strafsachen 6B.941/2015
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Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

[8frIR2ALAGK1]     
{T 0/2}
                   
6B_941/2015

Urteil vom 2. März 2016

Strafrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Denys, Präsident,
Bundesrichter Oberholzer, Rüedi,
Gerichtsschreiberin Arquint Hill.

Verfahrensbeteiligte
X.________,
Beschwerdeführer,

gegen

Amt für Justizvollzug des Kantons Zürich, Amtsleitung, Feldstrasse 42, 8090
Zürich,
Beschwerdegegner.

Gegenstand
Strafvollzug, Willkür,

Beschwerde gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Zürich, 3.
Abteilung, Einzelrichterin, vom 26. August 2015.

Sachverhalt:

A. 
X.________ wurde mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 30. Mai
2015 wegen Missachtung einer Ein- oder Ausgrenzung nach Art. 119 Abs. 1 AuG
verurteilt. Er wurde mit einer unbedingt vollziehbaren Freiheitsstrafe von 30
Tagen bestraft. X.________ wurde der vorzeitige Strafvollzug bewilligt. Zwecks
Strafvollzug (abzüglich zwei Tage Untersuchungshaft) wurde er in das
Flughafengefängnis UHS Zürich versetzt.

B.

B.a. Das Amt für Justizvollzug des Kantons Zürich (JUV) teilte X.________ mit
Verfügung vom 2. Juni 2015 mit, es erachte es als sinnvoll, im Anschluss an den
Vollzug der Strafe gemäss Strafbefehl vom 30. Mai 2015 die unbedingten
Freiheitsstrafen gemäss den rechtskräftigen Strafbefehlen der
Staatsanwaltschaften Zürich-Limmat und Zürich-Sihl vom 7. Dezember 2014, 15.
Februar 2015, 23. März 2015, 15. April 2015 sowie 19. April 2015 zu vollziehen.
Zur Sicherstellung eines geordneten und sofortigen Vollzugs werde dem Lauf der
Rekursfrist und einer allfälligen Rekurseinreichung die aufschiebende Wirkung
entzogen. Mit den Strafbefehlen wurden überwiegend Widerhandlungen von
X.________ gegen die Ein- oder Ausgrenzung im Sinne von Art. 119 Abs. 1 AuG
sanktioniert. Die damit ausgefällte Freiheitsstrafe beläuft sich auf insgesamt
495 Tage (unter Anrechnung der Haft).

B.b. Auf Einsprache einer Migrationsfachfrau im Namen von X.________ gegen
einen (weiteren) Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 13. März
2015 wegen Missachtung einer Ein- oder Ausgrenzung im Sinne von Art. 119 Abs. 1
AuG hin sistierte das Bezirksgericht Zürich mit Verfügung vom 15. Juni 2015 das
entsprechende Verfahren und verlangte in Bezug auf die Frage der
Schuldfähigkeit von X.________ eine sachverständige Begutachtung im Sinne von
Art. 20 StGB.

B.c. Den von X.________ eingereichten Rekurs gegen die Verfügung des JUV vom 2.
Juni 2015 wies die Direktion der Justiz und des Inneren des Kantons Zürich am
7. Juli 2015 ab, soweit sie darauf eintrat. Dem Lauf der Beschwerdefrist und
der Einreichung der Beschwerde an das Verwaltungsgericht des Kantons Zürich
wurde die aufschiebende Wirkung entzogen.

B.d. Das Verwaltungsgericht des Kantons Zürich wies die Beschwerde von
X.________ am 26. August 2015 ab.

C. 
X.________ wendet sich mit Beschwerde in Strafsachen an das Bundesgericht. Er
beantragt, es sei der Entscheid des Verwaltungsgerichts aufzuheben und die
Angelegenheit zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen.

D. 
Das Verwaltungsgericht beantragt, die Beschwerde sei abzuweisen, soweit darauf
einzutreten sei. Das JUV schliesst in seiner Vernehmlassung auf Abweisung der
Beschwerde.

Erwägungen:

1. 
Verfahrensgegenstand bildet die Anordnung des Vollzugs der Freiheitsstrafen
gemäss den Strafbefehlen vom 7. Dezember 2014, 15. Februar 2015, 23. März 2015,
15. April 2015 sowie 19. April 2015 im Anschluss an den Vollzug der Strafe
gemäss Strafbefehl vom 30. Mai 2015 durch Verfügung vom 2. Juni 2015. In der
Sache geht es um Strafvollzug bzw. Strafvollstreckung und mithin um eine
Strafsache im Sinne des BGG. Vor Bundesgericht gilt insofern das Anwaltsmonopol
(Art. 40 Abs. 1 BGG; siehe auch Urteile 6B_845/2013 vom 9. Oktober 2013 E. 2
sowie 6B_391/2012 vom 14. Juli 2012 E. 1; vgl. FLORENCE AUBRY GIRARDIN, in
Commentaire de la LTF, 2. Aufl. 2014, Art. 40 N. 8 ff.; s.a. MARC THOMMEN,
Basler Kommentar, Bundesgerichtsgesetz, 2. Aufl. 2011, Art. 78 N. 38; a.M.
LAURENT MERZ, Basler Kommentar, Bundesgerichtsgesetz, 2. Aufl. 2011, Art. 40 N.
31). Die Beschwerde wurde durch einen vor Bundesgericht insoweit nicht
zugelassenen Vertreter verfasst. Der Beschwerdeführer hat diese jedoch
persönlich unterzeichnet. Auf die Beschwerde kann deshalb grundsätzlich
eingetreten werden (vgl. act. 5 und 7).
Soweit der Beschwerdeführer mit seinen Rügen über den vorliegenden
Verfahrensgegenstand hinausgeht, ist auf die Beschwerde nicht einzutreten. Das
gilt auch, soweit er im bundesgerichtlichen Verfahren ein Haftentlassungsgesuch
stellt (act. 10). Ebenfalls nicht einzutreten ist auf die Beschwerde, soweit
sie den Begründungsanforderungen im Sinne von Art. 42 Abs. 2 und Art. 106 Abs.
2 BGG nicht genügt.

2.

2.1. Die Vorinstanzen betonen in ihren Entscheiden die Bindung der
Vollzugsbehörden an rechtskäftige Strafurteile. Die fünf Strafbefehle, die mit
Verfügung vom 2. Juni 2015 in Vollzug gesetzt wurden, seien rechtskräftig und
vollziehbar. Materielle Einwendungen in der Sache hätten in den jeweiligen
Strafverfahren erhoben werden müssen. Die Verfügung des Bezirksgerichts vom 15.
Juni 2015, mit welcher Zweifel an der Schuldfähigkeit des Beschwerdeführers
geäussert wurden, richte sich gegen einen Strafbefehl vom 13. März 2015 und
somit nicht gegen einen hier in Vollzug gesetzten Strafbefehl. Aus den Akten
ergäben sich überdies keine Nichtigkeitsgründe, die zu beachten wären. Der
Beschwerdeführer sei schon in der Vergangenheit vor den hier in Vollzug
gesetzten Strafbefehlen verurteilt worden (u. a. wegen Tätlichkeit,
Beschimpfung, Sachbeschädigung, Drohung sowie Gewalt gegen Behörden und
Beamte). Von Schuldunfähigkeit seien die verschiedenen Behörden dabei nicht
ausgegangen. Auch wenn sich in den Akten Hinweise auf psychische Probleme,
teilweise übermässigen Alkoholkonsum und Minderintelligenz fänden, sei es dem
Beschwerdeführer doch möglich gewesen, selbstständig zu leben, in den Kantonen
umherzureisen, gemeinnützige Arbeit zu leisten und als Teilzeitangestellter zu
arbeiten. Er sei im Übrigen Vater einer Tochter. Die rechtskräftigen
Strafbefehle seien mithin nach wie vor vollziehbar. Abändernde gerichtliche
Anordnungen dazu seien nicht ergangen. Der Vollzug der Freiheitsstrafen gemäss
den Strafbefehlen vom 7. Dezember 2014, 15. Februar 2015, 23. März 2015, 15.
April 2015 sowie 19. April 2015 sei damit nicht zu beanstanden. Dass der
Beschwerdeführer an psychischen oder geistigen Störungen leide, so dass von
Hafterstehungsunfähigkeit auszugehen wäre, mache er nicht geltend und ergebe
sich auch nicht aus den Akten. Einzig mit der Wiedergabe von Bestimmungen der
BV und der EMRK werde im Übrigen nicht hinlänglich dargetan, weshalb er aus dem
Strafvollzug entlassen werden müsste.

2.2. Wie bereits vor den kantonalen Instanzen rügt der Beschwerdeführer auch
vor Bundesgericht sinngemäss namentlich eine Verletzung des Gebots des fairen
Verfahrens. Er beruft sich auf zahlreiche Bestimmungen der BV und der EMRK. Die
Freiheit sei ihm willkürlich entzogen worden. Er befinde sich seit über vier
Monaten im Gefängnis und müsse dort noch über ein Jahr bleiben. Er wisse aber
nicht weshalb. Das Bezirksgericht Zürich sei am 15. Juni 2015 zum Schluss
gelangt, dass ernsthafte Zweifel an seiner Schuldfähigkeit bestünden. Die ohne
Offizialverteidigung und Lingala-Übersetzung durchgeführten (Straf-) Verfahren
erwiesen sich als unfair. Er habe aufgrund seiner aktenkundigen
Intelligenzverminderung nicht verstanden, um was es gehe bzw. was ihm
vorgeworfen werde (vgl. sinngemäss Beschwerde, S. 1, 2, 4, 5, 7, 8).

3.

3.1. Das Bundesrecht regelt die Grundsätze des Strafvollzugs. Die Kantone
müssen danach die von ihren Strafgerichten auf Grund des StGB ausgefällten
Strafurteile vollziehen (Art. 372 Abs. 1 StGB). Die Vollzugsbehörden sind an
die Strafentscheide gebunden (Urteile 6B_46/2007 vom 29. Mai 2007 E. 5.2.3
sowie 6A.86/2002 vom 20. Januar 2003 E. 5.2.2; MARTINO IMPERATORI, Basler
Kommentar, Strafrecht, Band II, 3. Aufl. 2013, Art. 372 N. 6; VICTOR LIEBER,
in: Trechsel/Pieth [Hrsg.], Schweizerisches Strafgesetzbuch, Praxiskommentar,
2. Aufl. 2013, Art. 372 N. 1). Eine Überprüfung der Urteile ist ihnen verwehrt
(Urteil 6A.147/1994 vom 6. März 1995 E. 2, publiziert in Pra 1996 Nr. 175 S.
643). Sie haben weder ein Nachprüfungsrecht noch eine Nachprüfungspflicht; die
zu vollstreckenden rechtskräftigen Urteile tragen die Vermutung der
Rechtswirksamkeit in sich (RETO ANDREA SURBER, Das Recht der
Strafvollstreckung, Diss. ZH 1997, S. 227).
Daraus ergibt sich, dass die Vollzugsbehörden selbst Entscheide vollziehen
müssen, die allenfalls unrichtig sind oder auf einem fehlerhaften Verfahren
beruhen (IMPERATORI, a.a.O., Art. 372 N. 7; siehe auch HAUSER/SCHWERI/HARTMANN,
Schweizerisches Strafprozessrecht, 6. Aufl., Zürich 2005, § 83 N. 2). Als
Ausweg bietet sich diesbezüglich eine Wiederaufnahme des Verfahrens zugunsten
des Bestraften als Korrektur fehlerhafter Strafentscheide an, allenfalls ein
Gesuch um (Teil) -Begnadigung (IMPERATORI, a.a.O., Art. 372 N. 8 und 9). Nur in
den äussersten Ausnahmefällen, in denen ein fehlerhaftes Strafurteil als
geradezu nichtig anzusehen wäre, kann (bzw. muss) die Vollzugsbehörde von
dessen Vollstreckung absehen (vgl. SURBER, a.a.O., S. 227). Nichtigkeit kann
jedoch von vornherein überhaupt nur in Betracht gezogen werden, wenn wegen
schwerster Mängel oder gröbster Verstösse gegen fundamentale prozessuale
Vorschriften, die offen zu Tage liegen oder zumindest leicht erkennbar sind,
die Aufrechterhaltung eines Urteils schlechthin unerträglich wäre (zur
Nichtigkeit: BGE 138 II 501 E. 3.1 S. 503; 137 I 273 E. 3.1 S. 275; Urteil
6B_339/2012 vom 11. Oktober 2012 E. 1.2.1; je mit Hinweisen).

3.2. Der Vollzug kann aus wichtigen Gründen unterbrochen werden (Art. 92 StGB).
Was unter wichtigen Gründen zu verstehen ist, umschreibt das StGB nicht. Nach
der bundesgerichtlichen Rechtsprechung kommt eine Verschiebung des Vollzuges
einer rechtskräftigen Strafe auf unbestimmte Zeit nur ausnahmsweise in Frage.
Hinsichtlich der wichtigen Gründe stehen grundsätzlich solche medizinischer
Art, die in der Person des Verurteilten liegen, im Vordergrund (zu anderen
denkbaren wichtigen Gründen: YASMINA BENDANI, in: Commentaire romand, Code
pénal I, 2009, Art. 92 N 20 ff.; ANDREA BAECHTOLD, Basler Kommentar, Strafrecht
I, 2. Aufl. 2007, Art. 92 N. 15 f.). Für den Entscheid über eine
Vollzugsunterbrechung sind die im Einzelfall wichtigen Gründe den öffentlichen
Interessen an einer Aufrechterhaltung der Haft gegenüberzustellen, wozu
namentlich das Schutzbedürfnis der Allgemeinheit, die Effektivität und
Sühnefunktion der Strafe, die Rehabilitation und Resozialisierung sowie das
Gleichbehandlungsgebot, aber auch die Glaubwürdigkeit des Strafsystems zählen
(vgl. BGE 136 IV 97 E. 5.2.2 ff.; s.a. CORNELIA KOLLER, in: Basler Kommentar,
Strafrecht, Band I, 3. Aufl. 2013, Art. 92 N. 10). Eine Unterbrechung des
Vollzugs setzt grundsätzlich voraus, dass jegliche Überwachung und jeglicher
Zwang des Betroffenen wegfällt. Dennoch sollte es nach dem Grundsatz "in maiore
minus" zulässig sein, einen Strafunterbruch mit Auflagen oder Weisungen, zum
Beispiel mit der Aufsicht durch ein Schutzaufsichtsorgan, zu verbinden (SURBER,
a.a.O., S. 330)

4.

4.1. Der Beschwerdeführer lebt als vorläufig Aufgenommener (Status F) seit rund
14 Jahren in der Schweiz. Mit Verfügung des Migrationsamts des Kantons Zürich
vom 23. Juli 2014 wurde ihm verboten, das Gebiet der Stadt Zürich bis zum 23.
Juli 2016 zu betreten. Am 7. Dezember 2014 wurde der Beschwerdeführer im
Strafbefehlsverfahren wegen einfacher Körperverletzung gemäss Art. 123 Ziff. 1
Abs. 1 StGB und Missachtung einer Ein- oder Ausgrenzung im Sinne von Art. 119
Abs. 1 AuG schuldig gesprochen und mit einer unbedingten Freiheitsstrafe von
sechs Monaten bestraft. Am 15. Februar 2015, 23. März 2015, 15. April 2015
sowie 19. April 2015 wurde er jeweils wegen Missachtung einer Ein- oder
Ausgrenzung nach Art. 119 Abs. 1 AuG zu unbedingten Freiheitsstrafen von 45,
60, 90 und 120 Tagen verurteilt (unter Anrechnung von jeweils 1 bis 2 Tagen
Untersuchungshaft). Die Strafbefehle wurden dem Beschwerdeführer mündlich
eröffnet und sogleich - zusammen mit schriftlichen "Erläuterungen zum
Strafbefehl" in deutscher und (vereinzelt) in französischer Sprache -
persönlich ausgehändigt (kantonale Akten, Haft- und Vollzugstitel, act. 2/1 bis
2/5). Soweit ersichtlich, wurde dem Beschwerdeführer einzig der Strafbefehl vom
23. März 2015 (inkl. Erläuterungen) durch einen Dolmetscher in die französische
Sprache übersetzt. Der Beschwerdeführer war in den Verfahren nicht anwaltlich
vertreten. Er hat keinen der fraglichen Strafbefehle angefochten. Die darin
ausgesprochenen Freiheitsstrafen, welche am 2. Juni 2015 zum Vollzug angeordnet
wurden, belaufen sich auf insgesamt 495 Tage (unter Anrechnung der Haft). Es
geht folglich um einen relativ langen Freiheitsentzug und mithin um einen
empfindlichen Eingriff in die persönliche Freiheit des Beschwerdeführers.

4.2. Den Akten und vorinstanzlichen Entscheiden ist zu entnehmen, dass die
Muttersprache des Beschwerdeführers Lingala ist. Er spricht und versteht
französisch. Wie es sich in dieser Hinsicht hingegen mit der deutschen Sprache
verhält, steht offenbar nicht abschliessend und zweifelsfrei fest (vgl.
Entscheid der Justizdirektion vom 7. Juli 2015, E. 4 S. 4). Aus den Akten
ergeben sich zudem konkrete Hinweise auf psychische Probleme des
Beschwerdeführers, teilweise übermässigen Alkoholkonsum und eine
Minderintelligenz (vgl. Entscheid der Justizdirektion vom 7. Juli 2015, E. 3.1
S. 4). Ein ärztlicher Bericht vom 8. Februar 2011 attestiert dem
Beschwerdeführer deutlich eingeschränkte intellektuelle Fähigkeiten, wobei der
Intelligenzquotient nach Zahlenverbindungstest bei knapp 60 liege. Gemäss dem
psychologischen Befund der psychiatrischen Klinik Zugersee vom 12. Juli 2011
ist die aktualisierte Intelligenz des Beschwerdeführers aufgrund der
Verhaltensbeobachtung und der problematischen Herangehensweise an die Aufgaben
unterdurchschnittlich (vgl. kantonale Akten, Haft- und Vollzugstitel, act. 2/7/
1, Verfügung des Bezirksgerichts Zürich vom 15. Juni 2015). Namentlich gestützt
darauf gelangte das Bezirksgericht Zürich am 15. Juni 2015 zum Schluss, dass
ernsthafter Anlass bestehe, an der Schuldfähigkeit des Beschwerdeführers zu
zweifeln, zumal dessen Aussagen anlässlich der staatsanwaltlichen Einvernahme
vom 11. Mai 2015 zum Vorwurf der Missachtung einer Ein- oder Ausgrenzung im
Sinne von Art. 119 Abs. 1 AuG darauf hindeuteten, dass er nicht verstanden
habe, was ihm vorgeworfen wird. Das Bezirksgericht Zürich sistierte das
Verfahren und wies die Sache an die zuständige Staatsanwaltschaft zur
Vervollständigung der Untersuchung (Einholung einer sachverständigen
Begutachtung im Sinne von Art. 20 StGB) zurück (vgl. kantonale Akten, a.a.O).

4.3. Die geschilderten Umstände legen nahe, dass sich der möglicherweise
schuldunfähige Beschwerdeführer in den fraglichen fünf Strafbefehlsverfahren
nicht zurechtgefunden hat. Aufgrund der im Raume stehenden sprachlichen und
insbesondere intellektuellen Defizite muss jedenfalls davon ausgegangen werden,
dass er den Regelungsgehalt und die Tragweite der die Missachtung der
Ausgrenzung sanktionierenden Strafbefehle vom 7. Dezember 2014, 15. Februar
2015, 23. März 2015, 15. April 2015 sowie 19. April 2015 nicht verstanden hat
und er mithin auch nicht in der Lage war, seine Interessen alleine auf sich
gestellt sachgerecht wahrzunehmen und sich in den fraglichen Verfahren wirksam
zu verteidigen. Unter den gegebenen Umständen kann nicht (mehr) von
rechtsstaatlichen und fairen Verfahren gesprochen werden. Der Beschwerdeführer
wurde vielmehr zum Objekt im Verfahren gemacht.

4.4. Die den fünf Strafbefehlsverfahren anhaftenden Verfahrensmängel wiegen
sehr schwer. Die Grundlagen eines gerechten Verfahrens scheinen in Frage
gestellt. Soweit die Vorinstanzen Nichtigkeit prüfen und verneinen, vermögen
jedenfalls ihre Begründungen nicht zu überzeugen. Entgegen ihrer Auffassung ist
nicht entscheidend, dass der Beschwerdeführer schon früher wegen anderer
Delikte (wie u.a. Tätlichkeit und Beschimpfung) verurteilt wurde und die
Behörden dabei nicht von Schuldunfähigkeit ausgingen. Ebenso wenig kommt es
darauf an, ob es jenem möglich war/ist, selbstständig zu leben, in den Kantonen
umherzureisen, gemeinnützige Arbeit zu leisten und als Teilzeitangestellter zu
arbeiten. Die Vorinstanzen verkennen, dass allfällige (minimale) Resourcen in
der Alltagsbewältigung keine Rückschlüsse auf die Fragen erlauben, ob ein
Beschuldigter in der Lage ist, einen konkreten strafrechtlichen Vorwurf
inhaltlich zu verstehen, den Regelungsgehalt eines Strafbefehls zu überblicken
und seine Rechte im Strafverfahren wirksam wahrzunehmen. Vorschnell ist
schliesslich der Standpunkt, der Beschwerdeführer wäre bei Schuldunfähigkeit
nicht vom Massnahmevollzug befreit. Die Vorinstanzen verkennen, dass
Freiheitsentzug infolge Strafvollzugs offensichtlich nicht dasselbe ist wie
Freiheitsentzug infolge Massnahmevollzugs. Im Übrigen ist ohnehin offen, ob
vorliegend die Voraussetzungen für eine stationäre Massnahme überhaupt erfüllt
wären.

4.5. Ist wie hier von Verfahrensmängeln auszugehen, die hinsichtlich ihrer
Schwere jedenfalls an Nichtigkeit denken lassen, erscheint es stossend, wenn
die in den nämlichen Strafverfahren angeordneten unbedingten Freiheitsstrafen
dennoch unbesehen vollzogen werden. Zwar trifft zu, dass Vollzugsbehörden an
rechtskräftige Strafurteile gebunden sind und diese zu vollziehen haben.
Vorliegend stellt sich aus augenscheinlichen Gründen jedoch die Frage, ob nicht
ausnahmsweise eine Unterbrechung des Strafvollzugs aus wichtigem Grund in
(allenfalls analoger) Anwendung von Art. 92 StGB zulässig sein muss. Die rein
formelle Betrachtungsweise der Vorinstanzen, die verhängten Freiheitsstrafen
seien in jedem Fall zu vollziehen, scheint unter den gegebenen Umständen als
problematisch, wenn nicht gar als verfehlt, da Strafe gegen Schuldunfähige
nicht stattfinden darf. Wie bereits ausgeführt, hat das Bezirksgericht Zürich
am 15. Juni 2015 ernsthafte Zweifel an der Schuldfähigkeit des
Beschwerdeführers in Bezug auf den Vorwurf der Missachtung der Ein- oder
Ausgrenzung im Sinne von Art. 119 Abs. 1 AuG geäussert. Es sei fraglich, ob der
Beschwerdeführer verstanden habe, was ihm vorgeworfen werde. Art. 74 und 75
StGB schreiben einen namentlich auf Wiedereingliederung und Resozialisierung
des Insassen ausgerichteten Strafvollzug vor. Gefangene sollen im Vollzug dazu
befähigt werden, künftig straffrei zu leben (Art. 75 Abs. 1 StGB). Dass der
Gefangene für diese Strafzwecke ansprechbar ist, setzt voraus, dass er weiss,
strafbare Schuld auf sich geladen zu haben. Dies steht in Bezug auf den
Beschwerdeführer aber gerade nicht fest und bildet Gegenstand von Abklärungen
(vgl. Verfügung des Bezirksgerichts Zürich vom 15. Juni 2015, a.a.O.).
Bei dieser Sach- und Rechtslage lässt sich der angefochtene Entscheid nicht
aufrechterhalten. Er ist aufzuheben. Die Sache geht an die Vorinstanz zurück,
welche ernsthaft wird prüfen müssen, ob der Strafvollzug nicht im Sinne von
Art. 92 StGB unterbrochen werden muss, bis die Frage der Schuldfähigkeit des
Beschwerdeführers geklärt und ein allfälliges Revisionsverfahren durchgeführt
worden ist. Die Vorinstanz wird bei ihrer Abwägung berücksichtigen müssen, dass
es vorliegend zur Hauptsache um strafrechtliche Vorwürfe im unteren, wenn nicht
gar untersten Bereich der Kriminalität geht, nämlich um Widerhandlungen gegen
Art. 119 Abs. 1 AuG. Eine Vollzugsunterbrechung wäre daher mit dem Schutz der
Allgemeinheit vereinbar. Die Vorinstanz wird weiter beurteilen müssen, ob die
Unterbrechung des Strafvollzugs mit Weisungen oder Auflagen zu verbinden sein
wird oder allfällige erwachsenenschutzrechtliche Massnahmen zu treffen sein
werden. Aus den Akten ergibt sich in dieser Hinsicht, dass der Beschwerdeführer
zwischenzeitlich sein Zimmer/seine Wohnung und seine Arbeit als
Teilzeitangestellter verloren hat (kantonale Akten, Disziplinarisch relevante
Vorkommnisse, act. 15/1 S. 4).
Die Vorinstanz wird dem Beschwerdeführer im Verfahren zur Wahrung seiner Rechte
einen (in Straf[verfahrens]sachen rechtskundigen) unentgeltlichen
Rechtsvertreter (also einen Anwalt) zur Seite stellen, zumal jener
offensichtlich nicht im Stande ist, sich im Verfahren alleine zurechtzufinden,
es um den Vollzug einer längeren Freiheitsstrafe von insgesamt 495 Tagen geht
und sich nicht leicht zu beantwortende Rechtsfragen im Zusammenhang mit der
Unterbrechung des Strafvollzugs stellen.

5. 
Die Beschwerde ist gutzuheissen, soweit darauf eingetreten werden kann. Der
angefochtene Entscheid ist aufzuheben und die Angelegenheit an die Vorinstanz
zur neuen Entscheidung zurückzuweisen.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Gerichtskosten zu erheben (Art. 66
Abs. 1 und 4 BGG). Der Beschwerdeführer ist im bundesgerichtlichen Verfahren
nicht verbeiständet (vgl. E. 1). Dass ihm im bundesgerichtlichen Verfahren
selbst ein entschädigungspflichtiger Aufwand entstanden wäre, macht er nicht
geltend. Eine Parteientschädigung ist ihm folglich nicht zuzusprechen. Es
liegen keine besonderen Verhältnisse vor, die eine Entschädigung für weitere
Umstände rechtfertigen würden.

 Demnach erkennt das Bundesgericht:

1. 
Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit darauf einzutreten ist. Der Entscheid
des Verwaltungsgerichts des Kantons Zürich vom 26. August 2015 wird aufgehoben.
Die Angelegenheit wird an die Vorinstanz zur neuen Entscheidung zurückgewiesen.

2. 
Es werden keine Kosten erhoben.

3. 
Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen.

4. 
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Verwaltungsgericht des Kantons Zürich,
3. Abteilung, Einzelrichterin, schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 2. März 2016

Im Namen der Strafrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident: Denys

Die Gerichtsschreiberin: Arquint Hill

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