Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

Strafrechtliche Abteilung, NB in Strafsachen 6S.91/2007
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6S.91/2007 /rom

Sitzungen vom 6. Dezember 2007 und 17. Januar 2008
Kassationshof

Bundesrichter Schneider, Präsident,
Bundesrichter Ferrari, Favre, Zünd, Mathys, Gerichtsschreiber Willisegger.

X. ________,
Beschwerdeführerin, vertreten durch Rechtsanwalt  Dr. iur. Karl Gehler,

gegen

Staatsanwaltschaft des Kantons St. Gallen, Spisergasse 15, 9001 St. Gallen.

Fahrlässige schwere Körperverletzung,

Nichtigkeitsbeschwerde gegen den Entscheid des Kantonsgerichts St. Gallen,
Strafkammer, vom 22. November 2006.

Sachverhalt:

A.
Am 23. August 2003 veranstalteten X.________ und Y.________ ein
Feuerlaufseminar, an dem die Unihockey-Damenmannschaft von A.________
teilnahm. Nachmittags wurden die Seminarteilnehmerinnen über die Risiken des
Feuerlaufs, die Eigenverantwortung und den von ihnen unterzeichneten
Haftungsausschluss aufgeklärt. Gegen Abend entfachten sie das Feuer. Unter
Anleitung der Organisatorinnen führten sie noch verschiedene
Vorbereitungsübungen durch, bevor X.________ das Feuer kurz vor Mitternacht
freigab. A.________, die als erste lief, zog sich Verbrennungen zweiten
Grades an den Fusssohlen zu. Auch andere Feuerläuferinnen haben sich die
Füsse leicht verbrannt.

B.
Mit Urteil vom 23. September 2005 sprach das Kreisgericht Rheintal X.________
und Y.________ der fahrlässigen schweren Körperverletzung (Art. 125 Abs. 2
StGB) schuldig und verurteilte sie je zu einer bedingt vollziehbaren
Gefängnisstrafe von fünf Tagen sowie einer Busse von 1'000 Franken. Im
Weiteren verpflichtete es sie unter solidarischer Haftung, A.________ eine
Genugtuung von 1'000 Franken zu bezahlen.

C.
Das Kantonsgericht St. Gallen wies eine dagegen erhobene Berufung von
X.________ sowie die Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft mit Urteil vom
22. November 2006 ab. Die Klägerin A.________ hat sich am Berufungsverfahren
nicht mehr beteiligt.

D.
X.________ führt gegen das Urteil des Kantonsgerichts St. Gallen
eidgenössische Nichtigkeitsbeschwerde mit dem Antrag, der angefochtene
Entscheid sei aufzuheben und sie sei vom Vorwurf der fahrlässigen schweren
Körperverletzung vollumfänglich freizusprechen.

E.
Das Kantonsgericht St. Gallen verzichtet auf eine Stellungnahme zur
Beschwerde, die Staatsanwaltschaft beantragt deren Abweisung. Die Klägerin
hat sich innert der ihr gesetzten Frist nicht vernehmen lassen.

Das Bundesgericht zieht in Erwägung:

1.
Da das angefochtene Urteil vor dem Inkrafttreten des Bundesgesetzes vom 17.
Juni 2005 über das Bundesgericht (Bundesgerichtsgesetz [BGG]; SR 173.110) am
1. Januar 2007 ergangen ist, ist auf das erhobene Rechtsmittel noch das
bisherige Verfahrensrecht anwendbar (Art. 132 Abs. 1 BGG, e contrario), hier
somit dasjenige der eidgenössischen Nichtigkeitsbeschwerde nach Art. 286 ff.
BStP.

Am 1. Januar 2007 ist auch der revidierte Allgemeine Teil des
Strafgesetzbuches in Kraft getreten. Die neuen Bestimmungen sind hier aber
noch nicht von Bedeutung, da das Bundesgericht im Verfahren der
eidgenössischen Nichtigkeitsbeschwerde nur prüft, ob das kantonale Gericht
das eidgenössische Recht richtig angewendet hat (Art. 269 Abs. 1 BStP),
mithin das Recht, welches im Zeitpunkt der Ausfällung des angefochtenen
Urteils noch gegolten hat (BGE 129 IV 49 E. 5.3 S. 51 f. mit Hinweisen).

2.
2.1 Die Beschwerdeführerin beantragt neben der Aufhebung des angefochtenen
Entscheids Freisprechung von Schuld und Strafe. Die eidgenössische
Nichtigkeitsbeschwerde ist rein kassatorischer Natur. Sie führt im Falle der
Gutheissung zur Aufhebung des angefochtenen Entscheids und Rückweisung der
Sache zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz (Art. 277ter Abs. 1 BStP). Auf
die Rechtsbegehren kann deshalb nur in diesem Rahmen eingetreten werden (BGE
118 IV 277 E. 1).

2.2 Die Nichtigkeitsbeschwerde kann nur damit begründet werden, dass die
angefochtene Entscheidung eidgenössisches Recht verletze (Art. 269 Abs. 1
BStP). Ausführungen, die sich gegen die tatsächlichen Feststellungen des
Entscheides richten, sowie das Vorbringen neuer Tatsachen sind unzulässig
(Art. 273 Abs. 1 lit. b BStP). Der Kassationshof ist an die tatsächlichen
Feststellungen der kantonalen Behörde gebunden (Art. 277bis Abs. 1 BStP).
Soweit die Beschwerdeführerin eine willkürliche Beweiswürdigung rügt und den
verbindlich festgestellten Sachverhalt unter Verweis auf die
Untersuchungsakten ergänzt, ist auf ihre Beschwerde nicht einzutreten.

3.
3.1 Der Beschwerdeführerin wird als Organisatorin und Leiterin des
Feuerlaufseminars zusammenfassend vorgeworfen, sie habe die gebotenen
Erste-Hilfe-Massnahmen unterlassen. Zum einen habe sie in Kenntnis der
Risiken keine (genügenden) Vorkehrungen getroffen für den Fall, dass sich
eine Teilnehmerin die Füsse verbrennen würde, und zum anderen nach Eintritt
der Verbrennungen nicht umgehend ärztliche Hilfe angefordert. Darin erschöpft
sich das inkriminierte Verhalten. Namentlich wird der Beschwerdeführerin
nicht mehr zur Last gelegt, bei der Vorbereitung und Durchführung des
Seminars (in Bezug auf Holzauswahl, Feuertemperatur, usw.) einen Fehler
begangen zu haben (Urteil des Kreisgerichts, S. 8 ff.; angefochtener
Entscheid, S. 7 ff.).
3.2 Die Vorinstanz hält gestützt auf die Ausführungen des behandelnden Arztes
fest, dass die Folgeschäden der Verbrennungen mit grösster Wahrscheinlichkeit
geringer ausgefallen wären, wenn die Klägerin ihre Füsse konsequent und lange
genug hätte kühlen können und ärztliche Versorgung rasch gewährleistet worden
wäre.

Die Beschwerdeführerin habe eine Garantenstellung innegehabt, die sich aus
einer vertraglichen Nebenpflicht und dem Prinzip des gefährlichen
Vorverhaltens (Ingerenz) ergebe. Infolge ihrer Garantenstellung wäre sie
verpflichtet gewesen, Massnahmen für die erste Hilfe im Verletzungsfall zu
treffen. Zwar habe sie einen Eimer Wasser zur Verfügung gestellt, in dem die
Klägerin ihre Füsse während rund 15 Minuten habe kühlen können. Doch
unbestrittenermassen sei dies die einzige Vorsichtsmassnahme gewesen, und sie
habe sich als ungenügend erwiesen. Gemäss Arztbericht stelle nämlich das
sofortige Kühlen mit kaltem Wasser - während mindestens 20-30 Minuten - eine
zentrale Massnahme bei Verbrennungen dar, und anschliessend sollte die
Patientin rasch einer ärztlichen Beurteilung zugeführt werden.

Damit sei erstellt, dass das pflichtwidrige Unterlassen der
Beschwerdeführerin für die Verletzungen der Klägerin kausal sei. Unerheblich
sei dagegen, dass die Teilnehmerinnen einen sog. Haftungsausschluss
unterzeichneten und auf die Freiwilligkeit und Gefährlichkeit des Feuerlaufs
mehrfach hingewiesen worden waren, weil eine Garantenpflicht nicht
wegbedungen werden könne. Eine rechtfertigende Einwilligung in die schwere
Körperverletzung falle ebenfalls ausser Betracht, weil es an einem sittlichen
oder ethischen Zweck fehle (angefochtener Entscheid, insbes. S. 2 f., 4 ff.,
mit Verweis auf das Urteil des Kreisgerichtes, S. 3 ff.).
3.3 Die Beschwerdeführerin hält ihre Verurteilung wegen fahrlässiger schwerer
Körperverletzung für bundesrechtswidrig. Sie wendet sich  sowohl gegen die
Annahme einer schweren Schädigung im Sinne von Art. 125 Abs. 2 StGB wie auch
gegen den Fahrlässigkeitsvorwurf überhaupt, da die Teilnehmerinnen freiwillig
und in Kenntnis der Verletzungsgefahr über die Glutbahn gingen (Beschwerde,
insbes. S. 6 f., 8 ff.).

4.
4.1 Die Beschwerdeführerin liess die Seminarteilnehmerinnen einen sog.
Haftungsausschluss unterzeichnen. Darin erklärten sie, dass es keine
"Garantie für die Sicherheit und Unversehrtheit während des
Feuerlaufseminars" gebe, und versicherten, "völlig freiwillig" und "auf
eigenes Risiko" teilzunehmen. Im Weiteren verzichteten sie auf jede Art von
Schadenersatzansprüchen für den Fall von Verletzungen und übernahmen die
"volle Verantwortung" für ihre Teilnahme. Die Beschwerdeführerin leitet
hieraus eine rechtfertigende Einwilligung in den Tatbestand der (einfachen)
Körperverletzung ab, während die Vorinstanz eine solche verneint, weil es an
einem sittlichen oder ethischen Zweck für eine Einwilligung in eine (schwere)
Körperverletzung fehle.

4.2 Das Bundesgericht hat bisher die Frage, ob die Einwilligung des
Verletzten bei Fahrlässigkeitsdelikten begrifflich überhaupt möglich ist (BGE
114 IV 100 E. 4) bzw. wie weit einer solchen bei Gefährdung durch einen
Dritten Schranken gesetzt sind (BGE 125 IV 189 E. 3a), nicht abschliessend
geprüft. Ein unlängst ergangener Entscheid stellt indessen klar, dass sich
die Einwilligung beim vorsätzlichen Verletzungsdelikt sowohl auf die
Tathandlung als auch auf den tatbestandsmässigen Erfolg beziehen müsste (BGE
131 IV 1 E. 3.1). Entsprechendes gilt auch für das Fahrlässigkeitsdelikt.
Eine Einwilligung liegt nicht schon vor, wenn das um die Gefährdung wissende
Opfer lediglich in das Risiko einwilligt, sondern es müsste zugleich den
Verletzungserfolg in Kauf nehmen, was nur ausnahmsweise vorkommen dürfte.
Denn in der Regel wird der Betroffene mindestens ebenso wie der unvorsätzlich
handelnde Täter gerade darauf vertrauen, dass die Gefährdung für seine
Rechtsgüter folgenlos bleiben wird (Philippe Weissenberger, Die Einwilligung
des Verletzten bei den Delikten gegen Leib und Leben, Diss. Bern 1996, S.
144).

Nach dem angefochtenen Entscheid haben alle beteiligten Personen, an erster
Stelle die Klägerin, darauf vertraut, dass sich beim Feuerlauf niemand die
Füsse verbrennen würde. Eine Einwilligung in den tatbestandsmässigen Erfolg
der (schweren) Körperverletzung liegt deshalb nicht vor. Inwiefern rechtlich
von Bedeutung ist, dass die Klägerin freiwillig und auf eigene Verantwortung
am Feuerlauf teilgenommen hat, bleibt bei der Zurechnung des
Verletzungserfolges zu prüfen.

4.3 Fahrlässigkeit liegt vor, wenn die Tat darauf zurückzuführen ist, dass
der Täter die Folge seines Verhaltens aus pflichtwidriger Unvorsichtigkeit
nicht bedacht oder darauf nicht Rücksicht genommen hat (Art. 18 Abs. 3 Satz 1
StGB). Ein Schuldspruch wegen fahrlässiger Körperverletzung setzt somit
voraus, dass der Täter den Erfolg durch Verletzung einer Sorgfaltspflicht
verursacht hat. Sorgfaltswidrig ist die Handlungsweise, wenn der Täter zum
Zeitpunkt der Tat aufgrund der Umstände sowie seiner Kenntnisse und
Fähigkeiten die damit bewirkte Gefährdung der Rechtsgüter des Opfers hätte
erkennen können und müssen und wenn er zugleich die Grenzen des erlaubten
Risikos überschritten hat (Art. 18 Abs. 3 Satz 2 StGB; BGE 130 IV 7 E. 3.2
mit Hinweisen). Die Bemessung der Sorgfaltspflicht macht eine Abgrenzung der
Verantwortungsbereiche erforderlich. Das gilt namentlich dort, wo der
Rechtsgutträger bewusst ein erhöhtes Risiko eingeht und sich einer Gefährdung
aussetzt (siehe BGE 125 IV 189; 115 IV 189 E. 3d und 5; Günter Stratenwerth,
Schweizerisches Strafrecht, Allgemeiner Teil I, 3. Aufl., Bern 2005, § 9 Rz.
39 S. 161).

4.4 In diesem Zusammenhang unterscheidet die jüngere Rechtsprechung und Lehre
zwischen Mitwirkung an fremder Selbstgefährdung und einverständlicher
Fremdgefährdung (BGE 125 IV 189 E. 3a; 131 IV 1 E. 3.2; Andrea Esther Huber,
Die Selbstgefährdung des Verletzten, Diss. Zürich 2003, insbes. S. 46 ff.;
Weissenberger, a.a.O., S. 100 ff. und passim; Claus Roxin, Strafrecht,
Allgemeiner Teil I, 4. Aufl., München 2006, § 11 N 107 ff.;
Schönke/Schröder/Cramer/Sternberg-Lieben, Strafgesetzbuch, Kommentar, 27.
Aufl., München 2006, § 15 N 165 ff.). Blosse Mitwirkung an fremder
Selbstgefährdung liegt vor, wenn der Rechtsgutträger sich bewusst und
freiverantwortlich einer bestimmten Gefahr für seine Rechtsgüter aussetzt und
der andere diese Selbstgefährdung lediglich ermöglicht, veranlasst oder
unterstützt. Einverständliche Fremdgefährdung ist demgegenüber gegeben, wenn
der Rechtsgutträger sich im Bewusstein des Risikos durch einen anderen
gefährden lässt (BGE 125 IV 189 E. 3a). Die Abgrenzung erfolgt nach dem
Kriterium der Tatherrschaft. Danach ist zu fragen, ob der Rechtsgutträger das
Tatgeschehen derart beherrscht, dass er darin jederzeit und bis zuletzt
steuernd einzugreifen vermag, oder aber das Gefährdungsgeschehen in den
Händen des Dritten liegt (BGE 131 IV 1 E. 3.2). Entscheidend ist insoweit die
Herrschaft über den letzten, unmittelbar zur Verletzung führenden Akt
(Schönke/Schröder/Cramer/ Sternberg-Lieben, a.a.O., § 15 N 165).

4.5 Die eigenverantwortliche Selbstgefährdung fällt nicht unter den
Tatbestand eines Körperverletzungs- oder Tötungsdelikts. Wer lediglich eine
solche Selbstgefährdung veranlasst, ermöglicht oder fördert, macht sich
grundsätzlich ebenfalls nicht strafbar, wenn das mit der Gefährdung bewusst
eingegangene Risiko sich realisiert. Solche Erfolge werden nicht vom
Schutzzweck der Tötungs- und Körperverletzungstatbestände gedeckt. Die
Straflosigkeit der Mitwirkung an fremder Selbstgefährdung leitet sich ab aus
der Straflosigkeit des Suizids und - vorbehältlich Art. 115 StGB - der
Teilnahme hierzu. Wenn schon die Teilnahme an einer Selbsttötung und auch an
einer vorsätzlichen Selbstverletzung straflos bleibt, kann umso weniger die
Mitwirkung an fremder Selbstgefährdung strafbar sein. Dahinter steht die
normative Wertentscheidung, dass kein Grund besteht, die Handlungsfreiheit
einzuschränken, solange niemand gegen seinen Willen gefährdet wird (BGE 131
IV 1 E. 3.3 mit Hinweisen).

Die Straflosigkeit der Mitwirkung an fremder Selbstgefährdung findet ihre
Grenze jedoch dort, wo der Veranlasser oder Förderer das Risiko kraft
überlegenen Sachwissens besser erfasst (BGE 125 IV 189 E. 3a S. 194) oder
erkennt, dass das Opfer die Tragweite seines Entschlusses nicht überblickt.
In diesem Fall schafft er ein Risiko, das vom Willen des Opfers nicht mehr
gedeckt und dessen Verwirklichung daher dem Mitwirkenden zuzurechnen ist (BGE
131 IV 1 E. 3.3 mit Hinweisen).

5.
5.1 Im konkret zu beurteilenden Fall lag die Herrschaft über das unmittelbar
zur Verletzung führende Geschehen bei der Klägerin (und jeder einzelnen
Feuerläuferin), die "freiwillig und in grundsätzlicher Kenntnis der
Verletzungsgefahr" über die Glut ging. Entscheidend ist, dass es ihr bis
zuletzt offen stand, von ihrem Entschluss Abstand zu nehmen und auf den
riskanten Feuerlauf zu verzichten (angefochtener Entscheid, S. 6 und 8;
Beschwerde, S. 4). Demgegenüber war die Beschwerdeführerin am
Gefährdungsgeschehen nur insoweit beteiligt, als sie das Feuerlaufseminar
organisiert, geleitet und das Feuer zum Lauf freigegeben hat. Die
Teilnehmerinnen hat sie dadurch nicht unmittelbar gefährdet, die Gefährdung
vielmehr nur veranlasst und unterstützt.

Die Gefahr, die in den Verletzungserfolg umschlug, ist nicht auf eine
Unterlassung der Beschwerdeführerin zurückzuführen. Sie hat an der
Selbstgefährdung durch aktives Tun mitgewirkt, und danach beurteilt sich der
strafrechtliche Vorwurf (vgl. dazu BGE 120 IV 265 E. 2b S. 271; 115 IV 199 E.
2a S. 203 f.). Deshalb braucht hier nicht entschieden zu werden, ob und
inwieweit sie zugunsten der Teilnehmerinnen eine Garantenstellung (aus
Vertrag) einnahm. Immerhin ist klarzustellen, dass dort, wo die Mitwirkung
nach den dargelegten Grundsätzen straflos bleibt, auch der Umweg über ein
gefährliches Vorverhalten (Ingerenz) nicht zur Erfolgsabwendungspflicht und
Unterlassungshaftung des Mitwirkenden führen kann, was allgemein anerkannt
ist (vgl. nur Stratenwerth, a.a.O., § 14 Rz. 22 S. 430; Roxin, a.a.O., § 11 N
112; Lackner/Kühl, Strafgesetzbuch, Kommentar, 26. Aufl. München 2007, vor §
211 N 26).

Den Fahrlässigkeitsvorwurf begründet die Vorinstanz damit, dass die Klägerin
ihre Füsse nur 15 Minuten (statt wie vom Arzt empfohlen mindestens 20-30
Minuten) im Wassereimer kühlen konnte. Dies genügt indessen nicht, um die
eingetretenen Verletzungen der Beschwerdeführerin zuzurechnen. Denn
einerseits führte das Bereitstellen des Wassereimers gerade nicht zu einer
Risikoerhöhung während des Gefährdungsverlaufs, sondern diente der Verhütung
und Linderung allfälliger Verbrennungen. Andererseits konnten die
Teilnehmerin selbst erkennen, welche Kühlmöglichkeit für den Fall von
Verbrennungen bereitstanden. Die Vorsichtsmassnahme blieb somit ohne Einfluss
auf das Gefährdungsgeschehen und das von den Feuerläuferinnen eingegangene
Risiko.

5.2 Die Erfahrung lehrt, dass man sich an glühender Kohle leicht verbrennt
und Kühlung mit Wasser Linderung bringen kann. Das Risiko, sich beim Lauf
über das (rund vier Meter lange) Glutbeet die Fusssohlen verbrennen zu
können, war offensichtlich und ohne weiteres überschaubar. Zudem steht fest,
dass die Klägerin über die Risiken des Feuerlaufs eingehend - mündlich und
schriftlich - aufgeklärt worden ist, was sie durch Unterzeichnung des
erwähnten Haftungsausschlusses bekräftigte. Unter diesen Umständen ist nicht
zu erkennen, inwiefern sie die Tragweite ihres Entschlusses nicht überblickt
hätte oder ihre Willensbildung sonstwie mangelhaft gewesen wäre. Indem sie
trotz Risikokenntnis und offenkundiger Gefahr über das Glutbeet lief, setzte
sich die Klägerin willentlich und frei verantwortlich einer Selbstgefährdung
aus.

5.3 Auf Seiten der Beschwerdeführerin ist nicht auszumachen, dass sie das
Verbrennungsrisiko aufgrund überlegenen Sachwissens besser erfasst hätte. Das
wäre etwa anzunehmen, wenn sie Holz in ungewöhnlicher Qualität verwendet
hätte, dessen hohe Dichte oder Wärmeleitfähigkeit - wie ihr bekannt - das
Risiko von Verbrennungen begünstigte. Doch solches wird von der Vorinstanz
weder festgestellt noch zum Vorwurf erhoben. Gegenteils liegt ausser Streit,
dass sich die Beschwerdeführerin bei der Vorbereitung und Durchführung des
Feuerlaufs (in Bezug auf die verwendete Holzmischung, die Feuertemperatur,
usw.) keinerlei Fehlverhalten zu Schulden kommen liess und insoweit
unvermeidbar war, dass die Klägerin sich Verbrennungen an den Füssen zuzog.
Hat sich demnach aber gerade das mit der Selbstgefährdung eingegangene Risiko
realisiert, erscheint der Verletzungserfolg ausschliesslich durch die
Klägerin selbst herbeigeführt.

5.4 Der Schuldspruch der Beschwerdeführerin wegen fahrlässiger schwerer
Körperverletzung (Art. 125 Abs. 2 StGB) verletzt aus den dargelegten Gründen
Bundesrecht. Der ebenfalls erhobene Einwand, die Verletzungen seien nicht als
schwere Schädigung im Sinne von Art. 125 Abs. 2 StGB zu qualifizieren, wird
damit gegenstandslos.

6.
6.1 Die strafrechtliche Verantwortung wegen Unterlassung der Nothilfe gemäss
Art. 128 StGB bleibt vorbehalten. Diese Strafnorm ist als echtes
Unterlassungsdelikt ausgestaltet. Weder begründet sie eine Garantenpflicht
noch setzt ihre Anwendbarkeit eine solche voraus. Sie ist namentlich auch
anwendbar, wenn der Täter, der die gebotene Hilfeleistung unterlässt, an
einer fremden Selbstgefährdung mitgewirkt hat (siehe BGE 121 IV 18).

Nach der Tatbestandsvariante von Art. 128 Abs. 1 StGB macht sich strafbar,
wer einem Menschen, den er verletzt hat, nicht hilft, obwohl es ihm den
Umständen nach zugemutet werden könnte. Die gesetzliche Hilfeleistungspflicht
knüpft hier an den Umstand an, dass jemand für die Verletzung eines anderen -
unmittelbar oder mittelbar - ursächlich geworden ist. Damit bringt das Gesetz
zum Ausdruck, dass schon der blosse Veranlasser eine erhöhte Verantwortung
für den Verletzten hat (Stratenwerth/Jenny, Schweizerisches Strafrecht,
Besonderer Teil 1, 6. Aufl., Bern 2003, § 4 Rz. 64 S. 90 ). In subjektiver
Hinsicht erfordert der Tatbestand Vorsatz (BGE 121 IV 19 E. 2a S. 21 mit
Hinweisen).

6.2 Die Vorinstanz wirft der Beschwerdeführerin - allerdings ohne nähere
Begründung - vor, sie habe nicht umgehend ärztliche Hilfe angefordert. Auch
wenn man annehmen wollte, dass eine nicht rechtzeitig geleistete
Hilfeleistung einer Unterlassung derselben gleichkäme, wäre der Tatbestand
von Art. 128 StGB nicht erfüllt. In zeitlicher Hinsicht steht nämlich fest,
dass die Beschwerdeführerin den Feuerlauf nach einer halben Stunde abbrach,
als sie realisierte, dass sich die Klägerin die Füsse womöglich ernsthaft
verbrannt hatte, worauf alle Beteiligten in den nahe gelegenen Seminarraum
zurückkehrten. Dort wurde die verletzte Klägerin von den Organisatorinnen
betreut und nach ca. einer Viertelstunde die Ambulanz alarmiert
(angefochtener Entscheid, S. 2; Urteil des Kreisgerichts, S. 5). Diese
Verhältnisse lassen den Schluss nicht zu, die Beschwerdeführerin habe
vorsätzlich die ihr zumutbare Hilfeleistung unterlassen.

7.
Die Nichtigkeitsbeschwerde im Strafpunkt erweist sich demnach als begründet,
soweit darauf einzutreten ist. Der angefochtene Entscheid ist aufzuheben und
die Sache zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen (Art. 277ter
Abs. 1 BStP). Damit wird die Beschwerde im Zivilpunkt gegenstandslos. Bei
diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben und ist der
Beschwerdeführerin aus der Bundesgerichtskasse eine angemessene Entschädigung
auszurichten (Art. 278 BStP).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Nichtigkeitsbeschwerde wird gutgeheissen, soweit darauf einzutreten ist,
das Urteil des Kantonsgerichts St. Gallen, Strafkammer, vom
22. November 2006, aufgehoben und die Sache zu neuer Entscheidung an die
Vorinstanz zurückgewiesen.

2.
Es werden keine Kosten erhoben.

3.
Der Beschwerdeführerin wird für das bundesgerichtliche Verfahren eine
Entschädigung von Fr. 3'000.-- aus der Bundesgerichtskasse ausgerichtet.

4.
Dieses Urteil wird der Beschwerdeführerin, der Staatsanwaltschaft des Kantons
St. Gallen und dem Kantonsgericht St. Gallen, Strafkammer, schriftlich
mitgeteilt.

Lausanne, 17. Januar 2008

Im Namen des Kassationshofes
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident:  Der Gerichtsschreiber:

Schneider  Willisegger