Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Sozialrechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 8C.135/2007
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Tribunale federale
Tribunal federal

{T 0/2}
8C_135/2007

Urteil vom 25. April 2008
I. sozialrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Ursprung, Präsident,
Bundesrichterin Leuzinger, Bundesrichter Frésard,
Gerichtsschreiber Lanz.

Parteien
W.________, 1972, Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Albrecht Metzger, Seefeldstrasse 62, 8008
Zürich, dieser substituiert durch Rechtsanwalt Tobias Figi, Seefeldstrasse 62,
8008 Zürich,

gegen

Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (SUVA), Fluhmattstrasse 1, 6004
Luzern, Beschwerdegegnerin.

Gegenstand
Unfallversicherung,

Beschwerde gegen den Entscheid des Sozialversicherungsgerichts des Kantons
Zürich vom 28. Februar 2007.

Sachverhalt:

A.
Die 1972 geborene W.________ war als Mitarbeiterin der Firma Y.________ bei der
Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) obligatorisch gegen
Unfallfolgen versichert. Sie erlitt am 11. Juni 1998 als Autolenkerin bei einem
Heckauffahrunfall eine Distorsion der Halswirbelsäule (HWS). W.________ war
deswegen bis 15. Juni 1998 arbeitsunfähig und bis Ende 1998 in ärztlicher
Betreuung, wobei zuletzt nurmehr periodische Kontrollen stattfanden. Am 22.
November 2000 verunfallte die Versicherte erneut. Der Personenwagen, in welchem
sie als Beifahrerin sass, wurde beim Abbiegen von einem anderen Personenwagen
im mittleren Bereich der Fahrerseite gerammt. Von ärztlicher Seite wurde erneut
eine HWS-Distorsion sowie eine Schulterkontusion diagnostiziert. Die SUVA
erbrachte, wie schon nach dem ersten Unfall, die gesetzlichen Leistungen
(Heilbehandlung, Taggeld). Mit Verfügung vom 6. Oktober 2005 verneinte sie ihre
Leistungspflicht ab 28. April 2005 mangels eines kausalen Zusammenhanges der ab
diesem Zeitpunkt bestandenen Beschwerden mit dem Unfall vom 22. November 2000.
Daran hielt die SUVA auf Einsprache der Versicherten hin fest
(Einspracheentscheid vom 1. März 2006).

B.
Die von W.________ hiegegen erhobene Beschwerde wies das
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich mit Entscheid vom 28. Februar
2007 ab.

C.
W.________ lässt Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten führen
mit dem Rechtsbegehren, in Aufhebung des kantonalen Gerichtsentscheids sei die
SUVA zu verpflichten, ab 28. April 2005 weiterhin die gesetzlichen Leistungen
zu erbringen.

Die SUVA beantragt die Abweisung der Beschwerde, ohne weitere Ausführungen zu
machen. Das Bundesamt für Gesundheit verzichtet auf eine Vernehmlassung.

D.
Mit Eingaben vom 1. resp. 10. April 2008 äussern sich die Parteien im Hinblick
auf das zwischenzeitlich ergangene Urteil U 394/06 vom 19. Februar 2008.

Erwägungen:

1.
Streitig und zu prüfen ist die Frage der Leistungspflicht des obligatorischen
Unfallversicherers aus den Unfällen vom 11. Juni 1998 und 22. November 2000 für
die ab 28. April 2005 bestandenen Beschwerden.

Das kantonale Gericht hat die von der Rechtsprechung erarbeiteten Grundsätze zu
dem für einen Leistungsanspruch vorausgesetzten natürlichen und adäquaten
Kausalzusammenhang zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden
(Krankheit, Invalidität, Tod) im Allgemeinen (BGE 129 V 177 E. 3.1 und 3.2 S.
181 je mit Hinweisen) sowie bei psychischen Fehlentwicklungen nach Unfall (BGE
115 V 133) und bei Schleudertraumen der Halswirbelsäule (HWS) ohne organisch
objektiv ausgewiesene Unfallfolgen (BGE 117 V 359; vgl. auch SVR 1995 UV Nr. 23
S. 67 E. 2 und BGE 117 V 369 zu den kausalrechtlich gleich behandelten
schleudertraumaähnlichen Verletzungen der HWS und Schädel-Hirntraumen) im
Besonderen zutreffend darlegt.

Anzufügen bleibt, dass das Bundesgericht jüngst die sog. Schleudertrauma-Praxis
in zweierlei Hinsicht präzisiert hat: Zum einen wurden die Anforderungen an den
Nachweis einer natürlich unfallkausalen Verletzung, welche die Anwendung dieser
Praxis bei der Prüfung des adäquaten Kausalzusammenhangs rechtfertigt, erhöht.
Zum anderen wurden die Kriterien, welche abhängig von der Unfallschwere
gegebenenfalls in die Adäquanzbeurteilung einzubeziehen sind, teilweise
modifiziert (noch nicht in der Amtlichen Sammlung veröffentlichtes Urteil U 394
/06 vom 19. Februar 2008, E. 9 und 10).

2.
Gemäss dem angefochtenen Entscheid lassen sich die zur Diskussion stehenden
Beschwerden nicht mit einer organisch objektiv ausgewiesenen Unfallfolge
erklären. Diese Beurteilung beruht auf einer sorgfältigen Würdigung der
medizinischen Akten und wird zu Recht nicht beanstandet. Sie hat zur Folge,
dass anders als bei Gesundheitsschädigungen mit einem klaren unfallbedingten
organischen Substrat, bei welchen der adäquate Kausalzusammenhang in der Regel
mit dem natürlichen bejaht werden kann (BGE 127 V 102 E. 5b/bb S. 103 mit
Hinweisen), eine besondere Adäquanzprüfung zu erfolgen hat.

3.
Das kantonale Gericht hat weiter erwogen, selbst wenn der natürliche
Kausalzusammenhang zumindest im Sinne einer Teilursache bejaht werde, bestehe
bei mangelndem adäquatem Kausalzusammenhang keine Leistungspflicht des
Unfallversicherers. Die Adäquanz sei aufgrund der gegebenen Umstände nach der
Schleudertrauma-Praxis zu prüfen.

Die von der Versicherten hiegegen erhobenen Einwendungen richten sich in erster
Linie darauf, es sei eine interdisziplinäre medizinische Begutachtung
anzuordnen. Dies ergebe sich namentlich auch aus dem erwähnten Urteil U 394/06
vom 19. Februar 2008, wonach eine solche medizinische Abklärung bereits sechs
Monate nach dem Unfall zu erfolgen habe.

Vorab ist festzuhalten, dass die Frage der natürlichen Kausalität dann keiner
weiteren Abklärungen bedarf, wenn ohnehin der adäquate Kausalzusammenhang zu
verneinen ist (Urteil 8C_42/2007 vom 14. April 2008, E. 2 Ingress mit
Hinweisen). Zu letzterem Ergebnis ist die Vorinstanz gelangt, was es
nachfolgend zu prüfen gilt.

Was sodann das Urteil U 394/06 vom 19. Februar 2008 betrifft, wird darin,
abhängig vom zeitlichen Verlauf und weiteren Voraussetzungen, eine
polydisziplinäre Begutachtung zur Beurteilung der Frage verlangt, ob eine
Verletzung vorliegt, welche die Anwendung der Schleudertrauma-Praxis bei der
Adäquanzprüfung zu beurteilen vermag (erwähntes Urteil, E. 9). Im vorliegenden
Fall hat das kantonale Gericht indessen bereits die Schleudertrauma-Praxis
angewandt, was unbestritten ist und keiner weiteren medizinischen Abklärung
bedarf.

4.
4.1 Für die Adäquanzbeurteilung ist an das (objektiv erfassbare) Unfallereignis
anzuknüpfen (BGE 117 V 359 E. 6a S. 366 f.; Urteil U 394/06 vom 19. Februar
2008, E. 10.1). Die beiden Unfälle vom 11. Juni 1998 und 22. November 2000 sind
aufgrund des augenfälligen Geschehensablaufes (höchstens) im mittleren Bereich
der mittelschweren Unfälle einzuordnen. Im Grenzbereich zu den schweren
Unfällen oder gar als solche sind sie jedenfalls nicht einzustufen. Das ist
insoweit auch nicht umstritten.

Von den weiteren, objektiv fassbaren und unmittelbar mit dem Unfall in
Zusammenhang stehenden oder als Folge davon erscheinenden Umständen, welche als
massgebende Kriterien in die Gesamtwürdigung einzubeziehen sind (BGE 117 V 359
E. 6a S. 367), müssten demnach für eine Bejahung des adäquaten
Kausalzusammenhanges entweder ein einzelnes in besonders ausgeprägter Weise
oder aber mehrere in gehäufter oder auffallender Weise gegeben sein (BGE 117 V
359 E. 6b S. 367 f.). Daran hat sich mit dem Urteil U 394/06 vom 19. Februar
2008 nichts geändert (besagtes Urteil, E. 10.1).

4.2 Das kantonale Gericht hat die nach der bisherigen Rechtsprechung
massgeblichen Kriterien geprüft und alle verneint. Demgegenüber erachtet die
Beschwerdeführerin mehrere der Kriterien nach der bisherigen wie auch nach der
mit Urteil U 394/06 vom 19. Februar 2008 präzisierten Praxis in teilweise
ausgeprägter Weise für gegeben.
4.2.1 Begründet wird dies von der Versicherten zunächst damit, die
aufgetretenen Beschwerden hätten zu einer erheblichen Einbusse an
Lebensqualität geführt. Dieser Gesichtspunkt ist indessen unter dem Kriterium
der erheblichen Beschwerden (bisher: Dauerbeschwerden) zu prüfen. Eine
selbstständige Bedeutung als eigenständiges Kriterium kommt ihm nicht zu.
4.2.2 Zu Recht nicht geltend gemacht werden die drei Kriterien der besonders
dramatischen Begleitumstände oder besonderen Eindrücklichkeit des Unfalls, der
ärztlichen Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert,
sowie der erheblichen Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen
(bisher: Grad und Dauer der Arbeitsunfähigkeit).
4.2.3 Ohne Weiteres zu verneinen ist sodann das - unveränderte - Kriterium des
schwierigen Heilungsverlaufs und erheblicher Komplikationen. Es liegt entgegen
der Auffassung der Beschwerdeführerin erst recht nicht in besonders
ausgeprägter Weise vor. Die gesundheitliche Entwicklung nach den beiden
Unfällen hielt sich im Rahmen des bei derartigen Ereignissen Üblichen. Die
beiden zwischenzeitlichen Schwangerschaften lassen das Kriterium ebenfalls
nicht erfüllt erscheinen. Sodann ist der Umstand, dass wiederholt medizinische
Massnahmen empfohlen und durchgeführt wurden, nicht hier, sondern beim
Kriterium der ärztlichen Behandlung zu berücksichtigen.
4.2.4 Ob das Kriterium der erheblichen Beschwerden (bisher: Dauerbeschwerden)
als erfüllt zu betrachten wäre, erscheint mit Blick auf die verschiedenen
Intervalle mit geringer Beschwerdeintensität eher fraglich. In besonders
ausgeprägter Weise liegt es jedenfalls nicht vor. Gleiches gilt für die beiden
verbleibenden Kriterien der Schwere oder besonderen Art der erlittenen
Verletzungen sowie der fortgesetzt spezifischen, belastenden ärztlichen
Behandlung (bisher: ungewöhnlich lange Dauer der ärztlichen Behandlung). Dass
die HWS durch zwei Unfälle belastet wurde, rechtfertigt keine andere
Betrachtungsweise. Und die angewandte Heilbehandlung beschränkte sich im
Wesentlichen auf wiederholte Physiotherapien und die Einnahme von
Schmerzmitteln. Selbst wenn daher diese drei Kriterien - ohne abschliessende
Prüfung - grundsätzlich bejaht würden, lägen die adäquanzrelevanten Faktoren
gesamthaft nicht in gehäufter oder auffallender Weise vor und wäre keines in
besonders ausgeprägter Weise gegeben. Die Vorinstanz hat folglich den adäquaten
Kausalzusammenhang und damit eine Leistungspflicht des Versicherers für die ab
28. April 2005 bestandenen Beschwerden zu Recht verneint.

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2.
Die Gerichtskosten von Fr. 500.- werden der Beschwerdeführerin auferlegt.

3.
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Sozialversicherungsgericht des Kantons
Zürich und dem Bundesamt für Gesundheit schriftlich mitgeteilt.
Luzern, 25. April 2008
Im Namen der I. sozialrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts
Der Präsident: Der Gerichtsschreiber:

Ursprung Lanz