Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Sozialrechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 8C.220/2007
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8C_220/2007

Urteil vom 4. Februar 2008

I. sozialrechtliche Abteilung

Bundesrichter Ursprung, Präsident,
Bundesrichterin Widmer, Bundesrichter Frésard,
Gerichtsschreiberin Schüpfer.

B. ________, Beschwerdeführer, vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Gregor
Benisowitsch, Im Boden 29, 8825 Hütten,

gegen

Winterthur Schweizerische Versicherungs-Gesellschaft, Generaldirektion,
General Guisan-   Strasse 40, 8400 Winterthur, Beschwerdegegnerin.

Unfallversicherung,

Beschwerde gegen den Entscheid des Sozialversicherungsgerichts des Kantons
Zürich vom 9. März 2007.

Sachverhalt:

A.
Der 1959 in Bosnien-Herzegowina geborene B.________ arbeitete einerseits als
Mitarbeiter für die Organisation Y.________ und andererseits als
selbstständiger Auto-Occasionshändler und war im Rahmen des
Anstellungsverhältnisses bei der Winterthur Schweizerische
Versicherungs-Gesellschaft (Winterthur) obligatorisch gegen die Folgen von
Unfällen versichert. Am 1. Februar 2003 zog er sich ein Distorsionstrauma der
Halswirbelsäule (HWS) zu, als er als Lenker eines Personenwagens in einen
Auffahrunfall verwickelt wurde. Die Winterthur erbrachte
Versicherungsleistungen (Heilbehandlung; Taggeld) und liess den Versicherten
in der Rehaklinik A.________ polydisziplinär begutachten (Expertise vom 17.
Januar 2005). Zudem liess die Unfallversicherung ein biomechanisches
Gutachten über die am Unfall beteiligten physikalischen Kräfte erstellen. Mit
Verfügung vom 7. Juni 2005 eröffnete sie B.________, dass die
Versicherungsleistungen ab 28. Februar 2005 eingestellt würden. Zur
Begründung wurde angeführt, die anhaltenden gesundheitlichen Beschwerden
stünden zwar in einem natürlichen, nicht aber in einem adäquaten
Kausalzusammenhang zum versicherten Ereignis. Daran hielt die Winterthur auf
Einsprache des Versicherten hin fest (Einspracheentscheid vom 1. November
2005).

B.
Die dagegen eingereichte Beschwerde wies das Sozialversicherungsgericht des
Kantons Zürich mit Entscheid vom 9. März 2007 ab.

C.
B.________ lässt Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten führen
und sinngemäss beantragen, in Aufhebung des kantonalen Entscheides seien ihm
auch ab dem 1. März 2005 Versicherungsleistungen auszurichten.

Die Winterthur schliesst auf Abweisung der Verwaltungsgerichtsbeschwerde. Das
Bundesamt für Gesundheit verzichtet auf eine Vernehmlassung.

Erwägungen:

1.
Die Beschwerde kann wegen Rechtsverletzung gemäss Art. 95 und Art. 96 BGG
erhoben werden. Das Bundesgericht wendet das Recht von Amtes wegen an (Art.
106 Abs. 1 BGG). Es ist somit weder an die in der Beschwerde geltend
gemachten Argumente noch an die Erwägungen der Vorinstanz gebunden; es kann
eine Beschwerde aus einem anderen als dem angerufenen Grund gutheissen und es
kann sie mit einer von der Argumentation der Vorinstanz abweichenden
Begründung abweisen (vgl. BGE 130 III 136 E. 1.4 S. 140). Das Bundesgericht
prüft grundsätzlich nur die geltend gemachten Rügen; es ist nicht gehalten,
wie eine erstinstanzliche Behörde alle sich stellenden rechtlichen Fragen zu
prüfen, wenn diese vor Bundesgericht nicht mehr vorgetragen wurden. Es kann
die Verletzung von Grundrechten und von kantonalem und interkantonalem Recht
nur insofern prüfen, als eine solche Rüge in der Beschwerde vorgebracht und
begründet worden ist (Art. 106 Abs. 2 BGG). Im Beschwerdeverfahren um die
Zusprechung oder Verweigerung von Geldleistungen der Militär- oder
Unfallversicherung ist das Bundesgericht nicht an die vorinstanzliche
Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gebunden (Art. 97 Abs. 2 und
Art. 105 Abs. 3 BGG).

2.
2.1 Strittig ist der von der Beschwerdegegnerin verfügte und vorinstanzlich
bestätigte Fallabschluss (Einstellung sämtlicher Leistungen aus dem Ereignis
vom 1. Februar 2003) am 28. Februar 2005. Während die Winterthur und das
kantonale Gericht hinsichtlich der über den genannten Zeitpunkt hinaus vom
Versicherten geklagten Beschwerden die Adäquanz des Kausalzusammenhanges mit
dem Unfall verneinen, macht der Beschwerdeführer geltend, der anhaltende
Gesundheitsschaden sei unter anderem somatischer Natur und stehe in einem
natürlichen und adäquaten Kausalzusammenhang mit dem versicherten Ereignis.
Die Beschwerdegegnerin sei daher weiterhin leistungspflichtig.

2.2 Das kantonale Gericht hat die Rechtsgrundlagen der umstrittenen
Leistungspflicht des Unfallversicherers (Art. 6 Abs. 1 UVG) und die
Rechtsprechung zu dem für diese vorausgesetzten natürlichen
Kausalzusammenhang im Allgemeinen (BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181 mit Hinweisen)
und bei Schleudertraumen der Halswirbelsäule (HWS) oder äquivalenten
Verletzungsmechanismen im Besonderen (BGE 119 V 335 E. 2b/aa S. 340; RKUV
2000 Nr. U 359 S. 29) zutreffend dargelegt. Darauf wird verwiesen.
Entsprechendes gilt für die von der Judikatur entwickelten allgemeinen
Grundsätze zum Erfordernis des adäquaten Kausalzusammenhanges (BGE 125 V 456
E. 5a S. 461 mit Hinweisen), insbesondere auch bei psychischen Unfallfolgen
(BGE 115 V 133) und bei den Folgen eines Unfalles mit Schleudertrauma der HWS
oder äquivalenten Verletzungen ohne organisch nachweisbare Funktionsausfälle
(BGE 117 V 359 ff.; vgl. auch RKUV 2002      Nr. U 456 S. 437). Ebenso
zutreffend sind die vorinstanzlichen Ausführungen hinsichtlich der
Beurteilung der Adäquanz in denjenigen Fällen, in welchen die zum typischen
Beschwerdebild eines Schleudertraumas der HWS oder eines Schädel-Hirn-Traumas
gehörenden Beeinträchtigungen zwar teilweise gegeben sind, im Vergleich zur
vorliegenden ausgeprägten psychischen Problematik aber ganz in den
Hintergrund treten. Sie ist nach der für psychische Fehlentwicklungen nach
Unfällen geltenden Rechtsprechung (BGE 115 V 133) vorzunehmen (BGE 127 V 102
E. 5b/bb S. 103).

3.
Entgegen den Ausführungen in der Beschwerde gibt es in den Akten keinerlei
Anhaltspunkte für das Vorliegen von organischen Unfallfolgen für den
Zeitpunkt der Leistungseinstellung ab März 2005. Der Beschwerdeführer führt
chronische wiederkehrende Schmerzen im Nacken- und Kopfbereich, eine
veränderte Motorik, eine eingeschränkte Wirbelsäulenbeweglichkeit oder ein
Muskelhartspann als körperliche Befunde an, die organische Unfallfolgen
belegen sollen. Solange für die Schmerzen und Fehlhaltungen aber keine
körperliche Ursache vorliegt, gehören sie in den Bereich der diagnostizierten
Somatisierungsstörung. Der vorinstanzlichen Feststellung, wonach der
medizinische Sachverhalt umfassend abgeklärt sei und das Vorliegen von
organischen Unfallfolgen spätestens per Ende Februar 2005 zu verneinen sei,
ist nichts entgegenzuhalten. Bereits im Austrittsbericht der Rehaklinik
A.________, wo sich der Beschwerdeführer vom 13. August bis 17. September
2003 aufhielt, bestand die Hauptdiagnose in einem Verdacht auf
Somatisierungsstörung mit einer deutlich ängstlichen Komponente. Zusätzlich
attestierte der neurologische Facharzt damals eine stark gereizte HWS und von
deren Weichteilen ausgehende Schmerzexazerbationen. Davon ist im Dezember
2004 (Neurologisches Teilgutachten der Rehaklinik A.________ vom 2. Dezember
2004) nicht mehr die Rede. Der Neurostatus war normal, die geäusserten Klagen
über komplexeste Störungen neurologisch nicht erklärbar und im Bereich der
Beweglichkeit der HWS zeigte sich eine deutliche Diskrepanz zwischen den
Spontanbewegungen und den vom Arzt gewünschten aktiven Bewegungen. Im
abschliessenden Gutachten bestand einzig noch eine psychiatrische Diagnose
(schwere, stark hypochondrisch gefärbte Somatisierungsstörung; ICD-10:
F45.0).

Nach zutreffender Darstellung der Vorinstanz lagen beim Beschwerdeführer im
Zeitpunkt der Leistungseinstellung im Februar 2005 nicht (mehr) die
Beschwerden nach erlittener HWS-Distorsion vor. Gemäss Gutachten A.________
ist das präsentierte Beschwerdebild rein psychischer Natur. Angesichts dessen
ist mit der Vorinstanz davon auszugehen, dass beim Beschwerdeführer die
psychische Problematik eindeutig im Vordergrund steht, so dass der adäquate
Kausalzusammenhang nach der Rechtsprechung zu den psychischen Unfallfolgen
(BGE 115 V 133 ff) zu prüfen ist.

4.
4.1 Gemäss Rapport der Kantonspolizei Y.________ vom 5. Februar 2003 stand der
Beschwerdeführer als Lenker eines Personenwagens an dritter Stelle vor einer
roten Ampel, als ein nachfolgender Autofahrer die stillstehende Kolonne zu
spät bemerkte und auffuhr. Mittels verkehrstechnischem Gutachten wurde ein
Delta-v von zwischen 18,4 und 25,8 km/h berechnet.

4.2 Die Vorinstanz hat das Unfallereignis vom 1. Februar 2003 dem mittleren
Bereich zugeordnet, was auf Grund der Akten nicht zu beanstanden ist (vgl.
RKUV 2003 Nr. U 489 S. 357 E. 4.2 S. 360 mit Hinweisen, U 193/01). Die
Adäquanz des Kausalzusammenhangs ist demnach zu bejahen, falls ein einzelnes
der unfallbezogenen Kriterien (besonders dramatische Begleitumstände oder
besondere Eindrücklichkeit des Unfalls; Schwere oder besondere Art der
erlittenen Verletzungen; ungewöhnlich lange Dauer der ärztlichen Behandlung;
Dauerbeschwerden; ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich
verschlimmert; schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen;
Grad und Dauer der Arbeitsunfähigkeit) in besonders ausgeprägter Weise
gegeben ist oder die zu berücksichtigenden Kriterien insgesamt in gehäufter
oder auffallender Weise erfüllt sind (BGE 117 V 359 S. 367 f.). Im gesamten
mittleren Bereich kann ein einziges Kriterium genügen, wenn es in besonders
ausgeprägter Weise erfüllt ist. Trifft dies nicht zu, müssen die weiteren zu
berücksichtigenden Kriterien in gehäufter oder auffallender Weise erfüllt
sein (BGE 117 V 359 E. 6b S. 367).
Der Unfall vom 1. Februar 2003 ereignete sich weder unter dramatischen
Begleitumständen noch ist er als besonders eindrücklich zu bezeichnen.

4.2.1 Das Kriterium der besonderen Schwere oder Art der Verletzung wurde
ursprünglich mit Bezug auf die psychischen Unfallfolgen entwickelt und
betrifft insbesondere die erfahrungsgemässe Eignung einer Verletzung,
psychische Fehlentwicklungen auszulösen (BGE 115 V 140 Erw. 6c/aa). Die
Diagnose eines Schleudertraumas vermag dieses für sich allein nicht zu
begründen. Es bedarf hiezu einer besonderen Schwere der für ein
Schleudertrauma typischen Beschwerden oder besondere Umstände (wie etwa eine
ungünstige Körperhaltung; vgl. RKUV 1998 Nr. U 297 S. 245 E. 3c, U 16/97 oder
eine Retraumatisierung einer bereits durch einen früheren Unfall
vorgeschädigten HWS [vgl. in SVR 2007 UV Nr. 1 veröffentlichtes Urteil S. vom
26. April 2006, U 39/04 mit Hinweis auf Urteil H. vom 28. Mai 2003 [[U
12/03]], Erw. 4.2.2 am Ende]), welche das Beschwerdebild beeinflussen können
(Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts U 348/03 vom 7. Juli 2004,
E. 4.2 mit Hinweis). Das typische bunte Beschwerdebild nach einer
HWS-Distorsion war beim Beschwerdeführer nie in ausgeprägter Weise vorhanden.
Auch sonst liegen keine Anhaltspunkte vor, die die von ihm erlittenen
Verletzungen als besonders schwer erscheinen lassen.

4.2.2 Bezüglich der ungewöhnlich langen Dauer der ärztlichen Behandlung ist
eine Behandlungsbedürftigkeit während zwei bis drei Jahren nach einem
Schleudertrauma der HWS oder äquivalenten Verletzungen mit ähnlichem
Beschwerdebild noch als in einem üblichen Rahmen liegend zu betrachten
(Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts U 462/04 vom 13. Februar
2006, E. 2.4.3 mit Hinweisen). Der Beschwerdeführer wurde schon kurz nach dem
Unfall primär mit schmerzstillenden Medikamenten behandelt. Die
Physiotherapie war am 28. April 2003 bereits abgebrochen. Am 27. April 2004
hält Dr. med. D.________, Spezialarzt für orthopädische Chirurgie,  eine
darüber hinausgehende Behandlung als nicht indiziert. Neben der Abgabe
schmerzstillender Medikamente bestand die einzige Behandlung schon bald in
einer psychiatrischen Behandlung bei Dr. med. T.________ in Form einer
"therapeutischen Stützung". Ob eine solche "Stützung" als eigentliche
ärztliche Behandlung qualifiziert werden kann - die eigentlich auf Heilung
oder zumindest Besserung des Gesundheitszustandes gerichtet sein soll - kann
dahingestellt bleiben, da diese bei der Adäquanzbeurteilung nicht
miteinbezogen wird (E. 3).

4.2.3 Es kann schliesslich auch nicht von somatischen Dauerbeschwerden, einem
schwierigen Heilungsverlauf oder von einer langandauernden somatisch
bedingten Arbeitsunfähigkeit gesprochen werden. Es wird diesbezüglich auf die
einlässlichen Erwägungen der Vorinstanz verwiesen. Damit besteht kein
adäquater Kausalzusammenhang zwischen dem Unfallereignis vom 1. Februar 2003
und der nach dem 1. März 2005 bestehenden, psychisch bedingten
Arbeitsunfähigkeit und Behandlungsbedürftigkeit. Der angefochtene Entscheid
des Sozialversicherungsgerichts des Kantons Zürich war daher Rechtens.

5.
Die Gerichtskosten sind dem Beschwerdeführer als unterliegender Partei
aufzuerlegen (Art. 66 Abs. 1 BGG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2.
Die Gerichtskosten von Fr. 500.- werden dem Beschwerdeführer auferlegt.

3.
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Sozialversicherungsgericht des Kantons
Zürich und dem Bundesamt für Gesundheit schriftlich mitgeteilt.

Luzern, 4. Februar 2008

Im Namen der I. sozialrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident: Die Gerichtsschreiberin:

Ursprung Schüpfer