Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Sozialrechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 8C.241/2007
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Tribunale federale
Tribunal federal

{T 0/2}
8C_241/2007

Urteil vom 9. Juni 2008
I. sozialrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichterin Widmer, präsidierendes Mitglied,
Bundesrichterin Leuzinger, Bundesrichter Frésard,
Gerichtsschreiber Flückiger.

Parteien
C.________, Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. André Largier, Sonneggstrasse 55, 8006 Zürich,

gegen

Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (SUVA), Fluhmattstrasse 1, 6004
Luzern, Beschwerdegegnerin.

Gegenstand
Unfallversicherung,

Beschwerde gegen den Entscheid des Sozialversicherungsgerichts des Kantons
Zürich
vom 23. März 2007.

Sachverhalt:

A.
Der 1963 geborene C.________ war seit April 2004 als Bauarbeiter bei der
Q.________ AG angestellt und damit bei der Schweizerischen
Unfallversicherungsanstalt (SUVA) obligatorisch unfallversichert. Am 4. April
2005 meldete die Arbeitgeberin der SUVA, der Versicherte habe am 29. März 2005
einen Unfall erlitten. Die SUVA zog verschiedene medizinische Unterlagen bei
und liess den Versicherten am 1. November 2005 durch den Kreisarzt Dr. med.
F.________ untersuchen. Anschliessend stellte sie mit Verfügung vom 29.
November 2005 ihre Taggeldleistungen per 28. November 2005 ein. Zur Begründung
wurde erklärt, der Versicherte leide an Schulterbeschwerden, welche keine
Arbeitsunfähigkeit mehr verursachten, und an Beschwerden im Bereich der
Halswirbelsäule (HWS), welche nicht Folgen des Unfalls vom 29. März 2005
darstellten. An diesem Standpunkt hielt der Versicherer mit Einspracheentscheid
vom 22. März 2006 fest.

B.
Die dagegen erhobene Beschwerde wies das Sozialversicherungsgericht des Kantons
Zürich ab (Entscheid vom 23. März 2007).

C.
C.________ lässt Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten führen
mit dem Rechtsbegehren, in Aufhebung des vorinstanzlichen Entscheids sei die
SUVA zu verpflichten, ihm über den 28. November 2005 hinaus die gesetzlichen
Leistungen auszurichten. Ferner wird um unentgeltliche Prozessführung und
Verbeiständung ersucht.
Die SUVA schliesst auf Abweisung der Beschwerde. Das Bundesamt für Gesundheit
verzichtet auf eine Vernehmlassung.

Erwägungen:

1.
Der Beschwerdeführer macht zunächst geltend, das kantonale Gericht habe seinen
Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt. Er verlangt aus diesem Grund die
Aufhebung des vorinstanzlichen Entscheids.

1.1 Der Beschwerdeführer liess in der vorinstanzlichen Beschwerdeschrift vom
10. Juli 2006 die Anordnung eines zweiten Schriftenwechsels beantragen. Zur
Begründung wurde erklärt, sein Vertreter sei erst am Freitag, 7. Juli 2006,
mandatiert worden und habe daher die Akten der Beschwerdegegnerin noch nicht
einsehen können. Das kantonale Gericht holte die Beschwerdeantwort der SUVA vom
28. August 2006 ein. Dem Beschwerdeführer stellte es diese nach Lage der Akten
erst mit Verfügung vom 23. November 2006 zu. Gleichzeitig erklärte es den
Schriftenwechsel für geschlossen. Nach diesem Zeitpunkt unaufgefordert
eingereichte Stellungnahmen einer Partei werden gemäss kantonalzürcherischer
Gerichtspraxis aus dem Recht gewiesen (SVR 2008 UV Nr. 1 S. 1 E. 3.3.2, 8C_240/
2007, mit Hinweis auf Christian Zünd, Kommentar zum Gesetz über das
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich, Zürich 1998, S. 140, N 9 zu §
19).

1.2 Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist ein Teilaspekt des allgemeinen
Grundsatzes des fairen Verfahrens von Art. 29 Abs. 1 BV bzw. Art. 6 Ziff. 1
EMRK. Er umfasst unter anderem das Recht, von jeder dem Gericht eingereichten
Stellungnahme Kenntnis zu nehmen und sich dazu äussern zu können, unabhängig
davon, ob diese neue Tatsachen oder Argumente enthält und ob sie das Gericht
tatsächlich zu beeinflussen vermag. Das auf Art. 29 Abs. 2 BV gestützte
Replikrecht gilt für alle gerichtlichen Verfahren, auch solche, die nicht in
den Schutzbereich von Art. 6 Ziff. 1 EMRK fallen (BGE 133 I 98 E. 2.1 und 2.2
S. 99; 133 I 100 E. 4.3 - 4.6 S. 102 ff.; 132 I 42 E. 3.3.3 S. 47). Eine
gerichtliche Instanz wird dem Anspruch auf rechtliches Gehör nicht gerecht,
wenn sie einer Partei die Stellungnahme der Gegenpartei zustellt und
gleichzeitig den Schriftenwechsel für geschlossen erklärt (Urteil 2C_688/2007
vom 11. Februar 2008, E. 2.2 und 2.3, mit Hinweisen). Die Vorinstanz beging
demnach eine Gehörsverletzung, indem sie dem Versicherten bzw. seinem Vertreter
mit ihrer Verfügung vom 23. November 2006 die Vernehmlassung des Versicherers
vom 28. August 2006 zustellte und gleichzeitig den Schriftenwechsel für
geschlossen erklärte. Mit Blick darauf, dass selbst dann eine Nachfrist zur
Ergänzung der Beschwerdebegründung anzusetzen gewesen wäre, wenn die Beschwerde
wegen der kurzfristigen, eine vorgängige Akteneinsicht nicht mehr zulassenden
Mandatierung lediglich summarisch oder gar nicht begründet worden wäre (Art. 61
lit. b ATSG; noch nicht in der amtlichen Sammlung veröffentlichtes Urteil
9C_853/2007 vom 15. April 2008, E. 5.1 und 5.2), hat die Gehörsverletzung als
schwerwiegend zu gelten.
1.3
1.3.1 Nach der Rechtsprechung kann eine nicht besonders schwerwiegende
Verletzung des rechtlichen Gehörs ausnahmsweise als geheilt gelten, wenn die
betroffene Person die Möglichkeit erhält, sich vor einer Beschwerdeinstanz zu
äussern, die sowohl den Sachverhalt wie die Rechtslage frei überprüfen kann.
Unter dieser Voraussetzung ist darüber hinaus - im Sinne einer Heilung des
Mangels - selbst bei einer schwerwiegenden Verletzung des Gehörs von einer
Rückweisung der Sache an die Vorinstanz abzusehen, wenn und soweit die
Rückweisung zu einem formalistischen Leerlauf und damit zu unnötigen
Verzögerungen führen würde, die mit dem (der Anhörung gleichgestellten)
Interesse der betroffenen Partei an einer beförderlichen Beurteilung der Sache
nicht zu vereinbaren wären (BGE 133 I 201 E. 2.2 S. 204, 132 V 387 E. 5.1 S.
390 mit Hinweis).
1.3.2 Das kantonale Gericht hat Feststellungen zum rechtserheblichen
Sachverhalt getroffen. Insbesondere verneinte es - als zentrales Element seines
Entscheids - den natürlichen Kausalzusammenhang zwischen dem Unfallereignis vom
29. März 2005 und den geltend gemachten, über den 28. November 2005 hinaus
anhaltenden Beschwerden im Bereich der Halswirbelsäule. Infolge der ihm nicht
gewährten Nachfrist zur Beschwerdeergänzung respektive der Verweigerung eines
zweiten Schriftenwechsels war es dem Vertreter des Versicherten nicht möglich,
in Kenntnis der Aktenlage auf diese Feststellungen einzuwirken. Das
Bundesgericht kann zwar - unabhängig von der erweiterten Kognition bei
Geldleistungen der Unfallversicherung gemäss Art. 97 Abs. 2 und Art. 105 Abs. 3
BGG - grundsätzlich eine Sachverhaltsfeststellung, welche auf einer
Rechtsverletzung beruht, berichtigen oder ergänzen (Art. 105 Abs. 2 BGG).
Soweit der Vorinstanz eine Missachtung formeller Verfahrensgarantien
vorgeworfen werden muss, bildet jedoch die Kassation ihres Entscheids weiterhin
die Regel, zumal der Rechtsunterworfene grundsätzlich Anspruch auf Einhaltung
des Instanzenzuges hat (Urteil 8C_147/2007 vom 27. Februar 2008, E. 4.4 mit
Hinweis auf Markus Schott, Basler Kommentar zum BGG, Basel 2008, S. 957, Art.
97 N 24; Ulrich Meyer, ebenda, S. 1053 f., Art. 107 N 13 und 15). Eine Heilung
des Verfahrensmangels im letztinstanzlichen Verfahren ist daher nicht
angezeigt. Der vorinstanzliche Entscheid ist aufzuheben und die Sache ist an
das kantonale Gericht zurückzuweisen.

2.
Das Verfahren ist kostenpflichtig (Art. 65 Abs. 1 und Abs. 4 lit. a BGG). Die
Beschwerdegegnerin gilt als unterliegende Partei (vgl. BGE 132 V 215 E. 6.1 S.
235), weshalb ihr die Kosten aufzuerlegen sind (Art. 66 Abs. 1 BGG). Der
Beschwerdeführer hat Anspruch auf eine Parteientschädigung zu Lasten der SUVA
(Art. 68 Abs. 2 BGG). Damit wird sein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und
Verbeiständung gegenstandslos.

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen, dass der Entscheid des
Sozialversicherungsgerichts des Kantons Zürich vom 23. März 2007 aufgehoben und
die Sache an die Vorinstanz zurückgewiesen wird, damit sie im Sinne der
Erwägungen verfahre und über die Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom
22. März 2006 neu entscheide.

2.
Die Gerichtskosten von Fr. 500.- werden der Beschwerdegegnerin auferlegt.

3.
Die Beschwerdegegnerin hat den Beschwerdeführer für das bundesgerichtliche
Verfahren mit Fr. 2500.- zu entschädigen.

4.
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Sozialversicherungsgericht des Kantons
Zürich und dem Bundesamt für Gesundheit schriftlich mitgeteilt.
Luzern, 9. Juni 2008

Im Namen der I. sozialrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Das präsidierende Mitglied: Der Gerichtsschreiber:

i.V. Leuzinger Flückiger