Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Sozialrechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 8C.36/2007
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8C_36/2007

Urteil vom 13. Dezember 2007

I. sozialrechtliche Abteilung

Bundesrichter Ursprung, Präsident,
Bundesrichterinnen Widmer, Leuzinger,
Gerichtsschreiberin Polla.

T. ________, Beschwerdeführerin, vertreten durch Rechtsanwalt Dr. René Ernst,
Dufourstrasse 32, 8008 Zürich,

gegen

Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (SUVA), Fluhmattstrasse 1, 6004
Luzern, Beschwerdegegnerin.

Unfallversicherung,

Beschwerde gegen den Entscheid des Kantonalen Versicherungsgerichts des
Wallis vom 29. Januar 2007.

Sachverhalt:

A.
Die 1962 geborene T.________ erlitt am 14. Juni 2004 als Beifahrerin bei
einer Auffahrkollision eine Distorsion der Halswirbelsäule (HWS). Die
Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (SUVA) erbrachte als zuständiger
Unfallversicherer die gesetzlichen Leistungen. Mit Verfügung vom 22. November
2005, bestätigt mit Einspracheentscheid vom 31. März 2006, stellte sie ihre
Leistungen infolge fehlenden adäquaten Kausalzusammenhangs ab 1. Dezember
2005 ein.

B.
Die hiegegen erhobene Beschwerde wies das Kantonale Versicherungsgericht des
Wallis mit Entscheid vom 29. Januar 2007 ab.

C.
T.________ lässt Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten führen
mit dem Antrag, unter Aufhebung des vorinstanzlichen Entscheids sei die SUVA
zu verpflichten, die gesetzlichen Leistungen zu erbringen. Eventualiter sei
ein interdisziplinäres Gutachten einzuholen.
Die SUVA schliesst auf Abweisung der Verwaltungsgerichtsbeschwerde. Das
Bundesamt für Gesundheit und die Vorinstanz haben auf eine Vernehmlassung
verzichtet.

Erwägungen:

1.
Weil die angefochtene Entscheidung nach dem Datum des Inkrafttretens des
Bundesgesetzes über das Bundesgericht (BGG; SR 173.110), dem 1. Januar 2007
(AS 2006 1243), ergangen ist, untersteht die Beschwerde dem neuen Recht
(Art. 132 Abs. 1 BGG).

2.
Das kantonale Gericht hat die Grundsätze zu dem für die Leistungspflicht des
obligatorischen Unfallversicherers vorausgesetzten natürlichen
Kausalzusammenhang zwischen Unfall und Gesundheitsschaden zutreffend
dargelegt (BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181; 402 E. 4.3 S. 406). Entsprechendes
gilt für die von der Judikatur entwickelten allgemeinen Grundsätze zur
überdies erforderlichen Adäquanz des Kausalzusammenhangs im Allgemeinen (BGE
129 V 177 E. 3.2 S. 181; 402 E. 2.2 S. 405; 125 V 456 E. 5a S. 461) sowie bei
psychischen Unfallfolgen (BGE 115 V 133 E. 6 S. 138 ff.) und Unfällen mit
Schleudertrauma der Halswirbelsäule, Schädel-Hirntrauma oder gleichgestellten
Verletzungen im Besonderen (BGE 117 V 359; 369; SVR 1995 UV Nr. 23 S. 67 E.
2). Darauf wird verwiesen.

Bezüglich der für die Adäquanzbeurteilung notwendigen Abgrenzung der
Anwendung von BGE 117 V 366 E. 6 ("Schleudertrauma-Praxis") und BGE 115 V 133
ff. ("Praxis zu psychischen Fehlentwicklungen nach Unfällen") ist Folgendes
zu ergänzen: Die typische Symptomatik nach Schleudertrauma (und äquivalenten
Verletzungen) weist physische und psychische Komponenten auf wie Kopf- und
Nackenschmerzen, Schwindel, neurologische Defizite (Konzentrations- und
Gedächtnisstörungen), Übelkeit, Visusstörungen, Reizbarkeit, Affektlabilität,
Depression, Wesensveränderung (BGE 117 V 360 E. 4b). Daher erfolgt die
Adäquanzbeurteilung nach Distorsionen der Halswirbelsäule (ohne nachweisbare
organische Unfallfolgeschäden) grundsätzlich nach der Rechtsprechung gemäss
BGE 117 V 366 E. 6a und 382 E. 4b mit ihrer fehlenden Unterscheidung zwischen
körperlichen und psychischen Beschwerden. Kann hingegen nicht von einem
vielschichtigen somatisch-psychischen Beschwerdebild - d.h. von einem
komplexen Gesamtbild unfallbedingter psychischer Beschwerden und ebenfalls
unfallkausaler organischer Störungen - gesprochen werden, hat die Prüfung der
adäquaten Kausalität praxisgemäss unter dem Gesichtspunkt einer psychischen
Fehlentwicklung nach Unfall gemäss BGE 115 V 133 ff. zu erfolgen. Dieses
Vorgehen greift Platz, wenn die zum typischen Beschwerdebild eines
HWS-Schleudertraumas gehörenden Beeinträchtigungen zwar teilweise gegeben
sind, im Vergleich zur ausgeprägten psychischen Problematik aber unmittelbar
nach dem Unfall ganz in den Hintergrund getreten sind oder die physischen
Beschwerden im Verlaufe der ganzen Entwicklung vom Unfall bis zum
Beurteilungszeitpunkt gesamthaft nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt
haben (vgl. BGE 127 V 103 E. 5b/bb, 123 V 99 E. 2a; RKUV 2002 Nr. U 465 S.
437, U 164/01).

3.
3.1 Die Vorinstanz gelangte in eingehender Würdigung der medizinischen
Unterlagen, insbesondere des Austrittsberichts der Rehaklinik X.________ vom
23. August 2004, der Berichte des Dr. phil. G.________, Neuropsychologische
Praxis, vom 17. Mai 2005, des Dr. med. D.________, Facharzt für Neurologie
FMH, vom 4. Juli 2005 sowie des Psychiatrischen Zentrums Y.________ vom 9.
November 2005 zum Schluss, der aktuelle Zustand der Versicherten sei auf eine
somatoforme Störung zurückzuführen, die schon früh das klinische Bild geprägt
habe, organische Unfallfolgen lägen keine mehr vor. Dieser Betrachtungsweise
ist zuzustimmen. Bereits während des Aufenthaltes in der Rehaklinik
X.________ dominierte die Schmerzproblematik das Zustandsbild. Die im
Vordergrund stehende psychische Verfassung liess daher auch eine
neuropsychologische Abklärung scheitern. Die aus psychiatrischer Sicht
bereits rund zwei Monate nach dem Unfallereignis festgestellte
Anpassungsstörung mit gemischter ängstlich-depressiver Reaktion ([ICD10
F43.22]; Psychosomatisches Konsilium der Dres. med. R.________ und
K.________, Psychosomatische Abteilung der Rehaklinik X.________ vom 4.
August 2004 und Austrittsbericht der Rehaklinik vom 23. August 2004) - blieb
in der Folge bezüglich der Symptomatik weitgehend gleich, dauerte aber mit
schwankender Intensität - trotz intensiver physio- sowie
psychotherapeutischer, medikamentöser Behandlung fort und prägten das
Beschwerdebild (Bericht des Dr. med. E.________, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie FMH, Versicherungspsychiatrischer Dienst der Z.________, vom
1. März 2005). Weder in Bezug auf die diagnostizierte chronische
Schmerzerkrankung noch hinsichtlich der weiteren neuropsychologischen und
psychischen Beeinträchtigungen bestehen objektiv nachweisbare Unfallfolgen.
Dr. phil. G.________ fand keine Hinweise auf hirnorganisch bedingte
neuropsychologische Funktionsstörungen, wobei er eine schmerzbedingte
Belastbarkeitsminderung bei Status nach HWS-Distorsionstrauma am 14. Juni
2004 diagnostizierte (Bericht vom 17. Mai 2005). Im Neurostatus stellte Dr.
med. D.________ segmentale Irritationen panvertebral und eine
Schmerzbeeinträchtigung fest. Ausserdem äusserte er den Verdacht auf benigne
okuläre Orbikularis-Myokymien links und eine diskrete Ptosis links, der
übrige detaillierte Neurostatus fiel normal aus (Diagnose: chronische
posttraumatische, whs somatoforme Schmerzstörung bei Status nach
HWS-Beschleunigungstrauma mit Panvertebralsyndrom mit spondylogener
Schmerzausweitung linke Halbseite und Zervikobrachialgien verbunden mit
Schmerzmittelübergebrauch; Bericht vom 4. Juli 2005).

3.2 Angesichts dieser Entwicklung ist der adäquate Kausalzusammenhang in
Anwendung der Rechtsprechung von BGE 123 V 98 im Rahmen der Adäquanz bei
psychischen Unfallfolgen (BGE 115 V 133) zu beurteilen.

3.2.1 Der Unfall vom 14. Juni 2004 ist aufgrund des augenfälligen
Geschehensablaufs und der Ergebnisse der biomechanischen Kurzbeurteilung
(Triage) durch die Arbeitsgruppe für Unfallmechanik vom 14. Juli 2005 - es
wird eine kollisionsbedingte Geschwindigkeitsveränderung (Delta-v) von 10 bis
15 km/h angenommen - der Kategorie der mittelschweren Unfälle, im
Grenzbereich zu den leichten zuzuordnen, wie die Vorinstanz zu Recht
ausführte. Für die Bejahung des adäquaten Kausalzusammenhangs sind somit
weitere unfallbezogene Kriterien, die nach den Erfahrungen des Lebens
geeignet sind, eine psychische Fehlreaktion auszulösen, erforderlich, damit
dem Unfall die vorausgesetzte massgebende Bedeutung zukommt. Dabei müssen
solche Kriterien bei einem Unfall wie dem vorliegenden in gehäufter oder
auffallender Weise erfüllt sein (BGE 115 V 141 E. 11b).

3.2.2 Der Unfall hat sich nicht unter besonders dramatischen Begleitumständen
ereignet noch war er - objektiv betrachtet (RKUV 1999 Nr. U 335 S. 209 E.
3b/cc, U 287/97; vgl. auch RKUV 2000 Nr. U 394 S. 313; U 248/98) - von
besonderer Eindrücklichkeit. Der Unfall hatte auch keine schweren
Verletzungen oder Verletzungen besonderer Art zur Folge. Die Diagnose eines
Schleudertraumas oder einer schleudertraumaähnlichen Verletzung der HWS
vermag die Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzung für sich
allein nicht zu begründen. Es bedarf hiezu einer besonderen Schwere der für
das Schleudertrauma typischen Beschwerden oder besonderer Umstände, welche
das Beschwerdebild beeinflussen können. Diese können beispielsweise in einer
beim Unfall eingenommenen besonderen Körperhaltung und den dadurch bewirkten
Komplikationen bestehen (RKUV 2003 Nr. U 489 S. 361 E. 4.3, U 193/01 mit
Hinweisen). Solche Umstände sind hier nicht gegeben. Es liegt auch keine
besondere Schwere der für das Schleudertrauma typischen Beschwerden vor.
Nicht erfüllt ist sodann das Kriterium der ungewöhnlich langen Dauer der
ärztlichen Behandlung. Nach der ambulanten Erstbehandlung am Unfalltag im
Spital Z.________ erfolgte eine medikamentöse Behandlung durch den Hausarzt.
In der Folge wurde ambulante und stationäre Physiotherapie durchgeführt, die
Möglichkeiten der physiotherapeutischen Rehabilitation waren jedoch aufgrund
des generalisierten Schmerzempfindens und der oft beklagten linksseitigen
Dysästhesien/Kopfschmerzen stark eingeschränkt, wobei den psychologischen
Faktoren ein grosser Stellenwert als Chronifizierungsfaktoren eingeräumt
wurde (Bericht des Spitals A.________ vom 21. Juli 2004). Während des
Aufenthaltes in der Rehaklinik X.________ vom 22. Juli bis 18. August 2004
wurden physio- und ergotherapeutische Massnahmen sowie Massnahmen zur
Schmerzlinderung, Ausdauersteigerung und Kräftigung durchgeführt, welche
jedoch zu keiner wesentlichen Besserung führten, zumal die Schmerzklage der
Versicherten im Vordergrund stand. Die physiotherapeutische Behandlung wurde
nach dem Austritt aus der Rehaklinik sistiert und die Beschwerdeführerin zur
weiteren medikamentösen Therapie an den Hausarzt überwiesen, der
anschliessend erneut ambulante Physiotherapie anordnete (Bericht des Dr. med.
W.________, Facharzt für Innere Medizin FMH, vom 19. November 2004). Aus
neuropsychologischer und neurologischer Sicht war eine Therapie nicht
indiziert. Der Neurologe Dr. med. D.________ sprach sich einzig für eine
medikamentöse Behandlung der chronischen Schmerzkrankheit - wenn möglich im
Rahmen eines pragmatisch orientierten psychiatrischen Settings - aus (Bericht
vom 4. Juli 2005). Die primäre Unfallbehandlung beschränkte sich auf
ambulante Physiotherapie und die Abgabe von Analgetika. Bereits während des
stationären Aufenthaltes im Spital Z.________ (vom 6. bis 22. Juli 2004)
schränkte die psychische Verfassung der Beschwerdeführerin die
physiotherapeutischen Möglichkeiten stark ein. In der Folge waren es
somatoforme Beschwerden und psychische Beeinträchtigungen, welche zu weiteren
Untersuchungen und Behandlungen Anlass gaben. Auch wenn später erneut
physiotherapeutische Massnahmen durchgeführt wurden, handelte es sich
insgesamt nicht um eine kontinuierliche, mit einer gewissen Planmässigkeit
auf die Verbesserung des Gesundheitszustandes gerichtete ärztliche Behandlung
von ungewöhnlich langer Dauer (Urteile N. vom 14. März 2005, U 82/04, P. vom
24. September 2003, U 361/02, und S. vom 8. April 2002, U 357/01). Im
Vordergrund stand die Behandlung eines weitgehend psychisch bedingten
Schmerzsyndroms, was bei der Adäquanzbeurteilung unberücksichtigt zu bleiben
hat (Urteil S. vom 10. Februar 2006, U 79/05). Von einer ärztlichen
Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert hat, kann
ebenso wenig gesprochen werden, wie von einem schwierigen Heilungsverlauf und
erheblichen Komplikationen. Entgegen dem, was die Beschwerdeführerin
anzunehmen scheint, genügt es nicht, dass sie während längerer Zeit über
praktisch die gleichen Schmerzen klagt. Es bedarf hiezu besonderer Gründe,
welche die Heilung beeinträchtigt haben. Solche Gründe sind hier nicht
gegeben. Vielmehr war es zu einem wesentlichen Teil die psychische
Problematik, welche den Heilungsverlauf beeinträchtigte. Zum Kriterium von
Grad und Dauer der Arbeitsunfähigkeit ist festzustellen, dass der
SUVA-Kreisarzt Dr. med. W.________ anlässlich seiner Untersuchung vom 2.
Dezember 2004 mit Blick auf den somatischen Zustand eine 50%ige
Arbeitsfähigkeit als gegeben erachtete. Die weitere andauernde
Arbeitsunfähigkeit ist aufgrund der gesamten medizinischen Aktenlage nicht
physisch bedingt, weshalb dieses Kriterium nicht erfüllt ist. Das Gleiche
gilt für das Kriterium der Dauerbeschwerden, da davon auszugehen ist, dass
die geklagten Dauerschmerzen nicht auf einem somatischen Korrelat beruhen,
sodass sie für die vorliegende Beurteilung nicht zu berücksichtigen sind. Dem
Unfallereignis vom 14. Juni 2004 kommt demnach für die weiterhin geklagten
Beschwerden seit dem 1. Dezember 2005 keine rechtlich massgebende Bedeutung
mehr zu, womit die Unfallversicherung eine weitere Leistungspflicht zu Recht
abgelehnt hat.

4.
Als unterliegende Partei hat die Beschwerdeführerin die Gerichtskosten zu
tragen (Art. 66 Abs. 1 BGG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2.
Die Gerichtskosten von Fr. 500.- werden der Beschwerdeführerin auferlegt.

3.
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Kantonales Versicherungsgericht des
Wallis und dem Bundesamt für Gesundheit schriftlich mitgeteilt.

Luzern, 13. Dezember 2007

Im Namen der I. sozialrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident: Die Gerichtsschreiberin:

Ursprung Polla