Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Sozialrechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 8C.504/2007
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Tribunale federale
Tribunal federal

{T 0/2}
8C_504/2007

Urteil vom 16. Juni 2008
I. sozialrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Ursprung, Präsident,
Bundesrichterin Leuzinger, Bundesrichter Frésard,
Gerichtsschreiber Flückiger.

Parteien
Zürich Versicherungs-Gesellschaft, Rechtsdienst, Generaldirektion Schweiz,
Postfach, 8085 Zürich Versicherung,
Beschwerdeführerin,

gegen

W.________,
Beschwerdegegnerin, vertreten durch Rechtsanwältin Renate Vitelli-Jucker,
Webernstrasse 5, 8610 Uster.

Gegenstand
Unfallversicherung,

Beschwerde gegen den Entscheid des Sozialversicherungsgerichts des Kantons
Zürich vom 26. Juni 2007.

Sachverhalt:

A.
Die 1980 geborene W.________ war seit August 2001 als Verkäuferin bei der
Bäckerei-Konditorei X.________ angestellt und damit bei der "Zürich"
Versicherungs-Gesellschaft (nachfolgend: Zürich) obligatorisch
unfallversichert. Am Abend des 16. November 2002 wurde sie, auf einer
Hauptstrasse liegend, von einem Personenwagen erfasst und einige Meter weit
mitgeschleift. Dabei zog sie sich eine schwere offene Beckenfraktur, eine
Sakrumfraktur transforaminal links, eine Schambeinastfraktur beidseits, eine
Acetabulumfraktur links sowie eine offene Femurkopfluxation rechts zu. Es
folgten eine längere Hospitalisation und mehrere operative Eingriffe.

Die Zürich holte Berichte der behandelnden Institutionen sowie Akten über den
Unfallhergang ein. Ausserdem gab sie bei Dr. med. S.________, Psychiatrie und
Psychotherapie FMH, ein Gutachten in Auftrag, welches am 22. Juli 2004
erstattet wurde. Gestützt darauf lehnte es der Versicherer mit Verfügung vom
12. Oktober 2004 ab, für das Ereignis vom 16. November 2002 Leistungen zu
erbringen. Zur Begründung wurde erklärt, die Versicherte habe sich in
suizidaler Absicht auf die Fahrbahn gelegt, ohne dass ihre Fähigkeit zu
vernunftgemässem Handeln im damaligen Zeitpunkt gänzlich aufgehoben gewesen
sei.

Nachdem die Versicherte Einsprache erhoben hatte, holte die Zürich ein weiteres
Gutachten von Dr. med. R.________, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom 27.
Juli 2005 ein. Anschliessend hielt sie mit Einspracheentscheid vom 24. Oktober
2005 an der Verneinung ihrer Leistungspflicht fest.

B.
Die dagegen erhobene Beschwerde hiess das Sozialversicherungsgericht des
Kantons Zürich in dem Sinne gut, dass es den Einspracheentscheid aufhob und die
Sache an die Zürich zurückwies, damit sie im Sinne der Erwägungen verfahre. In
den Erwägungen hielt das Gericht fest, es könne weder auf eine beabsichtigte
Selbstschädigung noch auf einen Suizidversuch geschlossen werden. Die Frage, ob
die Versicherte den Unfall grobfahrlässig herbeigeführt habe, lasse sich
aufgrund der Akten nicht abschliessend beurteilen (Entscheid vom 26. Juni
2007).

C.
Die Zürich führt Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten mit dem
Rechtsbegehren, der Entscheid der Vorinstanz sei aufzuheben "und im Sinne der
Bestätigung des Einspracheentscheides vom 24. Oktober 2005 sei von einer
absichtlichen Selbstschädigung auszugehen".

W.________ lässt die Abweisung der Beschwerde, eventuell die Aufhebung des
kantonalen Entscheids und die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz bzw. die
Beschwerdeführerin beantragen. Das Bundesamt für Gesundheit verzichtet auf eine
Vernehmlassung.

D.
Mit Verfügung der Instruktionsrichterin vom 5. Dezember 2007 wurde der
Beschwerde die aufschiebende Wirkung zuerkannt.

Erwägungen:

1.
Beim vorinstanzlichen Rückweisungsentscheid handelt es sich in der Terminologie
des BGG um einen Zwischenentscheid. Er kann daher nur unter den Voraussetzungen
von Art. 93 Abs. 1 BGG selbstständig angefochten werden (BGE 133 V 477 E. 4.2
S. 481 f.). Lit. a dieser Bestimmung lässt die selbstständige Anfechtung eines
Zwischenentscheids zu, wenn dieser einen nicht wieder gutzumachenden Nachteil
bewirken kann. Nach der Rechtsprechung ist diese Voraussetzung seitens des
Versicherers erfüllt, wenn der Rückweisungsentscheid eines kantonalen Gerichts
verbindliche Vorgaben zu den Grundlagen der Anspruchsbeurteilung enthält (BGE
133 V 477 E. 5.2 S. 483 ff.; SVR 2008 IV Nr. 31 S. 100 E. 1.2, I 126/07). Diese
Konstellation ist hier gegeben, denn der kantonale Entscheid verneint die
Zulässigkeit einer Leistungsverweigerung wegen absichtlicher Herbeiführung des
Gesundheitsschadens (Art. 37 Abs. 1 UVG) und verpflichtet die Zürich somit,
eine nach ihrer Auffassung rechtswidrige Verfügung zu erlassen. Auf die
Beschwerde ist daher einzutreten.

2.
2.1 Wie die Vorinstanz zutreffend erwogen hat, sind in zeitlicher Hinsicht
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, welche bei der Erfüllung des
zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 130 V 445 E. 1.2.1 S.
447). Soweit die Qualifikation des Ereignisses vom 16. November 2002 in Frage
steht, hat sich die Beurteilung daher nach den zu diesem Zeitpunkt, also vor
dem Inkrafttreten des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen
Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) am 1. Januar 2003, gültig gewesenen
Bestimmungen zu richten.

2.2 Ein Anspruch auf Leistungen der obligatorischen Unfallversicherung setzt,
von hier nicht zutreffenden Ausnahmen abgesehen, das Vorliegen eines
Berufsunfalls, eines Nichtberufsunfalls oder einer Berufskrankheit voraus (Art.
6 Abs. 1 UVG). Als Unfall gilt die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende
Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper
(Art. 9 Abs. 1 UVV in der bis 31. Dezember 2002 gültig gewesenen Fassung; vgl.
jetzt Art. 4 ATSG). Hat der Versicherte den Gesundheitsschaden oder den Tod
absichtlich herbeigeführt, so besteht kein Anspruch auf
Versicherungsleistungen, mit Ausnahme der Bestattungskosten (Art. 37 Abs. 1
UVG). Hat der Versicherte den Unfall grobfahrlässig herbeigeführt, so werden in
der Versicherung für Nichtberufsunfälle die Taggelder gekürzt, die während den
ersten zwei Jahren nach dem Unfall ausgerichtet werden (Art. 37 Abs. 2 Satz 1
UVG in der bis 31. Dezember 2002 gültig gewesenen Fassung). Wollte sich der
Versicherte nachweislich das Leben nehmen oder sich selbst verstümmeln, so
findet Art. 37 Abs. 1 UVG keine Anwendung, wenn der Versicherte zur Zeit der
Tat ohne Verschulden gänzlich unfähig war, vernunftgemäss zu handeln, oder wenn
die Selbsttötung, der Selbsttötungsversuch oder die Selbstverstümmelung die
eindeutige Folge eines versicherten Unfalls war (Art. 48 UVV). Bei
Nichtberufsunfällen, die auf ein Wagnis zurückgehen, werden die Geldleistungen
um die Hälfte gekürzt und in besonders schweren Fällen verweigert. Wagnisse
sind Handlungen, mit denen sich der Versicherte einer besonders grossen Gefahr
aussetzt, ohne die Vorkehren zu treffen oder treffen zu können, die das Risiko
auf ein vernünftiges Mass beschränken (Art. 50 Abs. 1 und Abs. 2 Satz 1 UVV,
erlassen gestützt auf Art. 39 UVG).

3.
Streitig und zu prüfen ist - im Grundsatz und gegebenenfalls umfangmässig - die
Leistungspflicht der Beschwerdeführerin für Folgen des Ereignisses vom 16.
November 2002. Die Zürich macht diesbezüglich geltend, es sei von einer
vorsätzlichen, zumindest aber eventualvorsätzlichen Selbstverletzung (wenn auch
nicht von suizidalen Impulsen) auszugehen. Überdies liege ein schwerer Fall
eines Wagnisses im Sinne von Art. 39 UVG in Verbindung mit Art. 50 UVV vor.
Falls das Gericht das Vorliegen eines einfachen Vorsatzes respektive
Eventualvorsatzes verneine, müsse das Verhalten der Versicherten zumindest als
grobfahrlässig eingestuft werden.

4.
Die Vorinstanz hat zum Ablauf des Vorfalls vom 16. November 2002 Feststellungen
getroffen, welche zwar nicht von der Beschwerdeführerin, aber von der
Versicherten bestritten werden.

4.1 Als die Versicherte am 16. November 2002 um 22.40 Uhr in der Nähe ihres
Wohnortes ausserorts auf einer Hauptstrasse von einem Personenwagen erfasst
wurde, lag sie neben ihrem Fahrrad auf der Strasse. Das kantonale Gericht hält
es für überwiegend wahrscheinlich, dass sie sich selbst auf die Fahrbahn gelegt
hatte. Bei dieser Einschätzung stützt sich die Vorinstanz auf eine Reihe von
Indizien. Namentlich erwog sie, die Beschwerdeführerin habe sich nicht mehr auf
dem Heimweg befunden, sei am 5. und 9. November 2002 bereits insgesamt drei Mal
auf der gleichen Strasse liegend angetroffen worden und leide an einer
Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus, welche zu derartigen
Verhaltensweisen prädisponiere. Zudem sei es ihr am Abend des 16. November 2002
psychisch nicht gut gegangen. Die alternative Erklärungsmöglichkeit, wonach die
Beschwerdegegnerin mit dem Fahrrad gestürzt sei, erscheine als weniger
wahrscheinlich. Wohl habe sie neben Erbrochenem gelegen, was dafür spreche,
dass sie sich habe übergeben müssen. Bei einem Alkoholgehalt von ca. 1
Gewichtspromille im Blut erscheine jedoch ein Sturz zufolge Trunkenheit als
unwahrscheinlich. Nicht hinreichend erstellt sei auch die behauptete
Wechselwirkung von Alkohol und Medikamenten wegen der Einnahme einer Überdosis
von Antidepressiva. Das Auftreten einer Synkope, wie sie während des
Aufenthalts in der Klinik Y.________ im Frühling 2002 beobachtet worden sei,
sei möglich, aber nicht überwiegend wahrscheinlich. Dr. med. R.________ halte
diese Hypothese im Gutachten vom 27. Juli 2005 unter Hinweis auf den
psychischen Zustand und die geringe Alkoholmenge, welche die an Alkohol und
Medikamente gewöhnte Versicherte in der fraglichen Nacht konsumiert habe, für
wenig wahrscheinlich.

4.2 Diese vorinstanzlichen Erwägungen überzeugen und werden auch durch die
Ausführungen in der Vernehmlassung der Beschwerdegegnerin vom 31. Oktober 2007
nicht in Frage gestellt. Insbesondere fällt der Umstand ins Gewicht, dass sich
die Versicherte nach Lage der Akten im Verlauf der letzten zwei Wochen vor dem
16. November 2002 bereits drei Mal - nicht nur zwei Mal, wie die
Beschwerdeführerin vorbringen lässt - an derselben bzw. einer ähnlichen Stelle
gezielt auf die Strasse gelegt hatte, um Aufmerksamkeit und Zuwendung seitens
von Drittpersonen zu erlangen. Der Gutachter Dr. med. R.________ gelangt denn
auch zum Ergebnis, die Beschwerdeführerin habe sich in einer Situation
befunden, wo es nahe liege, "dass das in der Vorgeschichte bereits mehrfach
aufgetretene, zu den beschriebenen Verhaltensweisen führende Verhalten nochmals
aktualisiert wurde". Die behauptete Einnahme einer Überdosis von Medikamenten
findet in den Akten keine hinreichende Stütze. Der Gutachter Dr. med.
R.________ schliesst einen gravierenden Einfluss von Alkohol und Fluctine auf
die Urteilsfähigkeit im Sinne einer hierdurch hervorgerufenen schweren
Bewusstseinsbeeinträchtigung sogar explizit aus. Ein weiteres Gutachten
verspricht diesbezüglich keine neuen, hinreichend zuverlässigen Erkenntnisse.
Es ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin, bevor sie vom
Personenwagen erfasst wurde, nicht mit dem Fahrrad gestürzt war, sondern sich
auf die Strasse gelegt hatte.

5.
5.1 Das kantonale Gericht hat weiter erwogen, das Motiv der Vorgehensweise der
Versicherten habe in der Erlangung von Aufmerksamkeit und Zuwendung bestanden.
Gestützt auf das Gutachten von Dr. med. R.________ vom 27. Juli 2005 könne
nicht davon ausgegangen werden, dass sie eine Gesundheitsschädigung
beabsichtigt habe. Die gegenteilige Aussage im Gutachten von Dr. med.
S.________ vom 22. Juli 2004 sei nicht einleuchtend und werde auch nicht näher
begründet. Unter diesen Umständen könne weder auf eine beabsichtigte
Selbstschädigung noch auf einen Suizidversuch geschlossen werden, denn hierfür
sei erforderlich, dass sich die Absicht auf die gesundheitliche Schädigung
selbst und nicht auf die zur schädigenden Einwirkung führende Handlung beziehe
(BGE 115 V 151 E. 4 S. 152 mit Hinweisen).

5.2 Die Beschwerdeführerin wendet im Wesentlichen ein, es liege an der
Versicherten, die Unfreiwilligkeit der Selbstverletzung mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachzuweisen. Es werde nicht bestritten, dass
die Versicherte in der Absicht gehandelt habe, Aufmerksamkeit zu erregen. Wie
die Vorinstanz ausführe, sei das Verhalten objektiv zur Selbstschädigung
geeignet gewesen. Somit erscheine als klar, dass sich die Beschwerdegegnerin
der möglichen Folgen eines solchen Verhaltens, d.h. der Möglichkeit einer
allfälligen Gesundheitsschädigung, bewusst gewesen sei. Indem sie sich
absichtlich auf die Strasse gelegt habe, habe sie eine Körperverletzung
zumindest in Kauf genommen. Sie habe bei einem derart gefährlichen Handeln mit
einer Gesundheitsschädigung ernsthaft rechnen müssen. Wer sich nachts
ausserorts auf eine Hauptstrasse lege, sei sich bewusst, dass er angefahren
werden könnte. Folglich sei von Eventualvorsatz auszugehen. Die
Beschwerdeführerin sei überdies nach wie vor davon überzeugt, dass nicht nur
dolus eventualis, sondern sogar einfacher Vorsatz gegeben sei. Es müsse davon
ausgegangen werden, dass die Versicherte um der Zuwendung und Aufmerksamkeit
willen eine Selbstverletzung bezweckt habe. Entsprechende Hinweise ergäben sich
aus dem Gutachten von Dr. med. S.________ vom 22. Juli 2004. Zudem sei bei der
Versicherten eine instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus
(ICD-10: F60.31) diagnostiziert worden. Borderline-Patientinnen neigten häufig
zu Selbstverletzungen. Auch bei der Versicherten sei eine Neigung zu
selbstverletzendem Verhalten diagnostiziert worden.
5.3
5.3.1 Gemäss dem in allen Teilen überzeugenden Gutachten von Dr. med.
R.________ vom 27. Juli 2005 bestand der Zweck des Vorgehens der
Beschwerdegegnerin in der Erlangung von Aufmerksamkeit und Zuwendung. Weiter
hält der Experte fest, es könne "sicherlich nicht" davon ausgegangen werden,
dass die Explorandin den durch das Ereignis hervorgerufenen Gesundheitsschaden
absichtlich herbeigeführt habe. Er weist auch darauf hin, dass die
Beschwerdegegnerin sich in den Wochen vor dem 16. November 2002 schon drei Mal
auf die Strasse gelegt und dabei die Erfahrung gemacht hatte, dass sie die
gewünschte Aufmerksamkeit erhielt.
5.3.2 Auf der Grundlage der Feststellungen von Dr. med. R.________ ist mit der
Vorinstanz ein direkter Vorsatz ohne weiteres auszuschliessen. Was das
Vorliegen eines Eventualvorsatzes anbelangt, lässt sich ein solcher nicht, wie
die Beschwerdeführerin offenbar annimmt, bereits daraus ableiten, dass der
Versicherten die Möglichkeit eines Schadenseintritts bewusst war. Das
entsprechende Wissen und Bewusstsein bildet vielmehr das massgebende Kriterium
für die Unterscheidung zwischen bewusster und unbewusster Fahrlässigkeit.
Eventualvorsatz liegt dann vor, wenn jemand den Eintritt des Erfolgs für
möglich hält, aber dennoch handelt, weil er oder sie den Erfolg für den Fall
seines Eintritts in Kauf nimmt (vgl. Art. 12 Abs. 2 Satz 2 StGB in der seit 1.
Januar 2007 geltenden Fassung), sich mit ihm abfindet, mag er auch unerwünscht
sein. Sowohl eventualvorsätzlich als auch bewusst fahrlässig Handelnde wissen
um die Möglichkeit des Erfolgseintritts. Unterschiede bestehen jedoch beim
Willensmoment. Die bewusst fahrlässig handelnde Person vertraut (aus
pflichtwidriger Unvorsichtigkeit) darauf, dass der von ihr als möglich
vorausgesehene Erfolg nicht eintreten werde. Demgegenüber nimmt, wer
eventualvorsätzlich handelt, den Eintritt des als möglich erkannten Erfolgs
ernst, rechnet mit ihm und findet sich mit ihm ab (vgl. die strafrechtliche
Rechtsprechung: BGE 133 IV 9 E. 4.1 S. 16 mit Hinweis). Eventualvorsatz ist
auch bei gefährlichen Handlungen nur mit Zurückhaltung anzunehmen (vgl. zur
Problematik im Strafrecht Martin Schubarth, Dolus eventualis - positive und
negative Indikatoren; Analyse der Rechtsprechung des Bundesgerichtes, AJP 2008
S. 519 ff., 526 Ziff. 30).
5.3.3 Gemäss den bereits zitierten Feststellungen von Dr. med. R.________
bestand der Zweck des Vorgehens der Beschwerdegegnerin darin, Aufmerksamkeit
und Zuwendung von Drittpersonen zu erhalten. In diesem Zusammenhang dürfte der
Umstand eine Rolle gespielt haben, dass es der Versicherten relativ kurze Zeit
vor dem 16. November, nämlich einmal am 5. und zweimal am 9. November 2002,
gelungen war, dieses Ziel zu erreichen: Nachdem sie sich neben ihrem Fahrrad
auf die Strasse gelegt hatte, war sie jeweils von Drittpersonen angesprochen
und betreut worden. Unter diesen Umständen rechtfertigt sich die Annahme, die
Beschwerdegegnerin habe darauf vertraut, auch diesmal, am Abend des 16.
November 2002, würden sich die Ereignisse auf diese oder ähnliche Weise
entwickeln. Sie begab sich zwar bewusst in Gefahr, nahm es jedoch nicht in
Kauf, angefahren zu werden, und fand sich auch nicht mit dieser Möglichkeit ab.
Vielmehr ging sie davon aus, diese Folge werde nicht eintreten. Damit ist ihr
Handeln nicht als eventualvorsätzlich, sondern höchstens (d.h. bei Vorliegen
der dafür vorausgesetzten Urteilsfähigkeit) als grobfahrlässig zu bezeichnen.
Dies entspricht auch den vom kantonalen Gericht gezogenen Folgerungen.

5.4 Da Eventualvorsatz zu verneinen ist, erübrigt sich eine nähere Prüfung der
Frage, ob ein solcher als absichtliche Herbeiführung des Gesundheitsschadens im
Sinne von Art. 37 Abs. 1 UVG zu betrachten wäre. In der Lehre wird der Einbezug
des Eventualvorsatzes zum Teil abgelehnt (Alfred Maurer, Schweizerisches
Unfallversicherungsrecht, 2. Auflage, Bern 1989, S. 174 Fn. 351; Alexandra
Rumo-Jungo, Die Leistungskürzung oder -verweigerung gemäss Art. 37-39 UVG,
Diss. Freiburg 1993, S. 113, mit weiteren Hinweisen), zum Teil befürwortet
(Alfred Bühler, Der Unfallbegriff, in: Alfred Koller [Hrsg.], Haftpflicht- und
Versicherungsrechtstagung 1995, St. Gallen 1995, S. 195 ff., 211, mit weiteren
Hinweisen; vgl. auch Urteil U 276/01 vom 14. Februar 2002, E. 4).

6.
Im Einspracheentscheid wurde im Sinne einer Alternativbegründung erwogen, das
Ereignis vom 16. November 2002 sei als schwerer Fall eines Wagnisses im Sinne
von Art. 39 UVG in Verbindung mit Art. 50 UVV zu qualifizieren. Die Vorinstanz
hat sich zu dieser Frage nicht geäussert.

6.1 Lehre und Rechtsprechung unterscheiden zwischen absoluten und relativen
Wagnissen. Ein absolutes Wagnis liegt vor, wenn eine gefährliche Handlung nicht
schützenswert ist oder wenn die Handlung mit so grossen Gefahren für Leib und
Leben verbunden ist, dass sich diese auch unter günstigsten Umständen nicht auf
ein vernünftiges Mass reduzieren lassen. Ein relatives Wagnis ist gegeben, wenn
es die versicherte Person unterlassen hat, die objektiv vorhandenen Risiken und
Gefahren auf ein vertretbares Mass herabzusetzen, obwohl dies möglich gewesen
wäre (BGE 97 V 72 ff.; SVR 2007 UV Nr. 4 S. 10 E. 2.1, U 122/06; Rumo-Jungo,
a.a.O., S. 291 ff.; Maurer, a.a.O., S. 508 f.; Urs Ch. Nef, Das Wagnis in der
sozialen Unfallversicherung, SZS 1985 S. 103 ff., 104 f.).

6.2 Indem sich die Versicherte an einem Samstagabend im November um 22.40 Uhr
bei schlechtem Wetter in dunkler Kleidung ausserorts auf eine Hauptstrasse
legte, setzte sie sich einer erheblichen Gefahr für Leib und Leben aus, welche
sich in der Folge auch - in Form einer erheblichen Gesundheitsschädigung -
verwirklichte. Ein schützenswerter Grund für dieses Verhalten ist nicht
ersichtlich. Überdies war es unter den gegebenen Umständen auch nicht möglich,
die Gefahr auf ein vernünftiges Mass zu reduzieren. Das Vorgehen der
Beschwerdeführerin ist daher als absolutes Wagnis zu qualifizieren.

6.3 Nach der Rechtsprechung liegt kein zu einer Leistungskürzung berechtigendes
Wagnis vor, wenn die versicherte Person zum massgebenden Zeitpunkt vollständig
zurechnungs- bzw. schuldunfähig war. Eine bloss teilweise Schuldunfähigkeit
führt demgegenüber nicht dazu, dass die versicherungsrechtlichen Konsequenzen
des Wagnisses ausbleiben würden (BGE 98 V 144 E. 4a S. 149). Vorliegend ist
nicht von einer völlig fehlenden Schuldfähigkeit auszugehen: Die polizeiliche
Blutprobe ergab einen Blutalkoholgehalt von rund 1 Gewichtspromille. Ein
solcher schliesst die Schuldfähigkeit regelmässig nicht aus (Urteil U 612/06
vom 5. Oktober 2007, E. 4.2.1, mit Hinweisen auf die strafrechtliche Judikatur,
welche - im Sinne einer Faustregel - von der Vermutung ausgeht, bei einem
Blutalkoholgehalt von unter zwei Promillen liege keine und erst ab einem
solchen von drei Promillen eine vollständige Beeinträchtigung der
Schuldfähigkeit vor). Dr. med. R.________ verneint in seinem Gutachten vom 27.
Juli 2005 auch die Frage, ob dieser Effekt aus einer Kombination von Alkohol
und Medikamenten resultiert haben könnte. Er gelangt zum klaren Ergebnis, die
Urteilsfähigkeit der Explorandin sei im Zeitpunkt des Ereignisses vom 16.
November 2002 nicht vollständig aufgehoben gewesen. Die Voraussetzungen für
eine Leistungskürzung wegen eines Wagnisses nach Art. 39 UVG in Verbindung mit
Art. 50 UVV sind somit erfüllt.

7.
7.1 Nach dem Gesagten sind die Leistungen der Beschwerdeführerin für das
Ereignis vom 16. November 2002 zu kürzen, weil die Verletzungen der
Beschwerdegegnerin auf ein absolutes Wagnis zurückgehen. Eine Leistungskürzung
gemäss Art. 39 in Verbindung mit Art. 50 Abs. 1 UVV geht derjenigen wegen
Grobfahrlässigkeit gemäss Art. 37 Abs. 2 UVG vor (Rumo-Jungo, a.a.O., S. 314,
mit Hinweis auf BGE 104 V 19 ff.; Jean-Maurice Frésard / Margit Moser-Szeless,
L'assurance-accidents obligatoire, in: Schweizerisches Bundesverwaltungsrecht
[SBVR], Soziale Sicherheit, 2. Auflage, Basel 2007, S. 825 ff., 938 f. N 331).
Daher ist nicht näher zu prüfen, ob das Verhalten der Versicherten als
grobfahrlässig zu gelten hat.

7.2 Was den Umfang der Leistungsreduktion angeht, sieht Art. 50 Abs. 1 UVV eine
Kürzung um die Hälfte und in besonders schweren Fällen die vollständige
Verweigerung der Leistungen vor. Die Norm ermöglicht somit auch eine Reduktion
um mehr als 50 %. Ausschlaggebend sind diesbezüglich insbesondere das
Verschulden bzw. die subjektiven Motive der versicherten Person (Rumo-Jungo,
a.a.O., S. 310, mit Hinweis). Die Parteien haben sich zur Frage, ob und
gegebenenfalls in welchem Ausmass sich eine über 50 % hinausgehende Kürzung
rechtfertige, bisher nicht näher geäussert. Aufgrund des kantonalen Entscheids
bestand hierzu auch kein Anlass. Die Sache ist deshalb - im Ergebnis
entsprechend dem vorinstanzlichen Entscheid - an die Beschwerdeführerin
zurückzuweisen. Dem Versicherer steht in diesem Zusammenhang ein gewisser
Ermessensspielraum zu (Maurer, a.a.O., S. 512). Aufgrund der derzeitigen
Aktenlage zur damaligen psychischen Verfassung der Beschwerdegegnerin dürfte
allerdings eine Kürzung um mehr als 50 % kaum in Frage kommen.

8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind dessen Kosten der Beschwerdeführerin
aufzuerlegen (Art. 66 Abs. 1 BGG; BGE 133 V 642). Sie hat der
Beschwerdegegnerin überdies eine Parteientschädigung auszurichten (Art. 68 Abs.
1 und 2 BGG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen abgewiesen.

2.
Die Gerichtskosten von Fr. 500.- werden der Beschwerdeführerin auferlegt.

3.
Die Beschwerdeführerin hat die Beschwerdegegnerin für das bundesgerichtliche
Verfahren mit Fr. 2500.- zu entschädigen.

4.
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Sozialversicherungsgericht des Kantons
Zürich und dem Bundesamt für Gesundheit schriftlich mitgeteilt.
Luzern, 16. Juni 2008
Im Namen der I. sozialrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts
Der Präsident: Der Gerichtsschreiber:

Ursprung Flückiger