Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Sozialrechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 8C.506/2007
Zurück zum Index I. Sozialrechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 2007
Retour à l'indice I. Sozialrechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 2007


Tribunale federale
Tribunal federal

{T 0/2}
8C_506/2007

Urteil vom 18. April 2008
I. sozialrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Ursprung, Präsident,
Bundesrichterin Widmer, Bundesrichter Frésard,
Gerichtsschreiberin Riedi Hunold.

Parteien
R.________, Beschwerdeführer, vertreten durch Rechtsanwalt Daniel Ehrenzeller,
Engelgasse 214, 9053 Teufen,

gegen

Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (SUVA), Fluhmattstrasse 1, 6004
Luzern,
Beschwerdegegnerin.

Gegenstand
Unfallversicherung,

Beschwerde gegen den Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen
vom 4. Juni 2007.

Sachverhalt:

A.
R.________, geboren 1951, war vom 24. Januar 2001 bis 31. Juli 2005 bei der
Firma F.________ AG als Schweisser angestellt und in dieser Eigenschaft bei der
Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (nachfolgend: SUVA) gegen die Folgen
von Unfällen versichert. Am 28. Februar 2005 zog er sich bei der Arbeit eine
Distorsion der Hals- und Lendenwirbelsäule zu, als ein 70 bis 80 kg schwerer
Feuerrahmen aus der Halterung des von ihm bedienten Krans rutschte und er
diesen mit der rechten Hand wegstiess. In der Folge setzte er mit der Arbeit
aus. Die SUVA erbrachte die gesetzlichen Leistungen. Mit Verfügung vom 2.
Februar 2006, bestätigt mit Einspracheentscheid vom 21. Juni 2006, stellte die
SUVA ihre Leistungen per 31. Januar 2006 ein.

B.
Die hiegegen erhobene Beschwerde wies das Versicherungsgericht des Kantons St.
Gallen mit Entscheid vom 4. Juni 2007 ab.

C.
R.________ lässt Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten führen
mit dem Antrag, es seien der kantonale Entscheid aufzuheben und die Sache im
Sinne seiner Ausführungen an die SUVA zurückzuweisen. Zudem ersucht er um
unentgeltliche Rechtspflege. Die SUVA schliesst auf Abweisung der Beschwerde.
Das Bundesamt für Gesundheit verzichtet auf eine Vernehmlassung.

Erwägungen:

1.
Die Vorinstanz hat die Bestimmungen und Grundsätze über die
Leistungsvoraussetzungen des natürlichen (BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181 mit
Hinweisen) und des adäquaten Kausalzusammenhangs (BGE 129 V 177 E. 3.2 S. 181
mit Hinweis) zutreffend dargelegt. Darauf wird verwiesen.

2.
Letztinstanzlich ist nicht mehr streitig, ob die bei Einstellung der Leistungen
noch bestehenden physischen Beschwerden in einem natürlichen Kausalzusammenhang
mit dem Unfall vom 28. Februar 2005 stehen. Der Versicherte macht hingegen
geltend, sein psychisches Leiden sei auf den Unfall zurückzuführen, weshalb die
SUVA ihm weitere Leistungen schulde (Taggeld, Rente, Integritätsentschädigung).

3.
3.1 Für Leistungen des Unfallversicherers ist nebst dem natürlichen auch ein
adäquater Kausalzusammenhang zwischen den Unfallereignis und dessen
gesundheitlichen Folgen erforderlich. Dies gilt sowohl bei physischen wie auch
bei psychischen Beschwerden. Bei physischen Leiden bietet dies in der Regel
keine Probleme, da sich bei organisch nachweisbaren Gesundheitsstörungen die
adäquate Kausalität weitgehend mit der natürlichen deckt (BGE 118 V 286 E. 3a
S. 291). Für die psychischen Leiden hat die Rechtsprechung verschiedene
Prüfungsschemen entwickelt. Sofern nicht eine psychische Schädigung nach einem
Schreckereignis (BGE 129 V 177; SVR 2008 UV Nr. 7 S. 22 [= U 548/06]), ein
Schädel-Hirntrauma (BGE 117 V 369), ein Schleudertrauma der Halswirbelsäule
ohne organisch nachweisbare Funktionsausfälle oder ein äquivalenter
Verletzungsmechanismus (BGE 117 V 359; vgl. auch in der Amtlichen Sammlung noch
nicht publiziertes Urteil U 394/06 vom 19. Februar 2008) vorliegt, hat die
Prüfung der Adäquanz nach der Rechtsprechung zu den psychischen
Fehlentwicklungen gemäss BGE 115 V 133 zu erfolgen. Denn die Rechtsprechung hat
es wiederholt abgelehnt, bei psychischen Beschwerden auf das Erfordernis der
Adäquanz zu verzichten (BGE 129 V 177 E. 3.3 S. 182 mit Hinweis).

3.2 Der Versicherte macht geltend, sein psychisches Leiden sei eine direkte
Folge des Unfalls und keine Fehlentwicklung im Sinne von BGE 115 V 133; die
Dekompensation sei auf die unfallbedingte physische Arbeitsunfähigkeit
zurückzuführen.

3.3 Wie in E. 3.1 dargelegt, hat die Rechtsprechung verschiedene
Prüfungsschemen entwickelt. Der Versicherte hat weder ein Schleudertrauma noch
eine äquivalente Verletzung oder ein Schädel-Hirntrauma erlitten. Vielmehr
leidet er unter psychischen Fehlentwicklungen nach einem Unfall. Diese Leiden
sind nicht direkt auf den Unfall zurückzuführen, sondern eine indirekte Folge
desselben, indem der Versicherte nach dem Ereignis vom 28. Februar 2005 die
psychisch stabilisierende Funktion seiner beruflichen Tätigkeit verlor (vgl.
Bericht des Dr. med. H.________, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
vom 22. November 2006) und in der Folge objektiv nicht erklärbare schmerzhafte
Einschränkungen entwickelte, die ihn an der Wiederaufnahme einer
Arbeitstätigkeit hinderten und unbestrittenermassen psychischen Ursprungs sind.
Mit der SUVA ist festzuhalten, dass es dabei keine Rolle spielt, ob beim
Versicherten "nur" eine somatoforme Schmerzstörung oder aber eine mittelgradig
depressive Episode mit somatischem Syndrom vorliegt. Massgebend ist vielmehr,
dass es sich um ein psychisches Leiden handelt und damit dessen Adäquanz einem
der von der Rechtsprechung entwickelten Prüfungsschemen zu genügen hat. Daran
vermöchte auch ein weiterer psychiatrischer Bericht nichts zu ändern, weshalb
offen bleiben kann, ob es sich beim Bericht des Dr. med. T.________, Facharzt
für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 9. Juli 2007 um ein zulässiges Novum im
Sinne von Art. 99 Abs. 1 BGG handelt. Vorinstanz und Verwaltung haben demnach
zu Recht den adäquaten Kausalzusammenhang der psychischen Beschwerden nach der
Rechtsprechung von BGE 115 V 133 geprüft und es ist auf die vom Versicherten
angerufene Rechtsprechung von BGE 130 V 352 zu den somatoformen
Schmerzstörungen und deren Überwindbarkeit nicht weiter einzugehen, da diese
die Ermittlung der objektiv zumutbaren Arbeitsfähigkeit bezweckt und nicht der
Prüfung des adäquaten Kausalzusammenhangs physischer Beschwerden dient.

4.
Auf Grund des augenfälligen Geschehensablaufs ist das Ereignis vom 28. Februar
2005 den mittleren Unfällen im Bereich zu den leichten einzuordnen (BGE 115 V
133 E. 6 S. 138). Damit müssen von den in BGE 115 V 133 E. 6c/aa S. 140
erwähnten Kriterien mehrere oder eines in besonders auffälliger Weise gegeben
sein (BGE 115 V 133 E. 6c/bb S. 140).
Der Unfall hat sich weder unter besonders dramatischen Umständen abgespielt
noch war er von besonderer Eindrücklichkeit. Der Versicherte hat sich keine
schweren physischen Verletzungen oder solche besonderer Art zugezogen. Aus
somatischer Sicht war keine ärztliche Behandlung von ungewöhnlich langer Dauer
nötig. Er leidet auch nicht unter körperlichen Dauerschmerzen, sind doch seine
geklagten Beschwerden unbestrittenermassen psychischen Ursprungs. Es liegen
weder eine ärztliche Fehlbehandlung noch ein schwieriger Heilungsverlauf oder
erhebliche Komplikationen vor. Schliesslich ist auch das Erfordernis einer
physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit zu verneinen.
Damit ist keines der massgeblichen Kriterien gegeben, so dass die psychischen
Beschwerden des Versicherten nicht adäquat kausal zum Unfall vom 28. Februar
2005 sind. Die Vorinstanz hat damit zu Recht die Leistungseinstellung der SUVA
auf Ende Januar 2006 bestätigt.

5.
Die unentgeltliche Prozessführung und Verbeiständung kann gewährt werden (Art.
64 BGG), da die Bedürftigkeit aktenkundig ist, die Beschwerde nicht als
aussichtslos zu bezeichnen ist und die Vertretung geboten war (BGE 125 V 201 E.
4a S. 202 und 371 E. 5b S. 372, je mit Hinweisen). Es wird indessen
ausdrücklich auf Art. 64 Abs. 4 BGG aufmerksam gemacht, wonach die begünstigte
Partei der Gerichtskasse Ersatz zu leisten haben wird, wenn sie später dazu im
Stande ist.

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2.
Dem Beschwerdeführer wird die unentgeltliche Rechtspflege gewährt.

3.
Die Gerichtskosten von Fr. 500.- werden dem Beschwerdeführer auferlegt, indes
vorläufig auf die Gerichtskasse genommen.

4.
Rechtsanwalt Daniel Ehrenzeller, Teufen AR, wird als unentgeltlicher Anwalt des
Beschwerdeführers bestellt, und es wird ihm für das bundesgerichtliche
Verfahren aus der Gerichtskasse eine Entschädigung von Fr. 2500.- ausgerichtet.

5.
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Versicherungsgericht des Kantons St.
Gallen, dem Bundesamt für Gesundheit und der SWICA Gesundheitsorganisation
schriftlich mitgeteilt.
Luzern, 18. April 2008
Im Namen der I. sozialrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts
Der Präsident: Die Gerichtsschreiberin:

Ursprung Riedi Hunold