Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Sozialrechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 8C.531/2007
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Tribunale federale
Tribunal federal

{T 0/2}
8C_531/2007

Urteil vom 31. Juli 2008
I. sozialrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Ursprung, Präsident,
Bundesrichter Lustenberger, Bundesrichterin Leuzinger,
Gerichtsschreiberin Durizzo.

Parteien
J.________, Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt Silvan Meier Rhein, Ankerstrasse 24, 8004 Zürich,

gegen

Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (SUVA), Fluhmattstrasse 1, 6004
Luzern,
Beschwerdegegnerin.

Gegenstand
Unfallversicherung,

Beschwerde gegen den Entscheid des Verwaltungsgerichts des Kantons Thurgau
vom 20. Juni 2007.

Sachverhalt:

A.
J.________, geboren 1954, erlitt am 10. Juni 2000 einen Autounfall. Auf der
Reise in die Heimat in einem Reisecar geriet dieser ins Schleudern, der
Chauffeur verlor die Herrschaft über das Fahrzeug und der Car rutschte zunächst
auf die Seite und kam schliesslich im Strassengraben auf dem Dach liegend zum
Stillstand. Zwei Personen kamen dabei ums Leben, 15 wurden verletzt, darunter
auch J.________, welcher Schürfwunden an Bauch, Arm und Hand sowie eine Ruptur
der Subscapularissehne erlitt. Die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt
(SUVA) erbrachte die gesetzlichen Leistungen. Am 21. August 2003 stellte sie
den Abschluss des Falles in Aussicht und sprach dem Versicherten mit Verfügung
vom 11. September 2003 eine Invalidenrente bei einer Erwerbsunfähigkeit von 10
% zu. Eine Haftung für psychische Unfallfolgen lehnte sie ab und hielt an ihrer
Auffassung auch auf Einsprache hin fest (Einspracheentscheid vom 5. August
2004).

B.
Nach Sistierung des Verfahrens bis zum Eingang des von der SUVA in Auftrag
gegebenen psychiatrischen Gutachtens (des Dr. med. E.________,
Psychiatriezentrum X.________, vom 15. November 2006) wies das
Verwaltungsgericht des Kantons Thurgau die von J.________ erhobene Beschwerde
mit Entscheid vom 20. Juni 2007 ab.

C.
J.________ lässt Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten führen
mit dem Antrag, unter Aufhebung des angefochtenen Entscheides sei ihm (unter
Berücksichtigung der psychischen Beschwerden) eine höhere Invalidenrente sowie
eine Integritätsentschädigung zuzusprechen.
Während die SUVA auf Abweisung der Beschwerde schliesst, verzichtet das
Bundesamt für Gesundheit auf eine Vernehmlassung.

Erwägungen:

1.
1.1 Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG setzt zunächst
voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden
(Krankheit, Invalidität, Tod) ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht.
Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle Umstände, ohne
deren Vorhandensein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht
als in der gleichen Weise bzw. nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht
werden kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahung des
natürlichen Kausalzusammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die
alleinige oder unmittelbare Ursache gesundheitlicher Störungen ist; es genügt,
dass das schädigende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche
oder geistige Integrität der versicherten Person beeinträchtigt hat, der Unfall
mit andern Worten nicht weggedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene
gesundheitliche Störung entfiele (BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181, 402 E. 4.3.1 S.
406, 119 V 335 E. 1 S. 337, 118 V 286 E. 1b S. 289, je mit Hinweisen).
Ob zwischen einem schädigenden Ereignis und einer gesundheitlichen Störung ein
natürlicher Kausalzusammenhang besteht, ist eine Tatfrage, worüber die
Verwaltung bzw. im Beschwerdefall das Gericht im Rahmen der ihm obliegenden
Beweiswürdigung nach dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu befinden hat. Die blosse Möglichkeit eines
Zusammenhangs genügt für die Begründung eines Leistungsanspruches nicht (BGE
129 V 177 E. 3.1 S. 181, 119 V 335 E. 1 S. 338, 118 V 286 E. 1b S. 289, je mit
Hinweisen).

1.2 Die Leistungspflicht des Unfallversicherers setzt im Weiteren voraus, dass
zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden ein adäquater
Kausalzusammenhang besteht. Nach der Rechtsprechung hat ein Ereignis dann als
adäquate Ursache eines Erfolges zu gelten, wenn es nach dem gewöhnlichen Lauf
der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung an sich geeignet ist, einen
Erfolg von der Art des eingetretenen herbeizuführen, der Eintritt dieses
Erfolges also durch das Ereignis allgemein als begünstigt erscheint (BGE 129 V
177 E. 3.2 S. 181, 402 E. 2.2 S. 405, 125 V 456 E. 5a S. 461 mit Hinweisen).

2.
Streitig ist, ob es sich bei den vom Versicherten geklagten anhaltenden
psychischen Beschwerden ebenfalls um Unfallfolgen handelt und deshalb eine
höhere als die gewährte Invalidenrente - welche lediglich die Einschränkung
zufolge der Schulterbeschwerden berücksichtigt - sowie eine
Integritätsentschädigung zuzusprechen ist.

3.
Der Beschwerdeführer macht geltend, das kantonale Gericht habe die natürliche
Kausalität dieser Beschwerden zu Unrecht verneint.

3.1 Die Vorinstanz ist dabei der Auffassung der SUVA gefolgt, wonach mit Blick
auf die im psychiatrischen Gutachten des Dr. med. E.________ genannten
vielfältigen unfallfremden Faktoren und der grossen zeitlichen Distanz zwischen
Unfall und Auftreten des psychischen Krankheitszustandes ein natürlicher Konnex
nicht angenommen werden könne.

3.2 Nach eingehender Exploration nannte der begutachtende Psychiater Dr. med.
E.________ als unfallfremde Faktoren die Trennung von der Ehefrau, die damit
verbundene Einsamkeit, den Verlust einer geliebten Arbeit, die
Arbeitslosigkeit, die schwierige finanzielle Situation und allenfalls zuletzt
den Tod der Mutter, mit alldem verbunden das Gefühl, dadurch alleine und
gemieden zu sein. Eine prozentuale Aufführung sei rein hypothetisch und seriös
nicht punktgenau vorzunehmen. Die unfallfremden Faktoren dürften aber den
überwiegenden, wenn nicht sogar weit überwiegenden Anteil der aktuellen
Beschwerden ausmachen. Aus seiner Sicht war von einer Reduktion der
Arbeitsfähigkeit um 20-30 % auszugehen, dies bei Diagnose einer leichten
Depression (nachdem das höchstens leichte depressive Zustandsbild mehr als zwei
Jahre angedauert hatte) und Einschränkung der Arbeitsfähigkeit zufolge leichter
Verminderung der Flexibilität und Umstellungsfähigkeit, einer eher leichten
Verminderung der Durchhaltefähigkeit und allenfalls einer Verminderung der
Gruppen- und Konfliktfähigkeit sowie einer verminderten Belastbarkeit in
Drucksituationen. Die mit der früher gestellten Diagnose einer
posttraumatischen Belastungsstörung einhergehenden Beschwerden würden schon
seit Beginn der psychiatrischen Betreuung als regredient beschrieben.

3.3 Was die zeitliche Distanz zwischen Unfall und Auftreten des psychischen
Leidens betrifft, steht fest, dass der Beschwerdeführer die Psychiaterin Frau
Dr. med. S.________ erst knapp zwei Jahre nach dem Unfall, am 13. März 2002,
wegen depressiver Verstimmung und Schlafstörung aufgesucht hat. Diesbezüglich
ist zwar zu beachten, dass bei psychischen Störungen die Wahrscheinlichkeit
eines ursächlichen Zusammenhangs mit einem Unfall entsprechend dem zeitlichen
Abstand zwischen diesem und dem Auftreten von Symptomen einer psychogenen
Gesundheitsstörung abnimmt, weil das Unfallerlebnis in der Regel mit der Zeit
verarbeitet und verkraftet wird. Je grösser das zeitliche Intervall zwischen
einem Unfall und dem Eintritt psychischer Störungen ist, desto strengere
Anforderungen sind an den Wahrscheinlichkeitsbeweis des natürlichen
Kausalzusammenhanges zu stellen (SVR 2003 UV Nr. 12 S. 35 [U 78/02] E. 4.3.1
mit Hinweisen). Indessen spricht die zeitliche Distanz zwischen Unfall und
Auftreten der psychischen Störung nicht grundsätzlich gegen den natürlichen
Kausalzusammenhang. Auch Unfallfolgen können eine schwere psychische Belastung
darstellen und im Laufe der Zeit eine psychische Störung bewirken (so etwa
Dauerschmerzen, lange Arbeitsunfähigkeit, lange Dauer der ärztlichen
Behandlung; vgl. BGE 115 V 133 E. 6c/aa S. 140).

3.4 Ob ein natürlicher Kausalzusammenhang zwischen dem Unfallereignis und den
von Dr. med. E.________ erhobenen Befunden und der festgestellten
Arbeitsunfähigkeit besteht oder ob von unfallfremden Faktoren auszugehen ist,
kann offenbleiben, da es jedenfalls an der Adäquanz des Kausalzusammenhangs
mangelt (E. 4).

4.
Nach der Rechtsprechung zu den psychischen Unfallfolgen ist für die Bejahung
des adäquaten Kausalzusammenhangs im Einzelfall zu verlangen, dass dem Unfall
für die Entstehung der Arbeits- bzw. Erwerbsunfähigkeit eine massgebende
Bedeutung zukommt. Dies trifft dann zu, wenn er objektiv eine gewisse Schwere
aufweist oder mit anderen Worten ernsthaft ins Gewicht fällt. Für die
Beurteilung dieser Frage ist an das Unfallereignis anzuknüpfen, wobei ausgehend
vom augenfälligen Geschehensablauf eine Einteilung in banale bzw. leichte,
mittlere und schwere Unfällen vorzunehmen ist (BGE 115 V 133 E. 6 S. 138 ff.;
SVR 2008 UV Nr. 8 S. 26, U 2/07, E. 5.3.1).

4.1 Die Qualifikation des Ereignisses vom 10. Juni 2000 als schwerer Unfall im
mittleren Bereich ist mit Blick auf die in vergleichbaren Fällen, insbesondere
Autounfällen, ergangene Rechtsprechung nicht zu beanstanden (in BGE 129 V 323
nicht publizierte E. 3.3.2 des Urteils F. vom 25. Februar 2003 [U 161/01] und
dort zitierte Urteile).
Der Beschwerdeführer macht in diesem Zusammenhang geltend, es handle sich um
ein Schreckereignis. Indessen definiert sich das Schreckereignis - bei dem die
adäquate Kausalität nach der allgemeinen Adäquanzformel (gewöhnlicher Lauf der
Dinge und allgemeine Lebenserfahrung) zu beurteilen wäre - als seelische
Einwirkung durch einen gewaltsamen Vorfall ohne körperliche Verletzung (BGE 129
V 177; SVR 2008 UV Nr. 7 S. 22 [U 548/06], E. 2.2). Vorliegend hat der
Beschwerdeführer jedoch eine erhebliche körperliche Verletzung erlitten.

4.2 Die Adäquanz des Kausalzusammenhangs wäre daher zu bejahen, wenn ein
zusätzliches der für die Beurteilung massgebenden Kriterien in besonders
ausgeprägter Form gegeben ist (BGE 115 V 133 E. 6c/bb S. 140 f.). Zu prüfen
sind dabei folgende Kriterien: besonders dramatische Begleitumstände oder
besondere Eindrücklichkeit des Unfalles; die Schwere oder besondere Art der
erlittenen Verletzung, insbesondere die erfahrungsgemässe Eignung, psychische
Fehlentwicklungen auszulösen; ungewöhnlich lange Dauer der ärztlichen
Behandlung; körperliche Dauerschmerzen; ärztliche Fehlbehandlung, welche die
Unfallfolgen erheblich verschlimmert; schwieriger Heilungsverlauf und
erhebliche Komplikationen; Grad und Dauer der (physisch) bedingten
Arbeitsunfähigkeit (BGE 115 V 140 E. 6c/aa).

4.3 Dem Ereignis vom 10. Juni 2000 ist eine gewisse Eindrücklichkeit nicht
abzusprechen; besonders dramatisch war der Unfall indessen nicht. Die übrigen
zu berücksichtigenden Kriterien sind ebenfalls nicht erfüllt, da diese bei
psychischen Fehlentwicklungen nach Unfall unter Ausschluss psychischer Aspekte
geprüft werden (BGE 115 V 133 E. 6c/aa S. 140); die Schwere, Dauer und
ärztliche Behandlung der somatischen Beschwerden fallen vorliegend nicht ins
Gewicht. Die SUVA hat sich dazu in ihrem Einspracheentscheid vom 5. August 2004
einlässlich und zutreffend geäussert.

4.4 Mangels adäquater Kausalität der vom Beschwerdeführer geltend gemachten
psychischen Beschwerden mit dem Unfallereignis entfällt damit eine
diesbezügliche Leistungspflicht des Unfallversicherers.

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2.
Die Gerichtskosten von Fr. 500.- werden dem Beschwerdeführer auferlegt.

3.
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Verwaltungsgericht des Kantons Thurgau und
dem Bundesamt für Gesundheit schriftlich mitgeteilt.
Luzern, 31. Juli 2008
Im Namen der I. sozialrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts
Der Präsident: Die Gerichtsschreiberin:

Ursprung i.V. Lanz