Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Sozialrechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 8C.532/2007
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Tribunale federale
Tribunal federal

{T 0/2}
8C_532/2007

Urteil vom 9. Juni 2008
I. sozialrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Ursprung, Präsident,
Bundesrichterin Widmer, Bundesrichter Lustenberger, Bundesrichterin Leuzinger,
Bundesrichter Frésard,
Gerichtsschreiber Holzer.

Parteien
S.________,
Beschwerdeführerin, vertreten durch Fürsprecher Thomas Laube, Ulrichstrasse 14,
8032 Zürich,

gegen

Vaudoise Allgemeine Versicherungsgesellschaft, Place de Milan, 1007 Lausanne,
Beschwerdegegnerin.

Gegenstand
Unfallversicherung,

Beschwerde gegen den Entscheid des Sozialversicherungsgerichts des Kantons
Zürich vom 17. August 2007.

Sachverhalt:

A.
Die 1960 geborene S.________ war als kaufmännische Angestellte der Institution
Z.________ bei der Vaudoise Allgemeine Versicherungsgesellschaft (nachstehend:
Vaudoise) gegen die Folgen von Unfällen versichert, als sie sich am 12.
November 2006 bei einem Spiel im Rahmen eines Netzballturniers an der
Achillessehne verletzte. Mit Verfügung vom 23. Januar 2007 und
Einspracheentscheid vom 16. April 2007 verneinte die Vaudoise ihre
Leistungspflicht, da weder ein Unfall noch eine unfallähnliche Körperschädigung
vorliege.

B.
Die von S.________ hiegegen erhobene Beschwerde wies das
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich mit Entscheid vom 17. August 2007
ab.

C.
Mit Beschwerde beantragt S.________, ihr seien unter Aufhebung des Einsprache-
und des kantonalen Gerichtsentscheides die gesetzlichen Leistungen nach UVG zu
erbringen.

Während die Vaudoise auf Abweisung der Beschwerde schliesst, verzichtet das
Bundesamt für Gesundheit auf eine Stellungnahme.

Erwägungen:

1.
1.1 Die Beschwerde kann wegen Rechtsverletzung gemäss Art. 95 und Art. 96 BGG
erhoben werden. Das Bundesgericht wendet das Recht von Amtes wegen an (Art. 106
Abs. 1 BGG). Es ist somit weder an die in der Beschwerde geltend gemachten
Argumente noch an die Erwägungen der Vorinstanz gebunden; es kann eine
Beschwerde aus einem anderen als dem angerufenen Grund gutheissen und es kann
sie mit einer von der Argumentation der Vorinstanz abweichenden Begründung
abweisen (vgl. BGE 130 III 136 E. 1.4 S. 140). Das Bundesgericht prüft
grundsätzlich nur die geltend gemachten Rügen; es ist nicht gehalten, wie eine
erstinstanzliche Behörde alle sich stellenden rechtlichen Fragen zu prüfen,
wenn diese vor Bundesgericht nicht mehr vorgetragen wurden. Es kann die
Verletzung von Grundrechten und von kantonalem und interkantonalem Recht nur
insofern prüfen, als eine solche Rüge in der Beschwerde vorgebracht und
begründet worden ist (Art. 106 Abs. 2 BGG).

1.2 Im Beschwerdeverfahren um die Zusprechung oder Verweigerung von
Geldleistungen der Militär- oder Unfallversicherung ist das Bundesgericht nicht
an die vorinstanzliche Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gebunden
(Art. 97 Abs. 2 und Art. 105 Abs. 3 BGG).

2.
2.1 Im verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren sind grundsätzlich nur
Rechtsverhältnisse zu überprüfen und zu beurteilen, zu denen die zuständige
Verwaltungsbehörde vorgängig verbindlich - in Form einer Verfügung - Stellung
genommen hat. Insoweit bestimmt die Verfügung den beschwerdeweise
weiterziehbaren Anfechtungsgegenstand. Umgekehrt fehlt es an einem
Anfechtungsgegenstand und somit an einer Sachurteilsvoraussetzung, wenn und
insoweit keine Verfügung ergangen ist (BGE 131 V 164 E. 2.1, 125 V 412 E. 1a S.
414 mit Hinweisen). Streitgegenstand im System der nachträglichen
Verwaltungsrechtspflege ist das Rechtsverhältnis, welches - im Rahmen des durch
die Verfügung bestimmten Anfechtungsgegenstandes - den auf Grund der
Beschwerdebegehren effektiv angefochtenen Verfügungsgegenstand bildet.
Anfechtungs- und Streitgegenstand sind danach identisch, wenn die
Verwaltungsverfügung insgesamt angefochten wird; bezieht sich demgegenüber die
Beschwerde nur auf einzelne der durch die Verfügung bestimmten
Rechtsverhältnisse, gehören die nicht beanstandeten - verfügungsweise
festgelegten - Rechtsverhältnisse zwar wohl zum Anfechtungs-, nicht aber zum
Streitgegenstand (BGE 131 V 164 E. 2.1, 125 V 412 E. 1b in Verbindung mit E.
2a, S. 414 ff.).

2.2 Mit Verfügung vom 23. Januar 2007 und Einspracheentscheid vom 16. April
2007 lehnte die Beschwerdegegnerin ihre Leistungspflicht ab, da die Teilruptur
der Achillessehne beim Netzballspiel am 12. November 2006 weder als Unfall noch
als unfallähnliches Ereignis zu qualifizieren sei. Die Beschwerdeführerin
machte erstmals vor kantonalem Gericht in ihrer Replik vom 11. Juni 2007
geltend, Ende November 2006 in ihrem Büro einen Stolpersturz mit vollständiger
Ruptur der Achillessehne erlitten zu haben. Darüber, ob aufgrund dieses zweiten
Ereignisses eine Leistungspflicht besteht, hat sich die Beschwerdegegnerin noch
nicht verfügungsweise geäussert; diese Frage gehört somit nicht zum
Streitgegenstand. Insofern die Versicherte vor Bundesgericht erneut diesen
Stolpersturz geltend macht, ist somit auf die Beschwerde nicht einzutreten.

3.
Das kantonale Gericht hat die gesetzlichen Bestimmungen zum Unfallbegriff (Art.
4 ATSG) und zu den unfallähnlichen Körperschädigungen (Art. 6 Abs. 2 UVG in
Verbindung mit Art. 9 Abs. 2 UVV) ebenso zutreffend dargelegt, wie die
Rechtsprechung zu den Leistungsvoraussetzungen bei unfallähnlichen
Körperschädigungen (BGE 129 V 466). Darauf wird verwiesen.

4.
Es steht fest und ist unbestritten, dass sich die Beschwerdeführerin am 12.
November 2006 während eines Netzballspieles beim Fangen eines Balles eine
Teilruptur der Achillessehne und damit eine Verletzung im Sinne von Art. 9 Abs.
2 UVV zugezogen hat. Die Beschwerdeführerin hat zu Recht vor kantonalem Gericht
anerkannt, dass dieses Ereignis nicht als Unfall zu qualifizieren ist. Streitig
und zu prüfen ist jedoch, ob diese Teilruptur auf einen schädigenden äusseren
Faktor im Sinne der Rechtsprechung zur unfallähnlichen Körperschädigung
zurückzuführen und damit einem Unfall gleichgestellt ist.

5.
5.1 Wie die Vorinstanz zutreffend ausführt, kann die schädigende äussere
Einwirkung in einer körpereigenen Bewegung bestehen. Das Erfordernis des
äusseren schädigenden Faktors ist indessen dann nicht erfüllt, wenn das
erstmalige Auftreten der Schmerzen mit einer blossen Lebensverrichtung
einhergeht, auch wenn die versicherte Person diese zu beschreiben in der Lage
ist. Gemäss Rechtsprechung ist für die Bejahung eines äusseren auf den
menschlichen Körper schädigend einwirkenden Faktors stets ein Geschehen
verlangt, dem ein gewisses gesteigertes Gefährdungspotenzial innewohnt. Das ist
zu bejahen, wenn die zum einschiessenden Schmerz führende Tätigkeit im Rahmen
einer allgemein gesteigerten Gefahrenlage vorgenommen wird, wie dies etwa für
viele sportliche Betätigungen zutreffen kann. Der äussere Faktor mit
erheblichem Schädigungspotenzial ist sodann auch zu bejahen, wenn die in Frage
stehende Lebensverrichtung einer mehr als physiologisch normalen und
psychologisch beherrschten Beanspruchung des Körpers, insbesondere seiner
Gliedmassen, gleichkommt. Deswegen fallen einschiessende Schmerzen als Symptome
einer Schädigung nach Art. 9 Abs. 2 UVV ausser Betracht, wenn sie allein bei
der Vornahme einer alltäglichen Lebensverrichtung auftreten, ohne dass hiezu
ein davon unterscheidbares äusseres Moment hineinspielt. Wer also lediglich
beim Aufstehen, Absitzen, Abliegen, der Bewegung im Raum, Handreichungen usw.
einen einschiessenden Schmerz erleidet, welcher sich als Symptom einer
Schädigung nach Art. 9 Abs. 2 UVV herausstellt, kann sich nicht auf das
Vorliegen einer unfallähnlichen Körperschädigung berufen. Die physiologische
Beanspruchung des Skelettes, der Gelenke, Muskeln, Sehnen und Bänder stellt
keinen äusseren Faktor dar, dem ein zwar nicht ungewöhnliches, jedoch gegenüber
dem normalen Gebrauch der Körperteile gesteigertes Gefährdungspotenzial
innewohnen muss (BGE 129 V 466 E. 4.2.2 S. 470).

5.2 Das Bundesgericht hat bei Schädigungen im Rahmen von Ballspielen das
gesteigerte Gefährdungspotenzial verschiedentlich bejaht (Urteile U 469/06 vom
26. Juli 2007, E. 5.2, U 71/07 vom 15. Juni 2007, E. 6.2, U 611/06 vom 12. März
2007, E. 5.1). Wie in den angeführten Präjudizien ist auch im vorliegenden Fall
der Gesundheitsschaden auf eine Beanspruchung des Körpers zurückzuführen,
welche über die alltäglichen Belastungen hinausgeht: Die Beschwerdeführerin
fing während eines Netzball-Turniers einen Ball. Ihr Gleichgewicht, welches
durch die Wucht des Balles gestört war, durfte sie aufgrund der Spielregeln
nicht durch einen natürlichen, spontanen Bewegungsablauf, sondern lediglich
durch einen einzigen Schritt wiederherstellen. Dabei schoss ein Schmerz ein,
welcher sich nachträglich als Symptom einer Teilruptur der Achillessehne
erwies. Dieses Geschehnis weist ein besonderes Gefährdungspotenzial auf; damit
ist das Vorliegen eines unfallähnlichen Ereignisses zu bejahen.

6.
Das Verfahren ist kostenpflichtig. Als unterliegende Partei hat die
Beschwerdegegnerin die Gerichtskosten zu tragen (Art. 66 Abs. 1 BGG; BGE 133 V
642, E. 5). Sie hat der Beschwerdeführerin ausserdem eine Parteientschädigung
zu bezahlen (Art. 68 Abs. 2 BGG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit darauf einzutreten ist. Der Entscheid
des Sozialversicherungsgerichts des Kantons Zürich vom 17. August 2007 und der
Einspracheentscheid der Vaudoise Allgemeinen Versicherungsgesellschaft vom 16.
April 2007 werden aufgehoben. Es wird festgestellt, dass die Beschwerdeführerin
am 12. November 2006 eine unfallähnliche Körperschädigung erlitten hat und dass
die Vaudoise Allgemeine Versicherungsgesellschaft für die Folgen dieses
Ereignisses im Grundsatz leistungspflichtig ist.

2.
Die Gerichtskosten von Fr. 500.- werden der Beschwerdegegnerin auferlegt.

3.
Die Beschwerdegegnerin hat die Beschwerdeführerin für das bundesgerichtliche
Verfahren mit Fr. 2500.- zu entschädigen.

4.
Die Sache wird zur Neuverlegung der Parteientschädigung des vorangegangenen
Verfahrens an das Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich zurückgewiesen.

5.
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Sozialversicherungsgericht des Kantons
Zürich und dem Bundesamt für Gesundheit schriftlich mitgeteilt.
Luzern, 9. Juni 2008
Im Namen der I. sozialrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts
Der Präsident: Der Gerichtsschreiber:

Ursprung Holzer