Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Sozialrechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 8C.565/2007
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Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

{T 0/2}
8C_565/2007

Urteil vom 28. August 2008
I. sozialrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichterin Widmer, präsidierendes Mitglied,
Bundesrichter Lustenberger, Bundesrichterin Leuzinger,
Gerichtsschreiberin Schüpfer.

Parteien
H.________,
Beschwerdeführerin, vertreten durch Rechtsanwältin Bernadette Zürcher, St.
Urbangasse 2, Postfach, 8024 Zürich,

gegen

Winterthur Schweizerische Versicherungs-Gesellschaft, Generaldirektion, General
Guisan-Strasse 40, 8400 Winterthur,
Beschwerdegegnerin.

Gegenstand
Unfallversicherung,

Beschwerde gegen den Entscheid des Sozialversicherungsgerichts des Kantons
Zürich vom 23. August 2007.

Sachverhalt:

A.
Die 1965 geborene H.________ kam im Juli 1994 von Bosnien Herzegowina in die
Schweiz, wo sie als Flüchtling anerkannt wurde. Sie war als
Restaurantmitarbeiterin in der Patientencafeteria der Psychiatrischen
Universitätsklinik X.________ tätig und bei der Winterthur Schweizerische
Versicherungs-Gesellschaft (nachfolgend; Winterthur) obligatorisch gegen die
Folgen von Berufs- und Nichtberufsunfällen versichert. Am 24. August 2002
explodierte beim Füllen des Rahmbläsers eine Gaspatrone und traf die
Versicherte an der rechten Brust. Die erstbehandelnde Ärztin fand eine 3 x 3 cm
grosse Schwellung und ein beginnendes resistentes Hämatom. Dieses wurde
sonographisch bestätigt. Innert kurzer Frist nach dem Ereignis stellte der
Hausarzt, Dr. med. F.________, eine Reaktivierung eines vorbestandenen
Psychotraumas - herrührend von schwerwiegenden Kriegserlebnissen während des
Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien - fest. Die behandelnde
Psychotherapeutin lic. phil. S.________ stellte am 12. Januar 2003 die Diagnose
einer posttraumatischen Belastungsstörung nach Unfall am Arbeitsplatz. Die
Winterthur stellte mit Verfügung vom 13. Juni 2003 ihre Taggeldzahlungen ab dem
2. September 2002 und die Heilkostenleistungen ab 14. Dezember 2002 ein. Im
daraufhin angehobenen Einspracheverfahren holte die Unfallversicherung weitere
Arztberichte und Stellungnahmen ihrer beratenden Ärzte ein, wies die Einsprache
mit Entscheid vom 31. März 2006 indessen vollumfänglich ab.

B.
In ihrer Stellungnahme zur gegen den Einspracheentscheid geführten Beschwerde
anerkannte die Winterthur ihre Leistungspflicht in Form von Heilbehandlung und
Taggeld für die rechtsseitige Dukektomie vom 24. März 2003 und eine
Abszesspunktion vom 16. April 2003 sowie die Nachbehandlung vom 2. September
2003. Mit Entscheid vom 23. August 2007 hiess das Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich die Beschwerde in diesem Sinne teilweise gut und wies die
darüber hinausgehenden Ansprüche ab.

C.
H.________ lässt Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten führen
und beantragen, in teilweiser Aufhebung des kantonalen Entscheides seien ihr
auch über den 24. April beziehungsweise 3. September 2003 hinaus
Versicherungsleistungen nach UVG zu erbringen. In prozessualer Hinsicht
ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung.
Die Winterthur schliesst auf Abweisung der Beschwerde. Das Bundesamt für
Gesundheit verzichtet auf Vernehmlassung.
Mit Verfügung vom 25. Februar 2008 wies das Bundesgericht das Gesuch um
unentgeltliche Prozessführung ab.

Erwägungen:

1.
Die Beschwerde kann wegen Rechtsverletzung gemäss Art. 95 und Art. 96 BGG
erhoben werden. Das Bundesgericht wendet das Recht von Amtes wegen an (Art. 106
Abs. 1 BGG). Es ist somit weder an die in der Beschwerde geltend gemachten
Argumente noch an die Erwägungen der Vorinstanz gebunden; es kann eine
Beschwerde aus einem anderen als dem angerufenen Grund gutheissen und es kann
sie mit einer von der Argumentation der Vorinstanz abweichenden Begründung
abweisen (vgl. BGE 130 III 136 E. 1.4 S. 140). Das Bundesgericht prüft
grundsätzlich nur die geltend gemachten Rügen; es ist nicht gehalten, wie eine
erstinstanzliche Behörde alle sich stellenden rechtlichen Fragen zu prüfen,
wenn diese vor Bundesgericht nicht mehr vorgetragen wurden. Es kann die
Verletzung von Grundrechten und von kantonalem und interkantonalem Recht nur
insofern prüfen, als eine solche Rüge in der Beschwerde vorgebracht und
begründet worden ist (Art. 106 Abs. 2 BGG). Im Beschwerdeverfahren um die
Zusprechung oder Verweigerung von Geldleistungen der Militär- oder
Unfallversicherung ist das Bundesgericht nicht an die vorinstanzliche
Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gebunden (Art. 97 Abs. 2 und
Art. 105 Abs. 3 BGG).

2.
2.1 Strittig ist der von der Beschwerdegegnerin verfügte und vorinstanzlich
bestätigte Fallabschluss, welcher für den Grundfall auf den 2. September 2002
(Taggeld) beziehungsweise 13. Dezember 2002 (Heilbehandlung) datiert wird.
Unbestritten ist die Leistungspflicht für die in Form einer
Milchgangsschädigung mit Flüssigkeitsaustritt aufgrund einer Vernarbung im
kontusionierten Bereich aufgetretenen Spätfolgen, welche je einen
Spitalaufenthalt vom 20. März bis 26. März sowie vom 16. bis 17. April 2003 zur
Folge hatte.

2.2 Nach den zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz setzt die grundsätzliche
Leistungspflicht des Unfallversicherers nach Art. 6 Abs. 1 UVG voraus, dass
zwischen Unfallereignis und eingetretenem Gesundheitsschaden (Krankheit,
Invalidität, Tod) ein natürlicher (BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181 mit Hinweisen)
und adäquater (BGE 129 V 177 E. 3.2 S. 181) Kausalzusammenhang besteht. Dabei
werden im kantonalen Entscheid die in der Rechtsprechung entwickelten
massgebenden Kriterien der Adäquanzbeurteilung bei psychischen
Fehlentwicklungen mit Einschränkung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit nach
Unfällen (BGE 115 V 133; vgl. BGE 123 V 98 E. 2a S. 99 mit Hinweisen) richtig
dargelegt. Darauf wird verwiesen.

3.
Entgegen der Darstellung in der Beschwerdeschrift besteht zwischen den Parteien
keine Einigkeit hinsichtlich der Frage, ob zwischen den über den Zeitpunkt der
anerkannten Leistungspflicht hinaus anhaltenden psychischen Gesundheitsschäden
und dem Unfall vom 24. August 2002 ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht.
Die Vorinstanz hat diesen als zumindest für die erste Zeit nach dem Unfall als
"gut vorstellbar" bezeichnet. Ob der erforderliche Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit bereits erreicht sei, könne offen bleiben, da es an der
Adäquanz fehle.

Fest steht, dass die somatischen Verletzungen nach dem Unfall relativ schnell
verheilten und auch die durch eine Narbenbildung in einem Milchkanal
hervorgerufenen Spätfolgen nach der Behandlung im Frühling 2003 keine weiteren
Beschwerden verursachten. Zu entscheiden ist daher einzig, ob die
Unfallversicherung auch für die im Bericht der Klinik Hohenegg für Psychiatrie
und Psychotherapie, Meilen, vom 10. Oktober 2005 gestellten Diagnosen einer
gemischten dissoziativen Störung (ICD-10: F44.7) im Rahmen einer
posttraumatischen Belastungsstörung (ICD-10: F43.1), einer unfallreaktiven
somatoformen Schmerzstörung (ICD-10: F45.4) bei Arbeitsunfall mit Gasexplosion
im August 2002 und Problemen bei Erfahrung von Kriegsgefangenschaft und Verlust
von Angehörigen im Krieg (ICD-10: Z65.5, Z63.4) Leistungen zu erbringen hat.

Das Vorgehen des kantonalen Gerichts ist nicht zu beanstanden, wenn die
Adäquanz in der Tat zu verneinen ist. Sofern gestützt auf die zur Verfügung
stehenden medizinischen Akten die Frage des natürliche Kausalzusammenhangs
nicht mit dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit (BGE 119 V 9 Erw. 3c/aa mit Hinweisen) zu beantworten ist,
kann praxisgemäss auf weitere Beweisvorkehren zur natürlichen Kausalität
verzichtet werden (SVR 1995 UV Nr. 23 S. 67 E. 3c).

4.
4.1 Gemäss Unfallmeldung vom 16. September 2002 ist beim Füllen des Rahmbläsers
die Gaspatrone explodiert. Diese Sachverhaltsdarstellung wird im Schreiben der
Restaurant Betriebe der Psychiatrischen Universitätsklinik vom 27. September
2002 dahingehend präzisiert, dass die Gaspatrone nicht eigentlich explodiert
sei, der Handschutz aber ein Loch oder zumindest Sprünge aufweise. Auf Grund
des ersten Arztzeugnisses steht fest, dass entgegen der Darstellung in der
Beschwerdeschrift keine Fremdkörper in die Brust der Versicherten eingedrungen
sind, wird doch weder von einer offenen Wunde, noch von einer
Fremdkörperentfernung berichtet. Auch der Umstand, dass sich durch eine -
körperinnere - Vernarbung eine Milchgangsschädigung entwickelte, belegt
entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin nicht, dass die Gaspatrone oder
Teile davon in die Brust eingedrungen waren. Hingegen wurde sie offenbar von
einem kleineren Gegenstand mit einiger Wucht an der rechten Brust getroffen,
wobei zumindest ein Blutgefäss verletzt worden war, was zu einer Hämatombildung
führte. Dieser Unfall liegt aus objektiver Sicht im Grenzbereich zwischen den
leichten und mittelschweren Ereignissen. Die Adäquanz ist demzufolge zu
bejahen, wenn ein einzelnes Kriterium in besonders ausgeprägter Weise oder aber
mehrere in gehäufter oder auffallender Weise gegeben sind (BGE 115 V 133 E. 6c/
bb S. 140).

4.2 Das kantonale Gericht hat das Kriterium der besonders dramatischen
Begleitumstände oder der besonderen Eindrücklichkeit des Unfalles sowie der
erfahrungsgemässen Eignung der erlittenen Verletzungen zur Auslösung von
psychischen Fehlentwicklungen unter Berücksichtigung der subjektiven Situation
der betroffenen Person, insbesondere ihrer Erfahrungen von Krieg und
Gefangenschaft bejaht, da bei der Adäquanzbeurteilung auf eine weite Bandbreite
von Versicherten abzustellen sei. Darauf muss vorliegend jedoch nicht näher
eingegangen werden, da auch bei Bejahung dieses Kriteriums die Adäquanz
insgesamt zu verneinen ist. Entgegen den Ausführungen in der Beschwerdeschrift
kann nicht von medizinischen Komplikationen in erheblichem Ausmass gesprochen
werden. Die als Unfallfolge anerkannte Milchgangschädigung durch Vernarbung ist
nicht als erhebliche Komplikation einzustufen. Der für die operative Revision
notwendige Spitalaufenthalt dauerte sechs Tage, wobei die Beschwerdeführerin
die Klinik am zweiten postoperativen Tag bereits verlassen konnte. Auch der
nachoperative Abszess, welcher punktiert und mittels Antibiotika therapiert
wurde, ist sicher nicht als eine Komplikation erheblichen Ausmasses zu
interpretieren. Der Behandlungsabschluss der somatischen Verletzungen im
Grundfall datiert vom 12. September 2002. Auch unter Berücksichtigung der
insgesamt ungefähr einen Monat dauernden Therapie der Spätfolgen im Frühling
2003 fällt die Dauer der Behandlung so wenig ins Gewicht wie diejenige der
somatisch bedingten Arbeitsunfähigkeit. Schliesslich werden auch die durch die
Brustverletzung herrührenden Schmerzen aus ärztlicher Sicht als nicht erheblich
bewertet. Damit stehen die diagnostizierten psychischen Gesundheitsschäden -
soweit sie überhaupt auf den Unfall zurückzuführen sind - nicht in einem
adäquaten Kausalzusammenhang zu diesem. Die Unfallversicherung hat daher keine
weiteren Leistungen zu erbringen.

5.
Als unterliegende Partei hat die Beschwerdeführerin die Gerichtskosten zu
tragen (Art. 66 Abs. 1 BGG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2.
Es werden keine Gerichtskosten erhoben.

3.
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Sozialversicherungsgericht des Kantons
Zürich und dem Bundesamt für Gesundheit schriftlich mitgeteilt.

Luzern, 28. August 2008

Im Namen der I. sozialrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts
Das präsidierende Mitglied: Die Gerichtsschreiberin:

Widmer Schüpfer