Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Sozialrechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 8C.601/2007
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8C_601/2007

Urteil vom 10. Januar 2008

I. sozialrechtliche Abteilung

Bundesrichter Ursprung, Präsident,
Bundesrichterin Widmer, Bundesrichter Frésard,
Gerichtsschreiber Jancar.

Helsana Versicherungen AG, Versicherungsrecht, Zürichstrasse 130, 8600
Dübendorf,
Beschwerdeführerin,

gegen

Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (SUVA), Fluhmattstrasse 1, 6004
Luzern,
Beschwerdegegnerin,

betreffend F.________.

Unfallversicherung,

Beschwerde gegen den Entscheid des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom
24. August 2007.

Sachverhalt:

A.
Der 1944 geborene F.________ war bei der Arbeitslosenversicherung angemeldet
und damit bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA)
obligatorisch unfallversichert. Am 4. Januar 2006 stürzte er beim Tragen von
drei Schachteln mit Weihnachtsschmuck und dem Tannenbaumfuss auf einer Treppe
über ca. 7 Stufen hinunter. Am 12. Februar 2006 begab er sich wegen seit drei
Stunden bestehenden krampfartigen Unterbauchschmerzen und der Unmöglichkeit
des Wasserlösens notfallmässig ins Spital X.________, wo als Hauptdiagnose
ein Harnverhalt bei Verdacht auf Prostataproblematik, eine
Inguinoskrotalhernie rechts und eine Inguianalhernie links sowie als
Nebendiagnose arterielle Hypertonie und ein Status nach Schulteroperation
rechts festgestellt wurden; der Versicherte sei bis 26. Februar 2006 zu 50 %
arbeitsunfähig. Am 17. Februar 2005 wurde im Spital X.________ ein operativer
Hernienverschluss inguinal beidseits nach Lichtenstein durchgeführt, worauf
der Versicherte daselbst bis 20. Februar 2006 hospitalisiert war. Im Bericht
vom 23. Februar 2006 diagnostizierte das Spital X.________ direkte
Inguinalhernien beidseits, einen Harnverhalt bei Verdacht auf
Prostatahyperplasie sowie eine grenzwertige arterielle Hypertonie; der
Versicherte sei ab 17. Februar bis 3. März 2006 zu 100 % arbeitsunfähig. Mit
Verfügung vom 16. Mai 2006 verneinte die SUVA nach Einholung einer
Stellungnahme des Kreisarzt-Stellvertreters Dr. med. W.________, Allg.
Chirurgie FMH, vom 13. Mai 2006 ihre Leistungspflicht, da es sich beim
Hernienleiden mit akutem Harnverhalten nicht um wahrscheinliche Folgen des
Unfalls vom 4. Januar 2006 handle. Dagegen erhob der Krankenversicherer des
Versicherten, die Helsana Versicherungen AG (nachfolgend Helsana),
Einsprache. Die SUVA holte eine weitere Beurteilung des
Kreisarzt-Stellvertreters Dr. med. W.________ vom 23. Juni 2006 ein. Mit
ergänzender Begründung vom 25. August 2006 bestätigte sie ihre Verfügung. Mit
Stellungnahme vom 30. August 2006 hielt die Helsana an ihrer Einsprache fest.
Mit Entscheid vom 22. November 2006 wies die SUVA die Einsprache ab.

B.
Die hiegegen von der Helsana eingereichte Beschwerde wies das
Verwaltungsgericht des Kantons Bern mit Entscheid vom 24. August 2007 ab.

C.
Mit Beschwerde beantragt die Helsana die Aufhebung des kantonalen
Entscheides; die SUVA habe die gesetzlichen UVG-Leistungen zu erbringen. Sie
legt neu eine in E-Mail-Form abgegebene Stellungnahme des Dr. med.
S.________, Leiter vertrauensärztlicher Dienst der Helsana, vom 26. September
2007 auf.

Die SUVA schliesst auf Beschwerdeabweisung und reicht neu eine Beurteilung
des Dr. med. P.________, Facharzt FMH für Chirurgie,
SUVA-Versicherungsmedizin, vom 20. November 2007 ein. Das Bundesamt für
Gesundheit verzichtet auf eine Vernehmlassung.

Erwägungen:

1.
Streitig und zu prüfen ist die Leistungspflicht der SUVA für die Folgen der
diagnostizierten Leistenhernien.

Die Vorinstanz hat die Bestimmung über den Anspruch auf Leistungen der
Unfallversicherung im Allgemeinen (Art. 6 Abs. 1 UVG) und die Grundsätze zu
dem für die Leistungspflicht des Unfallversicherers vorausgesetzten
natürlichen Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und dem eingetretenen
Schaden (Krankheit, Invalidität, Tod; BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181, 119 V 335
E. 2b/bb S. 341 f., je mit Hinweisen), zu dem im Sozialversicherungsrecht
geltenden Untersuchungsgrundsatz (Art. 61 lit. c ATSG; BGE 130 V 64 E 5.2.5
S. 68 f., 125 V 193 E. 2 S. 195; Urteil des Bundesgerichts I 110/07 vom 25.
Juni 2007, E 4.2.2) sowie zum erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit (BGE 129 V 150 E. 2.1 S. 153 mit Hinweisen) zutreffend
dargelegt. Darauf wird verwiesen.

2.
2.1 Bauch- und Unterleibsbrüche - dazu gehören unter anderem Leistenbrüche -
sind nach medizinischer Erfahrungstatsache, ebenso wie die Diskushernien
(hiezu vgl. RKUV 2000 Nr. U 379 S. 190, U 138/99; Urteil U 555/06 vom 10.
Dezember 2007, E. 4.2.2), in der Regel krankheitsbedingte Leiden und nur in
seltenen Ausnahmefällen Unfallfolge (Mollowitz, Der Unfallmann, 11. Aufl.,
Berlin 1993, S. 92; Rossetti, Traumatische Schäden von Magen-Darm-Kanal und
Peritonealhöhle, in: Baur/Nigst, Versicherungsmedizin, 2. Aufl., Bern 1985,
S. 285 f.). Eine Hernie kann als unfallbedingt betrachtet werden, wenn das
Unfallereignis mit einer direkten, heftigen sowie bestimmten Einwirkung
verbunden ist und die schwerwiegenden Symptome der Hernie unverzüglich und
mit sofortiger, mindestens mehrstündiger Arbeitsunfähigkeit auftreten. Die
Leistenhernie im Besonderen kann nur als unfallbedingt qualifiziert werden,
wenn anlässlich eines bestimmten einmaligen Ereignisses (Überanstrengung,
unkoordinierte Bewegung, Sturz, Druck von aussen, usw.) ein angeborener
Bruchsack erstmalig und plötzlich mit Eingeweiden gefüllt wurde (vgl. EVGE
1951 S. 147 und S. 149 f. mit Hinweisen).

2.2 Die Vorinstanz hat in Würdigung der Aktenlage mit einlässlicher
Begründung, auf die verwiesen wird, zutreffend erkannt, dass der natürliche
Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall des Versicherten vom 4. Januar 2006
und der erstmals am 12. Februar 2006 im Spital X.________ festgestellten
direkten Leistenhernie beidseits mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht
gegeben ist.

3.
An diesem Ergebnis vermögen die Ausführungen in der Beschwerde, die über
weiteste Strecken denjenigen im vorinstanzlichen Verfahren entsprechen,
nichts zu ändern. Gegen die Annahme, das Hernienleiden des Beschwerdeführers
sei ausnahmsweise als Unfallfolge zu betrachten, sprechen folgende Umstände:
Der Versicherte musste unmittelbar nach dem Treppensturz vom 4. Januar 2006
keinen Arzt aufsuchen; am 30. März 2006 führte er anlässlich der Besprechung
mit der SUVA aus, der nach diesem Sturz aufgetretene starke Schmerz in der
Leistengegend beidseits habe nach zwei Stunden Liegen an Intensität verloren.
Auch wenn er bei dieser Besprechung und im gleichentags ausgefüllten
SUVA-Fragebogen angab, der Schmerz in der Leistengegend sei nicht wieder
verschwunden und anfängliches Hauptproblem sei die Schwierigkeit beim
Urinieren gewesen, begab er sich erst am 12. Februar 2006, mithin nach einer
fünfeinhalbwöchigen Latenzzeit, ins Spital X.________, wo die direkte
Leistenhernie beidseits festgestellt wurde. Als Spitaleintrittsgrund wurden
seit drei Stunden bestehende krampfartige Unterbauchschmerzen und Harnverhalt
angegeben. Bei dieser Aktenlage kann nicht von schwerwiegenden
Leistenherniensymptomen in der ersten Zeit nach dem Ereignis vom 4. Januar
2006 gesprochen werden. Weiter wurde in den Berichten des Spitals X.________
vom 12., 17. und 23. Februar 2006 weder der Unfall des Versicherten vom 4.
Januar 2006 erwähnt noch generell ein Unfall als Ursache der
Hernienproblematik beschrieben; im Bericht vom 12. Februar 2006 wurde eine
davor liegende Arbeitsunfähigkeit nicht festgestellt. Auch enthalten die
medizinischen Akten keine Hinweise auf Hämatome oder sichtbare
Muskel-/Bänderläsionen als typische Zeichen für eine traumatische Genese
einer Leistenhernie (vgl. Urteil U 133/02 vom 4. Juli 2003, E. 2.1). Im
Weiteren war der Beschwerdeführer im Unfallzeitpunkt 61-jährig, weshalb für
die Entstehung der direkten Leistenhernie eine altersbedingte Schwäche der
Bauchwandmuskulatur als wahrscheinlich erscheint (vgl. Beurteilung des Dr.
med. W.________ vom 23. Juni 2006; Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, 261.
Aufl., Berlin/New York 2007, S. 782).

Aus dem Urteil U 84/01 vom 22. November 2001, E. 4, worin die
Unfallkausalität einer einseitigen Leistenhernie zunächst anerkannt wurde und
es um das spätere Dahinfallen der Leistungspflicht ging, kann der Versicherte
nichts zu seinen Gunsten ableiten. Entgegen seinem Vorbringen wurde darin
nicht gesagt, degenerative Leistenbrüche träten üblicherweise nicht
beidseitig, sondern einseitig auf. Zudem präsentierte sich der Sachverhalt in
jenem Fall insofern anders, als die versicherte Person bereits vier Tage nach
dem Unfall einen Arzt aufgesucht hatte. Gleich verhielt es sich im erwähnten
Urteil EVGE 1951 S. 149.

Das Argument, die Leistenhernien müssten als Unfallfolge gelten, da sie erst
nach dem Unfall entstanden seien ("post hoc ergo propter hoc"), stösst
schliesslich ins Leere (BGE 119 V 335 E. 2b/bb S. 341 f.; Urteil U 375/06 vom
6. September 2007, E. 4.2.2).

4.
4.1 Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend hat die Helsana die Gerichtskosten
zu tragen (Art. 66 Abs. 1 BGG; vgl. auch Urteil 8C_74/2007 vom 7. November
2007, E. 5.1 mit Hinweisen). Sie fällt nicht unter den Ausnahmetatbestand von
Art. 66 Abs. 4 BGG (vgl. BGE 8C_158/2007 vom 13. November 2007, E. 5.3; SVR
2000 KV Nr. 39 S. 121 E. 3, K 61/97; Botschaft des Bundesrates vom
28. Februar 2001, BBl 2001 4202, 4305; Seiler/von Werdt/Güngerich,
Bundesgerichtsgesetz [BGG], Bern 2007, Art. 66 N 46 und N 54).

4.2 Als Organisation mit öffentlich-rechtlichen Aufgaben hat die obsiegende
SUVA keinen Anspruch auf Parteientschädigung (Art. 68 Abs. 3 BGG; BGE 126 V
143 E. 4a S. 150; Urteil 8C_228/2007 vom 19. November 2007, E. 6.2).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2.
Die Gerichtskosten von Fr. 3000.- werden der Beschwerdeführerin auferlegt.

3.
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Verwaltungsgericht des Kantons Bern,
Sozialversicherungsrechtliche Abteilung, dem Bundesamt für Gesundheit und
F._______ schriftlich mitgeteilt.

Luzern, 10. Januar 2008

Im Namen der I. sozialrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident: Der Gerichtsschreiber:

Ursprung Jancar