Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Sozialrechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 8C.649/2007
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8C_649/2007

Urteil vom 22. Februar 2008

I. sozialrechtliche Abteilung

Bundesrichter Ursprung, Präsident,
Bundesrichterin Widmer, Bundesrichter Frésard,
Gerichtsschreiber Holzer.

M.________,
Beschwerdeführerin, vertreten durch Rechtsanwalt
Dr. Peter Stadler, Dufourstrasse 140, 8008 Zürich,

gegen

Winterthur Schweizerische Versicherungs-Gesellschaft, Generaldirektion,
General Guisan-Strasse 40, 8400 Winterthur,
Beschwerdegegnerin, vertreten durch Rechtsanwalt
Reto Zanotelli, Weinbergstrasse 43, 8006 Zürich.

Unfallversicherung,

Beschwerde gegen den Entscheid des Sozialversicherungsgerichts des Kantons
Zürich vom 22. August 2007.

Sachverhalt:

A.
Die 1952 geborene M.________ war als Angestellte der Bank X.________ bei der
Winterthur Schweizerische Versicherungs-Gesellschaft (nachstehend:
Winterthur) gegen die Folgen von Unfällen versichert, als sie am 1. Oktober
1999 beim Turnen auf einem Medizinball das Gleichgewicht verlor und rückwärts
auf den Hinterkopf fiel. Die Winterthur erbrachte zunächst ihre gesetzlichen
Leistungen, stellte diese jedoch nach medizinischen Abklärungen und
gescheiterten Vergleichsverhandlungen mit Verfügung vom 10. März 2005 per
20. Mai 2002 ein, da die über diesen Zeitpunkt hinaus anhaltend geklagten
Beschwerden nicht mehr in einem adäquaten Kausalzusammenhang zum
Unfallereignis stünden. Mit Einspracheentscheid vom 29. Dezember 2005 hielt
die Winterthur an dieser Leistungseinstellung fest.

B.
Die von M.________ hiegegen erhobene Beschwerde wies das
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich mit Entscheid vom 22. August
2007 ab.

C.
Mit Beschwerde beantragt M.________, die Winterthur sei unter Aufhebung des
Einsprache- und des kantonalen Gerichtsentscheides zu verpflichten, ihre
Leistungen nach UVG über den 20. Mai 2002 hinaus zu erbringen.

Während die Winterthur auf Abweisung der Beschwerde schliesst, verzichtet das
Bundesamt für Gesundheit auf eine Vernehmlassung.

Erwägungen:

1.
1.1 Die Beschwerde kann wegen Rechtsverletzung gemäss Art. 95 und Art. 96 BGG
erhoben werden. Das Bundesgericht wendet das Recht von Amtes wegen an (Art.
106 Abs. 1 BGG). Es ist somit weder an die in der Beschwerde geltend
gemachten Argumente noch an die Erwägungen der Vorinstanz gebunden; es kann
eine Beschwerde aus einem anderen als dem angerufenen Grund gutheissen und es
kann sie mit einer von der Argumentation der Vorinstanz abweichenden
Begründung abweisen (vgl. BGE 130 III 136 E. 1.4 S. 140). Das Bundesgericht
prüft grundsätzlich nur die geltend gemachten Rügen; es ist nicht gehalten,
wie eine erstinstanzliche Behörde alle sich stellenden rechtlichen Fragen zu
prüfen, wenn diese vor Bundesgericht nicht mehr vorgetragen wurden. Es kann
die Verletzung von Grundrechten und von kantonalem und interkantonalem Recht
nur insofern prüfen, als eine solche Rüge in der Beschwerde vorgebracht und
begründet worden ist (Art. 106 Abs. 2 BGG).

1.2 Im Beschwerdeverfahren um die Zusprechung oder Verweigerung von
Geldleistungen der Militär- oder Unfallversicherung ist das Bundesgericht
nicht an die vorinstanzliche Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts
gebunden (Art. 97 Abs. 2 und Art. 105 Abs. 3 BGG).

2.
Das kantonale Gericht hat die gesetzliche Bestimmung über den Anspruch auf
Leistungen der Unfallversicherung im Allgemeinen (Art. 6 Abs. 1 UVG) ebenso
zutreffend dargelegt wie die Rechtsprechung zu dem für die Leistungspflicht
des Unfallversicherers vorausgesetzten natürlichen Kausalzusammenhang
zwischen dem Unfall und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Invalidität,
Tod; BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181 mit Hinweisen), zur vorausgesetzten Adäquanz
des Kausalzusammenhangs im Allgemeinen (BGE 129 V 177 E. 3.2 S. 181 mit
Hinweisen), bei psychischen Unfallfolgen (BGE 115 V 133 ff.) und bei Folgen
eines Unfalles nach Schleudertrauma der Halswirbelsäule (BGE 117 V 359 ff.),
nach Schädel-Hirn-Trauma (BGE 117 V 369 E. 4b S. 382) oder nach einer dem
Schleudertrauma ähnlichen Verletzung (RKUV 1999 Nr. U 341 S. 407 [U 215/97])
ohne organisch nachweisbare Funktionsausfälle im Besonderen. Darauf wird
verwiesen.

Zu ergänzen ist, dass bei einem leichten Unfall der adäquate
Kausalzusammenhang zwischen Unfall und nachfolgenden Gesundheitsstörungen
zwar in der Regel ohne weiteres zu verneinen ist (BGE 115 V 133 E. 6b S.
140), die Prüfung der Adäquanz jedoch ausnahmsweise dann nach den von der
Rechtsprechung zu den mittelschweren Unfällen entwickelten Kriterien zu
erfolgen hat, wenn sich aus dem als leicht zu qualifizierenden Unfall
unmittelbare Folgen (z. B. Komplikationen durch die besondere Art der
erlittenen Verletzung, verzögerter Heilverlauf, langdauernde
Arbeitunfähigkeit) ergeben haben, welche die weitere Fehlentwicklung nicht
mehr als offensichtlich unfallunabhängig erscheinen lassen (RKUV 1998
Nr. U 297 S. 243 E. 3b S. 244 [U 16/97]).

3.
Streitig und zu prüfen ist, od die Beschwerdeführerin über den von der
Vorinstanz bestätigten Fallabschluss per 20. Mai 2002 hinaus an einem
Gesundheitsschaden leidet, welcher in einem anpruchsbegründenden natürlichen
und adäquaten Kausalzusammenhang mit dem Unfall vom 1. Oktober 1999 steht.

4.
4.1 Es ist zu Recht unstreitig, dass die bildgebend nachgewiesenen
Veränderungen bzw. Missbildungen an der Lendenwirbelsäule und auf der Höhe
C5/C6 nicht durch den Unfall vom 1. Oktober 1999 verursacht wurden. Insofern
das Ereignis zu einer Verschlimmerung der Beschwerden im lumbalen Bereich
geführt haben sollte, ist zu erwarten, dass nach wenigen Monaten der Status
quo sine erreicht wurde (Urteil U 354/05 vom 11. April 2005, E. 2.2 mit
Hinweisen). Mit dieser Erfahrungstatsache im Einklang steht auch die von Dr.
med. H.________ im Bericht vom 16. Januar 2003 geäusserte Meinung, die
anhaltend bestehenden Beschwerden an der Lendenwirbelsäule seien nicht
unfallkausal.

4.2 Die Beschwerdeführerin macht geltend, an organischen Unfallfolgen wie
Brechreiz, Übelkeit, Nacken- und Kopfschmerzen, starker Ermüdung und
Konzentrationsstörungen zu leiden, weshalb die Adäquanz des
Kausalzusammenhangs zwischen dem Unfall und diesen Beschwerden in Nachachtung
von BGE 127 V 102 ohne weiteres zu bejahen sei. Entgegen dieser Darstellung
konnte jedoch bei der Versicherten gerade kein organisch klar nachweisbarer
Befund erhoben werden, vielmehr schildert sie das typische Beschwerdebild
eines Schleudertraumas bzw. einer dem Schleudertrauma ähnlichen Verletzung
(vgl. BGE 117 V 359 E. 4b S. 360). Auch aus dem von der Beschwerdeführerin
aufgelegten Bericht des Dr. med. A.________ (FMH für Oto-Rhino-Laryngologie;
Hals und Gesichtschirurgie), vom 20. November 2006 lässt sich kein organisch
klar nachgewiesener Befund entnehmen, merkt doch dieser Arzt selber an, dass
die von ihm postulierten Mikroläsionen weder röntgenologisch noch
computertomographisch erfassbar seien.

4.3 Wie die Vorinstanz zutreffend erwogen hat, handelt es sich auch bei der
Fibromyalgie der Versicherten nicht um einen organisch klar nachgewiesenen
Gesundheitsschaden im Sinne von BGE 123 V 98 E. 3b S. 102.

4.4 Ob die Beschwerdeführer am 1. Oktober 1999 ein Schleudertrauma oder eine
dem Schleudertrauma ähnlichen Verletzung erlitten hat, kann offenbleiben, da
die Adäquanz des Kausalzusammenhangs bei beiden Verletzungsarten nach den
gleichen Kriterien zu prüfen ist (RKUV 1999 Nr. U 341 S. 407 [U 215/97]).

5.
Vorinstanz und Beschwerdegegnerin qualifizierten das Ereignis vom 1. Oktober
1999 als leichten Unfall, weshalb ein allfälliger Kausalzusammenhang zwischen
dem Ereignis und den anhaltend geklagten Beschwerden nicht adäquat sei.

5.1 Die Beschwerdeführerin macht geltend, der Unfall sei als mittelschwer zu
betrachten.

5.1.1 Gegenüber Dr. med O.________ hat die Versicherte das Ereignis wie folgt
beschrieben: Sie habe am Vormittag des 1. Oktober 1999, einem Freitag, mit
ihrem Medizinball zu Hause geturnt, und zwar habe sie zunächst mit dem oberen
Rücken darauf balanciert und sei anschliessend mit dem Rücken immer weiter
nach oben gerollt, bis sie die Beine angehoben habe. Dabei habe sie
schliesslich ihr Gleichgewicht verloren und sei mit Nacken und Hinterkopf auf
den Boden gefallen und habe sich an einer Couch angeschlagen. Gleichzeitig
habe sie das Bein an einem Tischbein angeschlagen.

5.1.2 Aufgrund dieses augenfälligen Geschehensablaufs und den sich dabei
entwickelnden Kräften (vgl. Urteil U 2/07 vom 19. November 2007, E. 5.3.1)
ist das beschriebene Ereignis als leichter Unfall zu qualifizieren. Dabei
kann offenbleiben, ob der Durchmesser des Medizinballes, wie von der
Beschwerdeführerin geltend gemacht, tatsächlich 50 Zentimeter betragen hat.
Selbst wenn man von dieser Ballgrösse ausginge, so sind doch die beim
Kopfaufprall einwirkenden Kräfte jedenfalls geringer gewesen, als bei einem
Sturz auf den Rücken aus einer aufrechtstehenden Position mit Aufschlagen des
Kopfes am Boden. Selbst ein solches Ereignis ist indessen noch als
Bagatellunfall zu betrachten (Urteile U 345/04 vom 18. Oktober 2005 und U
78/02 vom 25. Februar 2003, vgl. auch Urteil U 106/04 vom 5. November 2004).
Zudem spricht auch der Umstand, dass die Beschwerdeführerin den Hinterkopf an
einer Couch anschlug und sich dabei lediglich ein Beule zuzog, gegen eine
besondere Heftigkeit des Kopfaufpralles.

5.2 Gemäss der in Erwägung 2 erwähnten Rechtsprechung ist der
Kausalzusammenhang zwischen einem leichten Unfall und organisch nicht
nachweisbaren Gesundheitsstörungen, welche zum typischen Beschwerdebild eines
HWS-Traumas gehören, regelmässig zu verneinen. Anders wäre lediglich zu
entscheiden, wenn der Unfall unmittelbare Folgen von einer gewissen Schwere
verursacht hätte. Solche sind vorliegend nicht ersichtlich. Es ist
insbesondere festzuhalten, dass die unmittelbar an das Ereignis
anschliessende Arbeitsunfähigkeit lediglich fünfundvierzig Tage dauerte und
damit nicht als langdauernd bezeichnet werden kann.

5.3 Somit haben Vorinstanz und Beschwerdegegnerin die Adäquanz eines
allfälligen Kausalzusammenhang zwischen dem Unfallereignis vom 1. Oktober
1999 und den über den 20. Mai 2002 hinaus geklagten Beschwerden zu Recht
verneint; die Beschwerde ist abzuweisen.

6.
Die Gerichtskosten sind der unterliegenden Beschwerdeführerin aufzuerlegen
(Art. 66 Abs. 1 BGG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2.
Die Gerichtskosten von Fr. 500.- werden der Beschwerdeführerin auferlegt.

3.
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Sozialversicherungsgericht des Kantons
Zürich und dem Bundesamt für Gesundheit schriftlich mitgeteilt.

Luzern, 22. Februar 2008

Im Namen der I. sozialrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident: Der Gerichtsschreiber:

Ursprung Holzer