Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Sozialrechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 8C.687/2007
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Tribunale federale
Tribunal federal

{T 0/2}
8C_687/2007

Urteil vom 26. August 2008
I. sozialrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Ursprung, Präsident,
Bundesrichterin Widmer, Bundesrichter Frésard,
Gerichtsschreiber Lanz.

Parteien
B.________,
Beschwerdeführer, vertreten durch Rechtsanwalt Jörg Zurkirchen, Ronstrasse 5,
6031 Ebikon,

gegen

Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (SUVA), Fluhmattstrasse 1, 6004
Luzern,
Beschwerdegegnerin.

Gegenstand
Unfallversicherung,

Beschwerde gegen den Entscheid des Verwaltungsgerichts des Kantons Luzern vom
28. September 2007.

Sachverhalt:
-
Der 1962 geborene B.________, als Station Manager in der Firma X.________ tätig
und dadurch bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA)
obligatorisch gegen Unfallfolgen versichert, erlitt am 11. März 2004 einen
Verkehrsunfall. Er hatte den von ihm gelenkten VW Golf Variant hinter einem vor
einem Rotlicht stehenden Hyundai Accent angehalten. Ein nachfolgender Mercedes
A-Klasse fuhr auf den VW auf, der dadurch gegen das Heck des Hyundai geschoben
wurde. Wegen Beschwerden im Nacken- und Kopfbereich suchte B.________
gleichentags das Spital Y.________ auf, wo ein Distorsionstrauma der
Halswirbelsäule (HWS) resp. Schleudertrauma diagnostiziert und eine
Arbeitsunfähigkeit bestätigt wurde (Bericht des Spitals vom 11. März 2004). Die
SUVA erbrachte die gesetzlichen Leistungen (Heilbehandlung, Taggeld). Nach
verschiedenen Sachverhaltsabklärungen eröffnete sie dem Versicherten mit
Verfügung vom 16. März 2006, die Leistungen würden auf den 30. April 2006
eingestellt. Zur Begründung wurde ausgeführt, die noch geklagten Beschwerden
stünden nicht in einem rechtserheblichen Zusammenhang zum Unfall vom 11. März
2004. Daran hielt die SUVA auf Einsprache des Versicherten fest
(Einspracheentscheid vom 6. Juni 2006).
-
Die von B.________ hiegegen erhobene Beschwerde wies das Verwaltungsgericht des
Kantons Luzern mit Entscheid vom 28. September 2007 ab.
-
B.________ lässt Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten führen
mit dem Rechtsbegehren, in Aufhebung des kantonalen Entscheids sei der
Unfallversicherer zu verpflichten, ab 1. Mai 2006 weiterhin Heilbehandlung zu
gewähren und Taggeld auszurichten.

Die SUVA beantragt die Abweisung der Beschwerde, ohne sich weiter zur Sache zu
äussern. Das Bundesamt für Gesundheit verzichtet auf eine Vernehmlassung.
-
Mit Eingaben vom 25. März resp. 10. April 2008 ergänzen die Parteien ihre
Vorbringen im Hinblick auf das Urteil BGE 134 V 109.

Erwägungen:
-
Streitig und zu prüfen ist, ob der Beschwerdeführer aus dem Unfall vom 11. März
2004 über den 30. April 2006 hinaus Anspruch auf Leistungen der obligatorischen
Unfallversicherung hat.

Die Rechtsgrundlagen für die Beurteilung der Streitsache sind im angefochtenen
Entscheid zutreffend dargelegt. Es betrifft dies insbesondere die von der
Rechtsprechung erarbeiteten Grundsätze über den für einen Leistungsanspruch
nebst anderem erforderlichen natürlichen und adäquaten Kausalzusammenhang
zwischen dem Unfall und dem eingetretenen Schaden sowie die Prüfung dieses
Zusammenhangs nach der sog. Schleudertrauma-Praxis, welche bei nicht mit
organisch objektiv ausgewiesenen Unfallfolgen verbundenen Schleudertraumen,
äquivalenten Verletzungen der HWS und Schädel-Hirntraumen zur Anwendung
gelangt. Darauf wird verwiesen.

Anzufügen bleibt, dass das Bundesgericht jüngst die Schleudertrauma-Praxis in
zweierlei Hinsicht präzisiert hat: Zum einen wurden die Anforderungen an den
Nachweis einer natürlich unfallkausalen Verletzung, welche die Anwendung dieser
Praxis bei der Prüfung des adäquaten Kausalzusammenhangs rechtfertigt, erhöht.
Zum anderen wurden die Kriterien, welche abhängig von der Unfallschwere
gegebenenfalls in die Adäquanzbeurteilung einzubeziehen sind, teilweise
modifiziert (BGE 134 V 109 E. 9 und 10 S. 121 ff.).
-
Das kantonale Gericht hat zunächst erwogen, dass keine organisch objektiv
ausgewiesene Folge des Unfalles vom 11. März 2004 besteht, welche die
persistierenden Beschwerden zu erklären vermöchte. Diese Beurteilung ist nach
Lage der Akten richtig und auch nicht umstritten.

Demnach hat, anders als bei organisch klar ausgewiesenen Unfallfolgen, bei
welchen der adäquate Kausalzusammenhang in der Regel ohne weiteres zusammen mit
dem natürlichen Kausalzusammenhang bejaht werden kann, eine besondere
Adäquanzprüfung zu erfolgen (BGE 134 V 109 E. 2.1 S. 112 mit Hinweisen).
-
Eine solche Prüfung haben Unfallversicherer und Vorinstanz vorgenommen. Der
Versicherte lässt zunächst wie schon im kantonalen Verfahren geltend machen,
die Adäquanz hätte noch nicht beurteilt werden dürfen. Die Leistungen seien
daher unzulässigerweise eingestellt worden.

Das kantonale Gericht hat diese Argumentation zutreffenderweise verworfen. Zu
fragen ist nicht danach, in welchem Zeitpunkt der adäquate Kausalzusammenhang
zu prüfen ist, sondern wann der Unfallversicherer den Fall (unter Einstellung
der vorübergehenden Leistungen und Prüfung des Anspruchs auf eine
Invalidenrente und eine Integritätsentschädigung) abzuschliessen hat. Dies hat
gestützt auf Art. 19 Abs. 1 UVG in dem Zeitpunkt zu geschehen, in welchem von
der Fortsetzung der ärztlichen Behandlung keine namhafte Besserung des
Gesundheitszustandes des Versicherten mehr erwartet werden kann und allfällige
Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung abgeschlossen sind (BGE 134
V 109 E. 3 und 4 S. 112 ff.).

Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung stehen nicht zur Diskussion.
Sodann kann aufgrund der medizinischen Akten zuverlässig ausgeschlossen werden,
dass von einer Fortsetzung der ärztlichen Behandlung über den 30. April 2006
hinaus noch eine namhafte Besserung des Gesundheitszustandes zu erwarten war.
Die Annahme einer solchen Besserungserwartung ist auch durch die vom
Beschwerdeführer erwähnten Arztberichte nicht zuverlässig gestützt. Darin wird
eine gesundheitliche Verbesserung, soweit überhaupt angesprochen, nur als
möglich bezeichnet, was nicht genügt. Das gilt namentlich auch für das - zu
Handen der Helsana Versicherungen AG - erstattete psychiatrische Konsilium vom
26. Juni 2007. Damit erübrigen sich Weiterungen zur Frage der Unfallkausalität
der darin beschriebenen Beschwerden. Auf die im Weiteren beantragten
ergänzenden medizinischen Abklärungen ist zu verzichten, da sie keinen
entscheidrelevanten neuen Aufschluss erwarten lassen.

Wenn die SUVA den Fall abgeschlossen hat, ist dies nach dem Gesagten nicht zu
beanstanden.
-
Den natürlichen Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall vom 11. März 2004 und
den noch bestehenden Beschwerden hat das kantonale Gericht bejaht. Es hat
sodann erwogen, der adäquate Kausalzusammenhang sei nach der
Schleudertrauma-Praxis zu prüfen. Insoweit ist der vorinstanzliche Entscheid zu
Recht nicht umstritten.
-
- Für die Adäquanzbeurteilung ist an das (objektiv erfassbare) Unfallereignis
anzuknüpfen (BGE 134 V 109 E. 10.1 S. 126). Das kantonale Gericht hat den
Unfall vom 11. März 2004 als mittelschweres Ereignis im Grenzbereich zu den
leichten Unfällen eingestuft. Dies ist aufgrund des augenfälligen
Geschehensablaufes im Lichte der Rechtsprechung zur Unfallschwere bei
Auffahrkollisionen auf ein (haltendes) Fahrzeug (RKUV 2005 Nr. U 549 S. 236, U
380/04, E. 5.1.2 mit Hinweisen) richtig und nicht umstritten. Auch der Umstand,
dass das Auto des Versicherten noch gegen das davor stehende Fahrzeug geschoben
wurde, vermöchte keine andere Betrachtungsweise zu begründen, zumal dieser
Zweitaufprall offensichtlich nur mit wenig Energie erfolgte.
- Von den weiteren massgeblichen Kriterien müssten demnach für eine Bejahung
des adäquaten Kausalzusammenhanges entweder ein einzelnes in besonders
ausgeprägter Weise oder aber mehrere in gehäufter oder auffallender Weise
gegeben sein (BGE 134 V 109 E. 10.1 S. 126 f., 117 V 359 E. 6a S. 367).

Die Adäquanzkriterien wurden teilweise durch BGE 134 V 109 modifiziert. Das
kantonale Gericht hat sie noch in ihrer früheren Fassung geprüft und ist zum
Ergebnis gelangt, sie lägen nicht in genügender Weise vor. Der Versicherte
hingegen macht geltend, die massgeblichen Kriterien seien in der früheren wie
auch in der geänderten Umschreibung gehäuft und in ausgeprägter Weise gegeben.
- Ohne weiteres zu verneinen sind unbestrittenermassen die (unveränderten)
Kriterien der besonders dramatischen Begleitumstände oder besonderen
Eindrücklichkeit des Unfalls, der Schwere oder besonderen Art der erlittenen
Verletzungen und der ärztlichen Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen
erheblich verschlimmert.

Nicht gegeben ist auch das (unveränderte) Kriterium des schwierigen
Heilungsverlaufs und erheblicher Komplikationen. Besondere Gründe, welche die
Heilung beeinträchtigt haben (vgl. Urteil 8C_57/2008 vom 16. Mai 2008, E. 9.6.1
mit Hinweis), liegen nicht vor.

Entgegen der vom Versicherten vertretenen Auffassung lässt sich das Kriterium
der fortgesetzt spezifischen, belastenden ärztlichen Behandlung (früher:
ungewöhnlich lange Dauer der ärztlichen Behandlung) ebenfalls nicht bejahen.
Zwar fand im Jahr 2005 eine gut vierwöchige stationäre Rehabilitation statt.
Daneben beschränkte sich die Behandlung aber im Wesentlichen auf ein- bis
dreimal wöchentlich durchgeführte Physiotherapie, namentlich in Form von
Krankengymnastik und Medizinische Trainingstherapie (MTT), Massagen, zeitweise
Medikation und periodische Gespräche mit dem Hausarzt. Sodann absolvierte der
Versicherte Eigentrainings (u.a. Aquafit und Schwimmen sowie Nordic Walking),
und es wurden kurzzeitig komplementärmedizinische Massnahmen durchgeführt. Dies
alles genügt nicht, um auf eine belastende Behandlung im Sinne des Kriteriums
schliessen zu können.
- Es verbleiben die Kriterien der erheblichen Beschwerden (früher:
Dauerbeschwerden) und der erheblichen Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesener
Anstrengungen (früher: Grad und Dauer der Arbeitsunfähigkeit). Selbst wenn
indessen beide bejaht würden, was namentlich mit Blick auf die schon kurz nach
dem Unfall wieder vorhandene zunächst 30%ige, dann 50%ige und in der Folge noch
weiter erhöhte Arbeitsfähigkeit eher fraglich erscheint, wäre keine Häufung
adäquanzrelevanter Faktoren gegeben. Zudem liegen die besagten Kriterien
jedenfalls nicht in besonders ausgeprägter Weise vor. Weshalb es sich
diesbezüglich anders verhalten sollte, wird vom Beschwerdeführer denn auch
nicht begründet.
- Zusammenfassend hat das kantonale Gericht den adäquaten Kausalzusammenhang
zwischen dem Unfall vom 11. März 2004 und den noch bestehenden Beschwerden und
damit die Leistungspflicht der SUVA zu Recht verneint. An diesem Ergebnis
vermögen sämtliche weiteren Vorbringen des Versicherten nichts zu ändern.

Demnach erkennt das Bundesgericht:
-
Die Beschwerde wird abgewiesen.
-
Die Gerichtskosten von Fr. 500.- werden dem Beschwerdeführer auferlegt.
-
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Verwaltungsgericht des Kantons Luzern,
Sozialversicherungsrechtliche Abteilung, und dem Bundesamt für Gesundheit
schriftlich mitgeteilt.
Luzern, 26. August 2008
Im Namen der I. sozialrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts
Der Präsident: Der Gerichtsschreiber:

Ursprung Lanz