Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Sozialrechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 8C.721/2007
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Tribunale federale
Tribunal federal

{T 0/2}
8C_721/2007

Urteil vom 9. Juni 2008
I. sozialrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Ursprung, Präsident,
Bundesrichterin Widmer, Bundesrichter Frésard,
Gerichtsschreiber Grunder.

Parteien
M.________, Beschwerdeführer,
vertreten durch Beratungsstelle A.________,

gegen

AXA Versicherungen AG,
General Guisan-Strasse 40, 8400 Winterthur, Beschwerdegegnerin.

Gegenstand
Unfallversicherung,

Beschwerde gegen den Entscheid des Sozialversicherungsgerichts des Kantons
Zürich
vom 18. September 2007.

Sachverhalt:

A.
Der 1963 geborene M.________ war seit 1. November 2003 als Leiter in der
Pflegeabteilung des Krankenheims Q.________ angestellt und dadurch bei den
Winterthur Versicherungen (heute: AXA Versicherungen AG [im Folgenden: AXA],
Winterthur) obligatorisch gegen die Folgen von Unfällen versichert. Am 1.
Februar 2004 stiess er mit seinem Motorrad auf einer Dorfstrasse frontal gegen
einen entgegenkommenden Personenwagen, dessen Lenker beim Linksabbiegen das
Vortrittsrecht des Versicherten missachtet hatte (Rapport der Polizei vom 15.
Februar 2004). In der Notfallaufnahme des Spitals X.________ wurden
gleichentags Rissquetschwunden temporal links (bei intakten Hirnnerven) und am
rechten Knie (mit Kontusion) sowie eine Kontusion des linken Knies
festgestellt; die Röntgenaufnahmen ergaben keine Hinweise auf frische ossäre
Läsionen am Schädel oder an den Knien; eine Bewusstlosigkeit war nicht
aufgetreten, noch lag eine Amnesie vor (Bericht vom 3. April 2004). Der den
Versicherten ab 6. Februar 2004 nachbehandelnde Dr. med. B.________, Allg.
Medizin FMH (vgl. Berichte vom 16. Februar, 25. März, 3. April, 7. Juni, 20.
August sowie 29. November 2005), veranlasste wegen des protrahierten Verlaufs
hinsichtlich der Kniebeschwerden sowie wegen einer posttraumatischen
(psychischen) Störung zusätzliche medizinische (Berichte der Klinik Y.________
vom 18. Februar und 31. August 2004; des Dr. med. S.________, Spezialarzt FMH
für Orthopädische Chirurgie, vom 22. März und 21. Juli 2004; der Klinik
Z.________, Ambulatorium Orthopädie, vom 26. August und 25. Oktober 2004) und
psychiatrische (Berichte des Dr. med. H.________, Psychiatrie & Psychotherapie
FMH, vom 10. April, 11. Juni, 24. November 2004) Abklärungen und Massnahmen.
Die AXA erbrachte die gesetzlichen Leistungen (Heilbehandlung; Taggeld). Sie
holte das Gutachten des Dr. med. D.________, Psychiatrie & Psychotherapie FMH
(vom 7. März 2005) ein, zog zusätzliche Stellungnahmen dieses Sachverständigen
(vom 13. April 2005), des behandelnden Therapeuten Dr. med. H.________ (vom 12.
März und 9. April 2005) sowie des die AXA beratenden Dr. med. R.________,
Spezialarzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH (vom 16. März und 13. April
2005) bei und stellte mit Verfügung vom 25. April 2005 die bislang erbrachten
Leistungen ab 31. März 2005 ein, weil ein Kausalzusammenhang zwischen dem
Unfall und den die Arbeitsfähigkeit einschränkenden psychischen Beschwerden
fehle. Daran hielt sie auf Einsprache hin, nach Beizug weiterer psychiatrischer
Auskünfte (des die AXA beratenden Dr. C.________ vom 15. Juni 2005; Gutachten
des Dr. med. G.________, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, vom
16. September 2005; vgl. auch Berichte der Dres. med. H.________ vom 10.
November 2005 und B.________ vom 6. Mai 2005), fest (Einspracheentscheid vom
22. November 2005).

B.
Die hiegegen eingereichte Beschwerde, mit welcher unter anderem ein von
M.________ bestelltes Privatgutachten des Dr. med. I.________, Spezialarzt
Psychiatrie und Psychotherapie, vom 23. Juni 2006 sowie eine Stellungnahme
dieses Arztes vom 27. September 2006 aufgelegt wurden, wies das
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich ab (Entscheid vom 18. September
2007).

C.
Mit Beschwerde lässt M.________ beantragen, unter Aufhebung des
vorinstanzlichen Entscheids sei die AXA zu verpflichten, ihm "die
Versicherungsleistungen samt Unfallrente und Integritätsentschädigung zu
erbringen".
Die AXA schliesst auf Abweisung der Beschwerde. Das Bundesamt für Gesundheit
verzichtet auf eine Vernehmlassung.

Erwägungen:

1.
Gemäss Art. 97 Abs. 2 BGG kann jede unrichtige oder unvollständige Feststellung
des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden, wenn sich die Beschwerde
gegen einen Entscheid über die Zusprechung oder Verweigerung von Geldleistungen
der Militär- oder Unfallversicherung richtet. Das Bundesgericht ist dabei nicht
an die Sachverhaltsfeststellung der Vorinstanz gebunden (Art. 105 Abs. 3 BGG).

2.
Prozessthema bildet die Frage, ob der Beschwerdeführer über den 31. März 2003
hinaus Anspruch auf Leistungen der obligatorischen Unfallversicherung hat.

2.1 Die Vorinstanz kam in eingehender Würdigung der medizinischen Unterlagen
zum Ergebnis, dass die somatischen Leiden spätestens Ende 2004 abgeklungen
seien. Die Arbeitsunfähigkeit sei hauptsächlich auf die schon wenige Monate
nach dem Unfall im Vordergrund gestandenen psychischen Einschränkungen
zurückzuführen. Die von den Ärzten kontrovers diskutierte Frage, ob die
psychischen Beschwerden in einem natürlichen Kausalzusammenhang mit dem Unfall
stünden, könne offen bleiben, da jedenfalls die Adäquanz zu verneinen sei.
Unter diesen Umständen sei von den beantragten zusätzlichen Abklärungen
abzusehen.

2.2 Der Beschwerdeführer bringt im Wesentlichen vor, er leide seit dem Unfall
auch an starken Kopfschmerzen. Die somatischen Beschwerden dauerten an. Beide
Gutachter der AXA hätten wegen der Kopfverletzungen neurologische Abklärungen
empfohlen, welche jedoch nicht durchgeführt worden seien. Schliesslich habe die
Vorinstanz die Adäquanz der psychischen Einschränkungen mit dem Unfall zu
Unrecht verneint.

3.
3.1 Soweit letztinstanzlich erneut erhebliche Beschwerden im Bereich des
rechten (und linken) Knies geltend gemacht werden, kann ohne weiteres auf die
nicht zu beanstandenden Erwägungen im angefochtenen Entscheid verwiesen werden,
welchen nichts beizufügen ist. Kopfschmerzen und leichte Vergesslichkeit ("ein
wenig vergesslich") erwähnte der Versicherte erstmals anlässlich einer
Besprechung vom 5. Mai 2004 mit der Motorfahrzeughaftpflichversicherung des
Unfallverursachers (vgl. "SI-Bericht" vom 11. Mai 2004). Diese Angaben übernahm
Dr. med. D.________ in die Anamnese des psychiatrischen Gutachtens vom 7. März
2005. Er führte aus, es lägen keine Hinweise vor, dass der Explorand sich beim
Unfall eine nennenswerte Commotio cerebri zugezogen habe. Es handle sich
überwiegend um eine psychogene Störung schwerster Ausprägung; eine andere, z.B.
hirnorganische Genese lasse sich jedoch zum aktuellen Zeitpunkt angesichts des
in der Untersuchungssituation "pseudodement" erscheinenden Exploranden nicht
gänzlich ausschliessen. Um hiezu Gewissheit zu erlangen, sei eine
internistische und neurologische (auch radiologische) Untersuchung zu
empfehlen. In der Stellungnahme vom 12. März 2005 hielt der behandelnde
Psychiater Dr. med. H.________ fest, eine neurologische Abklärung könne
sinnvoll sein. Der Hausarzt habe die Indikation zu prüfen und allenfalls das
Notwendige einzuleiten. Dr. med. B.________ äusserte sich hiezu jedoch nicht
(vgl. Bericht vom 6. Mai 2005). Gemäss Stellungnahme des die AXA beratenden Dr.
med. R.________ vom 16. März 2005 war eine neurologische Zusatzabklärung
angezeigt, aber nicht unfallbedingt. Der von der AXA weiter konsultierte
Psychiater Dr. C.________ überliess es dem Gutachter Dr. med. G.________,
"somatische Konsilien" einzuholen. Dieser Arzt kam zum Ergebnis, der Explorand
leide unter Antriebs-, Konzentrations- und Schlafstörungen mit gelegentlichen
Angstträumen sowie depressiven Verstimmungen mit Suizidalität; er ziehe sich
sozial zurück und vermeide es, über den Unfall zu sprechen; er habe auch Ängste
beim Autofahren und traue sich nicht mehr, selber ein Fahrzeug zu lenken. Das
Zustandsbild sei im Wesentlichen psychogen zu erklären. Aufgrund der
vorliegenden medizinischen Unterlagen sei eine abschliessende psychiatrische
Beurteilung möglich (Gutachten vom 16. September 2005). Dr. med. I.________
schliesslich nahm zur Frage zusätzlicher fachärztlicher Abklärungen nicht
Stellung. Seine Ausführungen lassen aber insgesamt betrachtet den Schluss zu,
dass er eine hirnorganische Komponente verneint und weitere Untersuchungen für
nicht notwendig hält (vgl. Privatgutachten vom 23. Juni 2006 sowie
Stellungnahme vom 27. September 2006).

3.2 In Anbetracht dieser Auskünfte ist festzustellen, dass sich das
Krankheitsbild mit den im Wesentlichen übereinstimmenden psychiatrischen
Befunden weitgehend erklären lässt. Daran ändert nichts, dass sich die
Psychiater hinsichtlich der zu stellenden Diagnose(n) sowie der Ätiologie oder
Genese der Befunde uneinig sind. Von zusätzlichen neurologischen und
internistischen Abklärungen ist abzusehen, da davon keine neuen Erkenntnisse zu
erwarten sind (antizipierte Beweiswürdigung; vgl. BGE 124 V 90 E. 4b S. 94 und
122 V 157 E. 1d S. 162 mit Hinweisen). Soweit die letztinstanzlichen Vorbringen
darauf abzielen, ein typisches, organisch nicht nachweisbares Beschwerdebild
nach Distorsion der Halswirbelsäule (HWS) oder nach Schädelhirntrauma zu
begründen, ist zunächst auf die Praxis hinzuweisen, gemäss welcher für die
Annahme eines Schleudertraumas notwendig ist, dass sich innert der massgebenden
Latenzzeit von 24 bis 72 Stunden Beschwerden in der Halsregion und der HWS
manifestieren (Urteil U 264/97 vom 12. August 1999 E. 5e, publ. in: RKUV 2000
Nr. U 359 S. 29, bestätigt mit Urteil U 17/07 vom 30. Oktober 2007 E. 5, publ.
in: SVR 2007 UV Nr. 23 S. 75). Diese Voraussetzungen sind hier eindeutig nicht
gegeben, wie die AXA im Einspracheentscheid vom 22. November 2005 im Ergebnis
zutreffend festgehalten hat. Im Übrigen können den Akten keine Anhaltspunkte
für eine beim Unfall vom 1. Februar 2004 erlittene Distorsion der HWS entnommen
werden (vgl. zu den Anforderungen an den Nachweis eines Schleudertraumas BGE
134 V 109). Ebenso wenig nachgewiesen ist ein Schädelhirntrauma. Es ist
zumindest fraglich, ob überhaupt ein An- oder Aufprall des Helm-geschützten
Kopfes stattgefunden hat. Die erstbehandelnden Ärzte stellten eine
Rissquetschwunde mit Schürfungen an der linken Schläfe im Bereich des linken
Auges, nicht aber eine Kontusion fest; der Röntgenbefund war bland.
Anamnestisch trat kein Bewusstseinsverlust auf, und es lag auch keine Amnesie
vor; die Hirnnerven waren klinisch geprüft intakt (vgl. Berichte des Spitals
X.________ vom 3. April 2004 sowie des Dr. med. B.________ vom 16. Februar 2004
und Rapport der Polizei vom 15. Februar 2004). Erhebliche, für ein
Schädelhirntrauma typische funktionelle Defizite (vgl. hiezu Urteil U 75/07 vom
23. Oktober 2007 E. 4.2.1 f.) traten nicht auf.

4.
4.1 Die von den Psychiatern kontrovers diskutierte Frage, ob das
invalidisierende psychische Krankheitsbild in einem natürlichen
Kausalzusammenhang zum Unfall vom 1. Februar 2004 und dessen Folgen steht, kann
nicht mit dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit beantwortet werden. Eine Rückweisung der Sache zu weiteren
Abklärungen erübrigt sich aber; selbst wenn gestützt auf weitere Abklärungen
der natürliche Kausalzusammenhang zu bejahen wäre, fehlte es - wie die
nachstehende Erwägung zeigt - an der Adäquanz des Kausalzusammenhangs (Urteil U
183/93 vom 12. September 1994, publ. in: SVR 1995 UV Nr. 23 S. 67), die im
vorliegenden Fall nach BGE 115 V 133 zu beurteilen ist.

4.2 Gemäss Angaben des Versicherten in der "Unfallmeldung UVG" des Krankenheims
Q.________ vom 10. Februar 2004, der Unfallbeteiligten und eines Zeugen im
Rapport der Polizei vom 15. Februar 2004 sowie des "SI-Berichts" der
Motorfahrzeughaftpflichtversicherung vom 11. Mai 2004, bemerkte der
Beschwerdeführer, dass der auf einer Dorfstrasse entgegenkommende
Personenwagenlenker ohne anzuhalten nach links abbiegen wollte, wobei er sein
Motorrad vor der Kollision noch abzubremsen und etwas nach rechts zu steuern
vermochte. Das im Einsprache- und Gerichtsverfahren wiederholt geltend gemachte
Vorbringen, der Versicherte habe bei der Kollision den Helm verloren und sei
ungeschützt auf Kopf und Rücken gestürzt, findet in den Akten keine Stütze.
Selbst wenn von diesem Sachverhalt ausgegangen würde, ist der Unfall vom 1.
Februar 2004 mit der Vorinstanz als mittelschweres Unfallereignis zu
qualifizieren (vgl. Sachverhalt und Kasuistik im Urteil U 193/01 vom 24. Juni
2003 E. 4.2, publ. in RKUV 2003 Nr. U 489 S. 360). Von den weiteren, objektiv
fassbaren und unmittelbar mit dem Unfall in Zusammenhang stehenden oder als
Folge davon erscheinenden Umständen, welche als massgebende Kriterien in die
Gesamtwürdigung einzubeziehen sind (BGE 115 V 133 E. 6c/aa S. 140), müssten
demnach für eine Bejahung des adäquaten Kausalzusammenhanges entweder ein
einzelnes in besonders ausgeprägter Weise oder aber mehrere in gehäufter oder
auffallender Weise gegeben sein (BGE 115 V 133 E. 6c/bb S. 140). Dies trifft
nach den Erwägungen des kantonalen Gerichts nicht zu. Der Beschwerdeführer
bringt letztinstanzlich nichts vor, was eine davon abweichende Beurteilung
rechtfertigte. Der angefochtene Entscheid ist daher im Ergebnis zu bestätigen.

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2.
Die Gerichtskosten von Fr. 500.- werden dem Beschwerdeführer auferlegt.

3.
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Sozialversicherungsgericht des Kantons
Zürich und dem Bundesamt für Gesundheit schriftlich mitgeteilt.
Luzern, 9. Juni 2008

Im Namen der I. sozialrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident: Der Gerichtsschreiber:

Ursprung Grunder