Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Sozialrechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 8C.753/2007
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Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

{T 0/2}
8C_753/2007

Urteil vom 26. November 2008
I. sozialrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichterin Widmer, präsidierendes Mitglied,
Bundesrichter Lustenberger, Frésard,
Gerichtsschreiber Grunder.

Parteien
M.________, Beschwerdeführerin,
vertreten durch Fürsprecherin Daniela Mathys, Sulgeneckstrasse 37, 3007 Bern,

gegen

Allianz Suisse Versicherungs-Gesellschaft, Laupenstrasse 27, 3008 Bern,
Beschwerdegegnerin.

Gegenstand
Unfallversicherung,

Beschwerde gegen den Entscheid des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 6.
November 2007.

Sachverhalt:

A.
Die 1965 geborene M.________ war seit 1. August 1991 als Hauptsachbearbeiterin
der Verwaltung der Gemeinde Y.________ zu einem Pensum von durchschnittlich 90
% angestellt und dadurch bei der Berner Allgemeine Versicherungs-Gesellschaft
(seit 2002 Allianz Suisse Versicherungs-Gesellschaft [im Folgenden: Allianz])
obligatorisch gegen die Folgen von Unfällen versichert. Am 28. August 1999
schlug die Versicherte bei einem Sturz von einem nicht arretierten Gartentisch,
auf welchem sie sass, den Kopf auf und zog sich Verletzungen zu, die
medizinisch behandelt werden mussten und eine zeitlich limitierte
Arbeitsunfähigkeit zur Folge hatten. Am 9. Juni 2000 stiess auf einer
spanischen Autobahn ein von hinten herannahender Personenwagen in das Heck des
vom Lebenspartner der Versicherten gelenkten Automobils. In der am 14. Juni
2000 aufgesuchten Clinica S.________ wurde ein Röntgenbild angefertigt und eine
traumatische "Latigazo cervical post-acc. trafico" diagnostiziert (vgl.
Rechnungen vom selben Tag). Der nachbehandelnde Dr. med. K.________, Innere
Medizin FMH, stellte am 19. Juni 2000 in Übereinstimmung mit dem gleichentags
konsiliarisch konsultierten Spital X.________ ein akutes Cervicalsyndrom ohne
radiologisch nachweisbare radikuläre oder ossäre Läsionen mit vollständiger
Arbeitsunfähigkeit fest (Berichte vom 26. Juni 2000). Auf Empfehlung des die
Versicherte weiter betreuenden Dr. med. L.________, FMH Rheumatologie und
Innere Medizin, (vgl. Berichte vom 14. September 2000 sowie 29. März und 1.
Juni 2001), wurden im Spital X.________ eine ambulante Untersuchung in der
neuropsychologischen Sprechstunde (Berichte der psychiatrischen Poliklinik vom
10. November und 19. Dezember 2000) sowie eine stationäre Behandlung in der
Rheuma- und Rehabilitationsklinik A.________, welche vom 10. Juli bis 7. August
2001 dauerte (vgl. Bericht vom 3. September 2001), durchgeführt. Die
Versicherte stand ab 22. Februar 2001 bis Mai 2002 zudem in Behandlung bei Frau
Dr. phil. U.________, Psychologin FSP, Psychotherapeutin, welche eine
Somatisierungsstörung mit klassischen Symptomen nach HWS-Trauma ICD-10: 45.0
diagnostizierte (Berichte vom 5. Juli 2001 und 24. Mai 2002). Die Allianz
erbrachte die gesetzlichen Leistungen (Heilbehandlung; Taggeld).

Am 18. Juni 2001 meldete sich die Versicherte zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an. Die IV-Stelle Bern tätigte medizinische (worunter die
polydisziplinäre Expertise der Medizinischen Abklärungsstation des
Universitätsspitals E.________ vom 11. November 2002 [im Folgenden: MEDAS])
sowie berufliche Abklärungen (vgl. Bericht der Stiftung G.________ vom 11.
Februar 2004) und sprach der Versicherten mit Verfügung vom 4. Januar 2005
rückwirkend ab 1. Juni 2001 eine ganze Invalidenrente zu. Die Allianz holte ein
weiteres polydisziplinäres Gutachten der MEDAS vom 26. September 2006 ein,
dessen Ärzte eine vollständige Arbeitsfähigkeit postulierten. Mit Verfügung vom
21. Februar 2007 stellte die Allianz in Kenntnis der von der Versicherten
eingeholten Stellungnahme des Expertiseninstituts Z.________ vom 22. Oktober
2006, sowie der zusätzlichen Auskünfte der MEDAS (vom 19. und 20. Dezember 2006
sowie 10. Februar 2007) ihre Leistungen ab 31. Dezember 2006 ein, weil keine
Unfallfolgen mehr vorlägen. Daran hielt sie auf Einsprache hin fest
(Einspracheentscheid vom 11. April 2007).

B.
Die hiegegen eingereichte Beschwerde, mit welcher eine weitere Stellungnahme
des Expertiseninstituts Z.________ vom 21. April 2007 aufgelegt wurde, wies das
Verwaltungsgericht des Kantons Bern ab (Entscheid vom 6. November 2007).

C.
Mit Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten beantragt M.________,
unter Aufhebung des vorinstanzlichen Entscheids sei die Allianz "zu
verpflichten, auch nach dem 31. Dezember 2006 die gesetzlichen
Unfallversicherungsleistungen auszurichten."

Die Allianz schliesst auf Abweisung der Beschwerde. Das Bundesamt für
Gesundheit verzichtet auf eine Vernehmlassung.

Erwägungen:

1.
Prozessthema bildet die Frage, ob der von der Beschwerdeführerin geltend
gemachte Gesundheitsschaden in einem natürlichen und adäquaten
Kausalzusammenhang mit dem Auffahrunfall vom 9. Juni 2000 steht.

2.
Gemäss Art. 97 Abs. 2 BGG kann jede unrichtige oder unvollständige Feststellung
des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden, wenn sich die Beschwerde
gegen einen Entscheid über die Zusprechung oder Verweigerung von Geldleistungen
der Militär- oder Unfallversicherung richtet. Das Bundesgericht ist dabei nicht
an die Sachverhaltsfeststellung der Vorinstanz gebunden (Art. 105 Abs. 3 BGG).

3.
3.1 Es ist unbestritten und steht ausweislich der Akten fest, dass die Ärzte zu
keinem Zeitpunkt ein medizinisches Korrelat objektivieren konnten, welches die
geklagten Beschwerden (chronische cervicale sowie Kopfschmerzen; generalisierte
Schmerzen im Bereich des Rückens mit Ausstrahlung lumbal vor allem in die
Schulterpartien und den linken Arm [mit schmerzbedingter diskreter Schwäche]
sowie gelegentlich thorakal ins linke Bein; Konzentrations-, Aufmerksamkeits-
und Gedächtnisstörungen mit Leistungsminderung; vgl. Gutachten der MEDAS vom
11. November 2002) hinreichend zu erklären vermochte. Die Vorinstanz gelangte
zum Schluss, dass zur Beurteilung der Frage, ob ein natürlicher
Kausalzusammenhang zwischen den gesundheitlichen Beeinträchtigungen und dem
Unfall vom 9. Juni 2000 bestehe, auf das Gutachten der MEDAS vom 26. September
2006 sowie deren zusätzlichen Auskünfte (vom 19. und 20. Dezember sowie 10.
Februar 2007) abzustellen sei. Danach sei der natürliche Kausalzusammenhang zu
verneinen. Hiegegen bringt die Beschwerdeführerin im Wesentlichen vor, die
Expertise der MEDAS vom 26. September 2006 weise gravierende inhaltliche Mängel
auf, weshalb kein verlässliches Beweismittel vorliege.
3.2
3.2.1 Im Gutachten vom 11. November 2002 stellten die Sachverständigen der
MEDAS aus somatischer Sicht ein chronifiziertes cervicocephales Schmerzsyndrom
mit leichter Hirnleistungsschwäche fest, welches eine erhebliche
Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit zur Folge hatte. Demgegenüber gelangten
sie in der Begutachtung vom 26. September 2006 (in teilweise anderer
personeller Zusammensetzung) zum Schluss, initial hätten nach dem Unfall vom 9.
Juni 2000 die Folgen einer Distorsion der Halswirbelsäule (HWS) nach Krämer
Grad I vorgelegen, die binnen vier bis sechs Wochen zur Ausheilung komme; für
diesen Zeitraum ergebe sich eine Arbeitsunfähigkeit bis zu 100 %. Die
Beschwerdeführerin bringt zu Recht vor, dass eine schlüssige Diskussion dieser
Diskrepanz nicht stattgefunden hat. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz
haben die Ärzte der MEDAS nicht einen gleich gebliebenen Sachverhalt aufgrund
aktueller wissenschaftlicher Erkenntnis medizinisch neu beurteilt. Die Arbeiten
des Traumaforschers H.________ stammen aus dem Jahre 1978 und waren daher
bereits im Jahre 2002 bekannt, wie die Beschwerdeführerin zutreffend einwendet.
Auf der anderen Seite ist jedoch festzuhalten, dass die Sachverständigen der
MEDAS in dem von der Invalidenversicherung bestellten Gutachten vom 11.
November 2002 den Kausalzusammenhang der geltend gemachten Beschwerden mit dem
Unfall vom 9. Juni 2000 in Zweifel zogen, dieser Frage mangels entsprechendem
Auftrag jedoch nicht weiter nachgegangen waren. Der aufgezeigten Diskrepanz ist
daher in Bezug auf das vorliegende Prozessthema wenig Bedeutung beizumessen.
3.2.2 Im Gutachten vom 11. November 2002 hielten die Sachverständigen gestützt
auf eine psychiatrische Zusatzbeurteilung vom 23. September 2002 und in
Übereinstimmung mit den weiteren medizinischen Akten fest, dass die von der
Versicherten geschilderten Beschwerden (Konzentrations- und
Gedächtnisstörungen; Schwierigkeiten beim Erfassen komplexer Zusammenhänge und
Herausarbeitung der wesentlichen Punkte; verlangsamte Arbeitsweise) vornehmlich
subjektiver Natur waren, die sich bereits im Jahre 2000 mit
neuropsychologischen Untersuchungen nicht mehr hinreichend hatten nachweisen
lassen und zum Zeitpunkt der Exploration auch nicht mehr feststellbar gewesen
waren. Die Versicherte betonte, dass ihre anfänglichen depressiv anmutenden
Verstimmungen und Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen inzwischen
vollständig abgeklungen waren, was im Abschlussbericht der Psychotherapeutin
Dr. phil. U.________ vom 24. Mai 2002 dokumentiert wurde. Angesichts dieses
Sachverhalts verblieb als einzige Diagnose eine Psychasthenie (ICD-10: F48.8)
in Verbindung mit einer Kachexie (Bodymassindex 16 kg/m2), womit gemischte
Störungen des Verhaltens, der Überzeugungen und Emotionen zu bezeichnen waren,
die in ihrer Ätiologie und ihrem nosologischen Status unsicher sind. Dieser
Befund hatte laut Angaben des psychiatrischen Konsiliarius vom 23. September
2002 allenfalls eine Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit von 10 bis 20 % zur
Folge. Aus diesen Ausführungen wird deutlich, dass die Sachverständigen der
MEDAS bereits im Gutachten vom 11. November 2002, wenn auch - mangels
entsprechender Fragestellung - nicht ausdrücklich, so doch implizit einen
Kausalzusammenhang zwischen den geltend gemachten, psychiatrisch nicht
objektivierbaren gesundheitlichen Beeinträchtigungen mit dem Unfall vom 9. Juni
2000 eher verneinten. Entgegen den Einwänden in der letztinstanzlichen
Beschwerde begründet der Umstand, dass die MEDAS-Sachverständigen bei angeblich
gleich gebliebenem Psychostatus in der Expertise vom 26. September 2006 neu
eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung diagnostizierten, keinen Widerspruch
zur früheren medizinischen Beurteilung. Mangels sowohl organisch als auch
psychiatrisch klar fassbarer objektiver Befunde ist die einzig gestützt auf die
geklagten Beschwerden diagnostizierte anhaltende somatoforme Schmerzstörung
(ICD-10: F45.4) lediglich als deskriptive Zusammenfassung subjektiv erlebter
Einschränkungen zu werten.
3.2.3 Dennoch kann zur Beurteilung der Frage des natürlichen
Kausalzusammenhangs nicht allein auf die Angaben im Gutachten der MEDAS vom 26.
September 2006 abgestellt werden. Aufgrund deren Schlussfolgerungen sowie der
Akten ist davon auszugehen, dass die Versicherte jedenfalls initial an den für
ein Schleudertrauma der HWS ohne organisch nachweisbare Funktionsausfälle
typischen Beschwerden litt, weshalb praxisgemäss (BGE 117 V 359 E. 4b S. 360 f.
und SVR 2007 UV Nr. 23 S. 75, U 215/05 E. 5 mit Hinweisen ) der natürliche
Kausalzusammenhang nachgewiesen ist. Daher bleibt die Allianz solange
leistungspflichtig, bis beweismässig hinreichend erstellt ist, dass der
natürliche Kausalzusammenhang dahingefallen ist (vgl. RKUV 2000 Nr. U 363 S.
45, U 355/98 E. 2 mit Hinweisen, 1994 Nr. U 206 S. 328 E. 3b, U 180/93 E. 3b).
Letzteres trifft dann zu, wenn der (krankhafte) Gesundheitszustand erreicht
ist, wie er unmittelbar vor dem Unfall bestanden hat (status quo ante) oder wie
er sich nach dem schicksalsmässigen Verlauf eines krankhaften Vorzustandes auch
ohne Unfall früher oder später eingestellt hätte (status quo sine; RKUV 1994
Nr. U 206 S. 328 f., U180/93 E. 3b mit Hinweisen). Die MEDAS hat im Gutachten
vom 26. September 2006 die diesbezüglichen Fragen der Allianz unzulänglich
beantwortet. Zum einen gab sie unter der entsprechenden Rubrik (vgl. Ziff. 2.2)
an, ein allfällig bestandener Vorzustand (unfallfremde Faktoren) müsse beim
Hausarzt erfragt werden. Demgegenüber bejahte sie unter Ziff. 2.3 das Vorliegen
unfallfremder Faktoren und hielt fest, der Unfall habe weder zu einer
vorübergehenden noch richtunggebenden Verschlimmerung geführt; der Frage, ob
ein status quo sine vel ante vorliege (vgl. Ziff. 2.3.2 f.), sei daher nicht
weiter nachzugehen. Damit hat die MEDAS den ihr erteilten Gutachtensauftrag
teilweise offensichtlich unvollständig erfüllt, weshalb die Vorinstanz zur
Beurteilung des natürlichen Kausalzusammenhangs nicht ohne Weiteres auf deren
Gutachten vom 26. September 2006 abstellen durfte.

3.2.4 Die Frage nach dem natürlichen Kausalzusammenhang braucht jedoch nicht
abschliessend beantwortet zu werden, wenn - wie im Folgenden dargelegt - die
Adäquanz zu verneinen ist. Denn diesfalls kann praxisgemäss auf weitere
Beweisvorkehren zur natürlichen Kausalität verzichtet werden (SVR 1995 UV Nr.
23 S. 67 E. 3c [U 183/93]; vgl. zu der in BGE 134 V 109 präzisierten
Schleudertrauma-Praxis Urteile 8C_623/2007 vom 22. August 2008 E. 6.2 und 8C_42
/2007 vom 14. April 2008 E. 2 mit Hinweisen).

3.3 Es erscheint fraglich, ob die Adäquanz des Kausalzusammenhanges zwischen
den geklagten gesundheitlichen Beeinträchtigungen und dem Unfall vom 9. Juni
2000 - wie von der Vorinstanz vertreten - nach der sog. Psycho-Praxis im Sinne
von BGE 115 V 133 zu prüfen ist. Die Versicherte litt auch noch längere Zeit
nach dem Unfall an mehreren der zum typischen Beschwerdebild gehörenden
gesundheitlichen Beeinträchtigungen, so unter anderem an einem cervicocephalen
Schmerzsyndrom mit Hirnleistungsschwäche (vgl. Gutachten der MEDAS vom 11.
November 2002) und an einer Somatisierungsstörung mit klassischen Symptomen
nach HWS-Trauma (ICD-10: F.45.0; vgl. Berichte der Frau Dr. phil. U.________
vom 5. Juli 2001 und 24. Mai 2002). Auf der anderen Seite konnten im Zeitpunkt
bei Erlass des Einspracheentscheids der Allianz vom 11. April 2007, welcher für
die gerichtliche Beurteilung des Sachverhalts massgeblich ist, medizinisch und
psychiatrisch keine klar fass- und den geklagten Beschwerden zuortbare Befunde
erhoben werden, mit welchen eine Arbeitsunfähigkeit zu begründen wäre (vgl.
Gutachten der MEDAS vom 26. September 2006). Die Frage braucht indessen nicht
beantwortet zu werden, da die Adäquanz auch in Anwendung der - inzwischen mit
BGE 134 V 109 präzisierten - Schleudertrauma-Praxis zu verneinen ist.

4.
4.1 Das Bundesgericht hat in BGE 134 V 109 die Praxis zur Kausalitätsprüfung
bei Unfall mit Schleudertrauma, äquivalenter Verletzung der HWS oder
Schädel-Hirntrauma ohne organisch objektiv ausgewiesene Beschwerden (sog.
Schleudertrauma-Praxis) in mehrfacher Hinsicht präzisiert. Am Erfordernis einer
besonderen Adäquanzprüfung bei Unfällen mit solchen Verletzungen wird
festgehalten (E. 7-9 S. 118 ff. des erwähnten Urteils). Die bewährten
Grundsätze über die bei dieser Prüfung vorzunehmende Einteilung der Unfälle
nach deren Schweregrad und den abhängig von der Unfallschwere gegebenenfalls
erforderlichen Einbezug weiterer Kriterien in die Adäquanzbeurteilung sind
nicht zu ändern (E. 10.1 S. 126). Das Bundesgericht hat aber die
adäquanzrelevanten Kriterien teilweise modifiziert. Dies betrifft zunächst das
Kriterium der "ungewöhnlich langen Dauer der ärztlichen Behandlung", das nur
dann vorliegt, wenn nach dem Unfall fortgesetzt spezifische und die versicherte
Person belastende ärztliche Behandlung im Zeitraum bis zum Fallabschluss
notwendig gewesen war (E. 10.2.3 S. 128). Weiter wird für die Erfüllung des
Kriteriums "Dauerbeschwerden" vorausgesetzt, dass diese erheblich sind, was
aufgrund glaubhaft geltend gemachter Schmerzen und nach der Beeinträchtigung,
welche die verunfallte Person im Lebensalltag erfährt, zu beurteilen ist
(10.2.4 S. 128 f.). Hinsichtlich des Kriteriums "Grad und Dauer der
Arbeitsunfähigkeit" ist nicht die Dauer an sich, sondern eine erhebliche
Arbeitsunfähigkeit als solche massgeblich, die zu überwinden die versicherte
Person ernsthafte Anstrengungen unternimmt (E. 10.2.7 S. 129).

Zusammenfassend hat das Bundesgericht den Katalog der bisherigen
adäquanzrelevanten Kriterien (BGE 117 V 359 E. 6a S. 367, 369 E. 4b S. 383) in
BGE 134 V 109 wie folgt neu gefasst (E. 10.3 S. 130):

- besonders dramatische Begleitumstände oder besondere Eindrücklichkeit des
Unfalls;
- die Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzungen;
- fortgesetzt spezifische, belastende ärztliche Behandlung;
- erhebliche Beschwerden;
- ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert;
- schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen;
- erhebliche Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen.
4.2
4.2.1 Die Vorinstanz hat den Auffahrunfall vom 9. Juni 2000 gestützt auf die
Angaben der Versicherten dem mittelschweren Bereich zugeordnet, was von keiner
Partei beanstandet wird. Mit Blick auf die daher in die Gesamtwürdigung
einzubeziehenden massgebenden Kriterien ist zunächst der Einwand in der
letztinstanzlichen Beschwerde zu prüfen, die Versicherte habe am 29. August
1999 bereits eine HWS-Distorsion erlitten und sei im Zeitpunkt des Unfalles vom
9. Juni 2000 deswegen noch in ärztlicher Behandlung gestanden. Nach der
Rechtsprechung kann die wiederholte Betroffenheit desselben Körperteils bei der
Adäquanzprüfung insbesondere dann berücksichtigt werden, wenn die Auswirkungen
der verschiedenen Ereignisse auf gewisse Beschwerden und/oder auf Grad und
Dauer der Arbeitsunfähigkeit nicht voneinander abgegrenzt werden können. Der
hinreichend nachgewiesenen, durch einen früheren versicherten Unfall
verursachten dauerhaften Vorschädigung der HWS kann diesfalls im Rahmen der
Beurteilung der einzelnen Kriterien Rechnung getragen werden (zum Ganzen: SVR
2007 UV Nr. 1 S. 1, U 39/04 E. 3.3.2 mit Hinweisen).
4.2.2
4.2.2.1 Besonders dramatische Begleitumstände oder eine besondere
Eindrücklichkeit des Unfalles vom 9. Juni 2000 liegen unstreitig nicht vor.
4.2.2.2 Gemäss BGE 134 V 109 bestimmt die Annahme eines Schleudertraumas der
HWS (resp. einer der weiteren, adäquanzrechtlich gleich behandelten
Verletzungen) lediglich, dass die Schleudertrauma-Praxis anzuwenden ist.
Hingegen genügt die Diagnose einer HWS-Distorsion (oder einer anderen,
adäquanzrechtlich gleich zu behandelnden Verletzung) für sich allein nicht zur
Bejahung des Kriteriums der Schwere und besonderen Art der erlittenen
Verletzung. Es bedarf hiezu einer besonderen Schwere der für das
Schleudertrauma typischen Beschwerden oder besonderer Umstände, welche das
Beschwerdebild beeinflussen können (SVR 2007 UV Nr. 26 S. 86, U 339/06 E. 5.3;
RKUV 2005 Nr. U 549 S. 236, U 380/04 E. 5.2.3 mit Hinweisen). Diese können
beispielsweise in einer beim Unfall eingenommenen besonderen Körperhaltung und
den dadurch bewirkten Komplikationen bestehen (SVR 2007 UV Nr. 26 S. 86, U 339/
06 E. 5.3; RKUV 2003 Nr. U 489 S. 357, U 193/01 E. 4.3 mit Hinweisen). Auch
erhebliche Verletzungen, welche sich die versicherte Person neben dem
Schleudertrauma, der äquivalenten Verletzung der HWS oder dem
Schädel-Hirntrauma beim Unfall zugezogen hat, können bedeutsam sein (BGE 134 V
109 E. 10.2.2 S. 127 f.).

Solche Umstände sind hier indessen nicht nachgewiesen. Wie die MEDAS im
Gutachten vom 11. November 2002 aufgrund der unwidersprochen gebliebenen
Angaben der Explorandin festhielt, wurde die Versicherte durch das vom
Fahrzeugführer eingeleitete Bremsmanöver auf die danach erfolgte Kollision mit
dem von hinten herannahenden Personenwagen aufmerksam gemacht, weshalb nicht
wahrscheinlich ist, dass sie eine besondere Körperhaltung (wie sie zum Beispiel
im Schlaf typisch ist) eingenommen hatte. Dafür zeugt auch der Umstand, dass
die geltend gemachten Beschwerden keinem medizinisch klar fassbaren Korrelat
zugeordnet werden konnten. Eine besonders schwerwiegende Verletzung der HWS ist
aber auch in Berücksichtigung des Unfalles vom 28. August 1999 zu verneinen.
Die Versicherte war wenige Wochen danach im ausgeübten Beruf wieder dauernd
vollständig arbeitstätig. In den Akten finden sich keine Anhaltspunkte dafür,
dass sie dauernder ärztlicher Unterstützung bedurfte. Das Kriterium der Schwere
oder besonderen Art der erlittenen Verletzungen ist daher zu verneinen.
4.2.2.3 Hinsichtlich des Kriteriums der fortgesetzt spezifischen, belastenden
ärztlichen Behandlung ergibt sich aus den Akten sowie der im vorinstanzlichen
Verfahren eingereichten Zusammenfassung der Versicherten zu den durchgeführten
Therapien, dass sie nach dem Unfall regelmässig physiotherapeutische Behandlung
beanspruchte. Vom 10. Juli bis 7. August 2001 hielt sie sich zur Rehabilitation
in der Rheuma- und Rehabilitatiosklinik A.________ auf. Die
psychotherapeutische Behandlung konnte im Mai 2002 erfolgreich abgeschlossen
werden (vgl. Bericht der Frau Dr. phil. U.________ vom 24. Mai 2002). Die von
der MEDAS im Gutachten vom 11. November 2002 empfohlene Weiterführung der
begonnenen Physiotherapie wurde bis zum Fallabschluss am 31. Dezember 2006
fortgesetzt, nicht aber eine adäquate medikamtentöse Behandlung der Schmerzen.
Daneben beanspruchte die Versicherte alternativ- oder komplementärmedizinische
Massnahmen, deren Wirksamkeit wissenschaftlich zwar umstritten ist (vgl. SVR
2007 Nr. UV 25 S. 81, U 479/05 E. 8.3.3 mit Hinweisen), welche hier aber zu
berücksichtigen sind, da die Allianz diese jedenfalls teilweise übernommen und
deren Nutzen daher insoweit anerkannt hat (vgl. Besprechungsprotokoll vom 1.
Juni 2001). Insgesamt betrachtet kann eine fortgesetzt spezifische, nicht aber
eine belastende ärztliche Behandlung angenommen werden.
4.2.2.4 Die geltend gemachten gesundheitlichen Beeinträchtigungen konnten
keinem medizinisch klar fassbaren Korrelat zugeordnet werden, weshalb das
Kriterium der erheblichen Beschwerden nicht gegeben ist.
4.2.2.5 Eine ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich
verschlimmerte, liegt unstreitig nicht vor.
4.2.2.6 Weiter ist der letztinstanzlichen Beschwerde nicht zu entnehmen,
inwiefern ein schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen gegeben
sind. Das Vorbringen, dass die "bisher eingeleiteten Therapien nicht zur
gewünschten, nachhaltigen Verbesserung des Gesundheitszustandes ... geführt
haben", gründet weitgehend im Umstand, dass medizinisch betrachtet keine
Pathologika nachweisbar sind (vgl. Gutachten der MEDAS vom 26. September 2006).
4.2.2.7 Schliesslich ist den Akten entgegen den Aussagen in der
letztinstanzlichen Beschwerde nicht eine seit dem Unfall vom 9. Juni 2000
bestehende, zwischen 45 und 68 % liegende und ab Januar 2004 praktisch
vollständige Arbeitsunfähigkeit zu entnehmen. Vielmehr war der Versicherten
jedenfalls im Zeitpunkt der Begutachtung durch die MEDAS (vgl. Expertise vom
11. November 2002) zunächst eine hälftige (vermindert durch die notwendig
gewordenen Physiotherapien sowie eine nicht näher spezifizierbare
Psychasthenie) und prognostisch betrachtet eher steigerbare Arbeitstätigkeit
zumutbar. Nach Auflösung des Arbeitsverhältnisses mit der Gemeinde Y.________
per 31. Dezember 2002, welche ihr eine stundenweise Weiterbeschäftigung anbot
(vgl. Schreiben vom 27. September 2002), bemühte sie sich ausweislich der Akten
um keine anderen Anstellungsmöglichkeiten. Das Kriterium der erheblichen
Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen ist daher nicht erfüllt.
4.2.3 Liegt nach dem Gesagten keines der massgeblichen unfallbezogenen
Adäquanzkriterien gemäss der mit BGE 134 V 109 präzisierten Rechtsprechung vor,
ist der vorinstanzliche Entscheid im Ergebnis nicht zu beanstanden.

5.
Das Verfahren ist kostenpflichtig (Art. 66 Abs. 1 BGG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2.
Die Gerichtskosten von Fr. 500.- werden der Bescherdeführerin auferlegt.

3.
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Verwaltungsgericht des Kantons Bern,
Sozialversicherungsrechtliche Abteilung, und dem Bundesamt für Gesundheit
schriftlich mitgeteilt.

Luzern, 26. November 2008

Im Namen der I. sozialrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts
Das präsidierende Mitglied: Der Gerichtsschreiber:

i.V. Lustenberger Grunder