Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Sozialrechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 8C.785/2007
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Tribunale federale
Tribunal federal

{T 0/2}
8C_785/2007

Urteil vom 11. Juni 2008
I. sozialrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Ursprung, Präsident,
Bundesrichter Lustenberger, Bundesrichterin Leuzinger,
Gerichtsschreiber Holzer.

Parteien
J.________, Beschwerdeführerin, vertreten durch Rechtsanwältin Elisabeth
Blumer, Quaderstrasse 5, 7000 Chur,

gegen

ÖKK Kranken- und Unfallversicherungen AG, Bahnhofstrasse 9, 7302 Landquart,
Beschwerdegegnerin, vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Martin Schmid,
Hartbertstrasse 11, 7000 Chur.

Gegenstand
Unfallversicherung,

Beschwerde gegen den Entscheid des Verwaltungsgerichts des Kantons Graubünden
vom 9. Oktober 2007.

Sachverhalt:

A.
Die 1955 geborene J.________ bezog seit dem 1. Januar 2001 wegen einer
langdauernden Krankheit eine IV-Rente bei einem Invaliditätsgrad von 60 %.
Daneben war sie zu 40 % als Pflegefachfrau im Spital X.________ erwerbstätig
und über ihren Arbeitgeber bei der ÖKK Kranken- und Unfallversicherungen AG
(nachstehend: ÖKK) gegen die Folgen von Unfällen versichert, als sie am 6. Juni
2005 in Y.________ Opfer eines Auffahrunfalles wurde. Die ÖKK anerkannte ihre
Leistungspflicht und erbrachte die gesetzlichen Leistungen, stellte diese
jedoch mit Verfügung vom 15. Februar 2007 und Einspracheentscheid vom 26. April
2007 per 31. Dezember 2006 ein, da die über dieses Datum hinaus anhaltend
geklagten Beschwerden nicht mehr in einem rechtsgenüglichen Kausalzusammenhang
zum Unfallereignis vom 6. Juni 2005 stünden.

B.
Die von J.________ hiegegen erhobene Beschwerde wies das Verwaltungsgericht des
Kantons Graubünden mit Entscheid vom 9. Oktober 2007 ab.

C.
Mit Beschwerde beantragt J.________, die ÖKK sei unter Aufhebung des kantonalen
Gerichtsentscheides zu verpflichten, ihr weiterhin Taggeld- und
Heilbehandlungsleistungen zu erbringen sowie eine Rente und eine
Integritätsentschädigung festzulegen.

Während die ÖKK auf Abweisung der Beschwerde schliesst, verzichtet das
Bundesamt für Gesundheit auf eine Vernehmlassung.

D.
Mit Urteil vom 19. Februar 2008 (BGE 134 V 109) hat das Bundesgericht die sog.
Schleudertrauma-Praxis bei organisch nicht objektiv ausgewiesenen Beschwerden
präzisiert. Die Parteien hielten im Rahmen des ihnen zu dieser Präzisierung
gewährten rechtlichen Gehörs an ihren Rechtsbegehren fest.
Erwägungen:

1.
1.1 Die Beschwerde kann wegen Rechtsverletzung gemäss Art. 95 und Art. 96 BGG
erhoben werden. Das Bundesgericht wendet das Recht von Amtes wegen an (Art. 106
Abs. 1 BGG). Es ist somit weder an die in der Beschwerde geltend gemachten
Argumente noch an die Erwägungen der Vorinstanz gebunden; es kann eine
Beschwerde aus einem anderen als dem angerufenen Grund gutheissen und es kann
sie mit einer von der Argumentation der Vorinstanz abweichenden Begründung
abweisen (vgl. BGE 130 III 136 E. 1.4 S. 140). Das Bundesgericht prüft
grundsätzlich nur die geltend gemachten Rügen; es ist nicht gehalten, wie eine
erstinstanzliche Behörde alle sich stellenden rechtlichen Fragen zu prüfen,
wenn diese vor Bundesgericht nicht mehr vorgetragen wurden. Es kann die
Verletzung von Grundrechten und von kantonalem und interkantonalem Recht nur
insofern prüfen, als eine solche Rüge in der Beschwerde vorgebracht und
begründet worden ist (Art. 106 Abs. 2 BGG).

1.2 Im Beschwerdeverfahren um die Zusprechung oder Verweigerung von
Geldleistungen der Militär- oder Unfallversicherung ist das Bundesgericht nicht
an die vorinstanzliche Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gebunden
(Art. 97 Abs. 2 und Art. 105 Abs. 3 BGG).

2.
2.1 Im kantonalen Entscheid werden die nach der Rechtsprechung für den Anspruch
auf Leistungen der obligatorischen Unfallversicherung (Art. 6 Abs. 1 UVG)
geltenden Voraussetzungen des natürlichen und adäquaten Kausalzusammenhangs
zwischen dem versicherten Unfall und dem Gesundheitsschaden (BGE 129 V 177 E.
3.1 und 3.2 S. 181) zutreffend dargelegt. Darauf wird verwiesen. Entsprechendes
gilt für die von der Judikatur entwickelten Grundsätze zum Erfordernis des
adäquaten Kausalzusammenhangs bei Folgen eines Unfalles mit Schleudertrauma der
Halswirbelsäule ohne organisch nachweisbare Funktionsausfälle (BGE 117 V 359).

2.2 Mit Urteil vom 19. Februar 2008 (BGE 134 V 109) hat das Bundesgericht die
sog. Schleudertrauma-Praxis bei organisch nicht objektiv ausgewiesenen
Beschwerden präzisiert. Im genannten Urteil wurde zunächst der Grundsatz
bestätigt, dass der Fallabschluss und damit verbunden die Adäquanzprüfung im
Hinblick auf die Rentenleistungen in dem Zeitpunkt zu erfolgen hat, in dem von
der Weiterführung der medizinischen Massnahmen keine namhafte Besserung des
Gesundheitszustandes mehr zu erwarten ist (zitiertes Urteil, E. 4).
Hinsichtlich der Beurteilung des natürlichen Kausalzusammenhangs zwischen dem
Unfallereignis und den geklagten organisch nicht hinreichend nachweisbaren
Beschwerden wurde festgehalten, dass diese auf Grund einer eingehenden
medizinischen Abklärung zu erfolgen hat (zitiertes Urteil, E. 9.4 und 9.5).
Schliesslich wurden in E. 10 des zitierten Urteils die Kriterien, welche zur
Beurteilung der Adäquanz bei mittelschweren Unfällen (vgl. dazu insbesondere
SVR 2008 UV Nr. 8 S. 26, E. 5.3.1 [U 2/07]) dienen, neu gefasst. Der Katalog
der adäquanzrelevanten Kriterien lautet nunmehr:

- besonders dramatische Begleitumstände oder besondere Eindrück- lichkeit des
Unfalls;
- die Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzungen;
- fortgesetzt spezifische, belastende ärztliche Behandlung;
- erhebliche Beschwerden;
- ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich ver- schlimmert;
- schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen;
- erhebliche Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen.

Weiterhin gilt, dass nicht in jedem Fall der Einbezug sämtlicher Kriterien in
die Gesamtwürdigung erforderlich ist. Je nach den konkreten Umständen kann für
die Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhangs ein einziges Kriterium
genügen. Dies trifft einerseits dann zu, wenn es sich um einen Unfall handelt,
welcher zu den schwereren Fällen im mittleren Bereich zu zählen oder sogar als
Grenzfall zu einem schweren Unfall zu qualifizieren ist. Anderseits kann im
gesamten mittleren Bereich ein einziges Kriterium genügen, wenn es in besonders
ausgeprägter Weise erfüllt ist. Kommt keinem Einzelkriterium besonderes bzw.
ausschlaggebendes Gewicht zu, so müssen mehrere unfallbezogene Kriterien
herangezogen werden. Handelt es sich beispielsweise um einen Unfall im
mittleren Bereich, der aber dem Grenzbereich zu den leichten Unfällen
zuzuordnen ist, müssen die weiteren zu berücksichtigenden Kriterien in
gehäufter oder auffallender Weise erfüllt sein, damit die Adäquanz bejaht wird.
Diese Würdigung des Unfalles zusammen mit den objektiven Kriterien führt zur
Bejahung oder Verneinung des adäquaten Kausalzusammenhangs (BGE 117 V 359 E. 6b
S. 367).

2.3 Rechtsprechungsgemäss ist eine Änderung oder Präzisierung einer
bundesgerichtlichen Rechtsprechung nicht nur auf zukünftige Fälle anwendbar,
sondern auch auf jene Fälle, die im Zeitpunkt der Änderung oder der
Präzisierung der Praxis bereits beim Bundesgericht hängig waren (BGE 120 V 128
E. 3a 131 mit Hinweisen).

3.
Streitig und zu prüfen ist, ob die von der Beschwerdeführerin über den 31.
Dezember 2006 hinaus anhaltend geklagten Beschwerden noch in einem
rechtsgenüglichen Kausalzusammenhang zum Unfallereignis vom 6. Juni 2005
stehen.

4.
4.1 Gemäss der Diagnose des erstbehandelnden Dr. med. C._______ auf dem
Dokumentationsbogen vom 18. Juni 2005 erlitt die Versicherte am 6. Juni 2005
ein Beschleunigungstrauma der Halswirbelsäule. Diese Diagnose wurde auch von
den nachbehandelnden Ärzten nicht bezweifelt. Aus den Akten ist weiter
ersichtlich, dass die Beschwerdeführerin an multiplen krankhaften Vorzuständen,
insbesondere an einer immobilisierenden Rückenproblematik litt und zum
Unfallzeitpunkt eine Rente der Invalidenversicherung bei einem Invaliditätsgrad
von 60 % bezog. Organisch hinreichend nachweisbare Unfallfolgen wurden
demgegenüber nicht beschrieben (vgl. auch die Stellungnahme des
Vertrauensarztes der Beschwerdegegnerin, Dr. med. W.________ vom 11. September
2006). Wie die Vorinstanz zutreffend ausführt, braucht nicht abschliessend
geprüft zu werden, ob die über den 31. Dezember 2006 hinaus anhaltend
geklagten, organisch nicht hinreichend nachweisbaren, Beschwerden noch
mindestens teilweise auf das Unfallereignis vom 6. Juni 2005 zurückzuführen
sind, da die Adäquanz eines allfälligen natürlichen Kausalzusammenhanges - wie
nachfolgende Prüfung ergibt - zu verneinen ist. Auf die Erstellung eines
Gutachtens zur Frage der natürlichen Kausalität kann somit verzichtet werden.

4.2 Die Schwere des Unfalles ist auf Grund des augenfälligen Geschehensablaufs
mit den sich dabei entwickelnden Kräften zu bestimmen (SVR 2008 UV Nr. 8 S. 26,
E. 5.3.1 [U 2/07]). Dabei werden einfache Auffahrkollisionen auf ein haltendes
Fahrzeug in der Regel als mittelschwerer Unfall im Grenzbereich zu den leichten
Unfällen betrachtet (RKUV 2005 Nr. U 549 S. 236 E. 5.1.2 S. 237 [U 380/04]).
Die entsprechende Qualifikation des Unfallereignisses vom 6. Juni 2005 durch
die Vorinstanz ist nicht zu beanstanden. Die Adäquanz des Kausalzusammenhanges
wäre somit dann zu bejahen, wenn eines der in E. 2. 2 hievor aufgezählten
Adäquanzkriterien in besonders ausgeprägter Weise erfüllt wäre, oder wenn
mehrere dieser Kriterien in gehäufter oder auffallender Weise erfüllt wären.

4.3 Wie das kantonale Gericht zutreffend erwogen hat, ist das Kriterium der
besonders dramatischen Begleitumstände oder der besonderen Eindrücklichkeit des
Unfalles offensichtlich nicht erfüllt.

4.4 Das Bundesgericht hat im erwähnten Urteil BGE 134 V 109, E. 10.2.2 S. 127
f. seine Rechtsprechung bestätigt, wonach die Diagnose einer HWS-Distorsion für
sich allein nicht zur Bejahung des Kriteriums der Schwere und besonderen Art
der erlittenen Verletzung genügt. Es bedarf hiezu einer besonderen Schwere der
für das Schleudertrauma typischen Beschwerden oder besonderer Umstände, welche
das Beschwerdebild beeinflussen können (SVR 2007 UV Nr. 26 S. 86 [U 339/06], E.
5.3; RKUV 2005 Nr. U 549 S. 236 [U 380/04] E. 5.2.3 mit Hinweisen). Diese
können beispielsweise in einer beim Unfall eingenommenen besonderen
Körperhaltung und den dadurch bewirkten Komplikationen bestehen (SVR 2007 UV
Nr. 26 S. 86 [U 339/06], E. 5.3; RKUV 2003 Nr. U 489 S. 357 [U 193/01] E. 4.3
mit Hinweisen). Daneben gilt es zu beachten, dass eine HWS-Distorsion, welche
eine bereits erheblich vorgeschädigte Wirbelsäule trifft, speziell geeignet
ist, die "typischen" Symptome hervorzurufen, weshalb sie als Verletzung
besonderer Art zu qualifizieren ist (vgl. SVR 2007 UV Nr. 1 S. 1 [U 39/04], E.
3.4).

Die Beschwerdeführerin bezog im Unfallzeitpunkt auf Grund ihres vorbestehenden
Rückenleidens eine 60 % Rente der Invalidenversicherung. Das
Beschleunigungstrauma traf eine erheblich vorgeschädigte Wirbelsäule; es ist
somit als Verletzung besonderer Art zu qualifizieren. Das Kriterium ist damit -
wenn auch nicht in besonders ausgeprägtem Masse - erfüllt.

4.5 Neu gefasst wurde in BGE 134 V 109 E. 10.2.3 S.128 das Kriterium der
ärztlichen Behandlung. Nunmehr ist zu seiner Bejahung erforderlich, dass nach
dem Unfall fortgesetzt eine spezifische, die versicherte Person belastende
ärztliche Behandlung bis zum Fallabschluss notwendig war. Eine solche ist
vorliegend nicht aktenkundig; Dr. med. C.________ erwähnte in seinem Bericht
vom 27. Juli 2006 als Therapie lediglich den sparsamen Einsatz von Schmerz- und
Schlafmitteln sowie Akupunktur.

4.6 Ebenfalls nicht erfüllt ist das Kriterium der erheblichen Beschwerden. Zwar
bestanden gemäss dem Bericht des Dr. med. I.________ vom 31. August 2006
permanente Nacken- und Kopfschmerzen, welche indessen mit hoher
Wahrscheinlichkeit durch den Analgetikaüberkonsum mitverursacht waren. Die
Kopfschmerzen bestanden zudem schon vor dem Unfallereignis. Es ist nicht
ersichtlich, dass die Beschwerdeführerin durch die Nackenschmerzen erheblich in
ihrem Lebensalltag eingeschränkt wäre.

4.7 Aus den Akten ist keine ärztliche Fehlbehandlung ersichtlich; wie die
Vorinstanz zutreffend erwogen hat, besteht zudem auch kein Grund zur Annahme
eines schwierigen Heilverlaufes. Die beiden Kriterien sind nicht erfüllt.

4.8 Bezüglich des durch BGE 134 V 109 E. 10.2.7 S. 129 f. präzisierten
Kriteriums der erheblichen Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen
ist festzuhalten, dass die Versicherte ihre Arbeit bereits am 23. Juli 2005,
mithin weniger als zwei Monate nach dem Unfall, wieder im Rahmen ihres vor dem
Unfall ausgeübten Pensum aufnehmen konnte. Das Kriterium ist somit nicht
gegeben. Adäquanzrechtlich ohne Bedeutung ist, ob der Wechsel in eine
administrative Tätigkeit per 1. Januar 2006 unfallbedingt erfolgte oder bereits
vor dem Unfall geplant war. Die Frage kann daher offenbleiben.

4.9 Von den massgebenden Kriterien ist somit lediglich eines - wenn auch nicht
in besonders ausgeprägtem Masse - erfüllt. Die Adäquanz eines allfälligen
natürlichen Kausalzusammenhanges zwischen dem Unfallereignis vom 6. Juni 2005
und den über den 31. Dezember 2006 hinaus anhaltend geklagten, organisch nicht
hinreichend nachweisbaren Beschwerden ist zu verneinen. Einsprache- und
kantonaler Gerichtsentscheid sind somit rechtens.

5.
Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend sind die Gerichtskosten der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 66 Abs. 1 BGG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2.
Die Gerichtskosten von Fr. 500.- werden der Beschwerdeführerin auferlegt.

3.
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden
und dem Bundesamt für Gesundheit schriftlich mitgeteilt.
Luzern, 11. Juni 2008
Im Namen der I. sozialrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts
Der Präsident: Der Gerichtsschreiber:

Ursprung Holzer