Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Sozialrechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 8C.81/2007
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8C_81/2007

Urteil vom 19. Februar 2008

I. sozialrechtliche Abteilung

Bundesrichter Ursprung, Präsident,
Bundesrichterin Widmer, Bundesrichter Frésard,
Gerichtsschreiberin Hofer.

I. ________, Beschwerdeführer,
vertreten durch Fürsprecher Dr. Charles Wick, Kirchenfeldstrasse 68, 3005
Bern,

gegen

Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (SUVA), Fluhmattstrasse 1, 6004
Luzern, Beschwerdegegnerin.

Unfallversicherung,

Beschwerde gegen den Entscheid des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern
vom 31. Januar 2007.

Sachverhalt:

A.
Der 1956 geborene I.________ war seit August 1989 als Wagenreiniger der Bahn
X.________ beschäftigt und dadurch bei der Schweizerischen
Unfallversicherungsanstalt (SUVA) gegen die Folgen von Unfall und
Berufskrankheit versichert. Diese Stelle wurde gemäss Arbeitszeugnis vom
19. Juni 2002 Ende Dezember 2002 aufgehoben, wobei dem Versicherten wegen
diversen gesundheitlichen Problemen in der Folge betriebsintern keine andere
Beschäftigung zugewiesen werden konnte. Mit Schadenmeldung vom 5. September
2005 machte er eine Schwerhörigkeit rechts zufolge ständiger Lärmexposition
am Arbeitsplatz geltend. Die SUVA zog die Akten des ärztlichen Dienstes der
Bahn X.________ bei und holte die Stellungnahme des Dr. med. G.________,
Facharzt FMH für Ohren-, Nasen- und Halskrankheiten, Hals- und
Gesichtschirurgie, Allergologie, klinische Immunologie und Arbeitsmedizin,
Abteilung Arbeitsmedizin der SUVA, vom 23. November 2005 ein. Gestützt darauf
verneinte sie mit Verfügung vom 30. November 2005 den Anspruch auf
Versicherungsleistungen, da die Voraussetzungen für die Annahme einer
Berufskrankheit nicht gegeben seien. Nach erfolgter Einsprache holte die SUVA
die technische Beurteilung der beruflichen Lärmbelastung durch ihren internen
Bereich Akustik vom 5. Mai 2006 und die ärztliche Beurteilung durch Dr. med.
G.________ vom 11. Mai 2006 ein. Mit Einspracheentscheid vom 19. Juni 2006
hielt sie an ihrer Beurteilung fest.

B.
Beschwerdeweise liess I.________ die Zusprechung der gesetzlichen Leistungen,
eventuell die Rückweisung der Sache zur ergänzenden Abklärung beantragen. Die
SUVA reichte mit ihrer Vernehmlassung die ärztliche Beurteilung des Dr. med.
G.________ vom 29. August 2006 und die vom internen Bereich Akustik
erstellten Lärmtabellen ein. Mit Entscheid vom 31. Januar 2007 wies das
Verwaltungsgericht des Kantons Bern die Beschwerde ab.

C.
I.________ lässt Beschwerde führen mit dem Antrag, in Aufhebung des
vorinstanzlichen Entscheids sei die Sache zur ergänzenden Abklärung und neuem
Entscheid an die SUVA zurückzuweisen.
Während die SUVA auf Abweisung der Beschwerde schliesst, verzichtet das
Bundesamt für Gesundheit auf eine Vernehmlassung.
Erwägungen:

1.
1.1 Die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten kann wegen
Rechtsverletzung gemäss Art. 95 und 96 BGG erhoben werden. Das Bundesgericht
wendet das Recht von Amtes wegen an (Art. 106 Abs. 1 BGG). Es ist somit weder
an die in der Beschwerde geltend gemachten Argumente noch an die Erwägungen
der Vorinstanz gebunden; es kann eine Beschwerde aus einem anderen als dem
angerufenen Grund gutheissen und es kann sie mit einer von der Argumentation
der Vorinstanz abweichenden Begründung abweisen (BGE 130 III 136 E. 1.4
S. 140). Das Bundesgericht prüft grundsätzlich nur die geltend gemachten
Rügen; es ist nicht gehalten, wie eine erstinstanzliche Behörde alle sich
stellenden rechtlichen Fragen zu prüfen, wenn diese vor Bundesgericht nicht
mehr vorgetragen wurden. Es kann die Verletzung von Grundrechten und von
kantonalem und interkantonalem Recht nur insofern prüfen, als eine solche
Rüge in der Beschwerde vorgebracht wird (Art. 106 Abs. 2 BGG).

1.2 Im Beschwerdeverfahren um die Zusprechung oder Verweigerung von
Geldleistungen der Militär- oder Unfallversicherung ist das Bundesgericht
nicht an die vorinstanzliche Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts
gebunden (Art. 97 Abs. 2 und Art. 105 Abs. 3 BGG).

2.
Das kantonale Gericht hat die Haftungsgrundsätze im Zusammenhang mit
Berufskrankheiten zutreffend dargelegt. Danach ist der Unfallversicherer
leistungspflichtig, wenn die (behandlungsbedürftige oder zu
Arbeitsunfähigkeit führende) Krankheit entweder eine arbeitsbedingte
Erkrankung im Sinne von Art. 9 Abs. 1 UVG (in der bis 31. Dezember 2002 in
Kraft gestandenen Fassung; vgl. auch die ab 1. Januar 2003 geltende,
inhaltlich keine Änderung herbeiführende Fassung [Urteil U 371/94 vom 2. März
2005]) in Verbindung mit Art. 14 UVV und Ziff. 2 des Anhangs 1 zur UVV
darstellt (vgl. auch BGE 119 V 200 E. 2a mit Hinweis) oder ausschliesslich
oder stark überwiegend durch berufliche Tätigkeit (Art. 9 Abs. 2 UVG; BGE 126
V 183 E. 2b S. 186, 119 V 200 E. 2b S. 201, je mit Hinweisen) verursacht
worden ist. Eine arbeitsbedingte Erkrankung im Sinne von Art. 9 Abs. 1 UVG in
Verbindung mit Art. 14 UVV und Ziff. 2 des Anhangs 1 zur UVV stellt nach
lit. a (Erkrankungen durch physikalische Einwirkungen) u.a. eine durch
Arbeiten im Lärm verursachte erhebliche Schädigung des Gehörs dar. Eine
"vorwiegende" Verursachung von Krankheiten durch schädigende Stoffe oder
bestimmte Arbeiten im Sinne von Art. 9 Abs. 1 UVG ist gegeben, wenn diese
mehr wiegen als alle anderen mitbeteiligten Ursachen, mithin im gesamten
Ursachenspektrum mehr als 50 % ausmachen. "Ausschliesslich" Verursachen
hingegen meint praktisch 100 % des ursächlichen Anteils (BGE 133 V 421 E. 4.2
S. 425, 119 V 200).

3.
3.1 Es ist unbestritten und steht fest, dass der Beschwerdeführer an einer
beidseitigen schwergradigen pancochleären Hochtoninnenohrschwerhörigkeit
leidet. Streitig ist, ob das Ohrenleiden ausschliesslich oder vorwiegend auf
die Tätigkeit bei der Bahn X.________ im Sinne einer Berufskrankheit
zurückzuführen ist.

3.2 Laut Arbeitszeugnis vom 19. Juni 2002 arbeitete der Versicherte seit 1989
vorwiegend als Wagenreiniger im Depot der Bahn X.________. Sein
Tätigkeitsgebiet umfasste hauptsächlich Reinigungs- und Hygienearbeiten im
Innern des Reisezugwagens, einschliesslich Auffüllen von WC-Artikeln und
Auffüllen des Wassers, Reinigung der Frontscheiben an Lokomotiven, spezielle,
wiederkehrende Reinigungsarbeiten wie Shampoonieren von Teppich und Polster
mit den dafür vorgesehenen Maschinen und Entfernen von Graffiti im
Wageninnern. Der Personalleiter Service am Zug gab der SUVA gemäss
Besprechungsprotokoll vom 14. Oktober 2005 an, der Versicherte sei anfänglich
für die Wagenreinigung im Gleisfeld zuständig gewesen, wobei die Reinigungen
teilweise auch ausserhalb des Zuges stattgefunden hätten. Zudem habe er im
Bahnhof Routentafeln gekehrt und Wasser aufgefüllt. Dabei sei er dem Lärm der
ein- und ausfahrenden Züge ausgesetzt gewesen. Als er wegen der Gehörprobleme
aus Sicherheitsgründen nicht mehr im Gleisfeld habe arbeiten können, sei er
in der Werkstatt eingesetzt worden. Dies entspricht im Wesentlichen den vom
Beschwerdeführer anlässlich der Befragung vom 13. Oktober 2005 gemachten
Aussagen. Vor der Tätigkeit bei der Bahn X.________ arbeitete der
Beschwerdeführer in der Landwirtschaft, in einer Bäckerei und in der
Kanalreinigung.

3.3 Nach dem Bericht des Dr. med. J.________, Spezialarzt FMH für Ohren-,
Nasen- und Halskrankheiten und Facharzt für Kieferchirurgie an den ärztlichen
Dienst der Bahn X.________ vom 21. März 1997 musste sich der Beschwerdeführer
1989 wegen eines hartnäckigen Tubenkatarrhs beidseits behandeln lassen. Im
Jahre 1997 habe er sich wegen einer von ihm kaum realisierten Hörstörung
erneut in fachärztliche Untersuchung begeben. Dabei sei eine möglicherweise
auf Schalltraumatisierung zurückzuführende Perceptionsschwerhörigkeit
festgestellt worden. In den weiteren Berichten ging Dr. med. J.________ von
Geleisearbeiten, bei welchen die Beschäftigten den Hochfrequenztönen der
Warnsignale ausgesetzt seien (vgl. Bericht vom 22. Juli 1998) und von einer
akustisch sehr exponierten Arbeitssituation (Bericht vom 31. Mai 1999) aus
und interpretierte den audiometrischen Befund mit hoher Wahrscheinlichkeit
als chronische Schalltraumatisierung. Laut dem vom Versicherten aufgelegten
Bericht des Dr. med. M.________, Facharzt FMH Oto-Rhino-Laryngologie, Hals-
und Gesichtschirurgie vom 29. Mai 2006, zeigt der in den Audiogrammen von
1999 bis 2002 dokumentierte Gehörsverlauf eine zunehmende primär
hochtoninnenohrbedingte Schwerhörigkeit, welche durchaus den Kriterien der
chronischen Berufslärmschwerhörigkeit entsprechen könne. Aufgrund einer
isolierten Analyse des Audiogramms vom 17. November 2005 komme man indessen
nicht auf diesen Schluss. Dr. med. G.________ von der SUVA-Abteilung
Arbeitsmedizin hält im Bericht vom 29. August 2006 in Präzisierung seiner
früheren Beurteilung fest, der reintonaudiometrische Kurvenverlauf des
Versicherten betreffe alle Frequenzen, was mit einer typischen
Berufslärmschwerhörigkeit a priori nicht vereinbar sei. Die
Berufslärmschwerhörigkeit würde primär eine Schädigung bei 4000 Hz
verursachen und in einer weiteren Phase die Hörzellen der Hörfrequenzen
schädigen. Bereits im Reintonaudiogramm vom 27. April 2000 sei im
Kurvenverlauf eine breite Senke zwischen 1000 und 6000 Hz erkennbar, wobei
der maximale Hörverlust schon damals bei 2000 Hz gelegen habe, was nicht zu
einer Berufslärmschwerhörigkeit passe. Ebenso zeigten auch die Audiogramme
vom 8. April 1998 und 6. Februar 1997 einen maximalen Hörverlust zwischen
2000 und 3000 Hz. Zudem weist Dr. med. G.________ darauf hin, dass der
Versicherte vom 23. Oktober 2000 bis 31. Oktober 2001 unfallbedingt zu 100 %
arbeitsunfähig war. Das Reintonaudiogramm vom 27. April 2000 zeige einen
Hörschaden von 80,2 % (das intakte Gesamtgehör mit 200 % veranschlagt) und
jenes vom 23. März 2005 einen solchen von 104,7 %, obwohl der Versicherte
nicht mehr gehörgefährdendem Lärm exponiert gewesen sei. Dies lasse darauf
schliessen, dass endodegenerative Innenohrprozesse bei der Genese der
Schädigung klinisch die Hauptrolle spielten.

3.4 Die auf der Lärmquellendatenbank, den allgemeinen Lärmtabellen und der
Berufsanamnese beruhende technische Beurteilung der beruflichen Lärmbelastung
der SUVA vom 5. Mai 2006 ergab für die gesamte Berufstätigkeit von 32 Jahren
eine Lärmbelastung von weniger als 85 dB, wobei die Belastung in der
Wagenreinigung bei der Bahn X.________ (Grundpegel von Bahnhof und
Zugsdurchfahrten) mit 80 dB und damit unter dem Grenzbereich der
Gehörgefährdung (85 bis 87 dB) liegend, veranschlagt wurde. Die Tätigkeit als
Bauer wurde mit 80 bis 83 dB, jene als Bäcker mit 80 dB und jene als
Kanalreiniger mit 83 dB angegeben. Es handelt sich dabei um auf konkret
erhobenen Daten ermittelte Durchschnittswerte.

4.
4.1 Das kantonale Gericht hat in eingehender Würdigung der medizinischen und
lärmtechnischen Unterlagen eine ausschliessliche oder vorwiegende
Verursachung des Gehörschadens durch die Arbeit bei der Bahn X.________
verneint. Der Versicherte habe während dieser Zeit mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit nicht in stark lärmbelastender Umgebung gearbeitet, wie
Dr. med. J.________ gemeint habe. Dr. med. M.________ spreche lediglich von
der Möglichkeit einer chronischen Berufslärmschwerhörigkeit, während Dr. med.
G.________ eine solche mit überzeugender Begründung verneine. Von ergänzenden
Abklärungen sah die Vorinstanz ab, da die Akten mit Blick auf die streitigen
Belange ein schlüssige Bild vermitteln würden.

4.2 Der Beschwerdeführer rügt im Wesentlichen, die Vorinstanz habe zu Unrecht
in antizipierter Beweiswürdigung auf die Abnahme weiterer Beweismittel
verzichtet und damit seinen Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt. Soweit
er geltend macht, entgegen der Annahme des kantonalen Gerichts sei er nicht
überwiegend im schallisolierten Wageninnern tätig gewesen, sondern habe
während mindestens sechs Jahren im Bahnhof aussen an den Wagen bei
entsprechendem Lärmpegel gearbeitet, vermag er damit keine unrichtige oder
unvollständige Sachverhaltsabklärung zu begründen. Wie den Erwägungen des
vorinstanzlichen Entscheids zu entnehmen ist, wurde durchaus
mitberücksichtigt, dass der Versicherte zwischenzeitlich auch im Gleisfeld
arbeitete. Dies ergab sich insbesondere aus den Aussagen des Versicherten und
des Personalleiters Service am Zug gemäss Besprechungsprotokoll vom 13. und
14. Oktober 2005. In der durchschnittlichen Lärmbelastung eines
Wagenreinigers von 80 dB wurden gemäss Lärmtabelle "Konzessionierte
Eisenbahnen" Belastungen bei Arbeiten im Gleisfeld mit Zugsverkehr
berücksichtigt. Es kann daher nicht gesagt werden, die Lärmtabelle enthalte
keine Position, welche der effektiven Tätigkeit bei der Bahn X.________
entsprechen würde. Gestützt darauf kann geschlossen werden, dass bei den
Verrichtungen des Versicherten die gehörgefährdenden Grenzwerte nicht
erreicht wurden. Etwas anderes wird auch in der Beschwerdeschrift nicht
behauptet. Vielmehr wird lediglich pauschal eine höhere Lärmbelastung geltend
gemacht. Die Feststellung der Vorinstanz, der Versicherte habe nicht in stark
lärmbelasteter Umgebung gearbeitet, ist weder aktenwidrig noch beruht sie auf
einem unzureichend abgeklärten Sachverhalt. Der Anspruch des
Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör durch das Unterbleiben weiterer
Abklärungen ist daher nicht verletzt worden. Dr. med. G.________ lagen bei
seiner Beurteilung die Angaben über die konkrete Lärmbelastung im beruflichen
Umfeld vor, während Dr. med. J.________ davon keine Kenntnis hatte. Der
behandelnde Arzt ging von der unzutreffenden Annahme von Arbeiten im Gleisbau
aus. Gleismonteure sind gemäss Lärmtabelle "Konzessionierte Eisenbahnen"
einer durchschnittlichen Belastung von 95 dB ausgesetzt. Insofern besteht
auch kein unlösbarer Widerspruch zwischen den Beurteilungen der beiden
Fachärzte. Fehlt es somit am Nachweis einer mehr als 50%igen (Art. 9 Abs. 1
UVG), geschweige denn mindestens 75%igen (Art. 9 Abs. 2 UVG) beruflichen
Einwirkung, erweist sich der angefochtene Entscheid als rechtens.

5.
Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend sind die Gerichtskosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 66 Abs. 1 BGG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2.
Die Gerichtskosten von Fr. 500.- werden dem Beschwerdeführer auferlegt.

3.
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Verwaltungsgericht des Kantons Bern,
Sozialversicherungsrechtliche Abteilung, und dem Bundesamt für Gesundheit
schriftlich mitgeteilt.
Luzern, 19. Februar 2008

Im Namen der I. sozialrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident: Die Gerichtsschreiberin:

Ursprung Hofer