Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

II. Öffentlich-rechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 2C.262/2010
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Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

{T 0/2}
2C_262/2010

Urteil vom 9. November 2010
II. öffentlich-rechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Zünd, Präsident,
Bundesrichter Merkli,
Bundesrichter Karlen,
Gerichtsschreiber Zähndler.

Verfahrensbeteiligte
X.________,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Advokat Philippe Häner,

gegen

Migrationsamt des Kantons Basel-Stadt,
Postfach, 4001 Basel,
Justiz- und Sicherheitsdepartement des Kantons Basel-Stadt,
Bereich Recht, Spiegelgasse 6-12, 4001 Basel.

Gegenstand
Widerruf der Niederlassungsbewilligung,

Beschwerde gegen das Urteil des Appellationsgerichts des Kantons Basel-Stadt
als Verwaltungsgericht vom 8. Dezember 2009.
Sachverhalt:

A.
Der 1978 geborene türkische Staatsangehörige X.________ reiste 1982 im Rahmen
des Familiennachzugs in die Schweiz ein und wurde hier in die
Niederlassungsbewilligung seines Vaters einbezogen.
Das Verhalten von X.________ in der Schweiz gab Anlass zu schweren Klagen:
Mit Urteil des Strafgerichts Basel-Stadt vom 4. September 2001 wurde er wegen
Raubes und mehrfacher Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz zu einer
Gefängnisstrafe von acht Monaten, bei einer Probezeit von zwei Jahren,
verurteilt;
Am 19. März 2007 wurde er vom Strafgericht Basel-Stadt der versuchten schweren
Körperverletzung schuldig erkannt und zu einer bedingt vollziehbaren
Freiheitsstrafe von zwölf Monaten verurteilt. Dem Urteil lag die Erkenntnis
zugrunde, dass X.________ am 12. Dezember 2005 zusammen mit einem Bekannten
eine Drittperson attackiert hatte, wobei er dieser durch Einsatz eines
mitgeführten Messers sowie durch Faustschläge massive Kopf- und
Gesichtsverletzungen zufügte;
Mit Urteil des Strafgerichts Basel-Stadt vom 19. Juni 2008 wurde er sowohl der
schweren als auch der einfachen Körperverletzung schuldig gesprochen und zu
einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Überdies wurde die am 19.
März 2007 bedingt ausgesprochene Strafe von zwölf Monaten für vollziehbar
erklärt. Das Appellationsgericht Basel-Stadt hat dieses Urteil am 14. Oktober
2009 bestätigt. Eine von X.________ hiergegen erhobene Beschwerde in
Strafsachen wies die Strafrechtliche Abteilung des Bundesgerichts in ihrem
Urteil 6B_203/2010 vom 27. Mai 2010 ab. Gegenstand dieser Verfahren bildete der
Umstand, dass X.________ am 26. Januar 2008 im Regionalzug von Kaiseraugst/AG
nach Basel bzw. anschliessend im Bahnhof Basel SBB einen 75-jährigen Rentner
und dessen Begleitperson brutal angegriffen und zusammengeschlagen hatte. Der
Rentner erlitt dabei unter anderem ein Schädel-Hirn-Trauma sowie eine
Schädelknochenfraktur und trug als Folge hiervon neurologische bzw.
neuropsychologische Schäden, insbesondere den gänzlichen Verlust des
Geruchssinns, davon.
Nebst den obengenannten Straferkenntnissen ergingen im kantonalen
Verzeigungsverfahren insgesamt 20 weitere Sanktionierungen gegen X.________
(Geldbussen zwischen Fr. 50.-- und Fr. 160.--). Diesen lagen jeweils
Übertretungen wie das Benützen eines öffentlichen Verkehrsmittels ohne gültigen
Fahrausweis, Lärm und Unfug, Rauschzustand, Fahrradfahren ohne Licht,
ordnungswidriges Verrichten der Notdurft, geringfügiger Diebstahl und
Ungehorsam im Betreibungsverfahren zugrunde.

B.
Nachdem X.________ bereits am 10. Juni 2002 und am 6. September 2007
fremdenpolizeilich verwarnt worden war, widerrief das Migrationsamt des Kantons
Basel-Stadt mit Verfügung vom 23. Juni 2008 dessen Niederlassungsbewilligung
unter Hinweis auf die begangenen Straftaten.
Hiergegen rekurrierte X.________ beim kantonalen Justiz- und
Sicherheitsdepartement (JSD). Dieses hiess den Rekurs lediglich bezüglich des
beantragten Kostenerlasses gut, bestätigte aber im Übrigen den vom
Migrationsamt verfügten Bewilligungswiderruf. Gegen den Entscheid des JSD
rekurrierte X.________ beim Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt. Dieser
überwies den Rekurs zur Entscheidung an das Appellationsgericht des Kantons
Basel-Stadt als Verwaltungsgericht. Mit Urteil vom 8. Dezember 2009 wies das
Appellationsgericht den Rekurs vollumfänglich ab.

C.
Mit Eingaben vom 26. März 2010 und vom 26. April 2010 führt X.________
Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten beim Bundesgericht und
beantragt im Wesentlichen die Aufhebung des Urteils des Appellationsgerichtes.
Eventualiter sei die Angelegenheit zur Neubeurteilung an die Vorinstanz
zurückzuweisen.
Das Appellationsgericht, das JSD sowie das Bundesamt für Migration schliessen
auf Abweisung der Beschwerde.
Mit Verfügung vom 6. Mai 2010 erkannte der Präsident der II.
öffentlich-rechtlichen Abteilung des Bundesgerichts der Beschwerde
antragsgemäss aufschiebende Wirkung zu.

Erwägungen:

1.
1.1 Nach Art. 83 lit. c Ziff. 2 BGG ist die Beschwerde in
öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten auf dem Gebiet des Ausländerrechts
unzulässig gegen Entscheide betreffend Bewilligungen, auf die weder das
Bundesrecht noch das Völkerrecht einen Anspruch einräumt. Vorliegend geht es
nicht um die erstmalige Erteilung oder die Verlängerung, sondern um den
Widerruf einer bereits gewährten Bewilligung. Die Beschwerde bleibt in diesem
Zusammenhang zulässig, soweit die Bewilligung - wäre sie nicht widerrufen
worden - nach wie vor Rechtswirkungen entfalten würde. Dies ist bei der
unbefristeten Niederlassungsbewilligung der Fall (vgl. BGE 135 II 1 E. 1.2.1 S.
4). Die Zulässigkeit des Rechtsmittels beruht auf dem schutzwürdigen Vertrauen,
dass eine einmal erteilte Bewilligung für die Dauer ihrer Gültigkeit
fortbesteht und grundsätzlich nicht in die entsprechende Rechtsposition
eingegriffen wird (vgl. Urteile 2C_515/2009 vom 27. Januar 2010 E. 1.1; 2C_21/
2007 vom 16. April 2007 E. 1.2). Als Adressat des angefochtenen, kantonal
letztinstanzlichen Urteils (Art. 86 Abs. 1 lit. d BGG) ist der Beschwerdeführer
ohne weiteres zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 89 Abs. 1 BGG). Auf das
im Übrigen form- und fristgerecht eingereichte Rechtsmittel (Art. 42 und Art.
100 Abs. 1 BGG) ist daher grundsätzlich einzutreten (unter Vorbehalt von E. 1.2
und E. 1.3 hiernach).

1.2 Das Bundesgericht legt seinem Urteil die Sachverhaltsfeststellungen der
Vorinstanz zugrunde (Art. 105 Abs. 1 BGG). Mit einer Beschwerde in
öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten können diese nur dann gerügt werden,
wenn sie offensichtlich unrichtig, d.h. willkürlich sind (BGE 133 II 249 E.
1.2.2 S. 252; 133 III 393 E. 7.1 S. 398) oder auf einer Rechtsverletzung im
Sinne von Art. 95 BGG beruhen. Zudem ist vom Beschwerdeführer aufzuzeigen, dass
die Behebung des Mangels für den Ausgang des Verfahrens entscheidend sein kann
(Art. 97 Abs. 1 BGG).

1.3 Die Beschwerdeschrift hat gemäss Art. 42 Abs. 1 BGG die Begehren und deren
Begründung zu enthalten; im Rahmen der Begründung ist in gedrängter Form
darzulegen, inwiefern der angefochtene Entscheid Recht verletzt (Art. 42 Abs. 2
BGG). Dies setzt voraus, dass sich der Beschwerdeführer wenigstens kurz mit den
Erwägungen des angefochtenen Entscheides auseinandersetzt (BGE 134 II 244 E.
2.1 S. 245 f.). Eine qualifizierte Rügepflicht gilt hinsichtlich der Verletzung
von Grundrechten und von kantonalem und interkantonalem Recht. Das
Bundesgericht prüft eine solche Rüge nur insoweit, als sie in der Beschwerde
präzise vorgebracht und begründet worden ist (Art. 106 Abs. 2 BGG).

2.
2.1 Gemäss Art. 63 Abs. 1 lit. a in Verbindung mit Art. 62 lit. b des
Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer
(AuG; SR 142.20) kann die Niederlassungsbewilligung widerrufen werden, wenn ein
Ausländer zu einer längerfristigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Als
"längerfristig" gilt eine Freiheitsstrafe, deren Dauer ein Jahr überschreitet
(BGE 135 II 377 E. 4.2 und E. 4.5 S. 379 ff.). Ein auf die genannten
Bestimmungen gestützter Widerruf der Niederlassungsbewilligung kann auch dann
erfolgen, wenn sich ein Ausländer - wie vorliegend der Beschwerdeführer - seit
mehr als 15 Jahren ununterbrochen und ordnungsgemäss in der Schweiz aufgehalten
hat (Art. 63 Abs. 2 AuG).

2.2 Mit Urteil des Strafgerichts Basel-Stadt vom 19. Juni 2008 resp. des
Appellationsgerichts des Kantons Basel-Stadt vom 14. Oktober 2009 wurde der
Beschwerdeführer zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt, weswegen
er grundsätzlich einen Widerrufsgrund i.S. von Art. 63 Abs. 1 lit. a in
Verbindung mit Art. 62 lit. b AuG gesetzt hat. Indessen macht der
Beschwerdeführer geltend, dass er das Urteil des Appellationsgerichts vom 14.
Oktober 2009 mittels Beschwerde in Strafsachen beim Bundesgericht angefochten
habe, weswegen ihm die darin ausgesprochene bzw. bestätigte Strafe im Entscheid
bezüglich des Bewilligungswiderrufes nicht entgegengehalten werden dürfe. Er
behauptet in diesem Zusammenhang eine Verletzung des in Art. 5 Abs. 1 BV
statuierten Legalitätsprinzipes bzw. der in Art. 32 Abs. 1 BV und Art. 6 Ziff.
2 EMRK verankerten Unschuldsvermutung. Die Vorinstanz verweist demgegenüber auf
das bundesgerichtliche Urteil 6B_440/2008 vom 11. November 2008 und führt aus,
dass das Straferkenntnis gegen den Beschwerdeführer mit dem Urteil des
Appellationsgerichts vom 14. Oktober 2009 in formelle Rechtskraft erwachsen
sei; ein Weiterzug an das Bundesgericht mittels Beschwerde in Strafsachen
ändere daran nichts.

2.3 In der Tat erwog die Strafrechtliche Abteilung des Bundesgerichts in ihrem
unveröffentlichten Urteil 6B_440/2008 vom 11. November 2008 E. 3.2 und E. 3.3,
dass eine Verurteilung in formelle Rechtskraft erwachse, wenn dagegen kein
ordentliches Rechtsmittel mehr ergriffen werden könne. Die Beschwerde in
Strafsachen sei, ebenso wie die ehemalige eidgenössische
Nichtigkeitsbeschwerde, ein ausserordentliches Rechtsmittel. Zwar komme ihr in
gewissen Konstellationen von Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung zu, doch
werde damit nur die Vollstreckbarkeit des formell bereits rechtskräftigen
Urteils aufgeschoben.
In der Doktrin ist die Rechtsnatur der Beschwerden an das Bundesgericht dagegen
nach wie vor sehr umstritten (vgl. BERNARD CORBOZ in: Corboz/Wurzburger/Ferrari
/Frésard/Aubry Girardin [Hrsg.], Commentaire de la LTF, Rz. 13 zu Art. 103
BGG). Ein Teil der Lehre erachtet die im Bundesgerichtsgesetz vorgesehene
Einheitsbeschwerde ebenfalls als ausserordentliches Rechtsmittel (SPÜHLER/DOLGE
/VOCK, Bundesgerichtsgesetz - Kurzkommentar, Rz. 2 zu Art. 103 BGG; MARTIN
ZIEGLER, Zur Rechtsnatur der künftigen Einheitsbeschwerden - Lückenhaftes
Bundesgesetz über das Bundesgericht [BGG], publ. in: SJZ 102 [2006] S. 56 f.).
Demgegenüber wird jedoch auch die Auffassung vertreten, es handle sich bei der
Einheitsbeschwerde - und damit auch bei der Beschwerde in Strafsachen - um ein
ordentliches Rechtsmittel (ULRICH MEYER in Niggli/Uebersax/Wiprächtiger
[Hrsg.], Basler Kommentar zum Bundesgerichtsgesetz, Rz. 5 zu Art. 103 BGG; vgl.
auch HEINZ AEMISEGGER, Der Beschwerdegang in öffentlich-rechtlichen
Angelegenheiten, in: Ehrenzeller/Schweizer [Hrsg.], Die Reorganisation der
Bundesrechtspflege - Neuerungen und Auswirkungen in der Praxis, S. 116). Als
massgeblich erachtet wird dabei insbesondere der Umstand, dass das
Bundesgericht in Strafsachen nicht mehr bloss kassatorisch entscheiden kann,
sondern seinen Entscheid im strafrechtlichen Beschwerdeverfahren auch
reformatorisch anstelle des vorinstanzlichen Urteils setzen darf. Daraus wird
abgeleitet, dass der vorinstanzliche Entscheid nicht in formelle Rechtskraft
erwachsen sein kann (Felix Bommer, Ausgewählte Fragen der Strafrechtspflege
nach Bundesgerichtsgesetz, in: Neue Bundesrechtspflege - Auswirkungen der
Totalrevision auf den kantonalen und eidgenössischen Rechtsschutz, Berner Tage
für die juristische Praxis [BTJP] 2006, S. 186 f.).

2.4 Im vorliegenden Fall muss die Rechtsnatur der Beschwerde in Strafsachen
jedoch nicht abschliessend geklärt werden und es kann offen bleiben, ob das
Strafurteil des Appellationsgerichts vom 14. Oktober 2009 unmittelbar in
formelle Rechtskraft erwachsen war: Wie bereits ausgeführt, wies die
Strafrechtliche Abteilung des Bundesgerichts in ihrem Urteil 6B_203/2010 vom
27. Mai 2010 die Beschwerde gegen das genannte Straferkenntnis vollumfänglich
ab. Damit steht zum jetzigen Zeitpunkt fest, dass das Appellationsgericht als
Verwaltungsgericht im vorliegend angefochtenen Entscheid vom 8. Dezember 2009
von zutreffenden Voraussetzungen bezüglich des Bewilligungswiderrufes
ausgegangen ist. Selbst wenn das letzte Strafurteil gegen den Beschwerdeführer
zu diesem Zeitpunkt noch nicht formell rechtskräftig gewesen wäre, käme eine
Rückweisung der Angelegenheit an das Appellationsgericht als Verwaltungsgericht
daher aus prozessökonomischen Gründen nicht in Frage, zumal zu erwarten wäre,
dass die Vorinstanz diesfalls nochmals ein identisches Urteil fällen würde.

2.5 Aus dem Gesagten folgt, dass das Urteil des Strafgerichts Basel-Stadt vom
19. Juni 2008 resp. des Appellationsgerichts des Kantons Basel-Stadt vom 14.
Oktober 2009 im vorliegenden Verfahren als Widerrufsgrund i.S. von Art. 63 Abs.
1 lit. a AuG in Verbindung mit Art. 62 lit. b AuG zu berücksichtigen ist. Die
vom Beschwerdeführer erhobenen Verfassungsrügen erweisen sich demgegenüber als
nicht zielführend; ob diese überhaupt rechtsgenüglich substantiiert wurden,
muss bei dieser Sachlage nicht näher geprüft werden.

3.
3.1 Auch wenn ein Ausländer wie im vorliegenden Fall einen Widerrufsgrund
gesetzt hat, bleibt zu prüfen, ob diese Massnahme auch als verhältnismässig
erscheint. Dabei sind namentlich die Schwere des Verschuldens, der Grad der
Integration bzw. die Dauer der bisherigen Anwesenheit sowie die dem Betroffenen
drohenden Nachteile zu berücksichtigen (BGE 135 II 377 E. 4.3 ff. S. 381 ff.;
vgl. auch Art. 96 Abs. 1 AuG).

3.2 Der Beschwerdeführer erachtet den Widerruf als unverhältnismässig:
Vorab bestreitet er das Vorliegen einer ungünstigen Zukunftsprognose: Er macht
geltend, dass er im Strafvollzug aus eigener Initiative mit einer
Kommunikationstherapie, angeboten vom Männerbüro der Region Basel, begonnen
habe. Dies habe ihm neue Möglichkeiten eröffnet, in einem Konflikt grenzsetzend
zu reagieren, ohne dabei physische Gewalt anwenden zu müssen, Anlässlich dieser
Gespräche habe er sich intensiv mit seiner Gewaltdynamik auseinandergesetzt und
er vermöge heute die Konsequenzen seines Handelns deutlich besser zu erkennen
als vor der Gewaltberatung. Im Haftalltag, wo er oft mit Provokationen von
Mitgefangenen konfrontiert sei, habe er bereits erste Konfliktsituationen
anhand der erlernten Verhaltensweise deeskalierend gelöst. Dementsprechend
äusserten sich auch die ersten Zwischenberichte des Therapeuten in positiver
Weise. Im Übrigen würden die therapeutischen Erfolge auch durch den aktuellen
Führungsbericht der Vollzugsbehörde bestätigt.
In persönlicher Hinsicht treffe ihn ein Widerruf seiner
Niederlassungsbewilligung besonders hart: Er lebe seit nunmehr 27 Jahren - seit
seiner frühestens Kindheit - in der Schweiz und spreche perfekt
Schweizerdeutsch bzw. den lokalen Basler Dialekt. Seine einzigen
Familienangehörigen, sprich seine Eltern sowie sein Bruder und dessen Familie,
lebten in der Schweiz. Mit der Türkei oder der dortigen Bevölkerung sei er
dagegen nicht verbunden; seit 18 Jahren habe er nicht einmal mehr seine Ferien
in der Türkei verbracht. Zudem spreche er kaum Türkisch. Es sei für ihn daher
schlicht nicht vorstellbar, sein Leben in der Türkei neu aufzubauen.
Weiter betont der Beschwerdeführer, dass er arbeitsfähig und -willig sei. Dies
zeige auch der Umstand, dass er zum Zeitpunkt seiner Verhaftung bei der
A.________ AG angestellt gewesen sei und auch während der Haftzeit als
Küchenhilfe gearbeitet habe. Nach seiner Haftentlassung werde er sich umgehend
um eine Arbeitsstelle bemühen.

3.3 Die Einwendungen des Beschwerdeführers vermögen nicht zu überzeugen:
3.3.1 Die zahlreichen von ihm begangenen Straftaten und seine Verurteilung zu
Freiheitsstrafen von insgesamt drei Jahren und acht Monaten lassen auf ein sehr
schweres Verschulden und auf eine ganz erhebliche kriminelle Energie
schliessen. Insbesondere die aktenkundigen Gewaltverbrechen vom 12. Dezember
2005 und vom 26. Januar 2008, als er einen Kontrahenten mit dem Messer
angegriffen bzw. einem Rentner durch Faustschläge bleibende gesundheitliche
Schäden zugefügt hat, lassen einen äusserst negativen Eindruck vom
Beschwerdeführer entstehen. Auffallend sind dabei die erschreckenden Parallelen
zwischen diesen Delikten: In beiden Fällen geriet der Beschwerdeführer aus
nichtigem Anlass in Rage, jagte seinem panisch flüchtenden Opfer nach und
verletzte es schwer. Hinsichtlich der Straftat vom 26. Januar 2008 hob die
Vorinstanz hervor, dass der Angriff im öffentlichen Raum (Zug bzw. Bahnhof)
stattgefunden und einen dem Beschwerdeführer völlig unbekannten Menschen
getroffen hat. Das Appellationsgericht schloss daraus, dass durch das Verhalten
des Beschwerdeführers die öffentliche Sicherheit in ihrem Kernbereich betroffen
sei. Dieser Schlussfolgerung ist zuzustimmen: Durch die von ihm verübten
Verbrechen demonstrierte der Beschwerdeführer eine ausgeprägte soziale
Gefährlichkeit und eine inakzeptable Geringschätzung gegenüber der
schweizerischen Rechtsordnung im Allgemeinen und der Gesundheit anderer
Menschen im Besonderen. Sein Verhalten schliesst ein weiteres Verbleiben in der
Schweiz grundsätzlich aus. In jedem Fall durften die Vorinstanzen aber von
einem eminenten öffentlichen Interesse an der verfügten Massnahme ausgehen.
3.3.2 Unglaubwürdig erscheint sodann die Behauptung des Beschwerdeführers, dass
ihm eine günstige Rückfallprognose zu stellen sei:
Vielmehr steht fest, dass er sich in der Vergangenheit weder von hängigen
Strafuntersuchungen noch von Verhaftungen und Verurteilungen beeindrucken
liess. Auch Sanktionen mit warnendem Charakter (bedingte Freiheitsstrafen,
Geldbussen) konnten ihn nicht von der Begehung weiterer Straftaten abhalten.
Ohne die erhoffte Wirkung blieben sodann zwei fremdenpolizeiliche Verwarnungen
samt Androhung von weitergehenden Massnahmen. Vom Beschwerdeführer entsteht
somit das Bild eines uneinsichtigen, gewalttätigen Gewohnheitsdelinquenten, der
die ihm gewährten Chancen nicht zu nutzen vermochte und bei welchem die in
einem Rechtsstaat zur Verfügung stehenden Sanktionen wirkungslos sind.
Sein Hervorheben der guten Führung im Strafvollzug ist bereits deshalb
verfehlt, weil angesichts der vergleichsweise engmaschigen Betreuung und
intensiven Kontrolle in einer Strafanstalt ein tadelloses Verhalten des
Beschwerdeführers dort allgemein erwartet wird und dies keine verlässlichen
Rückschlüsse auf das künftige Verhalten in Freiheit zulässt (vgl. BGE 114 Ib 1
E. 3b f. S. 4 f.).
Ähnliches gilt für die seit dem 7. September 2009 durchgeführte
vollzugsbegleitende Beratung durch das Männerbüro der Region Basel. Soweit der
Beschwerdeführer daraus ableitet, dass er sich mit seiner Gewaltproblematik
auseinandersetze und sinngemäss ein neu entstandenes Problembewusstsein ins
Feld führt, erscheint dies nicht plausibel. Zu stark kontrastiert diese
Behauptung mit seinem Verhalten während des letzten Strafverfahrens: Dem Urteil
des Strafgerichts Basel-Stadt vom 19. Juni 2008 ist zu entnehmen, dass er
selbst die auf einem Überwachungsvideo dokumentierten Taten leugnete, dem Opfer
die Schuld an den Ereignissen gab und sich bei der Visionierung der Aufnahmen
seiner Gewalttaten sogar vergnügt zeigte. Aus dem genannten Urteil geht weiter
hervor, dass der Beschwerdeführer während der Untersuchungshaft einen
angeblichen Entschuldigungsbrief an sein Opfer verfasst hatte; dieser wurde
jedoch von der Verfahrensleitung zurückbehalten, zumal er einen Inhalt aufwies,
den das Strafgericht als "blanken Hohn" bezeichnete. Ein solches Verhalten des
Beschwerdeführers weist auf eklatante und tiefsitzende charakterliche Defizite
hin. Es erscheint sehr zweifelhaft, dass die erst seit kurzer Zeit andauernden
Beratungsgespräche bereits eine nachhaltige Verhaltensänderung herbeiführen
oder zumindest eine aufrichtige Einsicht in das von ihm begangene Unrecht
entstehen lassen konnten. Diese Zweifel bestätigen sich nach der Konsultation
seiner beim Bundesgericht eingereichten Beschwerde in Strafsachen (Verfahren
6B_203/2010): Noch am 1. März 2010, d.h. nach einem halben Jahr Gewaltberatung,
beschränkten sich die Ausführungen des Beschwerdeführers darauf, sein
Verschulden hinsichtlich der Straftat vom 26. Januar 2008 zu marginalisieren
und die angebliche Provokation durch sein Opfer zu betonen. Obwohl die
Inanspruchnahme von therapeutischer Hilfe und das entsprechende Angebot des
Männerbüros der Region Basel grundsätzlich sehr zu begrüssen sind, erhellt
aufgrund der genannten Umstände, dass beim Beschwerdeführer von einer günstigen
Prognose noch immer keine Rede sein kann.
3.3.3 Es trifft zu, dass der Beschwerdeführer den grössten Teil seines
bisherigen Lebens in der Schweiz verbracht hat. Jedoch ist festzustellen, dass
der Grad seiner Integration in die schweizerische Gesellschaft nicht
ansatzweise mit seiner langen Aufenthaltsdauer übereinstimmt: Wie den Akten zu
entnehmen ist, wurde der Beschwerdeführer wegen Disziplinlosigkeit von der
Diplommittelschule verwiesen. Anschliessend absolvierte er keine Ausbildung und
fand den Zugang zur geregelten Erwerbstätigkeit nicht. Stattdessen ging er
Gelegenheitsarbeiten nach und lebte im Übrigen von der Unterstützung der
Sozialhilfe und seiner Mutter. Er bezog öffentliche Fürsorgegelder in Höhe von
Fr. 54'587.75. Der detaillierte Auszug aus dem Betreibungsregister vom 15.
August 2008 weist 34 Betreibungen in Höhe von Fr. 72'920.75 sowie 26 offene
Verlustscheine über insgesamt Fr. 56'712.05 aus. Auffallend ist dabei, dass
sich der Beschwerdeführer offenbar besonders schwer damit tut, seinen
Verbindlichkeiten gegenüber dem Staat nachzukommen, sind doch die vom
Beschwerdeführer nicht beglichenen Forderungen fast ausnahmslos
öffentlich-rechtlicher Natur (Steuern, Gerichtsgebühren, Strom- und
Wassergebühren, Krankenkassenprämien). Nebst der völlig missglückten
beruflichen Integration und seiner massiven Verschuldung lässt der
Beschwerdeführer auch in sozialer Hinsicht keinerlei Verbundenheit mit der
schweizerischen Gesellschaft erkennen. Insbesondere ist nicht ersichtlich, dass
er in irgendeiner Form konstruktiv am Zusammenleben teilnimmt (keine
Vereinsaktivitäten, keine sozialen Engagements, etc.). Bei dieser Sachlage darf
noch nicht einmal von einer durchschnittlichen Integration ausgegangen werden.
Der vom Beschwerdeführer geltend gemachten langen Aufenthaltsdauer in der
Schweiz ist deshalb kein allzu hohes Gewicht beizumessen.
3.3.4 Der Beschwerdeführer ist in der Türkei geboren und hat dort den ersten
Teil seiner Kindheit verbracht. Den Akten sind zudem verschiedene Hinweise zu
entnehmen, dass er entgegen seiner pauschalen Bestreitung sehr wohl Türkisch
spricht: So haben etwa seine Eltern und sein Bruder angegeben, dass man sich im
elterlichen Haushalt ausschliesslich auf Türkisch unterhalte, zumal die Mutter
fast gar kein Deutsch spreche. Zudem hat sich der Beschwerdeführer anlässlich
einer Konsulatszuführung mit dem dortigen Mitarbeiter ausführlich auf Türkisch
unterhalten. Es kann somit als erstellt erachtet werden, dass sich der
Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr problemlos wird verständigen können;
allfällige Defizite in der Anwendung seiner Muttersprache lassen sich bei
ernsthafter Bemühung innert kurzer Zeit beheben. Sodann ist davon auszugehen,
dass dem Beschwerdeführer auch die türkische Kultur und die dortigen
Gepflogenheiten durch sein Elternhaus vermittelt worden und ihm diese
insbesondere aufgrund von früheren Aufenthalten nicht gänzlich unvertraut sind.
Dass der Beschwerdeführer aufgrund fehlender beruflicher Qualifikationen
Schwierigkeiten haben dürfte, sich bei einer Rückkehr in die Türkei in den
dortigen Arbeitsmarkt einzugliedern, mag allenfalls zutreffen, doch gilt das
Gleiche auch für den hiesigen Arbeitsmarkt.

3.4 Bei einer Gesamtbetrachtung der genannten Umstände muss davon ausgegangen
werden, dass die weitere Anwesenheit des Beschwerdeführers in der Schweiz nach
wie vor eine nicht hinzunehmende Beeinträchtigung der öffentlichen Sicherheit
und Ordnung darstellen würde. Demgegenüber ist nicht ersichtlich, dass der
Bewilligungswiderruf für den Beschwerdeführer mit einer besonderen Härte
verbunden wäre: Aus seiner subjektiven Perspektive erscheint es zwar
nachvollziehbar, dass er seinen vergleichsweise komfortablen und weitgehend
fremdfinanzierten Lebenswandel in der Schweiz fortsetzen möchte. In objektiver
Hinsicht ist dagegen festzuhalten, dass der Aufenthalt des alleinstehenden,
unterstützungsabhängigen, über keinerlei Berufsbildung verfügenden
Beschwerdeführers kaum mehr einen schützenswerten Zweck verfolgt. Es verstösst
daher nicht gegen Bundesrecht, wenn die Vorinstanz die Verhältnismässigkeit des
Widerrufs der Niederlassungsbewilligung bejaht hat.

4.
Nach dem Ausgeführten erweist sich die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen
Angelegenheiten als unbegründet. Sie ist abzuweisen, soweit darauf eingetreten
werden kann.
Da die Beschwerde von vornherein aussichtslos erschien, kann dem Gesuch um
unentgeltliche Rechtspflege im bundesgerichtlichen Verfahren nicht entsprochen
werden (Art. 64 Abs. 1 BGG e contrario). Somit sind die Gerichtskosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 66 Abs. 1 BGG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten wird abgewiesen,
soweit darauf einzutreten ist.

2.
Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und Verbeiständung wird abgewiesen.

3.
Die Gerichtskosten von Fr. 2'000.-- werden dem Beschwerdeführer auferlegt.

4.
Dieses Urteil wird dem Beschwerdeführer, dem Migrationsamt des Kantons
Basel-Stadt, dem Justiz- und Sicherheitsdepartement des Kantons Basel-Stadt,
dem Appellationsgericht des Kantons Basel-Stadt als Verwaltungsgericht sowie
dem Bundesamt für Migration schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 9. November 2010

Im Namen der II. öffentlich-rechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts
Der Präsident: Der Gerichtsschreiber:

Zünd Zähndler