Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

II. Öffentlich-rechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 2C.868/2010
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Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

{T 0/2}
2C_868/2010

Urteil vom 19. April 2011
II. öffentlich-rechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Zünd, Präsident,
Bundesrichter Karlen, Seiler,
Gerichtsschreiber Winiger.

Verfahrensbeteiligte
X.________, Beschwerdeführer,
vertreten durch David Hürlimann und/oder Mark Cagienard, Rechtsanwälte,

gegen

Eidgenössische Steuerverwaltung, Hauptabteilung Direkte Bundessteuer,
Verrechnungssteuer, Stempelabgaben,
Eigerstrasse 65, 3003 Bern.

Gegenstand
Verrechnungssteuer; solidarische Haftung des Liquidators,

Beschwerde gegen das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, Abteilung I, vom 4.
Oktober 2010.
Sachverhalt:

A.
Die Y.________ AG wurde 1985 gegründet und bezweckte den Handel mit und die
Bearbeitung von Textilien sowie den Import und Export von Waren aller Art. Mit
Handelsregistereintrag vom 12. September 2002 übernahm X.________ das Mandat
als einziger Verwaltungsrat der AG. Mit Beschluss der Generalversammlung vom 2.
Juni 2005 wurde die Gesellschaft aufgelöst. Als Liquidator mit
Einzelunterschrift wurde X.________ bestellt. Am 23. Juni 2006 wurde über die
AG der Konkurs eröffnet und am 7. Juli 2006 mangels Aktiven eingestellt. Mit
Handelsregistereintrag vom 19. Oktober 2006 wurde die Gesellschaft von Amtes
wegen gelöscht.

B.
Mit Entscheid vom 10. Juni 2005 verpflichtete die Eidgenössische
Steuerverwaltung (ESTV) die Y.________ AG, ihr Verrechnungssteuern im Betrag
von Fr. 1'105'694.30 nebst Zins und Betreibungskosten, total Fr. 1'306'574.45,
zu bezahlen. Dagegen erhob die Y.________ AG Einsprache. Mit Schreiben vom 27.
Februar 2006 teilte die ESTV X.________ zudem mit, er hafte solidarisch für die
ausstehende Summe, sofern er nicht nachweisen könne, dass er alles Zumutbare
zur Feststellung und Erfüllung der Steuerforderung getan habe. Mit
Einspracheentscheid vom 4. April 2006 wies die ESTV die Einsprache der
Y.________ AG ab und stellte fest, dass X.________ solidarisch für die
Verrechnungssteuer von Fr. 1'105'694.30 nebst Zins und Betreibungskosten hafte.

C.
Gegen den Einspracheentscheid vom 4. April 2006 erhoben sowohl die Y.________
AG als auch X.________ Beschwerde an die Eidgenössische Steuerrekurskommission.
Diese schrieb am 23. August 2006 das Verfahren in Sachen Y.________ AG als
gegenstandslos ab. Mit Urteil vom 4. Oktober 2010 hiess das mittlerweile
zuständige Bundesverwaltungsgericht die Beschwerde von X.________ teilweise gut
und legte den vom Beschwerdeführer geschuldeten Verrechnungssteuerbetrag neu
auf Fr. 529'813.11 fest.

D.
Mit Eingabe vom 9. November 2010 erhebt X.________ Beschwerde in
öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten mit dem Antrag, der angefochtene
Entscheid sei aufzuheben und die geschuldeten Verrechnungssteuern seien auf Fr.
9'000.-- festzusetzen, eventualiter auf Fr 283'065.01, subeventualiter auf Fr.
299'596.95 und subsubeventualiter auf Fr. 464'199.43.
Die ESTV beantragt Abweisung der Beschwerde, und das Bundesverwaltungsgericht
verzichtet auf eine Vernehmlassung.

Erwägungen:

1.
1.1 Gegen Entscheide des Bundesverwaltungsgerichts auf dem Gebiet der
Verrechnungssteuer ist die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten
an das Bundesgericht zulässig (Art. 82 lit. a in Verbindung mit Art. 83 sowie
Art. 86 Abs. 1 lit. a BGG). Der Beschwerdeführer ist gestützt auf Art. 89 Abs.
1 BGG ohne Weiteres zur Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten
legitimiert; auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 100
Abs. 1 BGG) ist daher einzutreten.

1.2 Mit der Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten kann unter
anderem geltend gemacht werden, der angefochtene Entscheid verletze Bundesrecht
- inklusive Bundesverfassungsrecht -, Völkerrecht sowie kantonale
verfassungsmässige Rechte (Art. 95 BGG). Das Bundesgericht legt seinem Urteil
den von der Vorinstanz festgestellten Sachverhalt zugrunde (Art. 105 Abs. 1
BGG). Die Feststellung des Sachverhalts kann nur gerügt bzw. vom Bundesgericht
von Amtes wegen berichtigt oder ergänzt werden, wenn sie offensichtlich
unrichtig ist oder auf einer Rechtsverletzung im Sinne von Art. 95 BGG beruht
(Art. 97 Abs. 1 BGG bzw. Art. 105 Abs. 2 BGG). Eine entsprechende Rüge, welche
rechtsgenüglich substantiiert vorzubringen ist (Art. 42 Abs. 2 BGG), setzt
zudem voraus, dass die Behebung des Mangels sich für den Ausgang des Verfahrens
als entscheidend erweist (Art. 97 Abs. 1 BGG).

2.
2.1 Nach Art. 15 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 13. Oktober 1965 über die
Verrechnungssteuer (VStG; SR 642.21) haften für die Steuer einer aufgelösten
juristischen Person die mit der Liquidation betrauten Personen bis zum Betrag
des Liquidationsergebnisses solidarisch mit dem Steuerpflichtigen. Sie haften
gemäss Art. 15 Abs. 2 VStG jedoch nur für Steuer-, Zins- und Kostenforderungen,
die während ihrer Geschäftsführung entstehen, geltend gemacht oder fällig
werden; ihre Haftung entfällt, soweit sie nachweisen, dass sie alles ihnen
Zumutbare zur Feststellung und Erfüllung der Steuerforderung getan haben.

2.2 Die ESTV hatte die Verrechnungssteuerforderung gegenüber der Y.________ AG
wie folgt begründet: Diese habe in den Jahren 1999 bis 2003 geschäftsmässig
nicht begründete Provisionszahlungen an die Z.________ SA sowie an A.________
von insgesamt Fr. 2'849'958.-- ausbezahlt, die als geldwerte Leistungen an
nahestehende Dritte zu betrachten seien (Verrechnungssteuer 35 %, ausmachend
Fr. 997'485.30). Weiter bestehe eine nicht erklärbare Eigenkapital-Differenz
von Fr. 252'642.-- per 31. Dezember 2000 gegenüber dem Vorjahr, was als
steuerbare geldwerte Leistung zu betrachten sei (Verrechnungssteuer 35 %,
ausmachend Fr. 88'424.70). Schliesslich habe die Y.________ AG im Jahr 2000 im
Umfang von Fr. 19'784.30 die Überwälzungspflicht nach Art. 14 VStG missachtet.
Der Beschwerdeführer hafte als Verwaltungsrat und Liquidator der Gesellschaft,
da er nicht dargelegt habe, dass er alles Zumutbare zur Feststellung und
Erfüllung der Steuerschuld getan habe.

2.3 Die Vorinstanz erwog, die geltend gemachte Verrechnungssteuerschuld
gegenüber der Y.________ AG bestehe zu Recht. Der Beschwerdeführer sei vom 12.
September 2002 bis zur Auflösung einziger Verwaltungsrat und Liquidator der
Gesellschaft gewesen und trage grundsätzlich die alleinige Verantwortung. Er
hafte damit auch für Verrechnungssteuerforderungen, die zwar vor seiner
Geschäftsführung entstanden, aber während derselben geltend gemacht worden
seien. Spätestens Anfang 2002 habe die faktische Liquidation der Gesellschaft
begonnen. Der Liquidator hafte bis zur Höhe des Liquidationsergebnisses; zu
dessen Berechnung sei auf die letzte vor Beginn der faktischen Liquidation
erstellte Bilanz abzustellen, also jene für das Jahr 2001; das dort
ausgewiesene Fremdkapital (Fr. 344'266.73) sei vom Total der Aktiven (Fr.
874'079.84) abzuziehen, was zu einem mutmasslichen Liquidationsergebnis von Fr.
529'813.11 führe. Der Beschwerdeführer hafte bis zu diesem Betrag, da er den
Exkulpationsbeweis nicht erbracht habe.

2.4 Der Beschwerdeführer bestreitet vor Bundesgericht die
Verrechnungssteuerschuld der Y.________ AG nicht mehr. Er bringt jedoch im
Hauptstandpunkt vor, sämtliche Steuerforderungen mit Ausnahme derjenigen für
die Provisionszahlungen 2003, seien in der Zeit vor seiner Wahl zum
Verwaltungsrat begründet, aber in diesem Zeitpunkt nicht bekannt und auch nicht
erkennbar gewesen. Es wäre ihm daher gar nicht möglich und deshalb auch nicht
zumutbar gewesen, den latenten Verrechnungssteueranspruch festzustellen oder zu
erfüllen, bevor die ESTV diesen zu Beginn des Jahres 2005 geltend gemacht habe.
Seine Haftung sei deshalb auf die in jenem Zeitpunkt in der Gesellschaft
vorhandenen Fr. 9'000.-- zu beschränken. Eventualiter sei der Beginn der
faktischen Liquidation auf Beginn 2004 festzulegen und für die Bestimmung des
haftungsrelevanten Liquidationsüberschusses auf die Zahlen per Ende 2003
abzustellen (Fr. 283'065.01). Subeventualiter sei der Liquidationsüberschuss in
dem Zeitpunkt massgeblich, in welchem die ESTV mit Schreiben vom 14. Juli 2003
erstmals Unregelmässigkeiten festgestellt habe (Fr. 299'569.95).
Subsubeventualiter könne er für allfällige faktische Liquidationshandlungen,
welche vor seinem Amtsantritt als Verwaltungsrat vorgenommen wurden, nicht
haftbar gemacht werden; er könne maximal bis zum Betrag des bei seinem Eintritt
noch vorhandenen Nettovermögens haften (Fr. 464'199.43).

3.
3.1 Gemäss Art. 4 Abs. 1 lit. b VStG sind Gegenstand der Verrechnungssteuer auf
dem Ertrag beweglichen Kapitalvermögens die Zinsen, Renten, Gewinnanteile und
sonstigen Erträge der von einem Inländer ausgegebenen Aktien. Nach Art. 20 Abs.
1 der Vollziehungsverordnung vom 19. Dezember 1966 zum Bundesgesetz über die
Verrechnungssteuer (VStV; SR 642.211) ist steuerbarer Ertrag von Aktien jede
geldwerte Leistung der Gesellschaft an die Inhaber gesellschaftlicher
Beteiligungsrechte oder an ihnen nahe stehende Dritte, die sich nicht als
Rückzahlung der im Zeitpunkt der Leistung bestehenden Anteile am einbezahlten
Grundkapital darstellt (Dividenden, Boni, Gratisaktien,
Gratis-Partizipationsscheine, Liquidationsüberschüsse und dergleichen). Nach
herrschender Lehre und ständiger Rechtsprechung, die vom Beschwerdeführer nicht
grundsätzlich in Frage gestellt wird, ist auch eine Überschussverteilung aus
einer faktischen Liquidation steuerbarer Ertrag und kann eine Haftung der mit
der Liquidation betrauten Personen nach Art. 15 VStG begründen (BGE 115 Ib 274
E. 14b S. 283 mit Hinweisen; Urteile A.335/1976 vom 17. Februar 1978 E. 10, in:
ASA 47 S. 541; 2A.342/2005 vom 9. Mai 2006 E. 4.2; 2C_502/2008 vom 18. Dezember
2008 E. 3.1 und 5.1, in: StR 64/2009 S. 588; JACQUES BÉGUELIN, La
responsabilité fiscale des liquidateurs de sociétés anonymes, sociétés à
responsabilité limitée et sociétés coopératives, in: Mélanges Henri Zwahlen,
1977, S. 544 f.; PETER BÖCKLI, Haftung des Verwaltungsrats für Steuern, in: StR
1985 S. 522 f.; ROBERT DANON, La responsabilité fiscale solidaire des organes
en cas de liquidation d'une société de capitaux, in François Bohnet (Hrsg.),
Quelques actions en responsabilité, 2008, S. 207 f.; ERNST GIGER, Die
Steuerschulden bei der Liquidation, IWIR 1999 S. 6; THOMAS MEISTER, in: Zweifel
/Athanas/Bauer-Balmelli [Hrsg.], Kommentar zum Schweizerischen Steuerrecht II/
2, Bundesgesetz über die Verrechnungssteuer, 2005, N. 15 f. und 25 zu Art. 15
VStG; THOMAS MÜLLER, Die solidarische Mithaftung im Bundessteuerrecht, 1999, S.
142 f.; XAVIER OBERSON, La responsabilité fiscale des organes dirigeants des
sociétés anonymes, SJ 2006 S. 298; W. ROBERT PFUND, Verrechnungssteuer, 1971,
N. 4 zu Art. 15 VStG).

3.2 Nach dem klaren Wortlaut von Art. 15 Abs. 2 VStG haften die Liquidatoren
für die Forderungen, die während ihrer Geschäftsführung entstehen, geltend
gemacht oder fällig werden. Es genügt, dass einer dieser Tatbestände erfüllt
ist (PFUND, a.a.O., N. 19 zu Art. 15). Die Haftung umfasst mithin auch die
Steuerforderungen, die vor Amtsantritt der mit der Liquidation betrauten
Personen entstanden sind, aber erst während deren Amtsdauer geltend gemacht
wurden (BÉGUELIN, a.a.O., S. 546; DANON, a.a.O., S. 213; MEISTER, a.a.O., N. 21
und 25 zu Art. 15 VStG). Die Argumentation des Beschwerdeführers, wonach er für
die vor seinem Amtsantritt allenfalls erfolgten Liquidationshandlungen nicht
haften könne, dringt deshalb nicht durch.

4.
4.1 Eine faktische Liquidation wird dann angenommen, wenn die Gesellschaft
ausgehöhlt bzw. ihr die wirtschaftliche Substanz entzogen wird, so dass die
ordentliche Geschäftstätigkeit nicht mehr möglich ist (BGE 115 Ib 274 E. 10a S.
280; Urteile A.335/1976 vom 17. Februar 1978 E. 8c in: ASA 47 S. 541; 2C_695/
2009 vom 3. Februar 2010 E. 2.1; DANON, a.a.O., S. 207; MEISTER, a.a.O., N. 12
zu Art. 15 VStG; OBERSON, a.a.O., S. 298). Der Maximalbetrag der Haftung
bestimmt sich nach dem Betrag des Liquidationsergebnisses (Art. 15 Abs. 1 lit.
a VStG), d.h. nach dem Vermögen, das der Gesellschaft nach Tilgung der Schulden
und der Liquidationskosten verbleibt. Für die Bemessung des
Liquidationsüberschusses ist der Stand bei Eintritt des Auflösungsgrunds bzw.
bei Beginn der Liquidation massgeblich (Urteile A.335/1976 vom 17. Februar 1978
E. 9, in: ASA 47 S. 541; 2A.94/2001 vom 27. Juni 2001 E. 2c; BÉGUELIN, a.a.O.,
S. 546; MEISTER, a.a.O., N. 20 zu Art. 15 VStG; PFUND, a.a.O., N. 7 zu Art. 15
VStG). Das gilt auch im Falle einer faktischen Liquidation. Entscheidend ist
daher, in welchem Zeitpunkt diese begonnen hat.

4.2 Es wird auch vom Beschwerdeführer zu Recht nicht in Frage gestellt, dass
die Y.________ AG im Zeitpunkt des formellen Liquidationsbeschlusses im Juni
2005 bereits ausgehöhlt und faktisch liquidiert war, bringt doch der
Beschwerdeführer selber vor, das Vermögen der Gesellschaft habe per Ende 2004
nur noch Fr. 9'000.- betragen. Die faktische Liquidation muss somit vorher
erfolgt sein. Fraglich ist, ob sie bereits Anfang 2002 begonnen hat, wie die
Vorinstanz angenommen hat und was vom Beschwerdeführer bestritten wird.

4.3 Die Vorinstanz hat diese Annahme wie folgt begründet: Für das Jahr 2001
habe die Y.________ AG zwei Finanzanlagen aufgewiesen, nämlich zwei Darlehen,
von denen eines bis Mitte 2002 zurückbezahlt wurde. Pro 2002 habe die
Y.________ AG kein Anlage-, sondern nur noch Umlaufvermögen ausgewiesen, die
Passiven hätten nur noch aus Gewinn bestanden. Ferner seien Bilanz und
Erfolgsrechnung für das Jahr 2002 erst im Jahre 2005 erstellt worden. Die
verbuchten Leistungen und Lieferungen seien zwar im Jahre 2002 noch
beträchtlich gewesen, hätten aber im Vergleich zum Vorjahr um 18,5 %
abgenommen, der Material- und Warenaufwand sogar um 23 %. Entscheidend seien
der Aktiven- und Fremdkapitalschwund um 50 bzw. 100 % im Vergleich zum Vorjahr.

4.4 Die in diesen Erwägungen enthaltenen Sachverhaltsfeststellungen werden als
solche vom Beschwerdeführer nicht beanstandet und sind für das Bundesgericht
verbindlich (vgl. E. 1.2 hiervor). Ob diese Feststellungen den Schluss auf eine
per Anfang 2002 begonnene faktische Liquidation zulassen, ist dagegen eine vom
Bundesgericht im Folgenden frei zu prüfende Rechtsfrage.

4.5 Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts kommt es für die Annahme einer
faktischen Liquidation nicht entscheidend auf den subjektiven
Liquidationswillen an (BGE 115 Ib 274 E. 10c S. 281; Urteil 2C_695/2009 vom 3.
Februar 2010 E. 2.2). Die Vorinstanz hat denn auch nicht festgestellt, die
Y.________ AG bzw. der Beschwerdeführer hätten im Jahre 2002 einen
Liquidationswillen gehabt. Unter diesen Umständen muss aus äusseren Indizien
auf die Liquidation geschlossen werden. Dabei besteht die Problematik, dass bei
einer Betrachtung aus der Retrospektive manches bereits als Liquidationsschritt
erscheinen mag, was bei echtzeitlicher Betrachtung noch als normale
Geschäftstätigkeit betrachtet werden kann (GIGER, a.a.O., S. 6). Nicht jede
sich nachträglich als betriebswirtschaftlich unzweckmässig erweisende
Disposition kann bereits als Beginn einer faktischen Liquidation angesehen
werden (MÜLLER, a.a.O., S. 143).
Eine Übersicht über die Rechtsprechung zeigt denn auch, dass in denjenigen
Fällen, in denen eine faktische Liquidation bejaht wurde, eindeutige Umstände
vorlagen:
4.5.1 Im Urteil A.335/1976 vom 17. Februar 1978, in: ASA 47 S. 541 hatte der
Alleingesellschafter die Gesellschaft mit Mitteln von rund 25 Mio. Franken
ausgestattet und in den Jahren 1967 bis 1971 aus dem Gesellschaftsvermögen
Leistungen zugunsten seiner anderen Unternehmen erbracht, welche das Vermögen
der Gesellschaft aufzehrten. Das Bundesgericht erwog, aus der Rückschau habe
die Aushöhlung wohl bereits 1966/67 mit der Eingehung einer Verfügungsvollmacht
und einer Bürgschaftsverpflichtung begonnen, doch könne nicht als erwiesen
gelten, dass die Geschäftsleistung damals bereits an eine Auflösung dachte.
Hingegen habe die Liquidation in den Jahren 1970 und 1971 stattgefunden, als
die Gesellschaft ihre letzten noch verbleibenden Aktiven im Umfang von
insgesamt ca. 1,35 Mio. Franken preisgegeben habe, indem ein Darlehen an den
bereits illiquiden Alleingesellschafter ausgerichtet wurde.
4.5.2 In BGE 115 Ib 274 E. 10b S. 280 wurde einer Beteiligungsgesellschaft ihre
wirtschaftliche Substanz entzogen, da sie sämtliche Beteiligungen verkauft
hatte.
4.5.3 Im Urteil 2A.57/1989 vom 9. Oktober 1989 E. 2b, nicht publ. in: BGE 115
Ib 393, in: ASA 58 S. 707, galt als faktische Liquidation, dass eine Immobilien
AG ihr einziges wesentliches Aktivum, eine Liegenschaft, veräussert hatte.
4.5.4 Im Urteil 2A.107/1999 vom 23. September 1999 E. 6b, in: ASA 69 S. 898,
nahm eine Gesellschaft, die von 1981 bis 1991 kaum aktiv gewesen war und deren
Aktiven Ende 1990 zu 70 % aus Bankkonten bestanden, im folgenden Jahr mit einem
neuen Aktionär und einer neuen Verwaltung eine neue Tätigkeit auf.
4.5.5 Im Urteil 2A.342/2005 vom 9. Mai 2006 E. 4.3 wurde als faktische
Liquidation betrachtet, dass die Gesellschaft ihr einziges wesentliches Aktivum
verkauft und den Erlös dem Aktionär zur Verfügung gestellt hatte, wodurch der
Gesellschaft verunmöglicht wurde, ihre Tätigkeit weiterzuführen.
4.5.6 Im Urteil 2C_502/2008 vom 18. Dezember 2008 E. 4.1 lag eine faktische
Liquidation vor, nachdem die Gesellschaft ihre noch vorhandenen Wertschriften
verkauft hatte und der Verkaufserlös grösstenteils unwiederbringlich an eine
andere Gesellschaft floss, wobei die Beziehungen zwischen den beiden
Gesellschaften nicht offen gelegt wurden.
4.5.7 Im Urteil 2C_695/2009 vom 3. Februar 2010 E. 2.1 wurde schliesslich eine
faktische Liquidation im Jahre 2002 angenommen, nachdem sich die Aktiven der
Gesellschaft zwischen Ende 2001 und Ende 2002 von Fr. 263'500.- auf Fr. 9'000.-
reduziert hatten. Weitere Indizien für eine faktische Liquidation sah das
Bundesgericht darin, dass sich im Jahre 2002 die hohe Verrechnungssteuerschuld
der Gesellschaft definitiv abzeichnete und der Geschäftsführer zudem die
Leitung einer anderen Gesellschaft zu übernehmen begann.

4.6 Solche eindeutigen und klaren Indizien wie in den oben genannten Fällen
liegen hier jedoch nicht vor: Die bisherige Geschäftsaktivität wurde in den
Jahren 2002 und 2003 weitergeführt, wenn auch in etwas reduziertem Umfang: Im
Jahre 2002 betrug der Rückgang beim Warenertrag bzw. Material- und Warenaufwand
gegenüber dem Vorjahr 18,4 bzw. 23,1 %; diese liegt somit im Rahmen üblicher
Geschäftsschwankungen und ist nicht derart, dass auf eine Liquidation
geschlossen werden müsste. Im Unterschied zu den oben erwähnten Fällen wurden
zudem die Aktiven während des Jahres 2002 nicht grossmehrheitlich, sondern
bloss um knapp 50 % reduziert. Wird zudem der Aktivenbestand nicht mit dem Jahr
2001, sondern mit 2000 oder 1999 verglichen, so beträgt die Abnahme nur 34 %
bzw. 43 %, was aufzeigt, dass auch in den früheren Jahren erhebliche
Schwankungen (nach oben wie nach unten) im Aktivenbestand vorkamen. Der
Umstand, dass die Gesellschaft Ende 2002 kein Anlagevermögen aufwies, ist bei
der Natur der von der Y.________ AG verfolgten Tätigkeit (Handels- bzw.
Vermittlungsgeschäfte) nicht massgebend: Schon im Jahre 2001 hatte das
Anlagevermögen nur 15,2 % der Aktiven ausgemacht und hauptsächlich aus einer
Darlehensforderung gegenüber der B.________ SA im Betrag von Fr. 126'933.72
bestanden. Dass diese Forderung bis Mitte 2002 zurückbezahlt wurde, kann nicht
als Indiz für eine Liquidation betrachtet werden. Unter den aktenkundigen
Umständen (langjährige Krankheit und schliesslich Tod des früheren
Verwaltungsrats und damit im Zusammenhang jahrelang keine ordentlichen
Buchhaltungsabschlüsse) kann schliesslich auch nicht ausschlaggebend sein, dass
in den Jahren 2002 und 2003 noch keine ordentlichen Jahresabschlüsse erstellt
wurden. Ein Indiz könnte hingegen das Fehlen von Fremdkapital in der Bilanz
2002 sein, nachdem in den Vorjahren 2001 noch Fremdkapital im Umfang von ca.
einem Viertel der Passiven in der Form von Lieferantenkreditoren ausgewiesen
worden waren. Dies könnte darauf hinweisen, dass per Ende 2002 kaum mehr
Lieferungen bestellt wurden. Allerdings erscheint der Passivposten "Gewinn" in
dieser Bilanz, die ausdrücklich als provisorische bezeichnet wird, ohnehin
ungewöhnlich und wenig verlässlich und stimmt auch nicht mit dem in der
Erfolgsrechnung ausgewiesenen Gewinn von Fr. 166'352.08 überein, welcher bei
einem Warenertrag von rund 2,4 Mio. Franken nicht verdächtig hoch ist. Für das
Jahr 2003 liegt ebenfalls eine als provisorisch bezeichnete Bilanz und
Erfolgsrechnung vor, auf welcher handschriftlich "per 30.6.2003" eingetragen
ist. Nach dieser Rechnung wurden weiterhin Warenertrag sowie Material- und
Warenaufwand verbucht, gegenüber dem Jahr 2002 um rund 68 % bzw. 63 %
reduziert, was umgerechnet auf ein ganzes Jahr ebenfalls noch einen
Umsatzrückgang im Rahmen üblicher Geschäftstätigkeit darstellt. Insgesamt
erlauben diese Indizien nicht, den Beginn der faktischen Liquidation auf Anfang
2002 festzulegen.

4.7 Entscheidend kommt hinzu, dass auch die ESTV in Kenntnis all dieser
Umstände zum damaligen Zeitpunkt nicht von einer Liquidation ausging: Mit
Schreiben vom 14. Juli 2003 wies die ESTV auf "einige Fragen und Probleme
(Nichtüberwälzen der im Jahr 2000 aufgerechneten und bezahlten
Verrechnungssteuer, zu hohe Weiterleitungen nach Fifty-fifty-Praxis, etc.)"
hin. Gemäss einer Notiz über eine Besprechung vom 6. November 2003 zwischen der
ESTV sowie der Buchhaltung und der Revisionsstelle der Y.________ AG wurden für
die Jahre ab 2001 gewisse Vorgehensweisen vereinbart und darauf hingewiesen,
dass die Buchhalterin vom Aktionariat den Auftrag habe, die Y.________ AG aus
dem "Schlamassel" zu holen und dass der Beschwerdeführer das Mandat als
Verwaltungsrat übernommen habe, um die gesetzlichen Voraussetzungen zu
schaffen; von einer Liquidation ist hingegen nicht die Rede. Auch nach
durchgeführten Abklärungen stellte die ESTV mit Rechnung vom 11. Januar 2005
nicht etwa Verrechnungssteuern auf Liquidationsüberschüssen in Rechnung,
sondern im Wesentlichen nicht belegten Geschäftsaufwand in Form von
Provisionsaufwendungen, wobei auch noch für die Geschäftsjahre 2003 und 2004
ein Betrag in der Grössenordnung der Vorjahre geschätzt wurde. Die ESTV ging
also offensichtlich von einer Weiterführung der Geschäftstätigkeit im
bisherigen Umfang aus. In der Mitteilung an den Beschwerdeführer vom 27.
Februar 2006 und im Einspracheentscheid vom 4. April 2006 wies die ESTV darauf
hin, dass sich die Y.________ AG gemäss SHAB vom 29. August 2005 in Liquidation
befinde und der Beschwerdeführer für die Steuer hafte, die hauptsächlich auf
nicht geschäftsmässig begründeten Provisionsaufwänden in den Geschäftsjahren
1999-2003 resultierte. Erstmals in der Beschwerdevernehmlassung vom 12. Juli
2006 machte sie geltend, die Gesellschaft müsse bereits ab 2002 als ausgehöhlt
gelten.

4.8 Unter diesen Umständen kann der Beginn der faktischen Liquidation nicht auf
Anfang 2002 festgelegt werden. Abzustellen ist vielmehr auf den Zeitpunkt der
(offenbar per Mitte 2003 abgeschlossenen) Bilanz und Erfolgsrechnung 2003. Bis
zu diesem Zeitpunkt wurde sowohl nach den verfügbaren Geschäftsunterlagen der
Gesellschaft als auch nach dem Eindruck der ESTV die Geschäftstätigkeit im
bisherigen Umfang weiter betrieben. Das Liquidationsergebnis, bis zu welchem
der Beschwerdeführer haftet, berechnet sich somit nach dieser Bilanz und
beträgt entsprechend dem Eventualbegehren des Beschwerdeführers Fr. 283'065.01.

5.
Im Hauptstandpunkt bestreitet der Beschwerdeführer, dass ihm die Feststellung
und Erfüllung der Steuerforderung zumutbar gewesen wäre.

5.1 Die Haftung des Liquidators ist keine Kausalhaftung, sondern eine
Garantenhaftung (Urteil A.335/1976 vom 17. Februar 1978 E. 10, in: ASA 47 S.
541; BÖCKLI, a.a.O., S. 523 f.; DANON, a.a.O., S. 204; OBERSON, a.a.O., S. 294
f.); sie entfällt, soweit der Liquidator das ihm Zumutbare zur Feststellung und
Erfüllung der Steuerforderung getan hat (Art. 15 Abs. 2 VStG). Die Haftung
setzt zwar kein Verschulden voraus (Urteil 2C_551/2009 vom 13. April 2010 E.
4.1, in: StR 65/2010 S. 876; BÉGUELIN, a.a.O., S. 542, 549), doch ist die Frage
nach der Zumutbarkeit nach den konkreten Umständen und den persönlichen
Verhältnissen des Haftenden zu beurteilen (BGE 115 Ib 393 E. 4a S. 394 f.; 106
Ib 375 E. 2b/bb S. 380; Urteil 2A.342/2005 vom 9. Mai 2006 E. 4.2; BÉGUELIN,
a.a.O., S. 550; GIGER, a.a.O., S. 7 f.; BÖCKLI, a.a.O., S. 525 f.; MÜLLER,
a.a.O., S. 147 f.; PFUND, a.a.O., N. 20.1 zu Art. 15).

5.2 Die objektive Zumutbarkeit ist hier zu bejahen: Der Beschwerdeführer musste
bei seinem Amtsantritt feststellen, dass die Buchhaltung seit Jahren nicht
ordnungsgemäss geführt worden war. Er musste deshalb auch damit rechnen, dass
noch nachträgliche Steuerforderungen geltend gemacht werden könnten. Es ist ihm
zwar zugute zu halten, dass er sich um eine Klärung der Verhältnisse bemühte
und es ist verständlich, dass er nicht sogleich einen vollständigen Überblick
gewinnen konnte. In einer solchen Situation hätte er aber Rückstellungen oder
Sicherstellungen bilden können und müssen für allfällige noch entstehende
Steuerforderungen. Namentlich wurde entgegen der Auffassung des
Beschwerdeführers die Zahlung oder Sicherstellung der Steuer nicht erst mit der
Geltendmachung durch die ESTV zumutbar. Die Steuerpflichtigen bzw. ihre Organe
haben unaufgefordert die vorgeschriebenen Abrechnungen einzureichen und die
Steuer zu entrichten (Art. 38 Abs. 2 VStG). Sie sind besser als die
Steuerverwaltung in der Lage, die finanzielle Situation und die Aktivitäten der
Gesellschaft zu beurteilen und können sich nicht darauf verlassen, von der ESTV
auf ihre Pflichten hingewiesen zu werden.

5.3 Die vom Beschwerdeführer vorgebrachten persönlichen Umstände (fehlende
juristische Kenntnisse, Übernahme des VR-Mandats aus Pietät gegenüber seinem
verstorbenen Vater) vermögen ihn nicht zu entlasten: Wer ein Mandat als
Verwaltungsrat oder Liquidator übernimmt, von dem er weiss, dass er es nicht
ordnungsgemäss wird ausführen können, verletzt seine Sorgfaltspflicht und kann
sich nicht auf seine fehlenden Kenntnisse berufen (BGE 115 Ib 393 E. 4b S. 395;
Urteil 2A.132/1991 vom 29. Juni 1992 E. 6, in: RDAT 1993 I n. 26t pag. 369).

6.
Die Beschwerde ist im Eventualstandpunkt begründet und damit teilweise
gutzuheissen. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Verfahrenskosten je
hälftig dem Beschwerdeführer und der ESTV aufzuerlegen (Art. 66 Abs. 1 BGG).
Diese hat dem Beschwerdeführer für das bundesgerichtliche Verfahren eine
reduzierte Parteientschädigung zu bezahlen (Art. 68 Abs. 2 BGG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird teilweise gutgeheissen. Der vom Beschwerdeführer
geschuldete Haftungsbetrag wird auf Fr. 283'065.01 festgelegt. Im Übrigen wird
die Beschwerde abgewiesen.

2.
Die Gerichtskosten von Fr. 6'000.-- werden je zur Hälfte, ausmachend je Fr.
3'000.--, dem Beschwerdeführer und der Eidgenössischen Steuerverwaltung
auferlegt.

3.
Die Eidgenössische Steuerverwaltung hat dem Beschwerdeführer für das
bundesgerichtliche Verfahren eine reduzierte Parteientschädigung von Fr.
3'000.-- zu bezahlen.

4.
Dieses Urteil wird dem Beschwerdeführer, der Eidgenössischen Steuerverwaltung
und dem Bundesverwaltungsgericht, Abteilung I, schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 19. April 2011
Im Namen der II. öffentlich-rechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts
Der Präsident: Der Gerichtsschreiber:

Zünd Winiger