Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

Strafrechtliche Abteilung, Beschwerde in Strafsachen 6B.105/2010
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Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

{T 0/2}
6B_105/2010

Urteil vom 13. April 2010
Strafrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Favre, Präsident,
Bundesrichter Wiprächtiger,
Bundesrichterin Jacquemoud-Rossari,
Gerichtsschreiber Faga.

Verfahrensbeteiligte
X.________, vertreten durch Rechtsanwalt Jürg Schlatter,
Beschwerdeführer,

gegen

1. A.________, vertreten durch Rechtsanwalt Lukas Nater,
Beschwerdegegner,
2. Staatsanwaltschaft des Kantons Thurgau, 8510 Frauenfeld,
Beschwerdegegnerin.

Gegenstand
Versuchte vorsätzliche Tötung, mehrfache Körperverletzung; Strafzumessung;
Genugtuung; willkürliche Beweiswürdigung,

Beschwerde gegen das Urteil des Obergerichts des Kantons Thurgau vom 29.
September 2009.

Sachverhalt:

A.
Im Rahmen einer tätlichen Auseinandersetzung stach X.________ am 22. Mai 2005
in S.________ dem Geschädigten A.________ mit einem Küchenmesser in die linke
Brust. Weitere Stiche versetzte er ihm am linken Ohr, am Kopf und im hinteren
Halsbereich. Die Verletzungen waren nicht lebensgefährlich.

B.
Das Obergericht des Kantons Thurgau sprach X.________ mit Urteil vom 29.
September 2009 zweitinstanzlich schuldig der versuchten eventualvorsätzlichen
Tötung sowie der mehrfachen einfachen Körperverletzung. Es verurteilte ihn zu
einer Freiheitsstrafe von 4 ½ Jahren unter Anrechnung der ausgestandenen
Untersuchungshaft von 27 Tagen. Zudem hielt es fest, dass X.________ dem
Geschädigten A.________ schadenersatzpflichtig ist. Zur Feststellung des
Schadenumfangs wurde der Geschädigte auf den Zivilweg verwiesen. X.________
wurde weiter verpflichtet, dem Geschädigten Fr. 4'000.-- Genugtuung zuzüglich
Zins zu 5% seit dem 22. Mai 2005 zu bezahlen.

C.
X.________ führt Beschwerde in Strafsachen. Er beantragt sinngemäss, das Urteil
des Obergerichts des Kantons Thurgau sei aufzuheben, und er sei wegen
versuchten eventualvorsätzlichen Totschlags sowie wegen mehrfacher einfacher
Körperverletzung schuldig zu erklären. Eventualiter sei der vorinstanzliche
Schuldpunkt zu bestätigen, und er sei mit einer Freiheitsstrafe von höchstens
20 Monaten zu verurteilen. Der Vollzug der Freiheitsstrafe sei bei einer
Probezeit von zwei Jahren aufzuschieben. Zudem sei der Antrag auf Ausrichtung
einer Genugtuung abzuweisen, eventualiter auf den Zivilweg zu verweisen.
Subeventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz oder an das
Bezirksgericht Kreuzlingen zurückzuweisen. Des Weiteren ersucht er um Erteilung
der aufschiebenden Wirkung betreffend die Verpflichtung zur Leistung einer
Genugtuung sowie um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege.

D.
A.________, das Obergericht des Kantons Thurgau und die Staatsanwaltschaft des
Kantons Thurgau beantragen in ihren Vernehmlassungen, die Beschwerde sei
abzuweisen. A.________ ersucht zudem um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege.
Erwägungen:

1.
Am 30. Januar 2008 wurde zur Frage der Schuldfähigkeit im Sinne von Art. 19
StGB ein Gutachten zuhanden des kantonalen Untersuchungsrichteramts erstattet.
Es wurde von Dr. med. D.________, leitender Arzt der psychiatrischen Klinik
K.________, verfasst. Das Gutachten schliesst zum Zeitpunkt der Tat eine
verminderte Schuldfähigkeit des Beschwerdeführers aus (vorinstanzliche Akten
pag. 519 ff.).

1.1 Der Beschwerdeführer macht geltend, der Gutachter sei allein zum Vorliegen
einer psychischen Störung befragt worden. Weitere Gründe, die zu einer
Einschränkung der Schuldfähigkeit führen könnten, seien nicht untersucht
worden. Der von der Vorinstanz gezogene Schluss, das Gutachten sei vollständig
und verneine unter Berücksichtigung sämtlicher relevanter Umstände jegliche
Einschränkung der Schuldfähigkeit, sei willkürlich. Weiter leide er entgegen
der Auffassung des Gutachters unter einer Persönlichkeitsstörung (Beschwerde S.
5 ff.).

1.2 Das Vorbringen des Beschwerdeführers stellt eine Kritik am Inhalt eines
fachärztlichen Gutachtens dar. Ob ein Gericht die im psychiatrischen Gutachten
enthaltenen Erörterungen für überzeugend hält oder nicht und ob es
dementsprechend den Schlussfolgerungen des Experten folgen oder ein
Ergänzungsgutachten beziehungsweise eine Oberexpertise einholen soll, ist eine
Frage der Beweiswürdigung, die mit Beschwerde in Strafsachen wegen Verletzung
des Willkürverbots aufgeworfen werden kann. Dasselbe gilt für die Frage, ob ein
psychiatrisches Gutachten in sich schlüssig ist (BGE 106 IV 236 E. 2a S. 238,
97 E. 2b S. 99 f.; je mit Hinweisen; Urteil 6S.870/1998 vom 6. Mai 1999 E. 4
mit Hinweisen, nicht publ. in: BGE 125 IV 118). Eine entsprechende Kritik muss
als Verletzung des Willkürverbots substanziiert dargelegt werden.

Das Gericht darf in Fachfragen nicht ohne triftige Gründe von Gutachten
abweichen und muss Abweichungen begründen. Das Abstellen auf nicht schlüssige
Expertisen kann gegen das Willkürverbot und gegen Verfahrensrechte der Parteien
verstossen, so wenn gewichtige, zuverlässig begründete Tatsachen oder Indizien
die Überzeugungskraft des Gutachtens ernstlich erschüttern (BGE 132 II 257 E.
4.4.1 S. 269 mit Hinweis; 129 I 49 E. 4 S. 57 f.; 128 I 81 E. 2 S. 86 mit
Hinweisen).

1.3 Die Vorinstanz führt im Einzelnen aus, das Gutachten sei schlüssig und
überzeugend. Es attestiere dem Beschwerdeführer eine akzentuierte
Persönlichkeit mit emotional instabilen und impulsiven Zügen, die in ihrem
Sozialverhalten gewisse Defizite aufweise. Der Beschwerdeführer sei laut
Gutachten in der Lage gewesen, das Unrecht seiner Tat einzusehen. Auch könne
nicht von einer rechtsrelevanten Verminderung seiner Bestimmungsfähigkeit
ausgegangen werden.

Die Vorinstanz erwägt weiter, die Expertise habe festgehalten, dass die
Kriterien einer Persönlichkeitsstörung nur knapp oder gar nicht erfüllt seien.
Damit habe der Gutachter in wissenschaftlich korrekter Weise zum Ausdruck
gebracht, dass die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung schwierig zu stellen
sei. Mit Bezug auf die volle Schuldfähigkeit zum Tatzeitpunkt hätten für den
Gutachter keine Zweifel bestanden. Es treffe nicht zu, dass der Gutachter zur
Frage, ob eine sonstige Einschränkung der Einsichtsfähigkeit im Zeitpunkt der
Tat gegeben sei, keine Ausführungen gemacht habe. Er sei aufgefordert worden,
zur Schuldfähigkeit im Sinne von Art. 19 Abs. 1 und 2 StGB Stellung zu nehmen.
Hätten unabhängig von einer psychischen Störung sonstige Einschränkungen
bestanden, hätte Dr. med. D.________ als erfahrener Gerichtsexperte darauf
hingewiesen (angefochtener Entscheid S. 21 ff.).

1.4 Der Beschwerdeführer macht geltend, der Gutachter habe insbesondere die
Erregung, den Affekt oder sonstige Gründe, die zu einer Einschränkung der
Schuldfähigkeit führen könnten, nicht untersucht. Diese Rüge vermag keine
Mängel des Gutachtens substanziiert aufzuzeigen und dessen Überzeugungskraft in
Frage zu stellen. Das Gutachten hat sich mit dem Geisteszustand des
Beschwerdeführers zum Tatzeitpunkt auseinandergesetzt. Es hält fest, es
bestünden keine deutlichen Hinweise, wonach der psychische Zustand des
Beschwerdeführers in einem extremen Ausmass alteriert gewesen wäre, dass von
einer psychiatrisch relevanten Störung gesprochen werden müsste. Es schliesst
unter anderem eine akute Belastungsreaktion aus und geht von einer
persönlichkeitstypischen aggressiven Erregung aus (vorinstanzliche Akten pag.
529). Die an den Gutachter gestellten Fragen stehen unter dem Titel "Zur Frage
nach einer psychischen Störung" sowie "Zur Frage der Schuldfähigkeit (Art. 19
Abs. 1 und 2 StGB)". Die in Ziffer 2 gestellten Fragen lauten "War die
beschuldigte Person zur Zeit der Tat(en) wegen dieser psychischen Störung nicht
fähig zur Einsicht in das Unrecht der Tat(en) oder zum Handeln gemäss dieser
Einsicht (Art. 19 Abs. 1 StGB)?" sowie "War die beschuldigte Person zur Zeit
der Tat(en) wegen dieser psychischen Störung nur teilweise fähig zur Einsicht
in das Unrecht der Tat(en) oder zum Handeln gemäss dieser Einsicht (Art. 19
Abs. 2 StGB)?". Nach den zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz ist anzunehmen,
dass Dr. med. D.________ andere Einschränkungen der Schuldfähigkeit, sofern
solche vorgelegen hätten, aufgezeigt hätte. Der in den zitierten Fragen
enthaltene Hinweis auf eine mögliche psychische Störung engte die Fragestellung
nach einer allfälligen Schuldunfähigkeit respektive einer verminderten
Schuldfähigkeit im Sinne von Art. 19 StGB demnach nicht ein. Die Expertise
attestiert dem Beschwerdeführer ausdrücklich eine intakte Einsichts- und (in
grundsätzlicher Hinsicht) Bestimmungsfähigkeit. Deshalb kann die Vorinstanz
ausschliessen, dass die Fragen einzig im Hinblick auf eine mögliche psychische
Störung beantwortet wurden, und sie darf deshalb dem Beschwerdeführer eine
volle Schuldfähigkeit zurechnen, ohne in Willkür zu verfallen.

Soweit der Beschwerdeführer vorbringt, er leide entgegen der Auffassung des
Gutachters unter einer Persönlichkeitsstörung im Sinne der Internationalen
Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10),
vermag er keine triftigen Gründe aufzuzeigen, weshalb das Gutachten in dieser
Frage nicht als schlüssig zu werten und deshalb davon abzuweichen wäre. Das
Gutachten hält fest, der Beschwerdeführer erfülle die Kriterien einer
Persönlichkeitsstörung (wenn überhaupt) nur marginal, weshalb eher eine
akzentuierte Persönlichkeit mit emotional instabilen und impulsiven Zügen
vorliege. Die Vorinstanz hält zutreffend fest, der Gutachter lege dar, dass die
Diagnose einer Persönlichkeitsstörung schwierig zu stellen sei. Der Gutachter
zweifelt nicht nur, ob das Kriterium betreffend den Krankheitsbeginn erfüllt
ist. Vielmehr legt die Expertise auch dar, dass sämtliche Kriterien einer
Persönlichkeitsstörung höchstens nur sehr knapp erfüllt sind und das Verhalten
des Beschwerdeführers mit dem impulsiven Typus nur am Rande übereinstimmt
(vorinstanzliche Akten pag. 528 f.). Entgegen der Auffassung des
Beschwerdeführers ist das Gutachten in diesem Punkt frei von Widersprüchen und
deshalb bündig.

In appellatorischer Kritik erschöpft sich die Rüge des Beschwerdeführers,
wonach der Gutachter über zu wenig Informationen verfügt habe, um eine sichere
Beurteilung vornehmen zu können. Auch finden die vom Beschwerdeführer erwähnten
sprachlichen Verständigungsschwierigkeiten - welche nicht mit einer schwachen
Beherrschung der deutschen Sprache gleichzusetzen sind - in den Schilderungen
von Dr. med. D.________ keine Stütze. Dieser hält explizit fest, das Gesagte
sei inhaltlich jederzeit verständlich gewesen (vorinstanzliche Akten pag. 523).
Unzutreffend sind die Ausführungen des Beschwerdeführers, das Gutachten
bezeichne die Informationslage als zu knapp und die sprachlichen Kenntnisse als
ungenügend.

Schliesslich ist entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers die
Schlussfolgerung in der Expertise, wonach die Beeinträchtigung der
Selbststeuerungsfähigkeit nicht wesentlich von ähnlich gelagerten Tätern in
entsprechenden Situationen abgewichen sei, nicht zu beanstanden. Dr. med.
D.________ hält fest, eine persönlichkeitstypische aggressive Erregung dürfte
eine Rolle gespielt haben, wobei die momentane Verfassung nicht wesentlich von
derjenigen vergleichbarer Täter in ähnlichen Situationen abgewichen sei
(vorinstanzliche Akten pag. 529). Damit legt er nachvollziehbar dar, dass die
Intensität der aggressiven Verstimmung aus ärztlicher Sicht ein für die
Fragestellung relevantes Mass nicht erreichte und somit nicht in hohem Masse in
den Bereich des Abnormen fiel.

1.5 Die Vorinstanz darf ohne Willkür das Gutachten von Dr. med. D.________ als
schlüssig werten und auf dessen Schlussfolgerungen abstellen. Mit anderen
Worten darf die Vorinstanz ohne Willkür triftige Gründe für ein Abweichen von
diesen Schlussfolgerungen verneinen.

2.
2.1 Der Beschwerdeführer beanstandet ferner die Strafzumessung. Er bringt vor,
die Vorinstanz billige ihm im Gegensatz zur ersten Instanz eine leicht
verminderte Zurechnungsfähigkeit zu. Dennoch habe die Vorinstanz in Verletzung
der Begründungspflicht das erstinstanzliche Strafmass bestätigt. Der
Beschwerdeführer rügt eine Verletzung von Art. 9 BV sowie von Art. 47 und Art.
50 StGB (Beschwerde S. 15 ff.).
2.2
2.2.1 Das Bundesgericht prüft grundsätzlich nur die vorgebrachten Rügen. Es ist
aber weder an die in der Beschwerde geltend gemachten Argumente noch an die
Erwägungen der Vorinstanz gebunden. Es kann eine Beschwerde aus einem anderen
als dem angerufenen Grund gutheissen oder eine Beschwerde mit einer von der
Argumentation der Vorinstanz abweichenden Begründung abweisen (vgl. BGE 130 III
136 E. 1.4 S. 140 mit Hinweis).
2.2.2 Der Beschwerdeführer hat die hier zu beurteilenden Straftaten vor
Inkrafttreten des neuen Allgemeinen Teils des Strafgesetzbuches am 1. Januar
2007 begangen. Das neue Recht ist auf die vor diesem Zeitpunkt begangenen Taten
anzuwenden, falls es milder ist (Art. 2 Abs. 2 StGB).

Die Vorinstanz wendet das neue Recht an, ohne diese Frage ausdrücklich zu
prüfen. Ob das neue im Vergleich zum alten Gesetz milder ist, beurteilt sich
aufgrund eines konkreten Vergleichs der Strafe. Der Richter hat zu prüfen, nach
welchem der beiden Rechte der Täter besser wegkommt (BGE 134 IV 82 E. 6.2.1 S.
87 f. mit Hinweisen). Freiheitsentziehende Strafen des früheren Rechts
(Gefängnis oder Zuchthaus) und des neuen Rechts (Freiheitsstrafe) sind
gleichwertig, soweit sie unbedingt ausgesprochen werden (a.a.O., E. 7.2.1 S. 89
f. mit Hinweisen). Spricht die Vorinstanz eine Freiheitsstrafe von 4 ½ Jahren
und somit eine unbedingte Strafe aus, ist das neue Recht nicht milder. In
diesem Fall ist das alte Recht anwendbar (Art. 2 Abs. 2 StGB; vgl. auch E.
2.4).
2.2.3 Nach Art. 63 aStGB bemisst der Richter die Strafe nach dem Verschulden
des Täters zu; er berücksichtigt die Beweggründe, das Vorleben und die
persönlichen Verhältnisse des Schuldigen. Diese Bestimmung entspricht
weitgehend der neuen Regelung in Art. 47 StGB, und die früher geltenden
Strafzumessungsgrundsätze wurden in Art. 47 Abs. 1 StGB beibehalten (BGE 134 IV
17 E. 2.1 S. 19). Gemäss Art. 47 Abs. 1 StGB misst das Gericht die Strafe nach
dem Verschulden des Täters zu. Es berücksichtigt das Vorleben, die persönlichen
Verhältnisse sowie die Wirkung der Strafe auf das Leben des Täters. Die
Bewertung des Verschuldens wird in Art. 47 Abs. 2 StGB dahingehend präzisiert,
dass dieses nach der Schwere der Verletzung oder Gefährdung des betroffenen
Rechtsguts, nach der Verwerflichkeit des Handelns, den Beweggründen und Zielen
des Täters sowie danach bestimmt wird, wie weit der Täter nach den inneren und
äusseren Umständen in der Lage war, die Gefährdung oder Verletzung zu
vermeiden.

Es liegt im Ermessen des Sachgerichts, in welchem Umfang es die verschiedenen
Strafzumessungsfaktoren berücksichtigt. Das Bundesgericht greift auf Beschwerde
hin nur in die Strafzumessung ein, wenn die Vorinstanz den gesetzlichen
Strafrahmen über- oder unterschritten hat, wenn sie von rechtlich nicht
massgebenden Kriterien ausgegangen ist oder wesentliche Gesichtspunkte ausser
Acht gelassen bzw. in Überschreitung oder Missbrauch ihres Ermessens falsch
gewichtet hat (BGE 134 IV 17 E. 2.1 S. 19 f. mit Hinweisen).
2.2.4 Ist die Strafe aufgrund der Mehrheit der Delikte nach aArt. 68 Ziff. 1
Abs. 1 StGB festzusetzen, muss der Richter in einem ersten Schritt gedanklich
die Einsatzstrafe für das schwerste Delikt festlegen, indem er alle
diesbezüglichen straferhöhenden und strafmindernden Umstände einbezieht. In
einem zweiten Schritt hat er die Strafe zu erhöhen, um die weiteren Delikte zu
sanktionieren. Auch dort muss er den jeweiligen Umständen Rechnung tragen (BGE
127 IV 101 E. 2b S. 104; Urteil 6B_297/2009 vom 14. August 2009 E. 3.3.1; je
mit Hinweis; Urteil 6S.378/2002 vom 11. Februar 2003 E. 3.2).

2.3 Die Vorinstanz verweist vollumfänglich auf die Erwägungen des
Bezirksgerichts Kreuzlingen zur Strafzumessung (angefochtenes Urteil S. 23 f.
und erstinstanzlicher Entscheid S. 34 ff.). Diese genügen den
Begründungsanforderungen nicht. Nach Art. 50 StGB hat der Richter die für die
Zumessung der Strafe erheblichen Umstände und deren Gewichtung festzuhalten.
Diese Bestimmung entspricht der Rechtsprechung des Bundesgerichts zum alten
Recht, wonach der Richter die Überlegungen, die er bei der Bemessung der Strafe
vorgenommen hat, in den Grundzügen wiedergeben muss, so dass die Strafzumessung
nachvollziehbar ist. Besonders hohe Anforderungen an die Begründung der
Strafzumessung werden unter anderem gestellt, wenn die ausgesprochene Strafe
ungewöhnlich hoch oder auffallend milde ist (BGE 134 IV 17 E. 2.1 S. 20 mit
Hinweisen).

Aus dem angefochtenen respektive erstinstanzlichen Entscheid ergibt sich nicht,
gestützt auf welche Umstände das erkennende Gericht die Strafe bemessen und wie
es die einzelnen Umstände gewichtet hat. Die erste Instanz stuft das
Verschulden des Beschwerdeführers als schwer ein. Dazu verweist sie auf das
Vorleben des Beschwerdeführers, auf einen Betreibungsregisterauszug, sein
aktuelles Bruttoeinkommen, seine Vorstrafenlosigkeit sowie auf seinen getrübten
Leumund. Diese Täterkomponenten wertet sie nicht. Sie berücksichtigt die
Deliktsmehrheit strafschärfend respektive straferhöhend sowie den unvollendeten
Tötungsversuch in Anwendung von Art. 22 Abs. 1 StGB strafmildernd
(angefochtenes Urteil S. 23 f. und erstinstanzlicher Entscheid S. 34 ff.). Die
Vorinstanz ergänzt oder präzisiert die erstinstanzliche Strafzumessung nicht.
Die Tatkomponenten bleiben gänzlich unerwähnt, und eine Subsumtion findet nicht
statt. Die Vorinstanz setzt sich beispielsweise mit dem Ausmass des
verschuldeten Erfolges, der Art und Weise der Tatausführung, der
Willensrichtung und dem Tatmotiv nicht ansatzweise auseinander. Mithin finden
sich im angefochtenen Entscheid keinerlei Erwägungen zu den wesentlichen
schuldrelevanten Komponenten. Aus dem angefochtenen Urteil ergibt sich somit
nicht, wie die Schwere des Verschuldens als zentrales Kriterium bei der
Bemessung der Strafe festgelegt wird. Nicht nachvollziehbar ist weiter, dass
das Verschulden des Beschwerdeführers als schwer eingeschätzt, die Strafe
hingegen im unteren Viertel des Strafrahmens festgesetzt wird. Hier liegt eine
offensichtliche Diskrepanz zwischen dem Strafmass und der Begründung vor. Die
ausgesprochene Freiheitsstrafe ist deshalb nicht plausibel.

Wohl kann das Bundesgericht ein angefochtenes Urteil auch bestätigen, wenn
dieses in Bezug auf die Erwägungen zum Strafmass einzelne Unklarheiten und
Unvollkommenheiten enthält, solange sich die Strafe unter Beachtung aller
relevanten Faktoren offensichtlich im Rahmen des dem Sachgericht zustehenden
Ermessens hält (Urteil 6B_341/2007 vom 17. März 2008 E. 8.4, nicht publ. in:
BGE 134 IV 97). Die vorinstanzliche Strafzumessung weist hingegen nicht blosse
Unklarheiten auf. Damit ist nicht gesagt, die ausgesprochene Strafe sei zu hoch
ausgefallen. Vielmehr sind die Erwägungen der Vorinstanz nicht nachvollziehbar,
und die Freiheitsstrafe von 4 ½ Jahren ist im Ergebnis nicht überprüfbar.

2.4 Die vorinstanzliche Strafzumessung lässt massgebende Gesichtspunkte ausser
Acht und genügt den Begründungsanforderungen nicht. Die Vorinstanz wird die
Strafzumessung unter Berücksichtigung der wesentlichen Strafzumessungsfaktoren
neu vorzunehmen und nachvollziehbar darzulegen haben, weshalb sie eine
bestimmte Strafe ausspricht. Bei der erneuten Strafzumessung wird sie eine
gleiche oder tiefere, aber keine höhere als die bisher ausgesprochene 4
½-jährige Freiheitsstrafe ausfällen dürfen. Nach ständiger Rechtsprechung folgt
aus der Bindung an die Parteibegehren ein Verbot der reformatio in peius nach
bundesgerichtlichen Rückweisungsentscheiden (BGE 135 IV 87 E. 6 S. 96 f. mit
Hinweisen). Für den Fall, dass die Vorinstanz das Strafmass reduziert, hat sie
sich zum anwendbaren Recht zu äussern (E. 2.2.2 hievor).

3.
3.1 Der Beschwerdeführer bringt schliesslich vor, die A.________ zugesprochene
Genugtuung von Fr. 4'000.-- gehe weit über das vernünftige Mass hinaus. Ein
viertägiger Spitalaufenthalt, die komplikationslose Heilung und die
Arbeitsunfähigkeit während 29 Tagen führten nicht zur Zusprechung einer
Genugtuung. Länger dauernde psychische Beeinträchtigungen oder Störungen seien
nicht nachgewiesen. Bei Berücksichtigung unter anderem der leichten
Verletzungen und dem "höchstens mittelschweren und nicht sehr eindrücklichen
Ereignis" komme eine Genugtuung von maximal Fr. 1'000.-- in Frage (Beschwerde
S. 16 f.).

3.2 Die Höhe der Genugtuung wird unter anderem durch das Verschulden des
Schädigers beeinflusst. Nach dem Ausgeführten wird die Vorinstanz das
Verschulden des Beschwerdeführers neu zu beurteilen und die Strafe neu
festzulegen haben. Dies hat zur Folge, dass die Vorinstanz auch über die Höhe
der Genugtuung erneut zu entscheiden hat. Da der obsiegende Beschwerdeführer im
neuen Verfahren keine Verschlechterung seiner Rechtsstellung erfahren darf (E.
2.4 hievor), wird die Vorinstanz die Genugtuungssumme auf höchstens Fr.
4'000.-- nebst Zins festsetzen dürfen. Aus verfahrensökonomischen Gründen ist
die Rüge des Beschwerdeführers betreffend die Genugtuungshöhe dennoch zu
behandeln.

Gemäss Art. 47 OR kann das Gericht bei Körperverletzung der verletzten Person
unter Würdigung der besonderen Umstände eine angemessene Geldsumme als
Genugtuung zusprechen.

Die Bemessung der Genugtuung richtet sich vor allem nach der Art und Schwere
der Verletzung, der Intensität und Dauer der Auswirkungen auf die
Persönlichkeit sowie dem Grad des Verschuldens des Schädigers. Die Genugtuung
bezweckt den Ausgleich für erlittene Unbill, indem das Wohlbefinden anderweitig
gesteigert oder die Beeinträchtigung erträglicher gemacht wird (BGE 132 II 117
E. 2.2.2 S. 119 mit Hinweisen). Die Festlegung der Höhe beruht auf der
Würdigung sämtlicher Umstände und richterlichem Ermessen (Art. 4 ZGB). Das
Bundesgericht überprüft zwar als Rechtsfrage frei, ob das kantonale Gericht
sein Ermessen richtig ausgeübt hat. Es auferlegt sich jedoch nach konstanter
Praxis Zurückhaltung und schreitet nur ein, wenn das Sachgericht grundlos von
den in Lehre und Rechtsprechung anerkannten Bemessungsgrundsätzen abweicht,
oder wenn Tatsachen berücksichtigt worden sind, die für den Entscheid im
Einzelfall keine Rolle spielen oder umgekehrt Umstände ausser Betracht gelassen
worden sind, die in den Entscheid hätten einbezogen werden müssen. Ausserdem
greift das Bundesgericht in Ermessensentscheide ein, wenn sich diese als
offensichtlich unbillig bzw. als in stossender Weise ungerecht erweisen (Urteil
4A_373/2007 vom 8. Januar 2008 E. 3.2 mit Hinweisen, nicht publ. in: BGE 134
III 97).

3.3 Die Vorinstanz erörtert, der Geschädigte habe eine Stichwunde sowie
verschiedene Schnittwunden am Hals, Ohr und Arm erlitten. Er habe während des
Angriffs erhebliche Angst ausgestanden und einige Schmerzen ertragen müssen.
Eine bleibende körperliche Schädigung habe er nicht erlitten. Die
Arbeitsunfähigkeit habe bis am 19. Juni 2005 gedauert, und das Opfer habe sich
während vier Tage im Spital aufhalten müssen. Eine gewisse psychische
Beeinträchtigung während einer beschränkten Zeit erscheine glaubhaft.
Nachvollziehbar sei, dass das Opfer unter posttraumatischen Störungen gelitten
habe. Nicht belegt sei, dass die psychische Integrität des Opfers auch aktuell
noch durch die Tat tangiert sei. Zu berücksichtigen sei, dass der
Beschwerdeführer nicht mit direktem Tötungsvorsatz, sondern lediglich
eventualvorsätzlich gehandelt habe (angefochtenes Urteil S. 26 ff.).

3.4 In der Lehre wird dafür eingetreten, dass Opfer eines Tötungsversuchs,
welche folgenlos verheilende, nicht lebensgefährliche Verletzungen erleiden,
für ihren damit verbundenen Gefühlsschaden Genugtuungsbeträge von Fr. 20'000.--
bis Fr. 40'000.-- zugesprochen erhalten sollten (Beatrice Gurzeler, Beitrag zur
Bemessung der Genugtuung, 2005, S. 344). Der Betrag von Fr. 4'000.-- geht nicht
über den Rahmen des der Vorinstanz bei der Bemessung der Genugtuung zukommenden
Ermessensspielraums hinaus. Dies dürfte selbst für den Fall gelten, dass die
Vorinstanz das Verschulden des Beschwerdeführers als nicht schwer einschätzen
sollte. Der Beschwerdeführer vermag aus den von ihm zitierten
Bundesgerichtsentscheiden, die einen Verkehrs- respektive Flugunfall betreffen,
nichts zu seinen Gunsten abzuleiten. Die Vorinstanz zeigt die wesentlichen
Bemessungsgrundsätze auf und wertet diese in vertretbarer Weise. Sie
berücksichtigt unter anderem zutreffend, dass der Geschädigte, der Opfer eines
versuchten Tötungsdelikts wurde und dem mehrere Stich- respektive Schnittwunden
zugefügt wurden, grosse Angst auszustehen hatte und wegen der Tat an
posttraumatischen Störungen litt.

4.
Die Beschwerde ist gutzuheissen, soweit der Beschwerdeführer die
vorinstanzliche Strafzumessung anficht. Im Übrigen ist sie abzuweisen, soweit
darauf einzutreten ist.

Der Beschwerdeführer und der Beschwerdegegner werden im Umfang ihres
Unterliegens kostenpflichtig (Art. 66 Abs. 1 BGG). Sie ersuchen beide um
unentgeltliche Rechtspflege. Soweit sie obsiegen, werden ihre Gesuche
gegenstandslos. Im Übrigen ist das Gesuch des Beschwerdeführers abzuweisen, da
die Beschwerde von vornherein aussichtslos war (Art. 64 Abs. 1 BGG e
contrario). Das Gesuch des Beschwerdegegners ist weder begründet noch belegt,
weshalb es ebenfalls abzuweisen ist. Die Gerichtskosten sind zur Hälfte dem
Beschwerdeführer und zu einem Viertel dem Beschwerdegegner aufzuerlegen, wobei
den angespannten finanziellen Verhältnissen des Beschwerdeführers mit
reduzierten Gerichtskosten Rechnung zu tragen ist (Art. 65 Abs. 2 BGG). Dem
Kanton Thurgau sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 66 Abs. 4 BGG).

Der Kanton Thurgau und der Beschwerdegegner haben als teilweise unterliegende
Parteien dem Beschwerdeführer eine reduzierte Parteientschädigung von je einem
Viertel der auf Fr. 3'000.-- bestimmten Entschädigung zu bezahlen (Art. 68 Abs.
1 und 2 BGG). Der Beschwerdegegner hat gegenüber dem Beschwerdeführer Anspruch
auf eine reduzierte Parteientschädigung. Diese ist unter Berücksichtigung
seines Aufwandes auf Fr. 200.-- zu bemessen und mit dem Anspruch des
Beschwerdeführers gegen den Beschwerdegegner zu verrechnen.

Mit dem Entscheid in der Sache wird das Gesuch des Beschwerdeführers um
aufschiebende Wirkung gegenstandslos.

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird teilweise gutgeheissen, das Urteil des Obergerichts des
Kantons Thurgau vom 29. September 2009 aufgehoben und die Sache im Sinne der
Erwägungen zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurückgewiesen. Im Übrigen
wird die Beschwerde abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist.

2.
2.1 Das Gesuch des Beschwerdeführers um unentgeltliche Rechtspflege wird
abgewiesen, soweit es nicht gegenstandslos geworden ist.

2.2 Das Gesuch des Beschwerdegegners um unentgeltliche Rechtspflege wird
abgewiesen, soweit es nicht gegenstandslos geworden ist.

3.
Die Gerichtskosten werden im Umfang von Fr. 800.-- dem Beschwerdeführer und im
Umfang von Fr. 1'000.-- dem Beschwerdegegner auferlegt.

4.
4.1 Der Kanton Thurgau hat den Rechtsvertreter des Beschwerdeführers,
Rechtsanwalt Jürg Schlatter, für das bundesgerichtliche Verfahren mit Fr.
750.-- zu entschädigen.

4.2 Der Beschwerdegegner hat den Rechtsvertreter des Beschwerdeführers,
Rechtsanwalt Jürg Schlatter, für das bundesgerichtliche Verfahren mit Fr.
550.-- zu entschädigen.

5.
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Obergericht des Kantons Thurgau
schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 13. April 2010

Im Namen der Strafrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts
Der Präsident: Der Gerichtsschreiber:

Favre Faga