Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

Strafrechtliche Abteilung, Beschwerde in Strafsachen 6B.298/2010
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Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

{T 0/2}
6B_298/2010

Urteil vom 30. November 2010
Strafrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Schneider, präsidierendes Mitglied,
Bundesrichter Wiprächtiger,
Bundesrichterin Jacquemoud-Rossari,
Gerichtsschreiberin Arquint Hill.

Verfahrensbeteiligte
A.________,
handelnd durch B.________, diese vertreten durch Rechtsanwältin
Dr. Melania Lupi Thomann,
Beschwerdeführerin,

gegen

1. Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn, Franziskanerhof, Barfüssergasse
28, 4502 Solothurn,
Beschwerdegegnerin,
2. X.________, vertreten durch Rechtsanwalt Jean-Claude Cattin,
Beschwerdegegner.

Gegenstand
Sexuelle Handlungen mit einem Kind; Willkür,

Beschwerde gegen das Urteil des Obergerichts des Kantons Solothurn,
Strafkammer, vom 8. Januar 2010.

Sachverhalt:

A.
Das Amtsgericht Solothurn-Lebern verurteilte X.________ am 11. Dezember 2007
wegen sexueller Handlungen mit einem Kind zu einer Freiheitsstrafe von drei
Jahren, teilbedingt vollziehbar bei einer Probezeit von zwei Jahren. Den zu
vollziehenden Teil der Freiheitsstrafe legte das Gericht auf sechs Monate fest.
X.________ wurde verpflichtet, dem Opfer A.________ eine Genugtuung von Fr.
10'000.-- nebst Zins zu 5 % ab 1. Februar 2004 zu bezahlen.
X.________ erhob gegen dieses Urteil am 20. Dezember 2007 beim Obergericht des
Kantons Solothurn Appellation. Am 14. Februar 2008 erklärte der
Oberstaatsanwalt des Kantons Solothurn Anschlussappellation.
Das Obergericht des Kantons Solothurn, Strafkammer, sprach X.________ am 8.
Januar 2010 vom Vorwurf der mehrfachen sexuellen Handlungen mit einem Kind
frei. Es sprach ihm zulasten des Staats eine Entschädigung für Nachteile in
Form einer Genugtuung von Fr. 2'000.-- zu.

B.
A.________ führt Beschwerde in Strafsachen und beantragt im Wesentlichen, das
Urteil des Obergerichts sei aufzuheben, X.________ sei wegen sexueller
Handlungen mit einem Kind zu verurteilen und zur Zahlung einer Genugtuungssumme
zu verpflichten. Zudem ersucht sie um unentgeltliche Rechtspflege und
Verbeiständung.

C.
Das Obergericht des Kantons Solothurn beantragt die Abweisung der Beschwerde.
Die Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn verzichtet auf eine Stellungnahme,
allerdings unter dem Hinweis, dass sie die Zielrichtung der Beschwerdeführerin
teile. X.________ (Beschwerdegegner) beantragt, die Beschwerde sei abzuweisen,
soweit darauf einzutreten sei.

Erwägungen:

1.
Dem Beschwerdegegner werden in der Anklageschrift vom 29. Mai 2007 mehrfache
sexuelle Handlungen mit einem Kind, begangen in der Zeit zwischen August 2003
und August 2004, zur Last gelegt. Er soll die am 10. Januar 1997 geborene
Beschwerdeführerin, die Tochter seiner damaligen Partnerin, für welche er in
der fraglichen Zeit das Sorgerecht als Pflegevater innehatte, wiederholt dazu
aufgefordert haben, über ihn zu urinieren. Zudem soll er sie mehrfach an der
nackten Scheide betastet und geleckt haben sowie sich von ihr seinen nackten
Penis lecken lassen haben. Des Weiteren habe er sich in der Dusche von ihr
seinen nackten Penis einseifen lassen. Mindestens einmal habe er versucht, mit
seinem Glied in ihre Scheide einzudringen (vgl. angefochtenes Urteil S. 5).

Die Frage, ob eine Verurteilung des Beschwerdegegners gegen den
Anklagegrundsatz verstösst, bildet nicht Streitgegenstand im vorliegenden
Verfahren vor Bundesgericht. Auf die Ausführungen des Beschwerdegegners in der
Vernehmlassung (act. 16, S. 2 ff.) zu den angeblichen Verletzungen des
Anklagegrundsatzes ist daher hier nicht einzugehen.

2.
2.1 Art. 9 BV gewährleistet den Anspruch darauf, von den staatlichen Organen
ohne Willkür behandelt zu werden. Willkürlich ist ein Entscheid nicht schon,
wenn eine andere Lösung ebenfalls vertretbar erscheint oder gar vorzuziehen
wäre, sondern erst, wenn er offensichtlich unhaltbar ist, zur tatsächlichen
Situation in klarem Widerspruch steht, eine Norm oder einen unumstrittenen
Rechtsgrundsatz krass verletzt oder in stossender Weise dem
Gerechtigkeitsgedanken zuwiderläuft. Willkür liegt nur vor, wenn nicht bloss
die Begründung eines Entscheids, sondern auch das Ergebnis unhaltbar ist (BGE
135 V 2 E. 1.3 S. 4 f. mit Hinweisen).

2.2 Die Prüfung der Glaubhaftigkeit von Aussagen ist primär Sache des Gerichts.
Eine Glaubwürdigkeitsbegutachtung durch eine sachverständige Person drängt sich
nur bei Vorliegen besonderer Umstände auf. Dies ist etwa der Fall, wenn
bruchstückhafte oder schwer interpretierbare Äusserungen eines Kleinkinds zu
beurteilen sind, bei ernsthaften Anzeichen geistiger Störungen, oder wenn
konkrete Anhaltspunkte dafür bestehen, dass der Zeuge unter dem Einfluss von
Drittpersonen steht (BGE 129 IV 179 E. 2.4 S. 184; 128 I 81 E. 2 S. 86; je mit
Hinweisen). Dem Gericht steht bei der Beantwortung der Frage, ob aufgrund der
konkreten Umstände des Einzelfalles der Beizug eines Sachverständigen zur
Glaubwürdigkeitsbegutachtung notwendig ist oder nicht, ein Ermessensspielraum
zu (Urteil des Bundesgerichts 6B_244/2009 vom 21. Juli 2009 E. 3.3). Der
Verzicht auf den gebotenen Beizug einer Expertise zur Beurteilung
schwerwiegender medizinischer oder psychologischer Zweifel an der
Glaubwürdigkeit einer Zeugenaussage kann einen Verstoss gegen das Willkürverbot
darstellen (BGE 118 Ia 28 E. 1c S. 32; Urteil des Bundesgerichts 6P.51/2003 vom
10. September 2003 E. 7.2; je mit Hinweisen).

2.3 Bei der Abklärung des Wahrheitsgehalts von Zeugenaussagen hat sich die
sogenannte Aussageanalyse weitgehend durchgesetzt. Nach dem empirischen
Ausgangspunkt der Aussageanalyse erfordern wahre und falsche Schilderungen
unterschiedliche geistige Leistungen. Überprüft wird dabei in erster Linie die
Hypothese, ob die aussagende Person unter Berücksichtigung der Umstände, der
intellektuellen Leistungsfähigkeit und der Motivlage eine solche Aussage auch
ohne realen Erlebnishintergrund machen könnte. Methodisch wird die Prüfung in
der Weise vorgenommen, dass das im Rahmen eines hypothesengeleiteten Vorgehens
durch Inhaltsanalyse (aussageimmanente Qualitätsmerkmale, sogenannte
Realkennzeichen) und Bewertung der Entstehungsgeschichte der Aussage sowie des
Aussageverhaltens insgesamt gewonnene Ergebnis auf Fehlerquellen überprüft und
die persönliche Kompetenz der aussagenden Person analysiert werden. Bei der
Glaubhaftigkeitsbegutachtung ist immer davon auszugehen, dass die Aussage auch
nicht realitätsbegründet sein kann. Ergibt die Prüfung, dass diese
Unwahrhypothese (Nullhypothese) mit den erhobenen Fakten nicht mehr in
Übereinstimmung stehen kann, so wird sie verworfen. Es gilt dann die
Alternativhypothese, dass die Aussage wahr sei (BGE 133 I 33 E. 4.3 S. 45; 129
I 49 E. 5 S. 58 f.; je mit Hinweisen).

3.
3.1 Der Referent des obergerichtlichen Verfahrens bewilligte am 7. Mai 2009
einen Antrag des Beschwerdegegners auf Einholung eines
Glaubhaftigkeitsgutachtens betreffend die Aussagen der Beschwerdeführerin. Mit
Schreiben vom 7. Juli 2009 teilte die Gutachterin Dr. med. C.________, Leitende
Ärztin am Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Zürich,
mit, sie sei zu jenem Zeitpunkt nicht mehr in der Lage, den Gutachtensauftrag
auszuführen. Vor dem Hintergrund der komplexen Lebensgeschichte der Zeugin, des
jungen Alters im Zeitpunkt der fraglichen Vorfälle sowie der verstrichenen Zeit
zwischen den Aussagen der Zeugin und der Beauftragung zur Erstellung eines
Glaubhaftigkeitsgutachtens sei es nicht mehr möglich, nachträglich allfällige
Suggestionseffekte sicher zu identifizieren bzw. auszuschliessen. Zudem könne
nicht ohne weiteres vom heutigen Gesundheitszustand der Zeugin auf jenen im
Zeitpunkt der Zeugenaussagen geschlossen werden. Somit sei die Aussagekraft
einer Glaubhaftigkeitsbegutachtung sehr begrenzt.

3.2 Die Vorinstanz weist unter Berufung auf diese Einschätzung von Dr. med.
C.________ einen erneuten Antrag des Beschwerdegegners auf Erstellung eines
Glaubhaftigkeitsgutachtens ab und hält fest, es beständen keine Anhaltspunkte
dafür, dass die entsprechenden Feststellungen der Expertin falsch seien
(angefochtenes Urteil S. 2 f.).

3.3 Die Vorinstanz führt aus, dass allein aus der Ablehnung einer
Glaubhaftigkeitsbegutachtung durch die Sachverständige nicht auf einen
Freispruch geschlossen werden könne. Vielmehr sei zu prüfen, ob gestützt auf
die Aussagen der Beschwerdeführerin - allenfalls zusammen mit weiteren
Beweismitteln - ein Schuldspruch zulässig sei (angefochtenes Urteil S. 28). Sie
kommt aufgrund ihrer Beweiswürdigung zum Schluss, dass die Aussagen des Opfers
inhaltliche Mängel aufweisen würden und ein bedeutendes Suggestionspotenzial
vorhanden sei. Daher könnten die belastenden Angaben auch nicht
realitätsbegründet sein. Die Vorinstanz erwägt, es seien zahlreiche Hinweise
auf das Fehlen einer Erlebnisgrundlage mit dem Beschwerdegegner vorhanden. Sie
könne daher einen Schuldspruch nicht allein auf das Beweismittel der
Opferaussagen stützen. Diese Einschätzung decke sich mit den Ausführungen im
Schreiben von Dr. med. C.________ vom 7. Juli 2009. Die Vorinstanz betont, es
werde nicht ausgeführt, dass die Beschwerdeführerin die Unwahrheit gesagt habe
oder von jemandem bewusst beeinflusst worden sei. Vielmehr könne ein
suggestiver Einfluss nicht ausgeschlossen werden. Da weder die Möglichkeit der
Schilderung eines realen sexuellen Missbrauchs noch jene anderer Ursachen für
die entsprechenden Aussagen der Zeugin ausgeschlossen werden könnten, würden
sowohl das Primat der Nullhypothese als auch der Grundsatz "in dubio pro reo"
gebieten, dass von der Variante der fehlenden Erlebnisbasis (mit dem
Beschwerdegegner als Täter) ausgegangen werden müsse. Eine Verurteilung des
Beschwerdegegners sei gestützt auf die Aussagen der Beschwerdeführerin - unter
Berücksichtigung ihrer Vorgeschichte, der Entstehungsgeschichte ihrer Aussagen,
ihrer problematischen Lebenssituation einschliesslich des Verlusts des
Beschwerdegegners als Pflegevater sowie der zahlreichen Möglichkeiten einer
suggestiven Beeinflussung - ausgeschlossen. Es seien keine weiteren
Beweismittel vorhanden, auf welche sich die Anklage stützen könnte. Die
Aussagen von Drittpersonen würden lediglich die Angaben der Beschwerdeführerin
wiedergeben. Direkte Wahrnehmungen, die auf einen sexuellen Missbrauch
hindeuten könnten, habe niemand gemacht. Mit Ausnahme der Mutter der
Beschwerdeführerin, deren Angaben anlässlich der zweiten Befragung von einer
klaren Belastungstendenz geprägt gewesen seien, würden die Menschen, die
jahrelang mit dem Beschwerdegegner zusammengelebt hätten, diesem eine solche
Tat nicht zutrauen. Die rechtzeitige Einholung eines Glaubhaftigkeitsgutachtens
betreffend die Beschwerdeführerin wäre angezeigt gewesen. Ohne ein solches sei
es unter den gegebenen Umständen nicht möglich, die Nullhypothese zu verwerfen.
Der Beschwerdegegner sei nach dem Grundsatz "in dubio pro reo" freizusprechen
(angefochtenes Urteil S. 46).

3.4 In ihren Erwägungen hinsichtlich der ersten Befragung der
Beschwerdeführerin vom 17. Juni 2005 führt die Vorinstanz jedoch bezüglich
deren Glaubwürdigkeit unter anderem aus, dass die Schilderung betreffend das
"Abisle" auf der Toilette starke Realkennzeichen aufweise. Die Szene sei von
dieser detailliert geschildert worden und dermassen ungewöhnlich, dass es sich
um ein Indiz für etwas real Erlebtes handle. Auch der von der
Beschwerdeführerin zitierte Ausdruck "das Schnäbi wie Glace in den Mund nehmen"
deute auf einen realen Erlebnishintergrund hin. Als weiteres Realkennzeichen
sei die teilweise räumlich-zeitliche Verknüpfung der Schilderungen der
Erlebnisse zu werten. Im Übrigen bleibe die Beschwerdeführerin bei den
Schilderungen der sexuellen Handlungen jedoch an der Oberfläche und liefere
trotz hartnäckigen Nachfragens diesbezüglich keinerlei Details (angefochtenes
Urteil S. 39 f.).
Auch hinsichtlich der zweiten Befragung der Beschwerdeführerin vom 10. März
2006, die von Frau Dr. med. D.________, Oberärztin Kinderschutz am Inselspital
Bern, durchgeführt wurde, erwägt die Vorinstanz unter anderem, es seien
Aussagen mit starken Realkennzeichen vorhanden. Die Beschwerdeführerin habe
geschildert, was sie empfunden habe, als der Beschwerdegegner gemäss ihrer
Darstellung ihre Scheide geleckt habe. Sie habe vorgeführt, in welchen
Stellungen dies geschehen sei, und angegeben, dass jeweils die Vorhänge gezogen
worden seien. Auffallend präzis habe sie mit Worten und Gesten die Szenen
beschrieben, die sich auf der Toilette abgespielt hätten. Ein weiteres
Realkennzeichen sei die Konstanz gewisser Kernaussagen, beispielsweise dass sie
den Penis in den Mund genommen habe wie eine Glace, der Beschwerdegegner ihre
Scheide geleckt habe sowie sie auf der Toilette auf diesem gesessen sei und
über ihn "bislet" habe, wobei ihre Gesichter nahe und gegeneinander gerichtet
gewesen seien. Im Übrigen sei es auch bei der zweiten Befragung hinsichtlich
der sexuellen Handlungen bei der Nennung weniger, immer gleicher Wörter ohne
Details und - trotz Nachfragens - ohne Schilderung von Gefühlen und
Aussergewöhnlichem geblieben (angefochtenes Urteil S. 43).
Zusammenfassend hält die Vorinstanz unter anderem fest, einige konstante
Kernaussagen würden für die Glaubhaftigkeit der Aussagen der Beschwerdeführerin
sprechen (angefochtenes Urteil S. 45).

3.5 Die Beschwerdeführerin macht unter anderem geltend, die Vorinstanz prüfe in
widersprüchlicher Weise einerseits ihre Aussagen selbst, komme aber
andererseits zum Schluss, es sei nicht möglich, die Nullhypothese ohne
Glaubhaftigkeitsgutachten zu verwerfen. Die Vorinstanz hätte auf eine
Glaubhaftigkeitsbegutachtung nicht verzichten dürfen. Dies sei auch der Fall,
wenn die mit der Erstellung eines solchen Gutachtens beauftragte Expertin den
Auftrag zurückweise. Die Tatsache, dass zwischen der Videobefragung und dem
Zeitpunkt, in dem das Gutachten hätte erstellt werden sollen, ein grosser
Zeitraum liege, spreche nicht grundsätzlich gegen die Durchführbarkeit einer
Glaubhaftigkeitsbegutachtung (Beschwerde S. 7 f.). Sinngemäss rügt die
Beschwerdeführerin, die Vorinstanz sei in Willkür verfallen, indem sie auf die
Einholung eines Glaubhaftigkeitsgutachtens verzichtet habe.

4.
4.1 Die Vorinstanz ordnete zunächst die Einholung eines
Glaubhaftigkeitsgutachtens betreffend die Beschwerdeführerin an. Nachdem sich
die Gutachterin unter anderem aufgrund "möglicher Suggestionseffekte" nicht in
der Lage sah, ein Gutachten zu erstellen, verzichtete die Vorinstanz auf die
Einholung eines Glaubhaftigkeitsgutachtens und sprach den Beschwerdegegner "in
dubio pro reo" frei. Soweit die Vorinstanz dies mit dem Hinweis auf allfällige
Suggestionseffekte begründet, verkennt sie, dass sich nach der Rechtsprechung
die Einholung eines Glaubhaftigkeitsgutachtens gerade aufdrängt, wenn die
Zeugin unter dem Einfluss von Drittpersonen gestanden haben könnte (vgl. oben
E. 2.2).

4.2 Es ist nicht ersichtlich, weshalb die Erstellung einer Expertise
hinsichtlich der Glaubhaftigkeit der Angaben der Beschwerdeführerin namentlich
gestützt auf die Videobefragungen des Opfers vom 17. Juni 2005 und 10. März
2006 unter Einschluss der korrelierenden Wortprotokolle (kantonale Akten, S. 11
ff., S. 33 ff.) nicht möglich sein soll. Insbesondere kann diesbezüglich die
verstrichene Zeit zwischen den Videobefragungen und dem Gutachtensauftrag nicht
von ausschlaggebender Bedeutung sein. Strafgerichte können eine
aussagepsychologische Begutachtung nicht selbst durchführen (vgl. BGE 128 I 81
E. 3d S. 91). Es erscheint als unhaltbar, wenn die Vorinstanz sich in der Lage
sieht, die Angaben der Beschwerdeführerin detailliert auf ihre Glaubhaftigkeit
hin zu analysieren, aber auf die Einholung eines diesbezüglichen Gutachtens
verzichtet, da ein solches gemäss den Angaben der Expertin bzw. aufgrund der
konkreten Umstände nicht erstellt werden könne.

4.3 Die Aussagen der Beschwerdeführerin anlässlich der Videobefragungen vom 17.
Juni 2005 und 10. März 2006 sind entgegen der Auffassung des Beschwerdegegners
verwertbar (vgl. Vernehmlassung des Beschwerdegegners, S.10) und damit auch
unter diesem Gesichtspunkt einer Glaubhaftigkeitsbegutachtung zugänglich. Zwar
wurden der Beschwerdegegner und sein Anwalt über die erste Videobefragung der
Beschwerdeführerin vom 17. Juni 2005 nicht informiert und sie konnten daran
nicht teilnehmen (vgl. Vernehmlassung, S. 10). Die Beschwerdeführerin wurde
jedoch ein zweites Mal, d.h. am 10. März 2006, ebenfalls unter Zuhilfenahme
einer Videoaufzeichnung, befragt (vgl. hierzu Art. 10c Abs. 3 OHG). Der
damalige Anwalt wohnte der Befragung in einem Nebenraum bei und konnte
Ergänzungsfragen stellen. Er informierte vorgängig, dass der ebenfalls
vorgeladene Beschwerdegegner nicht teilnehmen werde (kantonale Akten, S. 106,
201). Damit wurde dem Anspruch des Beschuldigten nachgelebt, mindestens einmal
während des Verfahrens bei der Einvernahme der ihn belastenden Person anwesend
zu sein und Fragen stellen zu können (BGE 133 I 33 E. 3.1 S. 41; 132 I 127 E. 2
S. 129). Unter dem Gesichtswinkel der Verteidigungsrechte des Beschwerdegegners
steht der Verwertbarkeit beider Einvernahmen angesichts den im Kern konstanten
Aussagen der Beschwerdeführerin (insbesondere betreffend das Duschen und
Waschen, das "Abisle" auf dem WC, das "Schnäbi" wie Glace in den Mund nehmen
müssen, den Versuch mit dem Glied in sie einzudringen, das Abschlecken der
Scheide etc.) nichts entgegen.

4.4 Die Vorinstanz sah unter den gegebenen Umständen in willkürlicher Weise
bzw. in Überschreitung ihres Ermessens von der Einholung eines
Glaubhaftigkeitsgutachtens ab. Die Beschwerde ist in diesem Punkt gutzuheissen.

5.
Bei diesem Ergebnis ist auf die weiteren Anträge und Rügen der
Beschwerdeführerin nicht einzutreten.

6.
Damit ist die Beschwerde gutzuheissen, soweit darauf einzutreten ist. Das
Urteil des Obergerichts des Kantons Solothurn, Strafkammer, vom 8. Januar 2010
ist aufzuheben und die Sache zur Einholung eines Glaubhaftigkeitsgutachtens
betreffend die Aussagen der Beschwerdeführerin und zur neuen Entscheidung an
die Vorinstanz zurückzuweisen.

Das Gesuch der Beschwerdeführerin um unentgeltliche Rechtspflege und
Verbeiständung ist gutzuheissen. Die Voraussetzungen gemäss Art. 64 Abs. 1 und
2 BGG (Nicht-Aussichtslosigkeit der Rechtsbegehren und Mittellosigkeit der
Beschwerdeführerin) sind gegeben.
Der Beschwerdegegner wird als unterliegende Partei kostenpflichtig (Art. 66
Abs. 1 BGG). Er stellt ein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und
Verbeiständung. Dieses ist ebenfalls gutzuheissen, da seine Bedürftigkeit
ausgewiesen ist (Art. 64 Abs. 1 und Abs. 2 BGG; vgl. erstinstanzliches Urteil,
S. 21). Sein Standpunkt kann nicht als aussichtslos bezeichnet werden, da er
sich der Auffassung der Vorinstanz anschliesst.

Dem Kanton Solothurn sind keine Kosten zu überbinden (Art. 66 Abs. 4 BGG).

Der Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin ist eine Parteientschädigung
zuzusprechen, welche der Beschwerdegegner und der Kanton Solothurn je hälftig
zu tragen haben. Bei Uneinbringlichkeit ist die Rechtsvertreterin der
Beschwerdeführerin zufolge Bewilligung des Gesuchs um unentgeltliche
Rechtspflege und Verbeiständung aus der Bundesgerichtskasse zu entschädigen.

Der Rechtsvertreter des Beschwerdegegners ist zufolge unentgeltlicher
Rechtspflege angemessen aus der Bundesgerichtskasse zu entschädigen.

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit darauf einzutreten ist, das Urteil des
Obergerichts des Kantons Solothurn, Strafkammer, vom 8. Januar 2010 aufgehoben
und die Sache im Sinne der Erwägungen an das Obergericht zurückgewiesen.

2.
2.1 Das Gesuch der Beschwerdeführerin um unentgeltliche Rechtspflege und
Verbeiständung wird gutgeheissen. Für das bundesgerichtliche Verfahren wird ihr
Rechtsanwältin Melania Lupi Thomann als unentgeltliche Anwältin beigegeben.

2.2 Das Gesuch des Beschwerdegegners um unentgeltliche Rechtspflege und
Verbeiständung wird gutgeheissen. Für das bundesgerichtliche Verfahren wird ihm
Rechtsanwalt Jean-Claude Cattin als unentgeltlichen Anwalt beigegeben.

3.
Es werden keine Gerichtskosten erhoben.

4.
Der Beschwerdegegner und der Kanton Solothurn haben der Rechtsvertreterin der
Beschwerdeführerin für das bundesgerichtliche Verfahren je eine
Parteientschädigung von Fr. 1'500.-- zu bezahlen. Bei Uneinbringlichkeit wird
die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin zufolge Gutheissung des Gesuchs um
unentgeltliche Rechtspflege aus der Bundesgerichtskasse entschädigt.

5.
Dem Vertreter des Beschwerdegegners, Rechtsanwalt Jean-Claude Cattin, wird aus
der Bundesgerichtskasse eine Entschädigung von Fr. 3'000.-- ausgerichtet.

6.
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Obergericht des Kantons Solothurn,
Strafkammer, schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 30. November 2010

Im Namen der Strafrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts
Das präsidierende Mitglied: Die Gerichtsschreiberin:

Schneider Arquint Hill