Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

Strafrechtliche Abteilung, Beschwerde in Strafsachen 6B.436/2010
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Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

{T 0/2}
6B_436/2010

Urteil vom 6. Dezember 2010
Strafrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Favre, Präsident,
Bundesrichter Wiprächtiger,
Bundesrichterin Jacquemoud-Rossari,
Gerichtsschreiber Briw.

Verfahrensbeteiligte
X.________, vertreten durch Rechtsanwalt Rudolf Kunz,
Beschwerdeführer,

gegen

1. Staatsanwaltschaft des Kantons Graubünden, Sennhofstrasse 17, 7001 Chur,
2. A.________,
3. B.________,
beide vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Martin Suenderhauf,
Beschwerdegegnerinnen.

Gegenstand
Mehrfache Schändung (Art. 191 StGB), sexuelle Belästigung (Art. 198 StGB);
Anklagegrundsatz,

Beschwerde gegen das Urteil des Kantonsgerichts von Graubünden, I. Strafkammer,
vom 4. November 2009.

Sachverhalt:

A.
Die Staatsanwaltschaft Graubünden warf dem Physiotherapeuten X.________
mehrfache Schändung vor. Dieser bestritt die Vorwürfe.

B.________ (Jahrgang 1987) habe sich während eines Trainings am 28. Mai 2006
wegen Knieschmerzen an ihn gewandt. In der Folge habe er ihr im Behandlungsraum
den Oberschenkel massiert und einen Ultraschall an ihrem Knie durchgeführt. Für
die Massage habe sie sich "mit Oberteil und Unterhose bekleidet rücklings auf
ein Behandlungsbett legen" müssen. Bei der Massage habe er mehrmals ihre
Scheide berührt, und einmal habe sie "nicht recht [gewusst], ob er gar in die
Scheide eingedrungen war".

A.________ (Jahrgang 1988) seien vom Arzt im Zusammenhang mit einem
Ermüdungsbruch an der Wade Entstauungsbehandlungen verschrieben worden.
X.________ habe sie im Juni und Juli 2006 mehrmals behandelt. Dabei habe sie
"jeweils mit Oberteil, Socken und Unterhose bekleidet auf dem Rücken oder auf
dem Bauch auf dem Behandlungsbett liegen" müssen. Bei den letzten Behandlungen
sei es dazu gekommen, dass er beim Massieren des Beines mit den Händen "immer
weiter in Richtung Schambereich reinrutschte". Am 6. Juli 2006 habe er sie
neben oder über dem Schambereich massiert und mit dem Mittelfinger über der
Unterhose die Scheide berührt. Am 10. Juli 2006 habe er ihr die Klitoris
massiert und sei mit der Spitze des Mittelfingers in die Scheide eingedrungen.

B.
Das Bezirksgericht Plessur bestrafte X.________ am 6. Februar 2009 wegen
mehrfacher Schändung (Ziff. 1 des Dispositivs) mit einer Geldstrafe von 360
Tagessätzen zu Fr. 110.-- (Ziff. 2), wobei es den Vollzug bei einer Probezeit
von zwei Jahren aufschob (Ziff. 3). Es hiess die Adhäsionsklagen der zwei
Geschädigten gut, merkte vor, dass es sich dabei um Teilklagen handelte und
weitere Schadenersatzklagen der beiden Geschädigten vorbehalten blieben, und
hielt fest, dass er für sämtliche Folgekosten der Straftaten vollumfänglich
ersatzpflichtig sei (Ziff. 4 lit. a - c).

Das Kantonsgericht von Graubünden hob am 4. November 2009 auf Berufung von
X.________ Ziff. 1 des bezirksgerichtlichen Dispositivs auf. Es erkannte ihn
der mehrfachen Schändung sowie der sexuellen Belästigung schuldig und setzte
die Kosten des Berufungsverfahrens fest.

C.
X.________ erhebt Beschwerde in Strafsachen und beantragt, das
kantonsgerichtliche Urteil aufzuheben, ihn von der Anklage betreffend
B.________ freizusprechen, die Sache bezüglich A.________ an die Vorinstanz zur
Neubeurteilung zurückzuweisen, und zwar mit der Anweisung an die
Staatsanwaltschaft, die Anklageschrift im Sinne der Erwägungen zu präzisieren,
eventuell ihn aber von der Anklage der Schändung freizusprechen, ferner
festzustellen, dass die Vorinstanz "über die Adhäsionsklagen im Dispositiv
nicht entschieden hat", weshalb die Sache auch im Zivilpunkt zur Neubeurteilung
zurückzuweisen sei, eventuell aber die Adhäsionsklagen abzuweisen, soweit
darauf eingetreten werden könne.

D.
In der Vernehmlassung beantragt das Kantonsgericht die Abweisung der
Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei, und verzichtet auf Gegenbemerkungen.
Die Staatsanwaltschaft verzichtet auf Stellungnahme. Die Geschädigten
beantragen mit ausführlicher Begründung, die Beschwerde abzuweisen. In seiner
Stellungnahme dazu bestreitet X.________ ein Vertrauensverhältnis. Weder
Staatsanwaltschaft noch Vorinstanz hätten eine Widerstandsunfähigkeit damit
begründet. Die Staatsanwaltschaft sei davon ausgegangen, dass eine normal auf
dem Massagetisch liegende Person weder in Bauch- noch in Rückenlage Sicht auf
die Handlungen des Therapeuten habe. Die Vorinstanz habe sich dieser Auffassung
angeschlossen.

Erwägungen:

1.
Der Beschwerdeführer bestreitet, irgendwelche sexuellen Handlungen an den
beiden Adhäsionsklägerinnen vorgenommen zu haben. Er ficht das angefochtene
Urteil wegen falscher Anwendung von Art. 191 StGB, Verletzung des
Anklagegrundsatzes und offensichtlich unrichtiger Feststellung des Sachverhalts
an.

2.
2.1 Der Beschwerdeführer geht gestützt auf bundesgerichtliche (BGE 126 I 19 E.
2a; 120 IV 348 E. 2c und 3c) und kantonale Rechtsprechung (PKG 1996 Nr. 34;
1992 Nr. 58) zu den Anforderungen an die Anklageschrift davon aus, dass für den
Straftatbestand der Schändung diejenigen Sachverhaltselemente, welche die
Widerstandsunfähigkeit und die sexuelle Handlung begründen, in der
Anklageschrift darzulegen sind. Ein blosses Erkennen-können der massgeblichen
Sachverhaltselemente genüge nicht (mit Hinweis auf BGE 116 Ia 202 E. 2a).

In der Anklageschrift werde aber eine Widerstandsunfähigkeit nicht einmal
behauptet. Bei B.________ werde ausgeführt, dass sie "mit Oberteil und
Unterhose bekleidet rücklings" auf dem Behandlungstisch gelegen sei. Für eine
Widerstandsunfähigkeit verbleibe nur diese Rückenlage. Für A.________ werde
ausgeführt, dass sie "auf dem Rücken oder auf dem Bauch" auf dem
Behandlungstisch gelegen habe, nicht aber in welcher Lage sie sich bei den
jeweiligen Übergriffen befunden habe. Die Anklageschrift äussere sich auch
nicht zum Sicht- und Blickfeld der Frauen bei den Behandlungen. Das genüge
nicht. Grund für die unpräzise und ungenaue Anklageschrift sei die Überzeugung
der Staatsanwaltschaft gewesen, auf die konkrete Lage der Frauen nicht eingehen
zu müssen, weil sie in Bauch- wie in Rückenlage keine Einsicht in ihren
Genitalbereich gehabt hätten.

Das Kantonsgericht habe die Rüge einer Verletzung des Anklagegrundsatzes als
verspätet zurückgewiesen, weil dafür die Beschwerde gemäss Art. 139 StPO/GR zur
Verfügung gestanden hätte. Es habe diese Frage bisher offen gelassen (PKG 1996
Nr. 34). Der Anklagegrundsatz habe Verfassungsrang und sei als
Prozessvoraussetzung von Amtes wegen zu prüfen. Eine Verletzung müsse in jedem
Verfahrensstadium gerügt werden können.

2.2 Die Vorinstanz führt aus, gemäss Art. 98 Abs. 2 lit. b StPO/GR müsse die
Anklageschrift die Darstellung und die rechtliche Qualifikation des
Sachverhalts enthalten. Genüge die Anklage diesen Anforderungen nicht, könne
der Betroffene diese gemäss Art. 139 StPO/GR innert 20 Tagen seit Kenntnisnahme
beim Kantonsgericht anfechten. Werde aber vor der Erstinstanz die
Anklageschrift gerügt, beurteile das Kantonsgericht im Berufungsverfahren eine
substanziierte Rüge (PKG 1996 Nr. 34). Der Beschwerdeführer mache erstmals in
der Berufungsschrift geltend, die Anklageschrift sei unklar und verletze damit
den Anklagegrundsatz. Die Rüge sei verspätet. Er vermöge im Übrigen keine
Mangelhaftigkeit der Anklage darzutun (angefochtenes Urteil S. 13). Der
Verteidiger habe sich eingehend mit der Lage der Frauen auseinander gesetzt.
Soweit in der Anklageschrift von Rücken- "oder" Bauchlage gesprochen werde
(vgl. oben Bst. A), sei klar, dass die Betroffene "sowohl eine Zeit lang auf
dem Rücken als auch eine Zeit lang auf dem Bauch" habe liegen müssen. Das
ergebe sich auch eindeutig aus ihren Aussagen. Die Staatsanwaltschaft habe in
beiden Lagen die Widerstandsunfähigkeit als erfüllt erachtet. Dies habe der
Verteidiger erkannt. Allerdings sei der Sachverhalt "in äusserst gedrängter
Form" dargestellt worden. Die Anklageschrift genüge aber den Anforderungen
(angefochtenes Urteil S. 15).

2.3 Die Vorinstanz weist die Vorbringen demnach mit einer Doppelbegründung ab.
Der Beschwerdeführer rügt richtigerweise beide Begründungen (vgl. BGE 133 IV
119). Eine willkürliche Auslegung des kantonalen Rechts ist nicht ersichtlich,
kann aber letztlich offen bleiben, da eine Verletzung des Anklagegrundsatzes
nicht vorliegt. Gemäss Art. 98 Abs. 2 lit. b StPO/GR enthält die Anklageschrift
"die Darstellung und die rechtliche Qualifikation des Sachverhaltes". Das
Bundesgericht prüft das kantonale Recht unter dem Gesichtspunkt der Willkür
(Art. 9 BV), wobei die Anklageschrift den geltend gemachten konventions- und
verfassungsrechtlichen Mindestanforderungen genügen muss (Art. 6 Ziff. 3 lit. a
EMRK; Art. 29 Abs. 2 BV). Der Beschwerdeführer legt nicht dar, dass das Bündner
Recht weitergehendere Anforderungen stellen würde.

Die Anklage bestimmt den Prozessgegenstand. Sie hat die dem Angeklagten zur
Last gelegten Straftaten in ihrem Sachverhalt so präzise zu umschreiben, dass
die Vorwürfe genügend konkretisiert sind. Dieses Anklageprinzip gewährleistet
zugleich die Verteidigungsrechte und das Gehörsrecht des Angeklagten. Das
Gericht ist an den in der Anklage wiedergegebenen Sachverhalt gebunden, nicht
aber an dessen rechtliche Würdigung durch die Anklagebehörde (BGE 126 I 19 E.
2a). Für den Vorsatz kann der Hinweis auf den gesetzlichen Tatbestand genügen,
wenn der Tatbestand nur vorsätzlich erfüllbar ist (BGE 120 IV 348 E. 3c S. 356;
103 Ia 6 E. 1d). Erhöhte Anforderungen können sich etwa bei Unterlassungs- und
Fahrlässigkeitstaten stellen (BGE 116 Ia 202, 455). Das ist hier nicht der
Fall.

Das Bundesgericht führte zu den Anforderungen des Bündner Strafprozesses gemäss
Art. 98 Abs. 2 lit. b StPO/GR aus, der Angeklagte müsse aus der Anklageschrift
ersehen, wessen er angeklagt ist und wie sein Verhalten strafrechtlich
qualifiziert wird. Das bedinge eine zureichende Umschreibung der Tat, so dass
er sich in seiner Verteidigung richtig vorbereiten könne und nicht der Gefahr
von Überraschungen ausgesetzt sei. Die Anklageschrift könne sich auf das
Notwendigste beschränken. Der Beweis des dargestellten Sachverhalts sei in der
Beweisverhandlung zu führen (BGE 103 Ia 6 E. 1b und d).

2.4 Diesen Anforderungen genügt die Anklageschrift. Dem Beschwerdeführer geht
es um eine detailliertere Darstellung der jeweiligen Lage der Frauen, da er
davon ausgeht, dass bei Rückenlage des Opfers Schändung durch einen Therapeuten
nicht begangen werden könne (unten E. 3.1). Zudem vertritt er die Ansicht, bei
mehreren sexuellen Handlungen sei jede einzeln zu würdigen, denn niemand könne
überraschend geschändet werden, der vorher sexuell belästigt worden ist. Die
Anklageschrift geht dagegen eindeutig davon aus, dass Schändung in Rücken- wie
in Bauchlage des Opfers möglich ist, und wirft dem Beschwerdeführer Schändung
in diesen beiden Tatvarianten vor (oben Bst. A). Damit sind die Vorwürfe
genügend konkretisiert. Das Anklageprinzip ist nicht verletzt.

3.
3.1 Der Beschwerdeführer bringt vor, das Bundesgericht habe in seiner
Rechtsprechung zur Schändung deutlich gemacht, dass es für die Beurteilung der
Widerstandsunfähigkeit in Fällen der vorliegenden Art "massgeblich ist, in
welcher Lage auf dem Massagetisch sich das Opfer befunden hat" (mit Verweisung
auf Urteil 6B_453/2007 vom 19. Februar 2008 E. 3.4.3). In verschiedenen
Urteilen habe es deshalb entschieden, dass bei einer Frau in Rückenlage bei
uneingeschränktem Blickfeld auf die Handlungen des Täters keine Schändung
vorliegen könne (Urteile 6B_453/2007 E. 3.4.3 und 6B_206/2009 vom 21. Juli
2009). Es habe nur bei Bauchlage und eingeschränktem Gesichtsfeld auf Schändung
erkannt und ausschliesslich in jenen Fällen Schändung angenommen, in denen das
Opfer den Täter nicht gesehen hat, so dass es vom Übergriff derart überrascht
werden konnte, dass eine totale Widerstandsunfähigkeit anzunehmen war. Es habe
dies bejaht bei Kopftieflage der Patientin beim Gynäkologen (BGE 103 IV 165),
wenn die Patientin nackt und in Bauchlage auf dem Massagetisch lag (BGE 133 IV
49; Urteil 6B_527/2008 vom 2. Dezember 2008) sowie ohne Kopftieflage, wenn die
Patientin keinen Einblick in die Handlungen des Arztes hatte (Urteil 6S.448/
2004 vom 3. Oktober 2005), jedoch verneint, wenn die Patientin nackt auf dem
Rücken lag (Urteile 6B_453/2007 und 6B_206/2009). Etwas aus dem Rahmen falle
das Urteil 6B_527/2008, wo aber Schändung durch einen Heilpraktiker an einer
Patientin in Rückenlage wegen eines Vertrauensverhältnisses angenommen worden
sei.

Die Vorinstanz habe die wesentlichen Merkmale, nämlich das Tragen von
Unterhosen und die Rückenlage nicht berücksichtigt und damit Bundesrecht
verletzt (Beschwerde S. 18 f.). B.________ sei während der ganzen Behandlung in
Rückenlage auf dem Massagetisch gelegen und habe deshalb ein uneingeschränktes
Blickfeld auf seine Handlungen gehabt. Deshalb müsse der Tatbestand der
Schändung entfallen (Beschwerde S. 33).

Hinsichtlich A.________ sei die Anklageschrift mangelhaft, weil sich ihr nicht
entnehmen lasse, in welcher Lage sie auf dem Massagetisch gelegen habe, so dass
sich die vorgeworfenen "sexuellen Handlungen nicht der körperlichen Lage
zuordnen" liessen. Es sei unklar, ob sie sich in Bauch- oder in Rückenlage
befunden habe, als er sie an ihrer Scheide berührt haben solle. Sollte sich
aber die Anklageschrift als genügend erweisen, so entfalle der
Schändungsvorwurf für alle in Rückenlage am 6. und 10. Juli 2006 begangenen
Handlungen. Auch bei den sexuellen Handlungen in Bauchlage vom 6. Juli 2006
scheide Schändung aus, weil A.________ die Handlungen als medizinisch indiziert
betrachtet habe, was nicht ausreiche, um Widerstandsunfähigkeit zu begründen.
Soweit er sie in Rückenlage über und neben dem Schambereich massiert habe, sei
er freizusprechen, weil die Vorinstanz diese Handlungen als medizinische
indiziert angesehen habe (Beschwerde S. 33).

3.2 Die Vorinstanz stimmt der bundesgerichtlichen Rechtsprechung zu, dass ein
Opfer in Bauchlage "einen sexuellen Übergriff nicht sehen kann". Sollte aber
nach dieser Rechtsprechung auch davon auszugehen sein, "dass eine Person, die
auf dem Rücken liegt, grundsätzlich keine eingeschränkte Sicht hat und daher
einen sexuellen Übergriff sehen kann", könnte sie sich dieser Auffassung in
dieser absoluten Form nicht anschliessen. Dass eine "flach" auf dem
Massagetisch liegende Person grundsätzlich keinen Einblick in ihren
Genitalbereich habe, sei gerichtsnotorisch. Diese Person könne einen sexuellen
Übergriff nicht sehen, sondern nur fühlen. Unter diesen Umständen könne das
Opfer den Übergriff erst feststellen, wenn er bereits begonnen habe, weshalb
eine Widerstandsunfähigkeit im Sinne von Art. 191 StGB gegeben sei. Es komme
also ganz zentral auf die Lage von Kopf und Oberkörper an (angefochtenes Urteil
S. 28).

Die Vorinstanz stellt fest, B.________ sei ausgestreckt auf dem Massagetisch
gewesen. Sie habe nicht gesehen, sondern lediglich gespürt, wo seine Hände und
seine Finger sie berührt hätten. Handlungen nahe dem Schambein seien
medizinisch indiziert gewesen. Die Berührungen der Scheide seien aber
überraschend gewesen. Damit habe sie nicht rechnen müssen (angefochtenes Urteil
S. 28 - 34).

Weiter sei klar, in welcher Lage sich A.________ jeweils befunden habe, nämlich
wann in Bauch- und wann in Rückenlage. In Bauchlage habe sie keinen Blick auf
die Hand auf der Innenseite ihres Beines gehabt, und bei flacher (oder
höchstens leicht angehobener) Rückenlage habe sie nicht sehen können, was der
Beschwerdeführer konkret gemacht habe. Schändungen, die in Bauch- oder
Rückenlage vollendet seien, würden weder iterativ noch sukzessiv begangen,
weshalb keine Handlungseinheit anzunehmen sei (Urteil 6B_206/2009 E. 3.4.2).
Weil sie die Handlungen beim Übergriff am 6. Juli 2006 nicht gesehen und
Vertrauen in den Mannschaftsphysiotherapeuten gehabt habe, sei die Berührung
der Scheide überraschend erfolgt. Hingegen stelle sich die Frage, ob sie beim
gravierendsten Übergriff am 10. Juli 2006 noch habe überrascht werden können.
Das Bundesgericht sei aber im Urteil 6S.448/2004 ohne weiteres davon
ausgegangen, dass ein Frauenarzt an zwei kurz aufeinander folgenden Tagen
gegenüber derselben Frau jeweils eine Schändung begehen könne. Hier sei die
Situation vergleichbar. Am 6. Juli 2006 sei A.________ noch unsicher gewesen,
ob die Berührungen zur Behandlung gehört hätten. Auch sei die Behandlung nahe
am Schambereich bei einer Lymphdrainage noch medizinisch indiziert gewesen. Der
erste Übergriff am 10. Juli 2006 (Massage der Klitoris) sei überraschend
erfolgt. Als sie sich anschliessend auf den Bauch gedreht habe, habe er ihren
Oberschenkel wie am 6. Juli 2006 massiert und sei dann mit der Fingerspitze in
ihre Scheide eingedrungen. Dieser zweite Übergriff sei nicht mehr dermassen
überraschend erfolgt, dass sie sich nicht rechtzeitig hätte zur Wehr setzen
können, weshalb bezüglich dieses zweiten Vorfalls der Tatbestand der Schändung
(entgegen der Erstinstanz) nicht erfüllt sei (angefochtenes Urteil S. 34 - 41).
Bezüglich dieses zweiten Vorfalls sei sexuelle Belästigung anzunehmen
(angefochtenes Urteil S. 41 ff.).

3.3 Zusammengefasst findet die Vorinstanz den Beschwerdeführer hinsichtlich des
sexuellen Übergriffs auf B.________ "einer Schändung" schuldig (natürliche
Handlungseinheit; vgl. BGE 133 IV 256 E. 4.5.3; 133 IV 83 E. 2.4.5). Den
Übergriff am 6. Juli 2006 und den ersten Übergriff vom 10. Juli 2006 gegenüber
A.________ qualifiziert sie ebenfalls jeweils als Schändung, den zweiten
Übergriff vom 10. Juli 2006 hingegen als sexuelle Belästigung (angefochtenes
Urteil S. 44).

4.
Eine offensichtlich unrichtige, d.h. willkürliche, Feststellung des
Sachverhalts ist nicht ersichtlich. Auf diese Vorbringen ist nicht weiter
einzutreten. Insbesondere belegt der Beschwerdeführer nicht, dass die Annahme
der Vorinstanz, B.________ sei "weitgehend flach" auf dem Behandlungstisch
gelegen, aktenwidrig oder schlechterdings unhaltbar ist. Dafür liegen keine
Anhaltspunkte vor. Auch die Vorbringen hinsichtlich A.________ übergehen
einerseits die Tatsache, dass die Vorinstanz die Schuldsprüche eindeutig
konkretisiert hat (oben E. 3.3 und unten E. 5.1) und es auf das nicht
Beschwerdegegenstand bildende erstinstanzliche Urteil nicht ankommt.
Andererseits beruhen sie auf einer dem Beschwerdeführer eigenen Auslegung des
Tatbestandsmerkmals der Widerstandsunfähigkeit des Schändungstatbestands. Das
ist eine nachfolgend zu prüfende Rechtsfrage.

5.
Wegen Schändung wird gemäss Art. 191 StGB insbesondere bestraft, wer eine zum
Widerstand unfähige Person in Kenntnis ihres Zustandes zu einer sexuellen
Handlung missbraucht.

5.1 Offenkundig handelt es sich bei den vorgeworfenen um "eindeutig
sexualbezogene" Handlungen (BGE 125 IV 58 E. 3b; Berührung der Scheide am 28.
Mai und 6. Juli 2006; Massage der Klitoris am 10. Juli 2006; Eindringen mit der
Fingerspitze in die Scheide am 10. Juli 2006). Die als medizinisch indiziert
beurteilten Massagen "nahe am Schambereich" bezieht die Vorinstanz ausdrücklich
nicht in ihre Schuldsprüche ein. Insoweit ist die Beschwerde unbegründet. Es
ist deshalb auch die im Urteil 6S.448/2004 E. 1.2.4 offen gelassene Frage nicht
zu prüfen, ob die irrtümliche Annahme, eine Behandlung sei medizinisch
indiziert, Widerstandsunfähigkeit begründen kann.

5.2 Nach konstanter Rechtsprechung gilt als widerstandsunfähig, wer nicht im
Stande ist, sich gegen ungewollte sexuelle Kontakte zu wehren. Art. 191 StGB
schützt Personen, die einen zur Abwehr ausreichenden Willen zum Widerstand
gegen sexuelle Übergriffe nicht oder nicht sinnvoll bilden, äussern oder
betätigen können. Dabei genügt, dass das Opfer vorübergehend zum Widerstand
unfähig ist. Die Gründe für die Widerstandsunfähigkeit können dauernder oder
vorübergehender, chronischer oder situationsbedingter Natur sein. Erforderlich
ist, dass die Widerstandsfähigkeit gänzlich aufgehoben ist (ausführlich BGE 133
IV 49 E. 7.2; auf diesen Grundsatzentscheid stützen sich auch die vom
Beschwerdeführer angerufenen Urteile 6B_206/2009 E. 3.1, 6B_527/2008 E. 3.1 und
6B_453/2007 E. 3.1). Demnach ist entscheidend, dass die vorgeworfene Berührung
eine sexuelle Handlung ist und das Opfer diese Berührung aus den genannten
Gründen nicht von vornherein verhindern kann (Urteil 6S.448/2004 E. 1.2.3).

5.3 Der Beschwerdeführer berücksichtigt in seiner Analyse der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung diese massgeblichen Kriterien nicht. So
kommt er zu seinem Ergebnis, dass die körperliche Lage des Opfers (alleine)
entscheidet, ob der Tatbestand Anwendung findet oder nicht, und folgert, dass
vorgängige sexuelle Belästigung durch den Therapeuten oder Rückenlage des
Opfers als solche Schändung grundsätzlich auszuschliessen vermöchten. Das
trifft die Sache nicht.

Wie erwähnt, gilt als widerstandsunfähig im Sinne von Art. 191 StGB, wer nicht
im Stande ist, sich gegen ungewollte sexuelle Kontakte zu wehren. Dabei kann
die körperliche Lage des Opfers eine Rolle spielen. Therapeuten vermögen aber
ohne weiteres zwischen einer medizinischen Massage und einer Intimmassage zu
unterscheiden. Eine ungewollte Berührung der Geschlechtsteile ist bei
fachgerechter Massage praktisch weitgehend auszuschliessen. Kommt es zu einer
ungewollten Berührung, wird ein Therapeut die Behandlung unterbrechen, den
Patienten aufklären und mit diesem das weitere Vorgehen besprechen müssen
(Fortsetzung oder Abbruch der Massage). Der Patient seinerseits kann auf eine
fachgerechte Massage vertrauen und muss nicht mit Übergriffen rechnen (BGE 133
IV 49 E. 5.3 und 7.4). Er kann und soll sich entspannen können, selbst wenn er
an Beinen oder am Unterleib behandelt wird. Weiter ist Patienten zuzugestehen,
dass sie nicht leicht einschätzen können, wie "nahe" am Intimbereich Massagen
noch medizinisch indiziert sind.

Die beiden Frauen liessen sich an den Beinen aufgrund einer medizinischen
Indikation vom Beschwerdeführer behandeln. Dieser war der Physiotherapeut der
Sportgruppe, zu der sie gehörten. Es fällt bereits auf, dass sie bis auf das
Bikini entkleidet auf dem Massagetisch liegen mussten. Bei fachgerechter
Massage werden Körperregionen, die nicht aktuell behandelt werden, in der Regel
abgedeckt. Die beiden Frauen mussten aber nicht mit Übergriffen rechnen. Sie
waren bloss unsicher, "wie weit" die Massage indiziert war. Dass sie die
Massage fortsetzen liessen, vermag den Beschwerdeführer nicht zu entlasten (BGE
133 IV 49 E. 7.4). Die Berührung ihrer Geschlechtsteile aber überraschte sie.
Als sie diese Berührung realisierten, war der Tatbestand von Art. 191 StGB
bereits vollendet (BGE 133 IV 49 E. 7.3 und 7.4). Es handelte sich um eine
situationsbedingte Widerstandsunfähigkeit. Zutreffend nimmt die Vorinstanz
hingegen unter den festgestellten Umständen an, nach dem ersten massiven
Übergriff am 10. Juli 2006 (Massage der Klitoris) sei der anschliessende zweite
Übergriff (Eindringen mit der Fingerspitze in die Scheide) nicht mehr dermassen
überraschend erfolgt, dass Widerstandsunfähigkeit angenommen werden könnte. Das
war keine "übliche" Massage mehr (Urteil 6B_206/2009 E. 3.4.4). Dass diese
Patientin beim ersten Übergriff am 10. Juli 2006 in Rückenlage und beim
anschliessenden zweiten in Bauchlage war, erweist sich somit nicht als
entscheidend. Diese beiden Übergriffe beurteilt die Vorinstanz überdies
zutreffend nicht als eine natürliche Handlungseinheit. Die Vorinstanz verletzt
kein Bundesrecht.

6.
Der Beschwerdeführer rügt, er habe bei der Vorinstanz formell das Begehren
gestellt, das erstinstanzliche Urteil im Zivilpunkt aufzuheben und die
Adhäsionsklagen vollumfänglich abzuweisen. Diesen Antrag habe die Vorinstanz
"materiell beurteilt, aber nicht in das Dispositiv aufgenommen".

Die Vorinstanz hält fest, der Beschwerdeführer begründe seinen Antrag mit einer
fehlenden Widerrechtlichkeit mangels Tatbestandserfüllung. Da jedoch die
Widerrechtlichkeit erstellt und die weitere Begründung verspätet seien, sei auf
die Berufung nicht weiter einzugehen. Sie sei mithin abzuweisen (angefochtenes
Urteil S. 51, E. 12).

Die Vorinstanz erkennt im Dispositiv lediglich, die Berufung werde "dahin
entschieden, dass Ziff. 1 des Dispositivs des angefochten Urteils aufgehoben
wird". Es folgen (neuer) Schuld- und Kostenspruch. Sie nimmt die Abweisung der
Zivilbegehren nicht formell in das Dispositiv auf. Aus Begründung und
Dispositiv ergibt sich indessen eindeutig, dass einzig der Schuldspruch neu
gefasst wird und es beim erstinstanzlichen Urteil im Zivilpunkt bleibt. Die
Vorinstanz nimmt im Übrigen auch ihre Entscheidung im Strafpunkt nicht in ihr
Dispositiv auf. In der diesbezüglichen Begründung kommt sie zum Ergebnis, dass
das bezirksgerichtliche Urteil "in dieser Hinsicht zu bestätigten" sei
(angefochtenes Urteil S. 51, lit. f.). Die Form des Dispositivs wird
grundsätzlich durch das kantonale Prozessrecht bestimmt. Eine Norm, die
verletzt sein sollte, nennt der Beschwerdeführer nicht (Art. 106 Abs. 2 BGG).
Da mit Ziff. 4a des bestätigten erstinstanzlichen Urteilsdispositivs ein
eindeutig formulierter Rechtsöffnungstitel vorliegt (vgl. angefochtenes Urteil
S. 5), ist auch insoweit eine Verletzung von Bundesrecht nicht ersichtlich.

Bei diesem Ergebnis ist auf die nicht weiter substanziierten Vorbringen im
Zusammenhang mit einer Gutheissung der Beschwerde nicht mehr einzutreten.

7.
Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist. Die Kosten sind
dem unterliegenden Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 66 Abs. 1 BGG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist.

2.
Die Gerichtskosten von Fr. 4'000.-- werden dem Beschwerdeführer auferlegt.

3.
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Kantonsgericht von Graubünden, I.
Strafkammer, schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 6. Dezember 2010

Im Namen der Strafrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts
Der Präsident: Der Gerichtsschreiber:

Favre Briw