Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

Strafrechtliche Abteilung, Beschwerde in Strafsachen 6B.744/2010
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Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

{T 0/2}
6B_744/2010

Urteil vom 12. Mai 2011
Strafrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Mathys, Präsident,
Bundesrichter Schneider, Wiprächtiger,
Bundesrichterin Jacquemoud-Rossari,
Bundesrichter Denys,
Gerichtsschreiberin Koch.

Verfahrensbeteiligte
Generalstaatsanwaltschaft des Kantons Bern, Maulbeerstrasse 10, 3011 Bern,
Beschwerdeführerin,

gegen

X.________, vertreten durch Fürsprecher Rolf G. Rätz,
Beschwerdegegner.

Gegenstand
Pornografie (Art. 197 Ziff. 3bis StGB),

Beschwerde gegen das Urteil des Obergerichts des Kantons Bern, 1. Strafkammer,
vom 22. April 2010.
Sachverhalt:

A.
Anlässlich eines Ermittlungsverfahrens wurden bei X.________ diverse alte
Videofilme, Fotos und Hefte sowie vierzig elektronische Dateien im temporären
Internetspeicher gefunden, welche unter anderem sexuelle Handlungen mit Tieren
zeigen.

B.
Das Kreisgericht III Aarberg-Büren-Erlach verurteilte X.________ am 19.
November 2009 wegen Pornographie zu einer bedingten Geldstrafe von 10
Tagessätzen zu Fr. 140.-- und zu einer Busse von Fr. 350.--. Das Obergericht
des Kantons Bern sprach ihn im Berufungsverfahren vom Vorwurf der Pornographie
in Bezug auf die im temporären Internetspeicher befindlichen Dateien frei. Es
bestrafte ihn mit einer bedingten Geldstrafe von 5 Tagessätzen zu Fr. 130.--
und einer Busse von Fr. 260.--.

C.
Gegen dieses Urteil erhebt der Generalprokurator des Kantons Bern Beschwerde in
Strafsachen. Er beantragt, das Urteil des Obergerichts des Kantons Bern vom 22.
April 2010 sei aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz
zurückzuweisen.

D.
X.________ beantragt, die Beschwerde sei vollumfänglich abzuweisen. Das
Obergericht des Kantons Bern verzichtete auf eine Vernehmlassung.
Erwägungen:

1.
1.1 Die Beschwerdeführerin rügt, die Vorinstanz verletze Bundesrecht, indem sie
den Beschwerdegegner in Bezug auf die im temporären Internetspeicher
befindlichen Dateien zu Unrecht nicht wegen Besitzes harter Pornographie gemäss
Art. 197 Ziff. 3bis StGB verurteile. Ziel dieser Strafbestimmung sei es, die
Herstellung solcher Produkte einzudämmen, welche durch den Konsum gesteigert
werde. Alle elektronischen Daten und Formen der Speicherung würden von Art. 197
Ziff. 3bis StGB erfasst. Besuchte Webseiten würden im temporären
Internetspeicher automatisch auf der Festplatte zwischengespeichert, was bei
einem erneuten Aufrufen der Webseite dazu führe, dass diese schneller geladen
werde. Mittels gängiger und kostenloser Software (Cache-Viewer oder
Cache-Reader) könne auch ohne Internetverbindung, d.h. im Offline-Modus, auf
die gespeicherten Internetseiten zugegriffen werden. Der nach Art. 197 Ziff.
3bis StGB strafbare Besitz harter Pornographie umfasse Herrschaftsmöglichkeit
und Herrschaftswillen. Zwar nehme der durchschnittliche Internetbenutzer keinen
Einfluss auf die Zwischenspeicherung im Cache, weshalb dies noch nicht als
Besitz zu qualifizierende Sachherrschaft sei. Wer aber über einen längeren
Zeitraum mehrfach gezielt Webseiten mit hartem pornographischem Inhalt
aufsuche, beschränke sich nicht auf das blosse Betrachten. Durch den
wiederholten Zugriff zeige er seinen Herrschaftswillen. Obwohl die
Zwischenspeicherung automatisch geschehe, habe es der Benutzer in der Hand,
diese zu deaktivieren oder den temporären Internetspeicher zu löschen. Es müsse
heute als allgemein bekannt gelten, dass besuchte Internetseiten im Cache
zwischengespeichert würden.
Ein Beschaffen von Daten im Sinne von Art. 197 Ziff. 3bis StGB liege schon vor,
wenn ein Täter über ein Passwort einen dauernden und unbeschränkten Zugang zu
einer Webseite mit harter Pornographie erhalte und über diese Daten frei
verfügen könne. Dasselbe müsse für die Tatbestandsvariante des Besitzes gelten.
Dieser sei gegeben, wenn der Zugriff auf gespeicherte Dateien mit illegalem
pornographischem Inhalt jederzeit möglich sei, z.B. durch den temporären
Internetspeicher. Nur so könne die vom Gesetzgeber angestrebte lückenlose
Strafbarkeit im Umgang mit harter Pornographie erreicht werden. Der
Beschwerdegegner gebe zu, die fraglichen Internetseiten über mehrere Jahre
hinweg gezielt aufgesucht zu haben. Dadurch habe er sich nicht bloss auf das
Betrachten der Erzeugnisse beschränkt, sondern zu erkennen gegeben, dass er
wieder darauf zurückgreifen wolle. Er sei deshalb in Bezug auf die
vorgefundenen vierzig temporären Internetdateien, welche sexuelle Handlungen
mit Tieren zum Inhalt hätten, wegen Besitzes harter Pornographie nach Art. 197
Ziff. 3bis StGB zu verurteilen.

1.2 Die Vorinstanz erwägt, eine Verurteilung wegen Herstellens von Pornographie
nach Art. 197 Ziff. 3 StGB falle ausser Betracht, weil kein gezieltes
Herunterladen stattgefunden habe. Diese Tatbestandsvariante sei auch nicht
angeklagt. Beim Beschwerdegegner seien illegale Erzeugnisse pornographischen
Inhalts ausschliesslich im Cache-Speicher gefunden worden. Hinsichtlich dieser
Daten fehle es am Besitz, sofern der Beschwerdegegner die Löschung der Daten
nicht durch spezielle Einstellungen verhindert habe. Der Nachweis besonderer
besitzbegründender Handlungen sei nicht erbracht worden. Deshalb könne offen
bleiben, welche Kenntnisse der Beschwerdegegner hinsichtlich der automatischen
Zwischenspeicherung gehabt habe. Mangels Erfüllung des objektiven Tatbestandes
sei der Beschwerdegegner vom Vorwurf des Besitzes harter Pornographie gemäss
Art. 197 Ziff. 3bis StGB freizusprechen.

2.
2.1 Nach Art. 197 StGB macht sich strafbar, wer pornographische Schriften, Ton-
oder Bildaufnahmen, Abbildungen, andere Gegenstände solcher Art oder
pornographische Vorführungen einer Person unter 16 Jahren anbietet, zeigt,
überlässt, zugänglich macht oder durch Radio oder Fernsehen verbreitet (Ziff.
1). Wer Gegenstände oder Vorführungen im Sinne von Ziffer 1, die sexuelle
Handlungen mit Kindern oder mit Tieren, menschlichen Ausscheidungen oder
Gewalttätigkeiten zum Inhalt haben, herstellt, einführt, lagert, in Verkehr
bringt, anpreist, ausstellt, anbietet, zeigt, überlässt oder zugänglich macht,
wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft (Ziff.
3). Mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe wird bestraft,
wer Gegenstände oder Vorführungen im Sinne von Ziffer 1, die sexuelle
Handlungen mit Kindern oder Tieren oder sexuelle Handlungen mit
Gewalttätigkeiten zum Inhalt haben, erwirbt, sich über elektronische Mittel
oder sonstwie beschafft oder besitzt (Ziff. 3bis).

2.2 Die Herstellung elektronischer Dateien pornographischen Inhalts nach Art.
197 Ziff. 3 StGB ist vom blossen Besitz nach Art. 197 Ziff. 3bis StGB sowie vom
straflosen Konsum abzugrenzen. Ein gezieltes Herunterladen pornographischer
Dateien aus dem Internet auf den eigenen Computer oder einen anderen
Datenträger (sogenannter "download") gilt nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung als Herstellen im Sinne von Art. 197 Ziff. 3 StGB, da mit dem
Kopiervorgang eine weitere, identische Datei entsteht. Vorausgesetzt wird dabei
eine bewusste Beschaffungshandlung, indem der Täter einen entsprechenden Befehl
in den Computer eingibt, um den Kopiervorgang zu starten (vgl. BGE 131 IV 16 E.
1.4 und 1.5 S. 21 ff. mit Hinweisen). Diese Rechtsprechung wurde bestätigt im
Urteil 6B_289/2009 vom 16. September 2009, in welchem sich das Bundesgericht
mit der in der Lehre erwachsenen Kritik zum Herstellen auseinandersetzte. Im
Gegensatz zum bewussten Download fällt das automatische Speichern verbotener
pornographischer Informationen im Cache, welches ohne Zutun des
Internetbenutzers beim Betrachten von Webseiten erfolgt, nicht unter den
Tatbestand des Herstellens nach Art. 197 Ziff. 3 StGB. Es unterscheidet sich in
subjektiver Hinsicht vom bewussten Herstellen. Auch wenn im Cache-Speicher eine
identische Kopie des auf dem Internet vorhandenen Abbilds auf der Festplatte
angelegt wird, handelt es sich nicht um einen Produktionsvorgang, auf welchen
der Täter wissentlich und willentlich einwirkt (vgl. BGE 131 IV 16 E. 1.4 und
1.5 S. 21 f. mit Hinweisen).

2.3 In seiner bisherigen nicht publizierten Praxis verneinte das Bundesgericht
grundsätzlich den Besitz des durchschnittlichen Internetbenutzers an Daten im
temporären Internetspeicher (vgl. Urteile 6B_289/2009 vom 16. September 2009 E.
1.4.5; 6S.254/2006 vom 23. November 2006 E. 3.3). Den Usern komme zwar faktisch
die Herrschaftsmacht über die Cache-Daten ihrer Computer zu, da sie darauf auch
ohne Internetverbindung zurückgreifen könnten. Viele würden aber auf die
Entstehung, Speicherdauer sowie Löschung der Cache-Dateien keinen Einfluss
nehmen und diese im Offline-Modus nicht nutzen. Deshalb fehle es ihnen am
Herrschaftswillen, unabhängig davon, ob sie um die technische Funktionsweise
des Cache-Speichers Bescheid wüssten. Hingegen liege strafbarer Besitz nach
Art. 197 Ziff. 3bis StGB vor, wenn ein Internetbenutzer den temporären
Cache-Speicher so einstelle ("fait de sorte que"), dass die Daten mindestens
für eine gewisse Zeit nicht gelöscht würden und es ihm möglich sei, ohne
Internetverbindung darauf zuzugreifen (Urteil 6S.254/2006, a.a.O., E. 3.3 mit
Hinweisen).

3.
3.1 Die bisherige Rechtsprechung und Literatur zeigen, dass die Abgrenzung
zwischen straflosem Konsum und strafbarem Besitz harter Pornographie
insbesondere bei elektronisch gespeicherten Daten Schwierigkeiten bereitet.
Anhand des vorliegenden Falls ist zu prüfen, ob an der Rechtsprechung, dass das
Vorhandensein verbotener pornographischer Daten im Cache-Speicher grundsätzlich
keinen strafrechtlich relevanten Besitz darstellt, festgehalten werden kann.

3.2 Der Gesetzgeber wollte die Medien, über welche pornographische
Darstellungen verbreitet werden, vollständig erfassen, weshalb sich die
Strafbarkeit auch auf Daten in elektronischer Form sowie neue
Speicherungsformen erstreckt (Botschaft vom 10. Mai 2000 über die Änderung des
Schweizerischen Strafgesetzbuches und des Militärstrafgesetzes betreffend
strafbare Handlungen gegen die sexuelle Integrität, die Verjährung bei
Sexualdelikten an Kindern und das Verbot des Besitzes harter Pornographie BBl
2000 2943 ff. Ziff. 2.2.1 am Ende). Der blosse Konsum harter Pornographie soll
nach Auffassung des Bundesrats nicht strafbar sein, weil dadurch allein kein
Herrschaftsverhältnis bezüglich des Tatobjekts aufrecht erhalten werde. Im
Internetbereich liege strafrechtlich relevanter Besitz vor, wenn der Benutzer
pornographische Darstellungen auf eigene Datenträger, z.B. seine Festplatte,
herunterlade und sie in seinen Herrschaftsbereich aufnehme. Er gebe damit zu
erkennen, dass er gegebenenfalls wieder auf diese Bilder zurückgreifen wolle.
Nehme hingegen der Browser in temporären Dateien (d.h. im Cache) eine
Zwischenspeicherung vor, so stelle das Vorhandensein solcher temporärer
Dateien, auf deren Entstehung viele Internetbenutzer keinen Einfluss nehmen
könnten, noch keine als Besitz zu qualifizierende Sachherrschaft dar
(Botschaft, a.a.O., Ziff. 2.2.4.3).

3.3 Gewisse Autoren lehnen, teilweise unter Hinweis auf die Botschaft des
Bundesrates, einen strafrechtlich relevanten Besitz am Inhalt des
Cache-Speichers ab. Das Aufrufen einer Webseite sei straflos (so etwa JOSÉ
HURTADO POZO, Droit Pénal, Partie spéciale, 2009, § 107 N 3234 ff.; ANDREAS
DONATSCH, Strafrecht III, 9. Aufl. 2008, S. 514; STEFAN TRECHSEL/CARLO
BERTOSSA, in: Schweizerisches Strafgesetzbuch Praxiskommentar, 2008, N 16 zu
Art. 197 StGB; KASPAR MENG/MATTHIAS SCHWAIBOLD, in: Basler Kommentar Strafrecht
II, 2. Aufl. 2007, N 57 zu Art. 197 StGB; CHRISTIAN FAVRE/MARC PELLET/PATRICK
STOUDMANN, Code Pénal, 3. Aufl. 2007, Ziff. 3.7 zu Art. 197 StGB; MARIO BRANDA,
Pornografia infantile e internet: aspetti di responsabilità penale e elementi
processuali, in: Rivista Ticinese di Diritto I-2005, S. 512). Andere gehen
davon aus, dass derjenige, der seinen Cache-Speicher mit verbotenen
pornographischen Daten nicht lösche bzw. den Browser nicht entsprechend
einstelle, sich einer möglichen Strafbarkeit aussetze (MARCO BUNDI, Der
Straftatbestand der Pornographie in der Schweiz, 2008, N 318). Nach TIRELLI
kann das Wissen um die Funktionsweise des Cache zu strafbarem Besitz von
Pornographie führen (LUDOVIC-ADRIEN TIRELLI, La répression pénale des
consommateurs de pédopornographie à l'heure de l'Internet, 2008, S. 381).
KOLLER vertritt die Auffassung, dass der geübte Internetbenutzer, welcher um
die Funktionsweise des Cache wisse, Herrschaftsmacht sowie -willen an den dort
gespeicherten Daten und damit strafbaren Besitz erlange (DANIEL KOLLER,
Cybersex, 2007, S. 298). WIPRÄCHTIGER bejaht den strafbaren Besitz an den Daten
im Cache, sofern jemand mit einer gewissen Regelmässigkeit verbotene
Pornographie im Internet konsumiere. Denn der Erhalt der Cache-Dateien für
einen gewissen Zeitraum entspreche den Standardeinstellungen, ohne dass der
Benutzer daran etwas ändern müsste ("faire de sorte que"), wie im Urteil 6S.254
/2006 (E. 3.3 und 3.4) suggeriert werde (HANS WIPRÄCHTIGER, Das geltende
Sexualstrafrecht - eine kritische Standortbestimmung, in: ZStrR 125 2007, S.
312 f. Fn 102). CASSANI/WERLY erachten die in der Botschaft des Bundesrates
vorgenommene Unterscheidung zwischen dem Computernutzer, der die Bilder
herunterlädt, und dem blossen Betrachter für unbefriedigend, da auch im zweiten
Fall eine automatische Kopie im Cache erstellt werde (URSULA CASSANI/STÉPHANE
WERLY, Pornographie dure et représentations de la violence: deux nouvelles
incriminations, in: media Lex 4/01 S. 191 f.).

4.
4.1 Der Begriff des Besitzes an elektronischen Daten unterteilt sich in
objektive und subjektive Komponenten. Er orientiert sich am strafrechtlichen
Gewahrsamsbegriff. In objektiver Hinsicht wird tatsächliche Sachherrschaft
vorausgesetzt (vgl. Botschaft a.a.O. Ziff. 2.2.4.2; ULRICH WEDER, in: StGB
Kommentar Orell Füssli, 18. Aufl. 2010, N 23 zu Art. 197 StGB; JOSÉ HURTADO
POZO, a.a.O., § 107 N 3233; ANDREAS DONATSCH, a.a.O., S. 514; LUDOVIC-ADRIEN
TIRELLI, a.a.O., Ziff. 649 ff. und Ziff. 654 ff.; MARCO BUNDI, Der
Straftatbestand der Pornographie in der Schweiz, 2008, N 304 ff.; DANIEL
KOLLER, Cybersex, 2007, S. 286 ff.; KASPAR MENG/MATTHIAS SCHWAIBOLD, in: Basler
Kommentar Strafrecht II, 2. Aufl. 2007, N 56 zu Art. 197 StGB; CHRISTIAN FAVRE/
MARC PELLET/PATRICK STOUDMANN, a.a.O., Ziff. 3.7 zu Art. 197 StGB; GEORGES FREY
/ESTHER OMLIN, "Genesis" - Pornographie & Internet, in: AJP/PJA 11/2003; S.
1381). Hingegen ist eine Beschaffungshandlung nicht erforderlich. Strafbar
macht sich auch derjenige, welcher zunächst unvorsätzlich in den Besitz von
unerlaubtem pornographischem Material gelangt ist und dieses nach Kenntnisnahme
seines Inhalts weiter aufbewahrt (BGE 131 IV 64 E. 11.4 S. 76 f. mit Hinweisen;
vgl. auch GÜNTHER STRATENWERTH/WOLFANG WOHLERS, Schweizerisches Strafgesetzbuch
Handkommentar, 2. Aufl. 2009, N 11 zu Art. 197 StGB; ULRICH WEDER, a.a.O., N.
25 zu Art. 197 StGB). Die Herrschaftsmöglichkeit an Daten kommt demjenigen zu,
welcher diese auf seinem eigenen Computer oder andern Datenträgern (externe
Festplatte, DVD, CD, Diskette, Memory Stick u.a.) gespeichert hat. Er kann wie
ein Besitzer eines physischen Gegenstandes darüber verfügen, sie verändern,
löschen, kopieren, usw. Aber auch bei verbotenen pornographischen Darstellungen
auf einem fremden Web-Server kann Sachherrschaft vorliegen, etwa wenn auf eine
passwortgeschützte Internetseite mit vertraglich garantiertem Inhalt
zugegriffen wird (vgl. Botschaft, a.a.O.; Urteil 6S.254/2006, a.a.O., E. 3.4).
In subjektiver Hinsicht bedarf es des Herrschaftswillens (vgl. Botschaft
a.a.O.; LUDOVIC-ADRIEN TIRELLI, a.a.O.; MARCO BUNDI, a.a.O.; DANIEL KOLLER,
a.a.O; ULRICH WEDER, a.a.O.; KASPAR MENG/MATTHIAS SCHWAIBOLD, a.a.O.).
Hinsichtlich der Speicherung mittels technischer Geräte wird erwartet, der
Täter habe Kenntnis um die Funktionsweise und den Inhalt der Speicherung
(GEORGES FREY/ESTHER OMLIN, a.a.O. zum Zwischenspeicher). Denn wer eine Sache
beherrschen will, weiss um ihre Existenz.
4.2
4.2.1 Hinsichtlich der Daten im Cache-Speicher verfügt der Computer-/
Internetbenutzer aus objektiver Sicht über die Herrschaftsmacht, da ihm auf der
Festplatte eine Kopie der im Internet besuchten Seiten zur Verfügung steht. Er
hat die Möglichkeit, mittels geeigneter Programme ohne Internetverbindung auf
deren Inhalt zuzugreifen und damit nach Belieben zu verfahren. Die
Cache-Dateien bleiben für eine gewisse Zeitdauer gespeichert, bis sie
automatisch überschrieben oder manuell gelöscht werden. Die begrenzte zeitliche
Sachherrschaft spricht nicht gegen Besitz (vgl. Urteil 6S.254/2006, E. 3.3;
HANS WIPRÄCHTIGER, a.a.O.). Zudem können die Daten selbst nach dem
Überschreiben oder Löschen mittels handelsüblicher Software in vielen Fällen
wiederhergestellt werden (vgl. DOMINIC RYSER, "Computer Forensics", eine neue
Herausforderung für das Strafprozessrecht, in: Internet-Recht und Strafrecht,
4. Tagungsband 2004, 1. Aufl. 2005, S. 567 und S. 581 f.). Insoweit ist die
Auffassung, wonach die Vergänglichkeit der Cache-Dateien gegen Besitz spreche
(Botschaft, a.a.O. Ziff. 2.2.1.3 betreffend "temporäre" Dateien), jedenfalls
bei Benutzern, die über entsprechende Kenntnis verfügen (vgl. dazu
nachfolgend), nach dem heutigen Stand der Technik zu relativieren.
4.2.2 Ist der objektive Tatbestand erfüllt, muss der subjektive geprüft werden.
Bestimmt es das Gesetz nicht ausdrücklich anders, so ist nur strafbar, wer ein
Verbrechen oder Vergehen vorsätzlich begeht (Art. 12 Abs. 1 StGB). Vorsätzlich
begeht ein Verbrechen oder Vergehen, wer die Tat mit Wissen und Willen
ausführt. Vorsätzlich handelt bereits, wer die Verwirklichung der Tat für
möglich hält und in Kauf nimmt (Art. 12 Abs. 2 StGB). Bei der Bejahung des
subjektiven Tatbestandes des Besitzes von pornographischen Dateien im
Cache-Speicher ist Zurückhaltung geboten. Ein ungeübter Computer-/
Internetbenutzer, der von der Existenz des Cache-Speichers und den darin
enthaltenen Daten nichts weiss, fällt als Täter nach Art. 197 Ziff. 3bis StGB
ausser Betracht. Ob er von den Daten Kenntnis hat, ist nach den konkreten
Umständen im Einzelfall zu entscheiden. Hinweise darauf können sich
beispielsweise aus der Änderung der automatischen Internet-Einstellungen, dem
Vorhandensein von Programmen wie Cache-Viewer bzw. Cache-Reader, der manuellen
Löschung des Cache-Speichers, dem Nachweis eines Offline-Zugriffs oder aus
seinen allgemeinen Fachkenntnissen im Zusammenhang mit Computern und Internet
ergeben.
Wer hingegen um die automatische Speicherung der strafbaren pornographischen
Daten weiss und diese im Nachgang an eine Internetsitzung nicht löscht,
manifestiert dadurch seinen Besitzwillen, selbst wenn er darauf nicht mehr
zugreift. Er ist genauso strafwürdig wie der Täter, der ein entsprechendes
physisches Dokument aufbewahrt, welches ihm unwillentlich zugekommen ist (vgl.
BGE 131 IV 64 E. 11.4 S. 76 f. mit Hinweisen). Das bewusste Belassen von
verbotenen pornographischen Daten im Cache fällt somit unter den Tatbestand des
Besitzens nach Art. 197 Ziff. 3bis StGB. Insoweit kann an der bisherigen
unpublizierten Rechtsprechung, welche den Besitz an Daten im Cache-Speicher
ungeachtet der objektiven und subjektiven Komponenten des Besitzes
grundsätzlich verneinte (Urteil 6S.254/2006, a.a.O.), nicht festgehalten
werden.

5.
Im vorinstanzlichen Urteil fehlen hinreichende Sachverhaltsfeststellungen, um
die korrekte Anwendung von Bundesrecht zu überprüfen. So ist dem angefochtenen
Entscheid nicht zu entnehmen, welche Webseiten der Beschwerdegegner besucht
hatte und ob diese kostenpflichtig waren bzw. nur Abonnenten zur Verfügung
standen. Nicht ersichtlich ist auch, ob er die automatischen Einstellungen des
Cache-Speichers oder ähnlicher Instrumente (Cookies, usw.) geändert hatte, ob
er spezielle Software (wie Cache-Viewer oder Cache-Reader) installiert hatte
und ob er damit auf die fraglichen Daten ohne Verbindung zum Internet erneut
zugegriffen hatte. Über solche Anhaltspunkte, welche Indizien für einen
strafbaren Besitz im Sinne von Art. 197 Ziff. 3bis StGB bilden, kann eine
ausführliche computertechnische Auswertung der beschlagnahmten Festplatten
Auskunft geben. Die aktenkundige rudimentäre Auswertung genügt diesen
Anforderungen nicht. Zudem sind auch Informationen zu den Computerkenntnissen
des Beschwerdegegners (z.B. Internetschulungen, etc.) unerlässlich. Im
angefochtenen Entscheid wurde offen gelassen, ob der Beschwerdegegner
hinsichtlich des Cache-Inhalts Bescheid wusste und wie er weiter mit diesem
verfahren wollte. Diese Umstände sind anhand objektiver Gegebenheiten zu
prüfen. Eine materielle Beurteilung der Sache ohne die erforderlichen
Sachverhaltsfeststellungen ist bundesrechtswidrig (vgl. Art. 105 Abs. 1 BGG;
BGE 133 IV 293 E. 3.4.2 S. 295 f. mit Hinweisen). Das angefochtene Urteil ist
aufzuheben und die Sache zur neuen Beurteilung an die Vorinstanz
zurückzuweisen.

6.
Die Beschwerde ist gutzuheissen. Die Kosten sind in der Regel der
unterliegenden Partei aufzuerlegen (Art. 66 Abs. 1 BGG). Die Gerichtskosten
sind dem Beschwerdegegner aufzuerlegen, welcher mit seinem Antrag auf Abweisung
der Beschwerde unterliegt. Es ist keine Parteientschädigung auszurichten, da
die Beschwerdeführerin in ihrem amtlichen Wirkungskreis obsiegt (Art. 68 Abs. 3
BGG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird gutgeheissen, das Urteil des Obergerichts des Kantons Bern
vom 22. April 2010 aufgehoben und die Sache zur neuen Entscheidung an die
Vorinstanz zurückgewiesen.

2.
Die Gerichtskosten von Fr. 2'000.-- werden dem Beschwerdegegner auferlegt.

3.
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Obergericht des Kantons Bern, 1.
Strafkammer, schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 12. Mai 2011

Im Namen der Strafrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts
Der Präsident: Die Gerichtsschreiberin:

Mathys Koch