Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

II. Öffentlich-rechtliche Abteilung, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 2C.389/2011
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Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

2C_389/2011
{T 0/2}

Urteil vom 22. Dezember 2011
II. öffentlich-rechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichter Zünd, Präsident,
Bundesrichter Seiler, Donzallaz,
Gerichtsschreiber Kocher.

Verfahrensbeteiligte
X.________, Beschwerdeführer,
vertreten durch Fürsprech Jürg Walker,

gegen

Migrationsamt des Kantons Aargau.

Gegenstand
Widerruf der Niederlassungsbewilligung und Wegweisung,

Beschwerde gegen das Urteil des Rekursgerichts im Ausländerrecht des Kantons
Aargau vom 30. März 2011.

Sachverhalt:

A.
A.a Der türkische Staatsangehörige X.________, geboren 1981, kam 1989 im Rahmen
des Familiennachzugs in die Schweiz. Er hatte zunächst im Kanton
Basel-Landschaft Wohnsitz, ab 2002 im Kanton Aargau, dessen Migrationsamt ihm
am 16. August 2002 die Niederlassungsbewilligung erteilte. 2004 heiratete
X.________ eine Landsfrau. Die Gattin reiste im selben Jahr in die Schweiz ein
und erhielt hier eine Aufenthaltsbewilligung. Der gemeinsame Sohn, geboren
2008, erhielt eine Niederlassungsbewilligung.
A.b X.________ verübte in der Schweiz ab dem Jahr 1992 verschiedentlich
Straftaten. Was die mit Freiheitsstrafe oder Haft geahndeten Delikte anbelangt,
wurde er am 3. April 2000 wegen mehrfachen, teilweise versuchten Raubs zu einer
bedingten Gefängnisstrafe von acht Monaten, am 5. September 2003 wegen grober
Verletzung der Verkehrsregeln und pflichtwidrigen Verhaltens nach einem
Verkehrsunfall zu drei Tagen Gefängnis bedingt, am 26. November 2003 wegen
Fahrens trotz Entzugs respektive Verweigerung des Führerausweises sowie
Missbrauchs von Ausweisen und Schildern zu zehn Tagen Haft und am 13. Januar
2005 wegen mehrfacher grober Verletzung der Verkehrsregeln sowie mehrfacher
Verletzung der Verkehrsregeln zu drei Monaten bedingt (als Zusatzstrafe zum
Strafbefehl vom 26. November 2003), unter Auferlegung einer Probezeit von vier
Jahren und einer Busse, verurteilt. Mit Blick auf diese - und die weiteren,
hier nicht relevanten - strafrechtlichen Vorfälle sprachen die
Ausländerbehörden des jeweiligen Wohnsitzkantons in den Jahren 2000 und 2005
gegenüber X.________ je eine ausländerrechtliche Verwarnung aus.
A.c In der Zeit von 2003 bis 2006 handelte X.________ mit insgesamt ca. 885
Gramm Kokaingemisch, was insgesamt mindestens ca. 354 Gramm reinem Kokain
entspricht. Überdies konsumierte er illegal Drogen. Mit Urteil vom 8. Oktober
2007 sprach ihn das Bezirksgericht Zürich deswegen schuldig der Widerhandlung
gegen das Betäubungsmittelgesetz, mengenmässig qualifiziert, und der mehrfachen
Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes, widerrief es die mit Strafbefehl vom
13. Januar 2005 ausgefällte, bedingte Strafe von drei Monaten Gefängnis,
bestrafte es X.________ unter Einbezug der widerrufenen Strafe mit 35 Monaten
Freiheitsstrafe als Gesamtstrafe, teilweise als Zusatzstrafe zu den
Strafbefehlen vom 5. September 2003 und 26. November 2003, sowie mit einer
Busse von Fr. 500, schob es den Vollzug der Freiheitsstrafe im Umfang von 23
Monaten auf und setzte es die Probezeit auf vier Jahre fest. Im Übrigen (zwölf
Monate abzüglich Untersuchungshaft von 217 Tagen) erklärte es die
Freiheitsstrafe für vollziehbar und ordnete es die Bezahlung der Busse an.
Das Obergericht des Kantons Zürich, I. Strafkammer, bestätigte mit Urteil vom
4. September 2008 das bezirksgerichtliche Urteil. Vom 17. April 2009 bis zum
11. September 2009 verbüsste X.________ die Freiheitsstrafe in
Halbgefangenschaft.

B.
Am 22. April 2009 verfügte das Migrationsamt des Kantons Aargau den Widerruf
der Niederlassungsbewilligung und forderte X.________ auf, die Schweiz binnen
30 Tagen nach Rechtskraft der Verfügung zu verlassen. Im Einspracheverfahren
erhöhte das Migrationsamt die Ausreisefrist auf 90 Tage. Die gegen den
Einspracheentscheid gerichtete Beschwerde an das Rekursgericht im
Ausländerrecht des Kantons Aargau (hiernach: Vorinstanz) wies dieses am 30.
März 2011 ab.

C.
Mit Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten vom 13. Mai 2011 lässt
X.________ beantragen, das vorinstanzliche Urteil vom 30. März 2011 sei
aufzuheben, seine Niederlassungsbewilligung sei nicht zu widerrufen und er sei
nicht aus der Schweiz zu weisen. Ferner beantragt er die Anordnung der
aufschiebenden Wirkung sowie die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und
Verbeiständung durch seinen Anwalt.
Die Vorinstanz verzichtet auf eine Vernehmlassung, während das Migrationsamt
des Kantons Aargau und das Bundesamt für Migration die Abweisung der Beschwerde
beantragen.
Mit Präsidialverfügung vom 19. Mai 2011 wurde der Beschwerde die aufschiebende
Wirkung zuerkannt, mit Verfügung vom 28. Juni 2011 das Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege und Verbeiständung abgewiesen.

Erwägungen:

1.
1.1 Gegen den Widerruf einer ausländerrechtlichen Bewilligung ist die
Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten zulässig, soweit die
Bewilligung - wäre sie nicht widerrufen worden - nach wie vor Rechtswirkungen
entfalten würde. Dies ist bei der unbefristeten Niederlassungsbewilligung der
Fall (vgl. BGE 135 II 1 E. 1.2.1 S. 4). Anspruchsbegründend ist das
schutzwürdige Vertrauen, dass eine einmal erteilte Bewilligung für die Dauer
ihrer Gültigkeit fortbesteht und grundsätzlich nicht in die entsprechende
Rechtsposition eingegriffen wird (vgl. Urteile 2C_262/2010 vom 9. November 2010
E. 1.1; 2C_515/2009 vom 27. Januar 2010 E. 1.1; 2C_21/2007 vom 16. April 2007
E. 1.2). Mit Blick auf Art. 83 lit. c Ziff. 2 BGG besteht damit kein
Ausschlussgrund.

1.2 Angefochten ist ein letztinstanzlicher kantonaler Endentscheid in einer
Angelegenheit des öffentlichen Rechts, die nach dem Gesagten mit der Beschwerde
in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht weitergezogen
werden kann (Art. 82 lit. a, Art. 86 Abs. 1 lit. d und Art. 90 BGG). Der
Beschwerdeführer ist gestützt auf Art. 89 Abs. 1 BGG zum Rechtsmittel
legitimiert. Auf die frist- (Art. 100 BGG) und formgerecht (Art. 42 BGG)
eingereichte Beschwerde ist einzutreten.

1.3 Das Bundesgericht legt seinem Urteil die Sachverhaltsfeststellungen der
Vorinstanz zugrunde (Art. 105 Abs. 1 BGG). Mit einer Beschwerde in
öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten können diese nur dann gerügt werden,
wenn sie offensichtlich unrichtig, d.h. willkürlich sind (BGE 133 II 249 E.
1.2.2 S. 252; 133 III 393 E. 7.1 S. 398) oder auf einer Rechtsverletzung im
Sinne von Art. 95 BGG beruhen. Zudem ist vom Beschwerdeführer aufzuzeigen, dass
die Behebung des Mangels für den Ausgang des Verfahrens entscheidend sein kann
(Art. 97 Abs. 1 BGG).

2.
Der Beschwerdeführer rügt die unrichtige Anwendung des Bundesgesetzes vom 16.
Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer (AuG; SR 142.20) und damit
die Verletzung von Bundesrecht (Art. 95 lit. a BGG). Er macht namentlich
geltend, die Vorinstanz habe den Grundsatz der Verhältnismässigkeit unrichtig
angewendet (dazu E. 3.2 hienach), sie habe unzulässigerweise bei ihrer
Beurteilung auch Straftaten beigezogen, die strafregisterrechtlich gelöscht
seien (E. 3.3 hienach), und mit ihrem Urteil habe sie Art. 8 EMRK verletzt (E.
3.4 hienach).

3.
3.1 Gemäss Art. 63 Abs. 1 lit. a in Verbindung mit Art. 62 lit. b AuG kann die
Niederlassungsbewilligung widerrufen werden, wenn die Ausländerin oder der
Ausländer zu einer "längerfristigen Freiheitsstrafe" verurteilt worden ist,
d.h. praxisgemäss zu einer solchen von mehr als einem Jahr (BGE 137 II 297 E. 2
S. 299 ff.; 135 II 377 E. 4.2 S. 381). Dies gilt auch dann, wenn der Widerruf
die Niederlassungsbewilligung von Ausländerinnen und Ausländern betrifft, die
sich seit mehr als 15 Jahren ununterbrochen und ordnungsgemäss in der Schweiz
aufgehalten haben (Art. 63 Abs. 2 AuG). Unerheblich ist, ob die Freiheitsstrafe
bedingt, teilbedingt oder unbedingt ausgesprochen wurde (Urteil 2C_515/2009 vom
27. Januar 2010 E. 2.1). Der Widerruf muss sich jedoch in allen Fällen als
verhältnismässig erweisen (vgl. dazu BGE 135 II 377 E. 4.3 und 4.5).
Die strafrechtliche (Vor-)Frage nach Schuld und Strafe ist insofern von
doppelter Bedeutung. Zum einen ist sie im vorliegenden Fall, in welchem sich
der Beschwerdeführer seit mehr als 15 Jahren "ununterbrochen und
ordnungsgemäss" in der Schweiz aufhält, massgebend für die Frage, ob eine
"längerfristige" Freiheitsstrafe vorliegt (Art. 63 Abs. 2 i.V.m. Art. 62 Abs. 1
lit. b AuG), zum andern spielt sie im Zusammenhang mit dem öffentlichen
Interesse an Widerruf der Niederlassungsbewilligung und Wegweisung eine Rolle.

3.2 Was die "Längerfristigkeit" anbelangt, ist diese mit Blick auf die
bundesgerichtliche Praxis und angesichts der rechtskräftigen Verurteilung des
Beschwerdeführers zu einer Gesamtstrafe von 35 Monaten offenkundig gegeben. Der
Beschwerdeführer bringt indessen vor, die Vorinstanz habe den Grundsatz der
Verhältnismässigkeit unrichtig angewendet.
3.2.1 Gemäss Art. 96 Abs. 1 AuG berücksichtigen die zuständigen Behörden bei
der Ermessensausübung die öffentlichen Interessen und die persönlichen
Verhältnisse sowie den Grad der Integration der Ausländerinnen und Ausländer.
Das Bundesgericht hat dies dahingehend verdeutlicht, dass bei der Beurteilung
der Verhältnismässigkeit des Widerrufs einer Niederlassungsbewilligung
namentlich die Schwere des Delikts und des Verschuldens des Betroffenen, der
seit der Tat vergangene Zeitraum, das Verhalten der ausländischen Person
während dieses Zeitraums, der Grad ihrer Integration bzw. die Dauer ihrer
bisherigen Anwesenheit sowie die ihr und ihrer Familie drohenden Nachteile zu
berücksichtigen sind (BGE 135 II 377 E. 4.3; vgl. auch das Urteil des EGMR i.S.
Trabelsi gegen Deutschland vom 13. Oktober 2011 [41548/06], Ziff. 53 ff.
betreffend die Ausweisung eines in Deutschland geborenen, wiederholt
straffällig gewordenen Tunesiers; zum Ganzen Urteil 2C_453/2011 vom 28.
November 2011 E. 2.2.1).
3.2.2 Die Vorinstanz nimmt eine umfassende Würdigung der Umstände vor, die vor
dem Hintergrund der bundesgerichtlichen Praxis von Bedeutung sind. Sie gelangt
zum Ergebnis, dass einem sehr grossen öffentlichen Interesse an der Entfernung
des Beschwerdeführers ein grosses privates Interesse, weiter in der Schweiz
leben zu dürfen, entgegenstehe. Was das im Raum stehende öffentliche Interesse
anbelangt, zieht die Vorinstanz namentlich in Betracht, dass der
Beschwerdeführer rechtskräftig verurteilt wurde wegen Raubs, wegen
Strassenverkehrsdelikten und Verstössen gegen die Betäubungsmittelgesetzgebung.
Mit den Strafbehörden geht sie von einem sehr schweren Verschulden aus und
erblickt im Verhalten des Beschwerdeführers eine ausgeprägte Geringschätzung
und Gleichgültigkeit gegenüber der schweizerischen Rechtsordnung.
3.2.3 Im Rahmen der Interessenabwägung hängt das öffentliche Interesse an
Fernhaltung eines straffällig gewordenen Ausländers namentlich auch von Zahl
und Art der verübten Delikte ab (BGE 135 II 377 E. 4.3). Der Beschwerdeführer
begab sich ab dem Jahr 1992 verschiedentlich in Konflikt mit dem Gesetz und
verwirkte zwischen 2000 und 2005 insgesamt vier Freiheitsstrafen (dazu Bst. A.b
hievor). Die beiden ausländerrechtlichen Verwarnungen verfehlten damit ihre
Wirkung. Hinzu kommt nun, was den Widerruf der Niederlassungsbewilligung erst
auslöste, die Verurteilung durch das Bezirksgericht Zürich vom 8. Oktober 2007
zu einer Freiheitsstrafe von 35 Monaten.
Die zuletzt ausgesprochene Freiheitsstrafe von 35 Monaten muss vor dem
Hintergrund des öffentlichen Interesses als sehr erheblich bezeichnet werden,
zumal im Bereich der Drogendelikte ohnehin eine strenge Praxis herrscht und
selbst ein relativ geringes Rückfallrisiko grundsätzlich nicht hinzunehmen ist.
Dabei darf generalpräventiven Gesichtspunkten durchaus Rechnung getragen werden
(BGE 129 II 215 E. 7 S. 221 ff.; 125 II 521 E. 4a/aa S. 527; Urteile 2C_7/2011
vom 25. Juli 2011 E. 3.3 und 2C_295/2009 vom 25. September 2009 E. 5.3),
weshalb auch die teilbedingt ausgesprochene Strafe einer strengeren
ausländerrechtlichen Betrachtung nicht entgegensteht, verfolgen Strafrecht und
Ausländerrecht diesbezüglich doch unterschiedliche Ziele (BGE 137 II 233 E.
5.2.2 S. 236 f. mit Hinweisen). Gemäss Strafurteil hat der Beschwerdeführer
mindestens ca. 354 Gramm reinen Kokains abgesetzt, was ein Vielfaches jener
Menge ist, die eine Vielzahl von Menschen gefährdet und deshalb
betäubungsmittelrechtlich als schwerer Fall gilt (18 Gramm; vgl. BGE 109 IV
143; 122 IV 360 E. 2a S. 363). Zu Recht hat die Vorinstanz das Verschulden des
Beschwerdeführers als sehr schwer und das öffentliche Interesse am Widerruf der
Bewilligung als sehr gross bezeichnet.
3.2.4 Mit der Vorinstanz ist unbestritten, dass der Beschwerdeführer ein
beträchtliches persönliches Interesse am Verbleib in der Schweiz hat. Er ist
seit dem Kindesalter und mithin seit über zwanzig Jahren in der Schweiz
ansässig, wo sich auch seine nächsten Verwandten aufhalten, und er geht hier
einer Erwerbstätigkeit nach. Dessen ungeachtet ist hinter seine Integration ein
grosses Fragezeichen zu setzen. So hält die Vorinstanz fest, dass der
Beschwerdeführer "jahrelang negativ auffiel und keinerlei
Integrationsbemühungen zu verzeichnen waren", was von ihm nicht bestritten und
somit für das Bundesgericht verbindlich ist (Art. 105 Abs. 1 BGG).
3.2.5 Der Beschwerdeführer begründet sein Interesse an der Weiterführung des
Anwesenheitsrechts unter anderem mit seinen intakten Familienverhältnissen.
Unter dem Gesichtswinkel der Verhältnismässigkeit ist auch zu fragen, ob den
nahen Familienangehörigen zugemutet werden kann, der ausländischen Person ins
Ausland zu folgen. Die Ehefrau des Beschwerdeführers lebt zwar seit sieben
Jahren gemeinsam mit dem Beschwerdeführer in der Schweiz, zusammen mit dem
gemeinsamen, dreijährigen Sohn, der über eine Niederlassungsbewilligung
verfügt. Dem ist aber entgegenzuhalten, dass die Ehefrau damit erst vor
verhältnismässig kurzer Zeit aus der Türkei in die Schweiz übersiedelt ist. Der
dreijährige Sohn ist noch nicht eingeschult. Mit der Vorinstanz ist anzunehmen,
dass es Mutter und Sohn möglich und zumutbar ist, in ihren Heimatstaat
zurückzukehren. Ihre Bindung zur Schweiz ist keineswegs derart gefestigt, dass
es ihnen geradezu unzumutbar wäre, die Schweiz gemeinsam mit dem
Beschwerdeführer zu verlassen. Einer Rückkehr steht auch ein allfälliger
Militärdienst nicht entgegen, zu welchem der Beschwerdeführer nach seiner
Rückkehr in die Türkei verpflichtet und der mit einer länger dauernden Trennung
von der Familie verbunden wäre. Ohne zu prüfen, ob der Beschwerdeführer in
seinem Heimatstaat tatsächlich zum Militärdienstpflicht verpflichtet wäre und
einberufen würde, ist festzuhalten, dass es sich dabei um eine Bürgerpflicht
nach dem Recht des Heimatstaates des Beschwerdeführers handelt, wie sie für
alle Türken und in ähnlicher Form auch in der Schweiz besteht.
3.2.6 Zudem würde selbst die Unzumutbarkeit der Ausreise für die Angehörigen
nicht notwendigerweise zur Unzulässigkeit des Widerrufs führen: Bei einem mit
einer Schweizerin verheirateten Ausländer, der erstmals um eine Bewilligung
ersucht oder nach bloss kurzer Aufenthaltsdauer die Bewilligung erneuern lassen
will, geht die Rechtsprechung davon aus, dass die Grenze, von der an in der
Regel auch dann keine Bewilligung mehr erteilt wird, wenn der Ehefrau die
Ausreise aus der Schweiz unzumutbar oder nur schwer zumutbar ist, bei zwei
Jahren Freiheitsstrafe liegt (BGE 135 II 377 E. 4.4 S. 382 mit Hinweisen; sog.
Reneja-Praxis nach BGE 110 Ib 201). Ist der Ehegatte nicht Schweizerbürger,
sondern - wie vorliegend - ebenfalls ausländischer Staatsangehöriger, ist diese
Praxis nicht bzw. verschärft anwendbar und auch bei einer kürzeren
Freiheitsstrafe ungeachtet der Zumutbarkeit für die Angehörigen eine
Nichtverlängerung bzw. eine Ausweisung möglich (Urteile 2C_915/2010 vom 4. Mai
2011 E. 4; 2C_148/2009 vom 6. November 2009 E. 2.2; 2A.640/1998 vom 22. Februar
1999 E. 2b/bb; 2A.580/1996 vom 22. Januar 1997 E. 1d), umso mehr bei einer
Freiheitsstrafe von, wie hier, 35 Monaten.

3.3 Der Beschwerdeführer rügt weiter, die Vorinstanz habe zu Unrecht und zu
seinem Nachteil auch jene seiner Straftaten herangezogen, welche nach Massgabe
des Strafregisterrechts gelöscht sind.
Das Bundesgericht hat zum Spannungsfeld von ausländer- und strafrechtlichem
Registerrecht im Urteil 2C_477/2008 vom 24. Februar 2009 E. 3 Stellung
genommen. Danach kann eine ausländerrechtliche Massnahme zwar nicht gestützt
auf eine gelöschte Straftat verfügt werden, doch ist es den
Fremdenpolizeibehörden im Rahmen ihrer ausländerrechtlichen Interessenabwägung
durchaus erlaubt, strafrechtlich relevante Daten, die sich in ihren Akten
befinden oder ihnen anderweitig bekannt sind bzw. werden, auch nach deren
Löschung im Strafregister in die Beurteilung des Verhaltens der ausländischen
Person einzubeziehen, sodass ihre Anwesenheit in der Schweiz gesamthaft
überblickt werden kann.
Es besteht kein Anlass, auf diese Rechtsprechung zurückzukommen, zumal die
strikte Beachtung von Art. 369 Abs. 7 StGB zu keinem anderen Ergebnis führen
würde. So macht der Beschwerdeführer zwar geltend, auf diese Weise hätte "ein
grosser Teil der Straftaten" nicht in Betracht gezogen werden dürfen. Tatsache
ist aber, dass die von ihm verwirkten vier Freiheitsstrafen (Bst. A.b hievor)
allesamt noch nicht gelöscht sind. Die Delikte minderer Tragweite, geahndet mit
Arbeitsleistung oder Busse, sind im vorliegenden Zusammenhang von durchaus
untergeordneter Bedeutung. Dass die Vorinstanz auf sie abgestellt hätte, ist
weder ersichtlich noch wäre dies vor dem Hintergrund des Urteils 2C_477/2008
vom 24. Februar 2009 zu beanstanden.

3.4 Schliesslich sieht sich der Beschwerdeführer durch das vorinstanzliche
Urteil in seinem Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens gemäss Art. 8
EMRK beeinträchtigt.
Art. 8 Ziff. 1 EMRK (bzw. Art. 13 Abs. 1 BV) garantiert zwar kein Recht auf
Aufenthalt in einem bestimmten Staat. Es kann aber das geschützte Recht auf
Achtung des Privat- und Familienlebens verletzen, wenn einer ausländischen
Person, deren Familienangehörige hier weilen, die Anwesenheit untersagt und
damit das Familienleben vereitelt wird. Der sich hier aufhaltende Angehörige
muss über ein gefestigtes Anwesenheitsrecht verfügen; dies ist praxisgemäss der
Fall, wenn er das Schweizerbürgerrecht besitzt, ihm die
Niederlassungsbewilligung gewährt wurde oder er über eine
Aufenthaltsbewilligung verfügt, die ihrerseits auf einem gefestigten
Rechtsanspruch beruht (BGE 130 II 281 E. 3.1 S. 285 f.; Urteile 2C_841 vom 19.
Mai 2011 E. 1.2 und 2C_353/2008 vom 27. März 2009 E. 1.1.3). Unter den
Voraussetzungen von Art. 8 Ziff. 2 EMRK kann der Anspruch auf Achtung des
Privatlebens bzw. des Familienlebens zulässigerweise eingeschränkt werden. Dies
bedingt eine Interessenabwägung, die mit jener gemäss schweizerischem
Ausländerrecht vergleichbar ist (BGE 122 II 1 E. 2 S. 5 f. mit Hinweisen). Die
Vorinstanz nimmt diese in korrekter Weise vor. Völker- und Bundesrecht (Art. 95
lit. a BGG) werden dadurch nicht verletzt.

4.
Damit ist die Beschwerde abzuweisen. Bei diesem Ausgang sind dem
Beschwerdeführer die Kosten des Verfahrens vor Bundesgericht aufzuerlegen (Art.
66 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 65 BGG). Dem obsiegenden Kanton Aargau steht
keine Parteientschädigung zu (Art. 68 Abs. 3 BGG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2.
Die Gerichtskosten von Fr. 1'500 werden X.________ auferlegt.

3.
Dieses Urteil wird den Verfahrensbeteiligten, dem Rekursgericht im
Ausländerrecht des Kantons Aargau und dem Bundesamt für Migration schriftlich
mitgeteilt.

Lausanne, 22. Dezember 2011
Im Namen der II. öffentlich-rechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident: Zünd

Der Gerichtsschreiber: Kocher