Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

I. Zivilrechtliche Abteilung, Beschwerde in Zivilsachen 4A.460/2011
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Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

{T 0/2}
4A_460/2011

Urteil vom 20. Dezember 2011
I. zivilrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichterin Klett, Präsidentin,
Bundesrichterinnen Rottenberg Liatowitsch, Kiss,
Gerichtsschreiber Kölz.

Verfahrensbeteiligte
X.________ Vermögensverwaltung AG,
vertreten durch Rechtsanwalt Ulrich Kobelt,
Beschwerdeführerin,

gegen

A.________,
Beschwerdegegner.

Gegenstand
unlauterer Wettbewerb; vorsorgliche Massnahmen,

Beschwerde gegen die Verfügung des Obergerichts des Kantons Zug, II.
Zivilabteilung, Einzelrichter, vom 4. Juli 2011.

Sachverhalt:

A.
Die X.________ Vermögensverwaltung AG (Beschwerdeführerin) bezweckt gemäss
Handelsregistereintrag das Erbringen von Finanzdienstleistungen gegenüber
privaten und institutionellen Kunden im In- und Ausland auf dem Wege der
individuellen Portfolioverwaltung sowie der Anlageberatung. Nach eigenen
Angaben gehört sie zur "X.________ Gruppe", die ein Immobilienunternehmen
betreibt und zur Finanzierung ihrer Investitionstätigkeit
Beteiligungsgesellschaften nach deutschem Recht aufgelegt bzw. entsprechende
Beteiligungspapiere emittiert hat. Die Beschwerdeführerin dient der Abwicklung
des Vertriebs der von der X.________ Gruppe ausgegebenen Beteiligungspapiere in
der Schweiz. Im Endeffekt werden diese Beteiligungspapiere über ein Netz
unabhängiger Versicherungsvermittler mit jeweils eigenem Kundenstamm (sog.
"Lizenznehmer") vertrieben.

A.________ (Beschwerdegegner) betreibt in Y.________ ein Einzelunternehmen, das
Treuhandbüro Z.________, dessen Zweck im Handelsregister mit "Treuhand,
Revisionen, Steuer-, Finanz- und Unternehmensberatung" umschrieben ist.

B.
Am 24. Februar 2011 stellte die Beschwerdeführerin beim Obergericht des Kantons
Zug den Antrag, dem Beschwerdegegner sei superprovisorisch unter Androhung von
Haft oder Busse gemäss Art. 292 StGB im Widerhandlungsfalle zu verbieten, die
Beschwerdeführerin, ihre Muttergesellschaft X.________ Group AG oder andere
Gesellschaften der X.________ Gruppe sowie deren Dienstleistungen, Produkte und
Geschäftsverhältnisse im Publikum, in seinem eigenen Geschäftsverkehr oder
gegenüber staatlichen Behörden, Branchenorganisationen oder Medien
herabzusetzen oder in mündlicher oder schriftlicher Form, ausdrücklich oder
sinngemäss negativ zu bewerten.

Zur Begründung des Gesuchs brachte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen vor,
der Beschwerdegegner habe am 27. Januar 2011 im Rahmen eines Beratungsgesprächs
mit Kunden, die bereits Anteile der Beteiligungsgesellschaft "X.________ IV"
gezeichnet hätten, in Anwesenheit des Lizenznehmers B.________ die
Geschäftsführung der X.________ mit dem abschätzigen Wort "Abzocker"
bezichtigt. Zudem habe er behauptet, "die Produkte würden im Schneeballsystem
vertrieben" und "der Jahresbericht könne nie und nimmer stimmen". Ausserdem
habe er eine Meldung gegenüber der FINMA, die negative Berichterstattung über
die X.________ Gruppe und ihre Finanzprodukte im Kassensturz und im K-Tipp
sowie eine "Hetzjagd im Internet" angedroht.

Mit Verfügung vom 25. Februar 2011 untersagte der Einzelrichter der II.
Zivilabteilung des Obergerichts des Kantons Zug dem Beschwerdegegner
superprovisorisch, die Beschwerdeführerin, ihre Muttergesellschaft oder andere
Gesellschaften der X.________ Gruppe sowie deren Dienstleistungen, Produkte und
Geschäftsverhältnisse in mündlicher oder schriftlicher Form im Publikum, in
seinem eigenen Geschäftsverkehr oder im Internet herabzusetzen bzw. negativ zu
bewerten, indem er diese etwa mit "Abzocker" bezeichne oder behaupte, deren
Produkte würden im Schneeballsystem vertrieben oder deren Jahresbericht könne
nicht stimmen.

Nach Einholung einer Stellungnahme des Beschwerdegegners und Durchführung eines
zweiten Schriftenwechsels wies der Einzelrichter mit Verfügung vom 4. Juli 2011
das Gesuch der Beschwerdeführerin ab und hob die superprovisorische Verfügung
vom 25. Februar 2011 auf.

C.
Die Beschwerdeführerin beantragt mit Beschwerde in Zivilsachen, dem
Beschwerdegegner sei provisorisch unter Androhung von Haft und Busse gemäss
Art. 292 StGB im Widerhandlungsfall zu verbieten, die Beschwerdeführerin, ihre
Muttergesellschaft X.________ Group AG oder andere Gesellschaften der
X.________ Gruppe sowie deren Dienstleistungen, Produkte und
Geschäftsverhältnisse im Publikum, in seinem eigenen Geschäftsverkehr, in
Internetforen und Blogs und gegenüber Medien (Radio, TV, Internet, Print)
herabzusetzen oder in mündlicher oder schriftlicher Form, ausdrücklich oder
sinngemäss negativ zu bewerten. Der Beschwerdeführerin sei Frist zur
Einreichung der Prosequierungsklage anzusetzen. Eventuell sei die Sache an die
Vorinstanz zur neuen Beurteilung und Fristansetzung zur Prosequierung
zurückzuweisen.

Der Beschwerdegegner beantragt, die Beschwerde abzuweisen. Die Vorinstanz
schliesst auf Abweisung, soweit Eintreten. Die Parteien reichten Replik und
Duplik ein.

Mit Präsidialverfügung vom 15. August 2011 wurde das Gesuch der
Beschwerdeführerin um superprovisorische Anordnung der vorsorglichen Massnahme
im Sinne von Art. 104 BGG abgewiesen.

Erwägungen:

1.
Das Bundesgericht prüft von Amtes wegen und mit freier Kognition, ob ein
Rechtsmittel zulässig ist (BGE 137 III 417 E. 1; 136 II 101 E. 1, 470 E. 1; 135
III 212 E. 1).

1.1 Die angefochtene Verfügung betrifft die Abweisung vorsorglicher Massnahmen,
die vor einem Hauptverfahren beantragt wurden und nur unter der Bedingung
Bestand hätten, dass innert Frist ein Hauptverfahren eingeleitet wird. Demnach
handelt es sich um einen Zwischenentscheid nach Art. 93 BGG (BGE 137 III 324 E.
1.1 S. 327 f.).

Gegen einen solchen Zwischenentscheid ist die Beschwerde nur zulässig, wenn er
einen nicht wieder gutzumachenden Nachteil bewirken kann (Art. 93 Abs. 1 lit. a
BGG). Dabei muss es sich um einen Nachteil rechtlicher Natur handeln, der auch
durch einen für den Beschwerdeführer günstigen Entscheid in der Zukunft nicht
mehr behoben werden kann (BGE 134 I 83 E. 3.1 S. 85 mit Hinweisen). Nach der
Rechtsprechung wurde bis anhin bei Zwischenentscheiden, mit denen vorsorgliche
Massnahmen erlassen bzw. verweigert wurden, ein nicht wieder gutzumachender
Nachteil regelmässig bejaht (vgl. BGE 134 I 83 E. 3.1 S. 87). Wie das
Bundesgericht aber am 28. Juni 2011 und damit noch vor Erlass der angefochtenen
Verfügung vom 4. Juli 2011 und vor Einreichung der vorliegenden Beschwerde vom
9. August 2011 an einer öffentlichen Beratung festhielt, fordert es nunmehr,
dass der Beschwerdeführer, der einen Massnahmeentscheid beim Bundesgericht
anficht, in der Beschwerdebegründung aufzeigt, inwiefern ihm im konkreten Fall
ein nicht wieder gutzumachender Nachteil rechtlicher Natur droht (Urteil 4A_178
/2011 vom 28. Juni 2011 = BGE 137 III 324 E. 1.1 S. 328 f.; ebenso Urteil
4A_223/2011 vom 12. Juli 2011 E. 1). Es entspricht denn auch konstanter
Rechtsprechung zu Art. 93 Abs. 1 BGG, dass der Beschwerdeführer im Einzelnen
darzulegen hat, inwiefern die Beschwerdevoraussetzungen nach dieser Bestimmung
erfüllt sind, ansonsten auf die Beschwerde mangels hinreichender Begründung
nicht einzutreten ist (vgl. BGE 134 III 426 E. 1.2 in fine S. 429; 133 III 629
E. 2.3).

1.2 Die Beschwerdeführerin äussert sich in Nachachtung der höchstrichterlichen
Praxis zum Erfordernis des nicht wieder gutzumachenden Nachteils im Sinne von
Art. 93 BGG. Sie erblickt diesen ausschliesslich im Verlust einer
Verfassungskontrolle, wenn nicht auf die Beschwerde eingetreten würde. Damit
knüpft sie an das zur früheren staatsrechtlichen Beschwerde entwickelte
Verständnis des Nachteils an (BGE 116 Ia 446 E. 2 S. 447; vgl. auch BGE 134 I
83 E. 3.1 S. 87). Wie ausgeführt, genügt dies indessen nicht mehr als nicht
wieder gutzumachender Nachteil im Sinne von Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG (BGE 137
III 324 E. 1.1 S. 328 f.). Darüber hinaus trägt die Beschwerdeführerin nichts
vor um darzulegen, inwiefern ihr ein nicht wieder gutzumachender Nachteil
rechtlicher Natur droht. Ein solcher ist auch nicht ohne weiteres ersichtlich
und kann daher nicht angenommen werden. Damit fehlt es an einer Voraussetzung
nach Art. 93 BGG. Auf die Beschwerde kann daher nicht eingetreten werden.

1.3 Damit kann offen bleiben, ob die Beschwerdeführerin ausreichend begründete
Rügen im Sinne von Art. 98 BGG erhoben hat.

2.
Wenn der Beschwerdeführerin zugute gehalten würde, dass BGE 137 III 324 erst
nach Einreichung der Beschwerde in der amtlichen Sammlung erschienen ist und
aus diesem Grund auf die Beschwerde eingetreten würde, so wäre diese ohne
weiteres abzuweisen:

2.1 Unterlassungsklagen müssen auf das Verbot eines genau umschriebenen
Verhaltens gerichtet sein. Die verpflichtete Partei soll erfahren, was sie
nicht mehr tun darf, und die Vollstreckungs- oder Strafbehörden müssen wissen,
welche Handlungen sie zu verhindern oder mit Strafe zu belegen haben. Werden
diese Behörden mit der Behauptung angerufen, der Beklagte habe eine ihm
untersagte Handlung trotz des Verbots des Zivilrichters begangen, haben sie
einzig zu prüfen, ob die tatsächliche Voraussetzung erfüllt ist; dagegen haben
sie das Verhalten nicht rechtlich zu qualifizieren (BGE 131 III 70 E. 3.3 S.
73; Urteil 4A_207/2010 vom 9. Juni 2011 E. 4.1, in: sic! 2011 S. 666 ff.;
Urteil 4A_103/2008 vom 7. Juli 2008 E. 10.1, in: sic! 2008 S. 907 ff.; je mit
Hinweisen). Verlangt der Kläger vom Richter, eine drohende Rechtsverletzung zu
verbieten oder eine bestehende Verletzung zu beseitigen, muss er im
Rechtsbegehren genau umschreiben, welche bestimmten Handlungen der Gegenpartei
zu verbieten sind (BAUDENBACHER, Lauterkeitsrecht, 2001, S. 844 Rz. 43). Das
Gericht ist nach dem Dispositionsgrundsatz an diese Rechtsbegehren gebunden und
kann nicht seinerseits geeignete Massnahmen anordnen, die so nicht verlangt
wurden (Urteil 4A_78/2011 vom 2. Mai 2011 E. 3.2, in: sic! 2011 S. 504 ff.;
vgl. auch die Urteile 4A_103/2008 vom 7. Juli 2008 E. 10.1, in: sic! 2008 S.
907 ff. und 4C.401/2004 vom 9. März 2005 E. 3.1, in: sic! 2005 S. 562 ff.; je
mit Hinweisen).

2.2 Das Rechtsbegehren der Beschwerdeführerin wird dem Bestimmtheitsgebot nicht
gerecht. Sie verlangt nicht das Verbot eines konkret umschriebenen Verhaltens,
sondern spricht allgemein von "herabsetzen" bzw. "ausdrücklich oder sinngemäss
negativ bewerten". Das sind auslegungs- und konkretisierungsbedürftige
Begriffe, die den Beschwerdegegner und die Vollstreckungsbehörden im Ungewissen
darüber lassen, was genau untersagt ist. Das nach dem Rechtsbegehren der
Beschwerdeführerin zu verbietende Verhalten, namentlich ein "Herabsetzen", geht
in seinem Bestimmtheitsgrad nicht über die allgemeine Fassung der
Gesetzesbestimmung von Art. 3 lit. a UWG (SR 241) hinaus. Im Gegenteil ist das
Unterlassungsbegehren noch weiter formuliert als die gesetzliche Bestimmung
selber, fällt doch nicht jede von diesem erfasste Verhaltensweise (d.h. jedes
Herabsetzen und negative Bewerten) unter das Verbot von Art. 3 lit. a UWG. Die
Formulierung des Rechtsbegehrens ist derart pauschal und unbestimmt gehalten,
dass es auch nicht Aufgabe des Richters sein kann, anhand der
Beschwerdebegründung danach zu suchen, wie die Formulierung allenfalls auf das
zulässige Mass beschränkt bzw. hinreichend konkretisiert werden könnte (vgl.
dazu BGE 107 II 82 E. 2b in fine S. 87). Demzufolge hätte die Vorinstanz gar
nicht auf das Gesuch der Beschwerdeführerin eintreten dürfen.

3.
Auf die Beschwerde ist nicht einzutreten. Bei diesem Ausgang des Verfahrens
wird die Beschwerdeführerin kostenpflichtig (Art. 66 Abs. 1 BGG). Der
Beschwerdegegner ist nicht anwaltlich vertreten, weshalb ihm praxisgemäss keine
Entschädigung zugesprochen wird (Art. 68 Abs. 1 und 2 BGG; BGE 133 III 439 E.
4).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Auf die Beschwerde wird nicht eingetreten.

2.
Die Gerichtskosten von Fr. 2'000.-- werden der Beschwerdeführerin auferlegt.

3.
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Obergericht des Kantons Zug, II.
Zivilabteilung, Einzelrichter, schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 20. Dezember 2011

Im Namen der I. zivilrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Die Präsidentin: Klett

Der Gerichtsschreiber: Kölz