Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

II. Zivilrechtliche Abteilung, Beschwerde in Zivilsachen 5A.326/2012
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Bundesgericht
Tribunal fédéral
Tribunale federale
Tribunal federal

{T 0/2}
5A_326/2012

Urteil vom 26. Juli 2012
II. zivilrechtliche Abteilung

Besetzung
Bundesrichterin Hohl, Präsidentin,
Bundesrichter Marazzi, von Werdt,
Gerichtsschreiber V. Monn.

Verfahrensbeteiligte
X.________ (Ehefrau),
vertreten durch Rechtsanwalt Christian Schroff,
Beschwerdeführerin,

gegen

Z.________ (Ehemann),
vertreten durch Rechtsanwalt Marcel Epper,
Beschwerdegegner.

Gegenstand
Eheschutzmassnahmen,

Beschwerde gegen den Entscheid des Obergerichts des Kantons Thurgau vom 4.
April 2012.

Sachverhalt:

A.
X.________ (geb. 1977) und Z.________ (1966) haben am 20. Juli 2007 geheiratet.
Am 18. Mai 2009 gebar X.________ die gemeinsame Tochter Y.________. Bis zur
Geburt des Kindes waren beide Eltern erwerbstätig. Danach gab Z.________ seine
Erwerbstätigkeit auf und kümmerte sich um den Haushalt. X.________ blieb mit
Ausnahme der Unterbrechungen infolge Mutterschaftsurlaub und Arbeitslosigkeit
voll erwerbstätig; am 24. März 2011 kündigte sie jedoch ihre Arbeitsstelle als
Abteilungsleiterin bei einer Spedition per Ende April 2011. Seither sind beide
Parteien ohne Erwerb.

B.
Am 4. April 2011 gelangte Z.________ an das Bezirksgericht Frauenfeld und
ersuchte zwecks Regelung des Getrenntlebens um Erlass von Eheschutzmassnahmen.
Nachdem sie beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst A.________ ("KJPD")
ein kinderpsychiatrisches Gutachten eingeholt hatte, stellte die
Einzelrichterin des Bezirksgerichts mit Entscheid vom 20. Januar 2012 die
Tochter Y.________ unter die Obhut des Vaters und wies diesem die eheliche
Liegenschaft in B.________ zur Benutzung zu. Die Richterin verpflichtete
X.________, die Liegenschaft bis spätestens Ende April 2012 zu verlassen, und
räumte ihr ein Besuchsrecht an jedem zweiten Wochenende von Freitagabend, 18.00
Uhr, bis Sonntagabend, 18.00 Uhr ein; bei Wohnort im Ausland setzte sie das
Besuchsrecht auf eine Woche im Monat fest, wobei diese Woche entweder am Stück
oder verteilt auf zwei Zeiträume ausgeübt werden kann und in örtlicher Hinsicht
teilweise im Raum Frauenfeld auszuüben ist. Überdies räumte sie X.________ ein
Ferienrecht von vier Wochen ein. Schliesslich verurteilte die Einzelrichterin
die Mutter, an den Unterhalt von Y.________ Fr. 800.-- pro Monat zuzüglich
Kinderzulagen sowie an denjenigen ihres Ehemannes Fr. 1'470.-- zu bezahlen.

C.
Hierauf legte X.________ Berufung beim Obergericht des Kantons Thurgau ein. Sie
beantragte, Y.________ unter ihre Obhut zu stellen und sie zu verpflichten, die
eheliche Wohnung frühestens zwei Monate nach Eintritt der Rechtskraft des
Berufungsurteils zu verlassen. Im Streitfall sei dem Vater ein Besuchsrecht von
zwei Wochenenden pro Monat sowie ein Ferienrecht von drei Wochen pro Jahr
einzuräumen. Weiter sei Z.________ zu verpflichten, monatlich Kinderalimente
von Fr. 800.-- zuzüglich Kinderzulagen sowie ihr persönlich einen
Unterhaltsbeitrag von Fr. 1'900.-- zu bezahlen. Schliesslich sei höchstens die
Hälfte des für das Gutachten in Rechnung gestellten Honorars zu vergüten. Das
Obergericht erachtete die Berufung als unbegründet und bestätigte den
angefochtenen Entscheid mit der Anordnung, dass X.________ die eheliche Wohnung
bis spätestens Mitte Mai zu verlassen hat (Entscheid vom 4. April 2012).

D.
Mit Eingaben vom 4. und 23. Mai 2012 gelangt X.________ (fortan
"Beschwerdeführerin") an das Bundesgericht. Sie verlangt, das Urteil des
Obergerichts des Kantons Thurgau aufzuheben, und hält an den vor Obergericht
gestellten Anträgen (s. Bst. C) fest, abgesehen von der Abweichung, dass
Z.________ (fortan "Beschwerdegegner") gemäss der zweiten Eingabe vom 23. Mai
2012 ein Ferienrecht von neu vier Wochen einzuräumen sei.

Mit Verfügung vom 30. Mai 2012 erkannte die Präsidentin der Beschwerde die
aufschiebende Wirkung zu. Das Bundesgericht hat die kantonalen Akten, jedoch
keine Vernehmlassungen eingeholt.

Erwägungen:

1.
1.1 Die rechtzeitig (Art. 100 BGG) eingereichte Beschwerde richtet sich gegen
einen Endentscheid (Art. 90 BGG) einer letzten kantonalen Instanz (Art. 75 Abs.
1 BGG) über die Anordnung von Massnahmen zum Schutz der ehelichen Gemeinschaft
(Art. 172 ff. ZGB). Diese zivilrechtliche Streitigkeit (Art. 72 Abs. 1 BGG)
betrifft zur Hauptsache die Zuteilung der elterlichen Obhut über das gemeinsame
Kind. Sie ist somit nicht vermögensrechtlicher Natur. Daran ändert die damit
verknüpfte Auseinandersetzung über Unterhaltsbeiträge nichts. Die Regelung der
finanziellen Nebenfolgen der Obhutszuweisung ist notwendiger Bestandteil des
Entscheides über die nicht vermögensrechtliche Streitigkeit (Urteil 5A_108/2007
vom 11. Mai 2007 E. 1.2).

1.2 Nach Art. 42 Abs. 1 BGG sind die Begehren zu begründen. Von vornherein
nicht einzutreten ist auf das Begehren, maximal die Hälfte des für das
Gutachten in Rechnung gestellten Honorars zu vergüten, denn die Beschwerde
enthält hierzu keine Ausführungen.

1.3 Eheschutzentscheide unterstehen nach der Rechtsprechung der Vorschrift von
Art. 98 BGG (BGE 133 III 393 E. 5.1 und 5.2 S. 396 f.). Daher kann in der
Beschwerde nur die Verletzung verfassungsmässiger Rechte gerügt werden (s. dazu
BGE 133 III 585 E. 4.1 S. 588). Hierfür gilt das strenge Rügeprinzip (Art. 106
Abs. 2 BGG). Das bedeutet, dass das Bundesgericht nur klar und detailliert
erhobene und, soweit möglich, belegte Rügen prüft. Auf ungenügend begründete
Rügen und rein appellatorische Kritik am angefochtenen Entscheid tritt es nicht
ein (BGE 134 II 244 E. 2.2 S. 246; 133 II 396 E. 3.1 S. 399 f.). Wer sich auf
eine Verletzung des Willkürverbots (Art. 9 BV) beruft, kann sich daher nicht
darauf beschränken, die Rechtslage aus seiner Sicht darzulegen und den
angefochtenen Entscheid als willkürlich zu bezeichnen. Vielmehr ist im
Einzelnen aufzuzeigen, inwiefern das kantonale Gericht willkürlich entschieden
haben soll und der angefochtene Entscheid deshalb an einem qualifizierten und
offensichtlichen Mangel leidet (BGE 134 II 244 E. 2.2 S. 246). Das
Bundesgericht hebt einen Entscheid jedoch nur dann als willkürlich auf, wenn er
nicht bloss in der Begründung, sondern auch im Ergebnis unhaltbar ist; dass
eine andere Lösung ebenfalls als vertretbar oder zutreffender scheint oder
sogar vorzuziehen wäre, genügt nicht (BGE 134 II 124 E. 4.1 S. 133).

2.
In prozessualer Hinsicht macht die Beschwerdeführerin zunächst geltend, die
Vorinstanz habe Art. 144 Abs. 1 ZGB verletzt, indem sie auf eine Anhörung der
Kindseltern verzichtete. Diesbezüglich ist zunächst festzuhalten, dass die
angerufene Vorschrift mit Wirkung seit 1. Januar 2011 aufgehoben wurde (s.
Anhang 1 Ziff. II 3 der Schweizerischen Zivilprozessordnung vom 19. Dezember
2008 [ZPO; SR 272]) und somit schon im Zeitpunkt, als der vorliegende Prozess
angehoben wurde, gar nicht mehr in Kraft war. Anwendbar waren vielmehr die
Vorschriften der ZPO. Auch diese schreibt dem Gericht vor, die Eltern
persönlich anzuhören, falls Anordnungen über ein Kind zu treffen sind (Art. 297
Abs. 1 ZPO). Eine solche Anhörung hat am 26. Mai 2011 anlässlich der
Eheschutzverhandlung vor der Einzelrichterin des Bezirksgerichts Frauenfeld
stattgefunden. Im Rechtsmittelverfahren besteht kein Anspruch auf eine
nochmalige Anhörung der Eltern; vielmehr steht es im Ermessen des Gerichts,
eine Verhandlung durchzuführen oder aufgrund der Akten zu entscheiden (Art. 316
Abs. 1 ZPO). Dass die Vorinstanz bei der Ausübung dieses Ermessens in Willkür
verfallen wäre, ist weder geltend gemacht noch ersichtlich. Soweit die
Beschwerdeführerin dem Obergericht in diesem Zusammenhang eine Verletzung der
Untersuchungsmaxime vorwirft, behauptet sie nicht einmal, dass es damit ein
verfassungsmässiges Recht verletzt hätte. Darauf ist nicht einzutreten.

3.
Umstritten ist zur Hauptsache die elterliche Obhut über die gemeinsame Tochter
Y.________. Dabei dreht sich der Streit in erster Linie um das Gutachten des
KJPD vom 21. November 2011.

3.1 Das mit der "Regelung des Getrenntlebens" (Marginalie zu Art. 176 ZGB)
befasste Eheschutzgericht trifft nach den Bestimmungen über die Wirkungen des
Kindesverhältnisses die nötigen Massnahmen, wenn die Ehegatten unmündige Kinder
haben (Art. 176 Abs. 3 ZGB). Für die Zuteilung der Obhut an einen Elternteil
gelten grundsätzlich die gleichen Kriterien wie im Scheidungsfall. Nach der
Rechtsprechung, die das Obergericht im angefochtenen Entscheid korrekt
wiedergibt, hat das Wohl des Kindes Vorrang vor allen anderen Überlegungen,
insbesondere vor den Wünschen der Eltern. Deren Erziehungsfähigkeit ist als
Erstes zu klären. Ist sie bei beiden Elternteilen gegeben, sind vor allem
Kleinkinder und grundschulpflichtige Kinder demjenigen Elternteil zuzuteilen,
der die Möglichkeit hat und bereit ist, sie persönlich zu betreuen. Erfüllen
beide Elternteile diese Voraussetzung ungefähr in gleicher Weise, kann die für
eine harmonische Entfaltung notwendige Stabilität der örtlichen und familiären
Verhältnisse ausschlaggebend sein. Unter Umständen kann die Möglichkeit der
persönlichen Betreuung auch dahinter zurücktreten (Urteil 5C.212/ 2005 vom 25.
Januar 2006 E. 4.2 und 4.4.1, in: FamPra.ch 2006 S. 753 ff.). Schliesslich ist
- je nach Alter der Kinder - ihrem eindeutigen Wunsch Rechnung zu tragen.
Diesen Kriterien lassen sich weitere Gesichtspunkte zuordnen, namentlich die
Bereitschaft eines Elternteils, mit dem anderen in Kinderbelangen
zusammenzuarbeiten, oder die Forderung, dass die Zuteilung der Obhut von einer
persönlichen Bindung und echter Zuneigung getragen sein sollte (vgl. BGE 115 II
206 E. 4a S. 209; 115 II 317 E. 2 und 3 S. 319 ff.; 117 II 353 E. 3 S. 354 f.;
136 I 178 E. 5.3 S. 180 f.).

Bedient sich das Gericht trotzdem - wie hier - bereits im Eheschutzverfahren
sachverständiger Personen, um sich das für die Entscheidung erforderliche
Fachwissen zu verschaffen, so würdigt es die von diesen Fachpersonen
angefertigten Gutachten grundsätzlich frei. Wie das Obergericht im
angefochtenen Entscheid zutreffend ausführt, kann Willkür aber auch dann
vorliegen, wenn das Sachgericht auf ein Gutachten abstellt, das sich als nicht
schlüssig erweist, weil gewichtige, zuverlässig begründete Tatsachen oder
Indizien die Überzeugungskraft des Gutachtens ernstlich erschüttern. Das
Abstellen oder Abweichen von einem Gutachten muss sich auch im Ergebnis als
willkürlich erweisen (vgl. dazu BGE 128 I 81 E. 2 S. 86).

3.2 Das Obergericht äussert sich zunächst zu den Einwänden gegen die
Persönlichkeit des Beschwerdegegners, die im Zusammenhang mit seiner heftigen
Reaktion auf die Ankündigung des Scheidungswillens im Frühling 2011 stehen. Es
kommt zum Schluss, von einem Hinwegsehen der ersten Instanz über im Gutachten
enthaltene Zweifel könne keine Rede sein. Die damalige Lebenskrise des
Beschwerdegegners liege bereits ein Jahr zurück; dieser habe keine Veranlassung
gegeben, trotz der schwierigen ehelichen Situation an seinen erzieherischen
Fähigkeiten zu zweifeln. Weiter widerspricht das Obergericht der Behauptung, es
gebe für Y.________ laut Gutachten zwischen den beiden Elternteilen keine
eindeutige primäre Bezugsperson. Die Gutachter hätten nachvollziehbar
begründet, dass der Beschwerdegegner die Hauptbezugs- und die primäre
Bindungsperson sei. Die Erkenntnis, dass die Mutter gegenüber dem Vater eine
leicht nachgeordnete Position habe, stehe mit den objektiven Beobachtungen der
Gutachter im Einklang. Auch die Kritik, die Sachverständigen hätten ihre
Untersuchung willkürlich auf den Zeitraum von der Geburt von Y.________ bis
April 2011 eingeschränkt, weist das Obergericht zurück. Aus dem Gutachten gehe
hervor, dass auch die aktuelle, für die Parteien offensichtlich sehr belastende
Situation erfasst worden sei. Aus den Angaben der Beschwerdeführerin sei zu
schliessen, dass der Beschwerdegegner sich auch häufiger mit Y.________
abgegeben habe, nachdem die Beschwerdeführerin im April 2011 arbeitslos
geworden war. Sodann konstatiert das Obergericht, entgegen der Rüge der
Beschwerdegegnerin sei auch das Erziehungs- und Versorgungsverhalten geprüft
worden. Anhand von Interaktionsbeobachtungen, entwicklungsdiagnostischen
Untersuchungen und Beschreibungen des Erziehungsverhaltens hätten die Gutachter
hinsichtlich der Bindungstoleranz erkannt, dass sich beide Eltern gleich
kompetent zeigen würden. Die gegenteiligen Behauptungen der Beschwerdeführer
seien nicht geeignet, die auf objektiven Beobachtungen basierenden
Feststellungen in Frage zu stellen. Da das Gutachten die Erziehungsfähigkeit
beiden Parteien in gleicher Weise attestiere, bräuchten Y.________s
Entwicklungschancen unter den verschiedenen Lebensbedingungen der Eltern nicht
näher untersucht zu werden. Daher komme dem Kontinuitätskriterium bei der
Zuteilungsfrage eine massgebende Bedeutung zu. In methodischer Hinsicht ist das
Obergericht der Ansicht, auch wenn die Experten nicht getreu einer bestimmten
Methode zur Standardisierung von Gutachten einen Katalog von rund einem Dutzend
Fragen beantwortet hätten, tue dies der Schlüssigkeit und Glaubhaftigkeit des
Gutachtens keinen Abbruch; dieses nehme Bezug auf die Anforderungen an die
Eltern, prüfe deren Bindungs- und Erziehungsfähigkeit und beurteile die
Beziehung des Kindes zu den Eltern und seiner Umgebung. Unbehelflich sei auch
der Vorwurf, das Gutachten würde den Tagesablauf von Y.________ nicht
schildern. Nachdem im Fall der bevorstehenden Trennung die Betreuungssituation
ohnehin eine andere sein werde, komme diesem Umstand keine besondere Bedeutung
zu. Gestützt auf all diese Erwägungen kommt das Obergericht zur Erkenntnis, das
Gutachten des KJPD habe volle Beweiskraft; triftige Gründe für ein Abweichen
von den Schlussfolgerungen der Gutachter würden fehlen.

3.3 Die Beschwerdeführerin rügt in verschiedener Hinsicht Willkür in der
Sachverhaltsfeststellung und in der Rechtsanwendung. Sie wiederholt im
Wesentlichen die Vorwürfe, zu denen sich bereits das Obergericht geäussert hat
(E. 3.2), und wirft diesem "selektive Wahrnehmung" und "Feststellungslücken"
vor. Das Gutachten sei "in sich widersprüchlich" und "inkohärent"; die für sie
günstigen Passagen habe das Obergericht nicht berücksichtigt. Den Schluss, dass
beide Elternteile weitgehend ausgeglichen seien, würden die gutachterlichen
Erkenntnisse widerlegen. Abgesehen davon, dass schon das Kriterium der
Erziehungsfähigkeit gegen die Obhutszuteilung an den Beschwerdegegner spreche
und sich eine Prüfung des Kontinuitätskriteriums deshalb erübrige, setze sich
das Obergericht auch über den "natürlichen Zuteilungsvorrang" der Mutter
hinweg, der für vorschulpflichtige Kinder und für Mädchen bis ins vorpubertäre
Alter gelte. Die Beschwerdeführerin vermisst im angefochtenen Entscheid
insbesondere Feststellungen über die von den Gutachtern beschriebenen
Charakterstrukturen der Kindeseltern. Aufgrund dieser Unterlassung fehle es
hinsichtlich deren Eignung als Alleinerzieher an einer Risikoabwägung. Das
Obergericht verkenne die Unsicherheiten, die mit der Zuteilung der alleinigen
Obhut an den Beschwerdegegner verbunden wären. Ebenso beanstandet die
Beschwerdeführerin, das Obergericht ignoriere die von ihr zitierten
Literaturstellen und weigere sich, das Gutachten auf seine Übereinstimmung mit
wissenschaftlich dokumentierten Kriterien hin zu untersuchen. Nach Ansicht der
Beschwerdeführerin fehlt dem angefochtenen Entscheid die "richterliche Distanz"
zum Gutachten und die kritische Auseinandersetzung mit demselben; die
Urteilsfällung komme einer Delegation des Richterentscheids an die Gutachter
gleich.

3.4 Ob die geschilderten Einwendungen zutreffen, kann letztlich offenbleiben.
Denn mit all ihren Ausführungen reiht die Beschwerdeführerin zwar etliche
Gründe aneinander, weshalb das Obergericht das streitige Gutachten des KJPD
falsch gewürdigt haben soll und die Obhut über Y.________ ihr zuzuteilen wäre.
Um mit einer Willkürrüge vor Bundesgericht durchzudringen, genügt dies jedoch
nicht. Darzutun ist auch und vor allem, weshalb der angefochtene Entscheid
selbst, so wie ihn die kantonale Instanz gefällt hat, an einem qualifizierten
und offensichtlichen Mangel leidet. Dass sich das Abstellen auf das Gutachten
als willkürlich erwiese, das Obergericht mithin triftige Gründe für ein
Abweichen von der Expertenmeinung offensichtlich verkannt hätte, vermag die
Beschwerdeführerin jedoch nicht aufzuzeigen: Die vorinstanzliche
Beweiswürdigung lässt sich nicht mit einzelnen, aus dem Zusammenhang gerissenen
Sachverständigenaussagen als verfassungswidrig ausweisen; hierzu müsste die
Beschwerdeführerin vielmehr aufzeigen, dass das Obergericht die Kernaussagen
des Gutachtens offensichtlich falsch gewichtet oder unhaltbare Schlüsse daraus
gezogen hat. Dass der Beschwerdegegner seine Lebenskrise überwunden hat,
bestreitet die Beschwerdeführerin nicht. Sodann wiederholt sie vor
Bundesgericht zwar den Vorwurf, das Obergericht habe aktenwidrig festgestellt,
dass die Gutachter nur die Zeit vor April 2011 berücksichtigt hätten. Mit der
Erkenntnis des Obergerichts, wonach die Gutachter die Frage der primären
Bezugsperson in erster Linie mit Y.________s objektivem Verhalten und nicht mit
dem zeitlichen Aufwand der Parteien für die Betreuung begründet hätten, setzt
sie sich jedoch nicht auseinander. Auch trifft es gerade nicht zu, dass sich
aus der von der Beschwerdeführerin zitierten Rechtsprechung ein natürlicher
Vorrang der Mutter ergäbe; vielmehr hat das Bundesgericht diese Frage in BGE
114 II 200 E. 3b S. 202 f. auch mit Bezug auf "ganz kleine" Kinder explizit
offengelassen. An der Sache vorbei geht auch der Vorwurf, das Obergericht
verletze die Untersuchungsmaxime, indem es das Gutachten nicht auf seine
Konformität mit gewissen Entscheidungsrichtlinien und Gutachtenstandards
überprüft habe. Die Untersuchungsmaxime besagt, dass der Richter von Amtes
wegen den Sachverhalt abklären und alle Tatsachen berücksichtigen muss, die für
eine Entscheidung im Kindeswohl von Bedeutung sein können (vgl. BGE 128 III 411
E. 3.2.1 S. 413). Ob ein Gutachten aber einer bestimmten wissenschaftlichen
Methode gerecht wird, ist keine Frage der Einhaltung der Untersuchungsmaxime,
sondern eine solche der richterlichen Beweiswürdigung.

3.5 Zusammengefasst hält der angefochtene Entscheid, soweit er die Frage der
Obhut über das Kind Y.________ zum Gegenstand hat, vor der Verfassung stand.
Dass eine Zuteilung der Obhut an die Beschwerdeführerin ebenso in Frage käme
oder sogar die zutreffendere Lösung wäre, genügt für die Annahme von Willkür
nicht (E. 1.3). Den weiteren Rügen, der angefochtene Entscheid verletze Art.
176, 133 und 273 ZGB, den Anspruch der Beschwerdeführerin auf rechtliches Gehör
sowie das Grundrecht auf Familie (Art. 14 BV) und den Anspruch der Kinder auf
Förderung ihrer Entwicklung (Art. 11 Abs. 1 BV), kommt bei diesem Ergebnis
keine selbständige Bedeutung mehr zu.

4.
Auch vor Bundesgericht greift die Beschwerdeführerin die Besuchsrechtsregelung
an, die das Bezirksgericht getroffen und das Obergericht bestätigt hat. Ihre
diesbezüglichen Vorbringen stossen jedoch ins Leere: Selbst wenn die Regelung
des persönlichen Verkehrs "praxiswidrig" sein sollte - was hier offenbleiben
kann -, folgt daraus nicht, dass sie "ungesetzlich" wäre, wie die
Beschwerdeführerin dies behauptet. Abgesehen davon nennt die Beschwerdeführerin
keine Gesetzesvorschrift, um diesen Vorwurf der Ungesetzlichkeit zu erhärten.
Ebenso übersieht sie, dass allein aus der unrichtigen Anwendung einer
Gesetzesvorschrift nicht zwingend eine Verfassungsverletzung folgt. Und obwohl
sie die Besuchsrechtsregelung unabhängig von der Obhutsfrage gerügt haben will,
stellt sie kein Begehren, wie der persönliche Verkehr zwischen ihr und
Y.________ denn richtigerweise zu ordnen wäre. Stattdessen begnügt sie sich
damit, ihre Sicht der Dinge darzulegen. Damit ist keine Verfassungswidrigkeit
darzutun.

5.
Hinsichtlich der Unterhaltsregelung beharrt die Beschwerdeführerin weiterhin
darauf, das dem Beschwerdegegner angerechnete hypothetische Einkommen von Fr.
800.-- sei "praxisfremd" und "unrealistisch"; falls Y.________ ihm zugeteilt
würde, wäre ihm ein Einkommen von mindestens Fr. 2'000.-- zuzumuten.
Hinsichtlich ihrer eigenen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit beteuert die
Beschwerdeführerin, im Falle einer Obhutszuteilung an den Beschwerdegegner
könne ihr höchstens ein hypothetisches Einkommen von Fr. 4'500.-- angerechnet
werden. Das angenommene Einkommen von Fr. 5'180.-- orientiere sich an ihrem
letzten Erwerbseinkommen in C.________; in den Kantonen Thurgau und St. Gallen,
wo die Löhne tiefer seien, lasse sich dieses Einkommen nicht erwirtschaften.
Dass der angefochtene Entscheid ein verfassungsmässiges Recht verletzt, macht
die Beschwerdeführerin jedoch gar nicht geltend, noch setzt sie sich mit den
Erwägungen des Obergerichts auseinander. Mithin erweisen sich ihre Vorbringen
von vornherein als unbehelflich.

6.
Nach dem Gesagten erweist sich die Beschwerde in der Sache als unbegründet. Sie
ist abzuweisen. Angesichts der Tatsache, dass das Bundesgericht der
vorliegenden Beschwerde die aufschiebende Wirkung zuerkannt hat, rechtfertigt
es sich, der Beschwerdeführerin die Frist für den Auszug aus der ehelichen
Wohnung zu verlängern. Abzuweisen ist jedoch das Begehren der
Beschwerdeführerin, ihr eine Pflicht zum Verlassen der Wohnung "auf frühestens
zwei Monate nach Erlass des begründeten Urteils" aufzuerlegen, bliebe es ihr
diesfalls doch unbenommen, weiterhin und auf unbestimmte Zeit in der ehelichen
Wohnung zu bleiben. Nachdem das Eheschutzverfahren nun schon seit über einem
Jahr rechtshängig ist, hatte die Beschwerdeführerin genügend Zeit, sich mit dem
Gedanken an den Auszug vertraut zu machen und entsprechende Vorkehren zu
treffen, konnte sie sich doch keineswegs sicher sein, mit ihrer Beschwerde vor
Bundesgericht durchzudringen. Deshalb setzt ihr das Bundesgericht eine letzte
Frist bis zum 30. September 2012, vor deren Ablauf sie die eheliche Wohnung zu
verlassen hat. Im Übrigen hat die Beschwerdeführerin als unterliegende Partei
für die Gerichtskosten aufzukommen (Art. 66 Abs. 1 BGG). Dem Beschwerdegegner,
der sich gegen die Erteilung der aufschiebenden Wirkung nicht gewehrt hat und
sich zur Hauptsache nicht zu vernehmen hatte, ist keine Parteientschädigung
geschuldet (Art. 68 Abs. 1 BGG).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1.
Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist.

2.
In Abänderung von Ziffer 1 des Entscheides des Obergerichts des Kantons Thurgau
vom 4. April 2012 wird die Beschwerdeführerin verpflichtet, die eheliche
Wohnung in B.________ bis spätestens am 30. September 2012 zu verlassen.

3.
Die Gerichtskosten von Fr. 2'000.-- werden der Beschwerdeführerin auferlegt.

4.
Dieses Urteil wird den Parteien und dem Obergericht des Kantons Thurgau
schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 26. Juli 2012
Im Namen der II. zivilrechtlichen Abteilung
des Schweizerischen Bundesgerichts

Die Präsidentin: Hohl

Der Gerichtsschreiber: V. Monn